Das Flüchtlingsschiff Struma und die Boraltan-Brücke

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Das Flüchtlingsschiff Struma und die Boraltan-Brücke

November 20, 2015 - 02:09
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Zwei Ereignisse beschäftigen die Türkei nachwievor: einmal das bulgarische Flüchtlingsschiff Struma, die 1942 samt jüdischen Flüchtlingen versenkt wurde und die Boraltan-Brücke über dem Aras, über die 1944, 146 Aserbaidschaner abgeschoben wurden

Taha Akyol von der türkischen Tageszeitung Hürriyet nimmt sich den Ereignissen von vor fast 70 Jahren an. Ausgelöst wurde die Debatte durch den türkischen Ministerpräsidenten Erdogan, der die Republikanische Volkspartei CHP, damals die Einzelparteiführung in der Türkei, für die tragischen Ereignisse in Reden verantwortlich macht - Erdogan hat dabei nicht die Geschichte im Blickpunkt, sondern die momentane politische Lage in der Türkei, meinen Kritiker.

Was passierte also auf der Struma, dem bulgarischen Motorschiff, die über 760 jüdische Flüchtlinge in das damals unter britischer Verwaltung stehende Palästina-Gebiet bringen sollte? Der in Warna ansässige und für verschiedene zionistische Organisationen tätige jüdische Augenarzt Baruch Konfino, der bereits 1939 die Ausfahrten der kleinen und altersschwachen Flüchtlingsschiffe Rudnitchar und Bopha nach Palästina mitangeführt hatte, wurde auf die Struma aufmerksam. Konfino erwarb das Schiff und ließ es für den Transport einer größeren Zahl von Flüchtlingen herrichten. Der Umbau zog sich übermehrere Monate hin, Bulgarien trat währendessen dem Dreimächtepakt bei, weshalb deutsche Truppen in Bulgarien einmarschierten.

Mit 768 jüdischen Flüchtlingen verließ die Struma am 12. Dezember 1941 den Hafen von Constanta. Es befanden sich keine großen Vorräte an Bord, da man für die Überfahrt nach Istanbul nur 14 Stunden eingeplant hatte. Die Fahrt verzögerte sich jedoch, die Maschinen setzten immer wieder aus und die Struma kam schließlich erst 4 Tage nach der Abfahrt in Istanbul an. Das Schiff wurde zunächst mit einem Schlepper in den Hafen gezogen, während die englische und türkische Regierung mit der Jewish Agency Geheimverhandlungen über den weiteren Werdegang der Flüchtlinge führten. England wollte die Flüchtlinge nicht nach Palästina fahren lassen, die Türkei die Flüchtlinge nicht aufs Festland lassen, weil man befürchtete, dass sie für immer da bleiben und ein Risiko darstellen.

Akyol zufolge hatte die türkische Regierung auch ein anderes Dilemma: als neutrales Land während des Zweiten Weltkrieges, wollte man der in Bulgarien mit Panzern einmarschierenden Wehrmacht keine Vorwände liefern, dass Risiko war der türkischen Regierung zu hoch. Zwar hatte man während des Kriegesverlaufes, etwa 20.000 Juden aus Europa herausgeschleußt, in dem türkische Diplomaten in zahlreichen europäischen Ländern Visa und Pässe ausstellte, doch die Repräsalien nahmen auch gegen die Diplomaten zu, in einem Fall wurde die schwangere Ehefrau eines Diplomaten in Griechenland, durch einen Luftangriff getötet. Nichtsdestotrotz sah sich die Türkei gezwungen, die Struma aufs offene Meer zu schleppen, wo das Schiff abdrehte und am 24. Februar 1942, etwa 14 Seemeilen nördlich des Bosporus im Schwarzen Meer durch ein sowjetisches U-Boot (Schtsch-213) versenkt wurde. 762 Menschen starben, vermutlich überlebten nur vier Personen den Untergang der Struma.

Im Juli 2004 fand ein türkisches Taucherteam etwa an der Stelle, an der die Struma gesunken war, ein Schiffswrack. Die Identität des Schiffes konnte jedoch nicht abschließend geklärt werden. Am 3. September 2004 trafen sich Angehörige der Struma-Passagiere, Vertreter der türkischen jüdischen Gemeinde, Delegierte aus Großbritannien und den USA sowie der israelische Botschafter zu einer Gedenkveranstaltung am Ort des Geschehens. Lange Zeit galt der Untergang als ein dunkles Kapitel der Türkei, weil sie das Schiff manövrierunfähig aufs offene Meer abgeschleppt hatte. Man ging bis in die jüngste Vergangenheit davon aus, auch durch Aussagen eines Überlebenden, dem damals 19-jährigen David Stoliar, dass der Untergang der Struma von der türkischen Regierung hervorgerufen wurde oder das marode Schiff wegen technischen Problemen sank. Erst mit der Veröffentlichung eines Buches von Halit Kakinc wurde die ganze Dimension des Vorfalls bekannt. Nach dem die UDSSR zerfiel, tauchten auch Dokumente auf, wonach die Versenkung durch die stalinistische Armee befohlen wurde.

