Wer legte den Großbrand in Izmir?

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Wer legte den Großbrand in Izmir?

Oktober 10, 2012 - 00:49
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Eines der umstrittensten Ereignisse des Ersten Weltkriegs im Osmanischen Reich erhält einen neuen Blickpunkt. Die kontroverse Debatte, wer die wichtigste Handelsstädte des Osmanischen Reiches in Brand gesetzt haben könnte, wird von Maxime Gauin´s Recherchen bereichert.

Der vergangene 13. September markierte den 90. Jahrestag des Großbrands in Izmir. Wer den Großbrand von Izmir 1922 auslöste, wird seitdem hinterfragt. Manche sind der Meinung, die Griechen hätten den Brand absichtlich gelegt, andere werfen es den Armeniern, den türkischen Milizen oder der türkischen regulären Armee vor. Andere meinen, der Brand sei unbeabsichtigt entstanden oder sehen bei allen eine Mitschuld. Im folgenden Abschnitt wird die Meinung von Maxime Gauin wiedergegeben, die in der türkischen Tageszeitung Cumhuriyet veröffentlicht wurde. 1
 
Politik der verbrannten Erde
 
Die griechische Besatzungsarmee die in Kleinasien 1919 über Izmir einmarschierte, verfolgte die Politik der verbrannten Erde, nach dem sie sich vor Ankara zum Rückzug gezwungen sah. Diese Politik wurde gegen die türkische Zivilbevölkerung eingesetzt und hielt bis zur Vertreibung durch die türkische Befreiungsarmee bis in Izmir an. Eine Schneiße der Verwüstung hinterließ die griechische Armee, als sie durch die türkische Befreiungsbewegung zurückgedrängt wurde und dabei mit Hilfe armenischer Banden auch die christliche Minderheit zur Flucht drängte, die in französischen und amerikanischen Quellen desöfteren belegt wird.
 
1919 sah sich die griechische Besatzungsarmee durch den Druck der Ententemächte auch gezwungen, mehrere Dutzend Kriegsverbrecher vor Gericht zu bringen, darunter 12 Armenier, unter denen dann auf Druck der türkischen Zivilbevölkerung 1920, 10 Armenier zum Tode verurteilt wurden. Ausserdem wurden mehrere Hundert Soldaten entlassen und in die Heimat geschickt. Laut französischen Beobachtern konnten aber armenische Banden in den Reihen der griechischen Verbände bis weit in den August 1922 hinein branschatzen.
 
Über Kilikien nach Izmir
 
Die von der französischen Besatzungsmacht ins Leben gerufene und in Kilikien eingesetzte armenische Legion geriet durch ihre zahlreichen Kriegsverbrechen in Verruf, weshalb sie 1920 wieder zerschlagen wurde. Allein im Juli 1920 wurden 5 Armenier und 1 französischer Soldat assyrischer Abstammung  von einem französischen Militärgericht zum Tode verurteilt. In den französischen Archiven sowie Aufzeichnungen und Tagebüchern zahlreicher Franzosen, darunter Offizieren wie Maxime Bergès und Paul Bernard werden die Brandschatzungen und bewusst gelegten Brände dokumentiert. Nach einem Bericht der französischen Admiralität vom 15. November 1920 die auf Geheimdienstinformationen beruht, sollen Armenier die von der Zerschlagung der Legion betroffen waren, nach Izmir weiter gereist sein. Ausserdem wird berichtet, dass diese Personen auch in der griechischen Armee gegen die türkische Bevölkerung vorgingen bzw. Provokationen auslösten, um strenge Strafen zu verhängen.
 
Westen ist über den griechischen Terror nicht begeistert
 
Um den Großbrand von Izmir zu verstehen, muss man gleichzeitig auch die Vorgeschichte kennen, darunter die Plünderung und Brandschatzung der Stadt Eskisehir, bei der nicht nur muslimische Häuser angezündet wurden, sondern auch christliche Viertel in Schutt und Asche gelegt wurden, darunter die französisch-katholische Mission, von denen die Erzählungen und Schilderungen darüber stammen.
 
Der damalige französische Ministerpräsident Poincare war über die Vorfälle derart empört, dass er die Botschaften und Konsulate anwies, die Plünderungen verurteilen zu lassen. Ausserdem wurde der griechischen Regierung nahegelegt, dass die betroffene Bevölkerung auf Schadensersatz drängen und auch Recht bekommen würde. Es ist auch niedergeschrieben, dass die französische Admiralität in Mudanya Soldaten stationieren ließ, um die Brandschatzungen in dieser Stadt zu unterbinden. Frankreich, Italien und Großbritannien sowie die USA schickten Kriegsschiffe vor die Bucht von Izmir, weshalb die von den Griechen und Armeniern bisher verfolgte Politik der verbrannten Erde zumindest in Izmir nicht vor den Augen der Weltöffentlichkeit verfolgt werden konnte.
 
