Wollte Hitler die Türkei besetzen?

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Wollte Hitler die Türkei besetzen?

November 20, 2015 - 02:18
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Darüber, ob Hitler die Türkei besetzen und einen Lebensraum im Osten errichten wollte, darüber gibt es unzählige Ausführungen

Ob die junge Republik Türkei in der Osterweiterung einen Platz einnahm, darin ist sich niemand sicher. Jetzt berichtet die Tageszeitung Radikal, Hitler habe sehr wohl vor gehabt, die Türkei zu besetzen. Senol Sahin Cörekci, ein Türke der in Berlin lebt, ist Journalist und Hobbyhistoriker, der in seiner freien Zeit Archive und Bücher durchforstet, sich mit dem erst im April des vergangenen Jahres verstorbenen Isaak Behar traf und über türkische Staatsbürger im Deutschen Reich unterhielt.

Laut Isaak Behar hatte Hitler auch vor den türkischen Juden kein Halt gemacht und etwa 500 in Berlin lebende türkischstämmige Juden inhaftieren lassen, sie in die KZ´s geschickt. Obwohl Deutschland wie auch die Türkei bemüht waren, die gegenseitigen Interessen zu wahren, hielt sich das ganze in Grenzen. Zuerst konnten die NS-Schergen die Juden bei der Flucht in die türkischen Botschaften verhindern, doch die Türkei intervenierte in Deutschland wie auch in anderen osteuropäischen und westlichen Staaten immer energischer, und Deutschland war an die Lieferungen von Chromerz für die deutsche Rüstungswirtschaft angewiesen. Beide Staaten arrangierten sich deshalb. Diejenigen die Schutz und Zuflucht fanden, konnten sicher sein, nicht mehr verfolgt und ermordet zu werden, der türkische Pass, auch wenn er nur vorläufig ausgestellt wurde, war ein Garant und die Türkei lieferte Deutschland die kriegsentscheidenden Erze aus. Hitler wusste von vornherein, dass die Türkei zu einem Kriegsbeitritt nicht zu überreden war 1.

Senol Sahin Cörekci meint aber auch, das Hitler schon vorher die Absicht gehabt habe, die Türkei zu überrennen, sie zu besetzen. Diese These nur anhand von "Militärgeographischen Angaben über die Türkei" erklären zu wollen, sei mal dahingestellt 2. Geographische Kenntnisse über die Türkei hatte Deutschland nicht seit gestern. Schon während der Modernisierung der osmanischen Armee im Osmanischen Reich zog es zahlreiche Deutsche Militärs - der bekannteste ist wohl Wilhelm Leopold Colmar Freiherr von der Goltz - Akademiker nach Kleinasien. Es gab bereits zig Bücher über das Reich, ihre Menschen, dem Reichtum 3 mit fundiertem Kartenmaterial, in denen Strecken, Berge und Hindernisse eingezeichnet waren. Auch die Briten hatten entsprechendes Interesse daran, weshalb auch manch ein Archäologe oder Archäologin seiner Zeit bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs zum Spion seiner Majestät ernannt wurde 4.

Entsprechende Schriften über die Türkei wurden auch später erstellt. Hermann Wenzel, Hochschul-Professor für Geographie in Kiel war einer derjenigen, der über die Türkei hervorragende Erkenntnisse besaß und für die Heeresabteilung für Kriegskarten- und Vermessungswesen die "Militärgeographische Angaben über die Türkei" verfasste und am 10. August 1941 dem Heer bereitstellte. Das Band selbst stellte Hermann Wenzel anhand seiner Einzelschriften zusammen, darunter einem gleichnamigen Bildheft (mit 260 Seiten), einem Textheft (mit 247 Seiten), Stadtdurchfahrstpläne (37 Seiten), aber auch geographischen Karten- und Textmaterialien über den Vorderen Orient, wie Palästina, Jordanien oder Indien und Iran, die seit 2007 vom Bundesarchiv Koblenz mit einigen wenigen Ausnahmen als Nachlass übernommen wurden 5. Das erklärt aber noch nicht, wieso Hitler gerade die Türkei angreifen sollte, die auch für die Sowjetunion von strategischer Bedeutung war. Die Sowjetunion betrachtete die Expansionsgelüste Hitlers mit Argusaugen, weshalb sie einen möglichen Einmarsch in die Türkei als Vorwand zum Krieg genommen hätte, warum auch die Türkei eigentlich strikt gegen eine Kriegsbeteilung mit Deutschland war. Das Gerücht, Iran sei ebenfalls auf dem Schlachtplan Hitlers knallrot markiert gewesen, ist auch von Bedeutung, jedoch nur dann, wenn der Deutsche Vormarsch unvermindert angehalten hätte, also ein grandioser Erfolg in Osten Hitler dazu beflügelt hätte, die Engländer mit der Einnahme Afghanistans, Irans und zum Schluß Indien, in die Knie zu zwingen. Jedoch hielt es Hitler erst für nötig, den Ärmelkanal zu beherrschen und die Briten auf der Insel zu isolieren, was vorerst auch gelang. Bis dahin stand die Türkei, der Iran oder irgend ein anderes Land in der Region nicht zur Debatte. Das Aufmarsch- und Angriffspläne über diese Länder existiert haben, bestreitet jedoch niemand, um einen Einmarsch in Afghanisten zu ermöglichen der auch zur Vorbereitung der Eroberung Indiens gedient haben könnte und Indien war bekanntlich das Kronjuwell Ihrer His Majesty. Spätestens nach dem Rusland-Feldzug Debakel sollten wohl diese Pläne in der Schublade oder im Feuer landen.