Taha Akyol schreibt in der Hürriyet, die Türkei sei in einer schwierigen Lage gewesen, nach dem Bulgarien ebenfalls in das Dreimächtepakt eingetreten war. Mit dem Einmarsch der Deutschen in das Nachbarland, stieg die Nervosität der türkischen Regierung derart, dass man Istanbul bereits evakuieren wollte. Die Ziele der Deutschen war demnach schon damals bekannt: die Erdölfelder des Kaukasus, die auch über die Türkei zu erreichen ist. Ausserdem übten auch die deutschen Diplomaten Druck auf die türkische Regierung aus, die eigene militärische Stärke war geradezu nicht nennenswerter Natur und Hunger herrschte im ganzen Land. Hitler mag wohl durchaus abgewogen haben, die Erdölfelder auch über die Türkei zu erreichen, warum er dass dennoch nicht tat, steht auf einem anderen Blatt. Manche sind der Ansicht, Hitler habe vor der türkischen Kampfkraft großen Respekt gehabt, deshalb den Weg über die Sowjetrepubliken gesucht. Ein Szenario, dass Ismet Inönü wohl auch dazu bewog, als türkischer Regierungschef, die Struma und die jüdischen Flüchtlinge abzuweisen. Sicherlich gibt es nach Meinung von Akyol eine vielgesagte Argumentationskette, wonach die Türkei ihre nationalistische Idee, die Türkifizierung nicht gefährden wollte, deshalb die Struma abwieß. Aber wie schon Halit Kakinc in seinem Buch beschrieben habe, alleine mit der Vermögenssteuer von 1941-42, die tatsächlich einen womöglich rassistischen Hintergrund gegenüber Nichttürken hatte, könne man die Versenkung der Struma nicht alleine auf dieser Basis erklären. Die Türkei habe für ihre Neutralität und den zu vermuteten oder zu erwartenden Problemen, mehr als 700 Juden geopfert, nicht mehr, nicht weniger.

Eine andere Geschichte blieb lange im dunklen, auch als ein Schandfleck der jungen türkischen Republiksgeschichte bezeichnet. Die Abschiebung von 146 aserbaidschanischen Staatsbürgern über die Boraltan-Brücke, die über den Fluß Aras gespannt ist. Es ist das Jahr 1944. Die stalinistische Rote Armee verbreitet Angst und Schrecken in den Teilrepubliken. 146 Aserbaidschaner, zumeißt Intellektuelle und Akademiker, flüchten über den Aras auf die türkische Seite des Grenzflusses und werden dort vorerst untergebracht. Die stalinistischen Schergen bekommen davon Wind, Stalin reagiert sofort, fordert die Auslieferung aller Aserbaidschaner. 

Ismet Inönü reagiert, will Stalin nicht provozieren, lässt ein Befehl ergehen, wonach die Flüchtlinge sofort abgeschoben werden sollen. Die Grenzbeamten wollen und können sich daraus keinen Reim machen, lassen sich den Befehl mehrmals bestätigen, bis sie eine erste Gruppe über die Boraltan-Brücke schicken. Die Gruppe von Aserbaidschanern ahnt schlimmes, wirft die Koffer in die Menge, die dem Treiben zusieht. Auf der sowjetischen Seite angekommen, werden die Aserbaidschaner standrechtlich erschossen. Die türkischen Grenzbeamten melden den Vorfall, aber Inönü bleibt hart, kündigt jedem Befehlsverweigerer Disziplinarmaßnahmen an, weshalb auch die zweite Gruppe und somit der Rest über die Brücke abgeschoben wird. Auch diese Menschen werden sofort und auf der Stelle hingerichtet. Lange Zeit rankten darum Lieder der Aserbaidschaner, die sie bei der Überquerung der Brück gesungen und gemurmelt haben sollen.

Nach dem Ministerpräsident Erdogan Ismet Inönü auch für diesen Vorfall mitsamt der CHP in die Verantwortung nahm, der kein Anstand und nicht türkisches an sich habe, hat die Debatte über die Zeitgeschehnisse erneut an fahrt aufgenommen. Taha Akyol zieht ein Resümee und erklärt, die Türkei habe nach der damaligen Politik und Situation gehandelt, in der eine gegenwärtige Regierung darüber nicht zu urteilen habe. Man könne die damalige Regierung nicht als nationalistisch oder kommunistisch veranlagt bezeichnen, weil die Umstände dazu immer unter den Teppich gekehrt werden würden. Die damalige Regierung habe den Staat an sich geschützt, vor den Nazi- und Stalinschergen, nichts anderes. Die Geschehnisse von damals mit der Türkiisierung oder dem Kommunismus zu erklären, sei zu kurz gedacht, so Akyol.

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