Augenzeugen berichten von armenischen und griechischen Banden die den Brand gelegt haben
 
Charles Dumesnil, der das Osmanische Reich bereits seit 1914 kannte und an der Dardanellenschlacht teilnahm, war Admiral der französischen Marine. Seine unzähligen Rapporte an die französische Regierung lassen keine Zweifel daran, dass der Großbrand durch Armenier und Griechen angefacht wurde. Dumesnil behauptete in seinen Berichten ausserdem, dass die türkische Befreiungsarmee aussergewöhnlich diszipliniert in die Stadt einmarschierte und sich auch entsprechende Scharmützel lieferte. In den detailierten berichten erwähnt Dumesnil ausserdem, dass die reguläre türkische Armee jede türkische Miliz auf der Stelle niederschießen ließ, wenn sie sich der Kriegsverbrechen schuldig machten oder beim plündern erwischt wurden. Gleichzeitig hätten die Armenier und Griechen in ihren Vierteln Munition, brennbare Flüssigkeiten und Schießpulver in großen Mengen gelagert.
 
Noch vor der Einnahme der Stadt durch die türkische Befreiungsarmee hätten alle Franzosen, darunter auch der französische Botschafter Michel Graillet Gerüchte gehört, wonach christliche Nationalisten die Drohung ausgesprochen hätten, die Stadt in Schutt und Asche zu legen. Michel Graillet, der zusammen mit Dumesnil einen Rapport erstellt, wonach "Armenier und Griechen" den Brand gelegt haben. Graillet habe dabei darauf bestanden, dass man den Bericht nicht ohne "Armenier und Griechen" weiterleitet. Michel Graillet erklärte desweiteren, dass die Zeugen aus Izmir, die den Großbrand gesehen und miterlebt hätten, nicht vertrauenswürdig seien.
 
Paul Grescovitch, ein serbischstämmiger Feuerwehrkommandant der Stadt Izmir berichtete, seine Feuerwehrmänner und die türkischen Offiziere hätten mehrere armenische Brandstifter erschossen, die in Frauenkleidern oder als türkische Milizen gekleidet in den Vierteln unterwegs gewesen seien. 2
 
In der us-amerikanischen Tageszeitung "The Times" vom 25. September 1922 3 berichtet der Missionar und Präsident des College von Smyrna, dass das Feuer von Armeniern gelegt worden sei, die sich als türkische Soldaten ausgegeben hätten. Auch die Tageszeitung "San Antonio Express" titelt in einer ihrer Schlagzeilen, dass der Großbrand durch fanatische Armenier gelegt wurde. 4
 
Bilge Umar, der lange Zeit in Izmir lebte und Historiker und Autor war, schreibt in seinen Memoiren "İzmirde Yunanlıların Son Günleri", dass beide Seite, die Türken und die Armenier letztendlich an der Tragödie Schuld trugen. Die Armenier hätten den Brand gelegt, die Türken dann nur noch zugeschaut. 5
 
Weitere Bewertungen
 
Der US-Historiker Donald Webster, der am internationalen Kollege von Izmir zwischen 1931 und 1934 lehrte, sagte die Armenier hätten auf das falsche Pferd gesetzt, anstatt auf die kulturelle Eigenart im Rahmen eines Neuanfangs zu setzen. 6
 
Lord Kinross widmet einen ganzen Kapitel der Atatürk-Biographie nur dem Großbrand von Izmir. Darin berichtet Kinross auch über den Bericht von Dumesnil und dem Oberbefehlshaber der türkischen Armee, Mustafa Kemal Pascha. Ausserdem ist seiner Ansicht nach nicht einwandfrei festzustellen, ob der Brand durch Scharmützel zwischen armenischen und griechischen Banden sowie der türkischen Befreiungsarmee ausgelöst wurde, der durch den starken Wind sich sehr schnell über die Holzhäuser ausbreitete. 7
 
Prof. Resat Kasaba schreibt in einem Essay, dass die griechische Armee die Politik der verbrannten Erde in Izmir fortsetzten. Dabei beruft sich Kasaba auf einen Bericht vom britischen Generalkonsul in Smyrna, H. Lamb, der die Annahme vertritt, dass die Griechen und Armenier in Smyrna dafür verantwortlich sind. Dieser Bericht wurde auch in der französischen "Petit Parisien" am 20. September 1922 veröffentlicht. Laut britischen Flüchtlingen, die in der "The Times" vom 6. Oktober 1922 aussagen treffen, sei man sich einig, dass der Brand durch Armenier und Griechen gelegt wurde.8


1. Izmir'i kim yaktı? - Maxime Gauin (Doktora Öğrencisi, ODTÜ) - Cumhuriyet, 2. Oktober 2012
2. Sources claiming Turkish responsibility - Wikipedia
3. "A Missionary Eyewitness Lays the Blame on Armenians," The Times, 25 September 1922.
4. "San Antonio Express" - Image
5. Bilge Umar: İzmirde Yunanlıların Son Günleri, s.309–321 (Ankara–1974)
6. Donald Everett Webster, The Turkey of Ataturk – Social Process In The Turkish Reformation, Philadelphia: American Academy of Political and Social Science, 1939, p. 96
7. Lord Kinross, Ataturk: A Biography of Mustafa Kemal, Father of Turkey, New York: William Morrow & Company, 1965, pp. 370–371.
8. "Firing of the Town," The Times, 6 Oktober 1922. Plymouth. Siehe A.J. Hobbins, “Paradise Lost: the Merchant Princes and the Destruction of Smyrna, 1922.” Fontanus. XI (2003), pp. 96–128.

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