Was hat "Milli Piyango" mit einem Zerstörer und Churchill zu tun?

Lesezeit
3 Minuten
Gelesen zu

Was hat "Milli Piyango" mit einem Zerstörer und Churchill zu tun?

Juni 22, 2012 - 08:32
Kategorie:
0 Kommentare

Die Geschichte eines Zerstörers der osmanischen Marine während des Ersten Weltkrieges und Ihre Rolle zur staatlichen türkischen Lotterie und Winston Churchill.
 
Als die Osmanische Marine 1910 das Große Torpedoboot Muavenet-i Milliye mit anderen Schwesterschiffen von der Kaiserlichen Marine abkaufte, hätte keiner vermutet, dass sie den größten Einzelerfolg in der osmanischen Marine einfahren wird. Nach Ende des Ersten Weltkrieges diente es lange Zeit als Lagerschiff, bevor es 1953 ausgeschlachtet wurde. Die Geschichte eines Zerstörers, der die osmanische und türkische Geschichte entscheident mit prägte.
 
1909 wurde die S 165 als Torpedoboot vom Stapel gelassen und kurz danach an die osmanische Marine verkauft. Als Muavenet-i Milliye getauft stach Sie als alte Frau (Kocakari), wie sie von türkischen Matrosen auch bezeichnet wurde, in türkische Gewässer. Mit 765t. galt die Muavenet-i Milliye zu den großen Torpedobooten und während des Ersten Weltkrieges auch als Zerstörer. Der Kauf selbst wurde durch die Gesellschaft für die nationale Unterstützung der osmanischen Marine (Donanma-i Osmani Muavenet-i Milliye Cemiyeti) angeregt, die auch der Namensgeber des Zerstörers ist. Mittels Spenden aus der Öffentlichkeit und unter tatkräftiger Beteiligung von 28 türkischen Geschäfstleuten war die Kaufsumme schnell zusammen gekommen, die S 165 osmanisches Besitz. Es sollte nicht der einzige Erwerb sein und die Bemühungen sollten in der Einrichtung der "Milli Piyango" fortgeführt werden, der heute noch in der Türkei beliebten Staatslotterie.
 
Unter Beteiligung deutscher Offiziere wurde die Muavenet-i Milliye Ende Oktober 1914 zum Großeinsatz im Schwarzmeer zusammen mit anderen Kriegsschiffen der osmanischen Marine, darunter dem Schlachtschiff Yavuz Sultan Selim, dem Kreutzer Midilli und Hamidiye, den Torpedobooten Berk-i Satvet und Peyk-i Sevket, dem Zerstörer und Schwesterschiff Gayret-i Vataniye unter Vizeadmiral Wilhelm Souchon geschickt. Ziel sollte u.a. Sewastopol sein, ein russischer Militärhafen und strategisch wichtiger Knotenpunkt. Die Muavenet-i Milliye sollte dabei Odessa beschießen und mit einem Minenleger die Küste verminen. Der Angriff war erfolgreich, das russische Kanonenboot Donez wurde versenkt, ein Kanonenboot (Kubarez) vom Schwesterschiff zerstört und die Küstenstadt unbehelligt beschossen. Unbemerkt konnten zwar die Angreifer nach Istanbul zurückkehren, doch die nachfolgende Hauptstreitmacht wurde von der vorgewarnten russischen Marine erwartet, die Mecidiye versank dabei in den Kampfhandlungen.
 
In der Bosporus-Meerenge glückte am 25. April 1915 der Landungsversuch der Alliierten auf der Halbinsel Dardanellen, die flächendeckenden Beschießungen durch die alliierten Linienschiffe und Zerstörer hatten verheerende Ausmaße angenommen, der südlichste Zipfel der Halbinsel sturmreif geschossen. Die Marine-Operationen während der Schlacht um Gallipoli hatte innerhalb der osmanischen Stellungen und Batterien lücken aufgerissen. Die Landung war nur noch eine Frage der Zeit und sie erfolgte, weshalb die osmanische Marine der Muavent-i Milliye einen Geheimauftrag erteilte. Sie sollte die weiterhin anhaltenden Geschützfeuer der alliierten Marine unterbinden, um ihren nordwärts anrückenden Truppen auf der Halbinsel den Weg freizuschießen.
 