Was aber dachte die andere Seite über Hitler? Die Türkei stand sehr skeptisch gegenüber den Kriegsgelüsten der Deutschen. Atatürk stand wie auch sein Nachfolger Ismet Inönü, Hitler nicht gerade wohlgesonnen gegenüber. Als Offizier sah Atatürk in Hitler einen Theatraliker, der in der Stunde der Gunst Erfolge erzielen konnte aber dann damit in eine Katastrophe schliddern musste, denn Sie waren keine "Soldaten" 6.

Diese Aussage zeigt, dass Atatürk schon lange bevor der Zweite Weltkrieg ausbrach, die Situation in Europa richtig erkannt hatte. Deshalb war die von der Türkei vertretene Politik während des Weltkrieges auch nicht verwunderlich. Dies zeigte sich u.a. durch die Ratifizierung englisch-türkischer und französisch-türkischer Bündnisabkommen im Jahre 1939. Erst 1940 entspannte sich die Situation notgedrungen, weil die Türkei befürchtete, nach dem die Italiener in Albanien nicht vorwärts kamen und deshalb Hitler Griechenland ins Visier nahm und dazu Bulgarien als Durchmarschgebiet gewann, mit den Deutschen wirtschaftliche Beziehungen aufzunehmen. In einer Unterredung zwischen Hitler und den türkischen Botschaftern im Jahre 1941, musste Hitler seine ganze Überredungskunst einsetzen, um die Türken von einem Nichtangriff auf Ihr Staatsterritorium zu überzeugen, wenn Sie über Bulgarien in Griechenland einfallen. Die Türkei sah dennoch eine Gefahr und alarmierte Ihre Streitkräfte an der Grenze zu Bulgarien, verhängte Lich- und Ausgangsverbote. Hitler war genötigt, Ismet Inönü, dem türkischen Präsidenten feierlich zu versichern, nicht die Türkei angreifen zu wollen und daher einen 50km. breiten Korridor an der bulgarisch-türkischen Grenze nicht zu betreten. Hitler war sich auch bewusst, dass die Sowjetunion jede türkische Grenzverletzung ahnden würde, auch mit Krieg und das Misstrauen gegenüber den Türken war so groß, dass Hitler zwei Panzerdivision in Bulgarien zurückließ, als er in Griechenland einmarschierte. Hitler kalkulierte wohl ein, dass die Türkei in dieser Frage unzuverlässig ist, wenn Sie auch nur wahrnehmen, dass die Deutschen anderweitige Ziele verfolge, da die Türkei bereits im Ersten Weltkrieg die Hilfe der Sowjets gegen die Entente annahm, als es um die Befreiung des Landes und der Sicherung der Grenzen ging.

Vier Tage vor dem Überfall auf die Sowjetunion, am 18. Juni 1941 war wiederum eine Besserung der Beziehungen wahrzunehmen. Dennoch, Hitler war verbittert und verärgert über die türkische Rolle im Krieg, auch wenn jetzt Chromlieferungen zur Debatte standen. Die einzige Aussage die als das verstanden werden könnte, um die These Senol Sahin Cörekci zu unterstützen, könnte die Unterredung Hitlers mit dem rumänischen Staatsführer Marschall Antonescu am 5. August 1944 im Führerhauptquartier sein. Hier wies Antonescu auf die verheerenden Schäden der alliierten Lufangriffe hin, die durch Benutzung von türkischen Luftstützpunkten verschärft werden könnten. Hitler erklärte dazu, er werde sich dann der türkischen Städte annehmen 7.

Da war der Krieg wie es Atatürk längst vorausgesagt hatte, entschieden.

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