Um u.a. die HMS Golliath, einem 12.950t. verdrängendes und um 50m. längeres Linienschiff und die HMS Cornwallis im Schutz von weiteren 5 Zerstörern daran zu hindern, die Küste zu beschießen, hatte die osmanische Marine eine verwegene Idee. Unter Kapitän Ahmet Saffet und unter Mitwirkung des deutschen Leutnants Rudolph Firle erkundete man zuerst tagsüber die Morto Bay, um dann den Torpedoangriff in der Nacht durchzuführen. Sie war am 10. Mai mittags an den Dardanellen eingetroffen und hatte sich auf den Einsatz vorbereitet. Am 12. Mai, gegen 18:40 Uhr, begann der Angriff der Muavenet-i-Milliye. Zwischen 19:00 und 19:30 Uhr passierte sie die Minnensperren und ankerte um 19:40 Uhr bei Soganlidere, um bis Mitternacht zu warten. In der Nacht vom 12. auf den 13. Mai 1915 war die HMS Goliath mit der HMS Cornwallis im Schutz von fünf Zerstören in der Morto Bay bei Kap Helles ( Seddülbahir). Die Scheinwerfer der Linienschiffe wurden gegen 23:30 Uhr gelöscht. Muavenet-i-Milliye ging um 00:30 Uhr ankerauf und ging auf die europäische Seite der Dardanellen. Die alliierten Zerstörer bemerkten diese Bewegung nicht.
 
Gegen 01:00 Uhr hatte Muavenet-i-Milliye den Sicherungsring der Zerstörer passiert und die Goliath direkt vor sich. Goliath fragte nach dem Erkennungssignal, Muavenet-i-Milliye schoss die beiden ersten Torpedos. Der erste traf auf Höhe der Brücke, der zweite nahe dem Schornstein. Zur Sicherheit schoss Muavenet auch noch den dritten Torpedo auf die Goliath, die kenternd nochmals ins Heck getroffen wurde. Das Linienschiff sank sehr schnell, 570 Mann der 700-köpfigen Besatzung verloren ihr Leben.
 
Der Untergang der Goliath führte zu Wechseln in der Führung der Royal Navy. Zwei Tage später trat der Erste Seelord Admiral Fisher im Streit mit dem Ersten Lord der Admiralität, Winston Churchill, zurück, der am 17. Mai auch zurücktrat. Es wurde offenbar, dass die bisherigen Planungen die Lage falsch eingeschätzt hatten. Die folgenden Verluste der HMS Triumph bei Anzac Cove und der HMS Majestic bei Kap Helles, die beide von SM U 21 torpediert wurden, bestätigten dies.
 
Obwohl die Muavenet-i Milliye sofort nach dem ersten Torpedotreffer entdeckt, unter Feuer genommen und von den Zerstörern HMS Wolverine und HMS Pincher verfolgt wurde, konnte sie entkommen. Der Kommandant der Muavenet-i-Milliye, Leutnant Ahmet Saffet Bey, der deutsche Leutnant Rudolph Firle, seine beiden Hilfskräfte und die 90 Mann starke türkische Besatzung wurden bei ihrer Rückkehr nach Istanbul als Helden gefeiert, alle Lichter entlang des Bosporus waren zu ihren Ehren erleuchtet, sie wurden befördert und ausgezeichnet. Für die Versenkung der Goliath wurde Ahmet Saffet Bey zum Major befördert. Rudolph Firle erhielt das Eiserne Kreuz I. Klasse, neben verschiedenen österreich-ungarischen und türkischen Auszeichnungen.

Werbeanzeige