Die "Opferrolle": Muslime oder Deutsche

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Die "Opferrolle": Muslime oder Deutsche

Oktober 01, 2016 - 19:39
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Ständig wird gejammert. Darüber wie Tiere von Muslimen geschlachtet werden, darüber wieso es so hohe Minarette geben muss, weshalb das Kopftuch den Kopf einer Frau umschmeicheln muss, weshalb die Muslime nicht integrierbar seien, der Islam nicht mit den hiesigen Werten konform sein könne.

Nabi Yücel / TP - Habt ihr euch mal gefragt, wer da alles so jammert, aus dem Gartenhaus heraus hinaus schreit, angebliche Zustände hinterfragt, bemängelt, auszumerzen versucht?

Ich habe das. Dabei kam mir etwas komisch vor. 

Ich habe noch nie erlebt - lebe schließlich seit über 46 Jahren hier in Deutschland - dass die Türken sich über fehlende Moscheen beschwert oder gejammert hätten. Ich habe auch noch keinen Türken erlebt, der auf dem nackten Industrieboden einer Gewerbehalle betend und dabei stöhnend zugleich gejammert hätte, wie kalt und ungemütlich es ist. Oder dass der Vorbeter fehlt und mit ihm der unüberhörbare Gebetsruf von der Minarette. Man hat sich damit abgefunden.

Ich habe auch keinen darüber öffentlich Reden oder Jammern hören, weshalb die Deutschen, die Behörde, das Amt, der türkische Generalkonsul oder Botschafter Ihnen keinen Raum angeboten haben, dass dem Gebet, der Religion insgesamt würdig ist. 

Ich habe nur erlebt, wie man in diese Gewerbehallen hinein ging, sein Gebet verrichtete, dann vor die Tür trat und glücklich darüber war. Erst recht wenn man als Gemeinde es alleine zustande brachte, ein Grundstück zu erwerben und daraus eine bescheidene Moschee zu machen.

Ich habe auch noch nie erlebt, dass die erste oder zweite Generation gejammert oder lamentiert hat, weshalb es kein Halal-Fleischprodukte in den deutschen Metzgereien, in den Tante-Emma-Läden oder Lebensmittelketten gab. Man behalf sich selbst, versorgte sich eben mit dem, was man kriegen konnte oder zugeschickt bekam.

Gegenwärtig kriegt man an fast jeder Ecke Halal-Produkte. Darüber sind viele glücklich, denn es ist für sie eine Art der goldenen Ära, so wie in Deutschland nach 1955, wo Lebensmittel wie Fleisch in Überfluss vorhanden war und der Sonntagsbraten schon wieder ein Kult wurde. Die Nachfrage bestimmt eben das Angebot. Inzwischen ist man auch froh darüber, dass die Schächtung des Nutztieres den europäischen, den deutschen Gesetzen entspricht, schließlich hat man darüber beraten und wurde schließlich übereinkommend einig. 

Ich habe mehrere Jahrzehnte nicht mitbekommen, dass die Türken groß aufhebens darüber gemacht haben, wenn ein Gebäude eines Moscheevereins wieder einmal das Objekt der zerstörerischen respektlosen Biegierde einiger unverbesserlicher Mitmenschen wurde. Man hat Hakenkreuze, antiislamische Schmierereien einfach überstrichen, den Ruß abgewischt und renoviert oder den aufgehängten Schweinekopf entfernt. 

Seit geraumer Zeit ist aber festzustellen, dass die ersten Vereine oder Islamverbände sich wehren, die Taten auch öffentlich verurteilen. Liegt es vielleicht an der Intensität? Die Dunkelziffer derer, die das nicht melden, wird sogar höher sein. Die meisten Vereine wollen erst recht nicht auffallen und kehren es unter den Teppich - man ist schliesslich froh, dass nichts schlimmeres passiert ist. Aber was schlimmeres kann ja nicht mehr passieren! Ach ja, Menschenleben verlieren, diese rote Linie wurde ja noch nicht erreicht. Deshalb ist man wohl noch froh darüber. Absurd nicht wahr?

Es ist mir auch nicht bekannt, dass die Türken sich über Kirchenläuten beschwert, über Karnevalzüge mit ohrenbetäubendem Getöse öffentlich kritisch geäussert, sogar versucht haben das zu verhindern. Mölln, Solingen, Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, Heidenau oder Weissach im Tal, waren auch kein Grund, das mit Gejammere zu instrumentalisieren, wenn die Täter mit glimpflichen Strafen davon kamen. Man hat die Verletzungen der Opfer zugeplastert, die Toten in Leinentuch eingewickelt und in die Heimat "abgeschoben".

Ich habe auch keinen Muslimen erlebt, der nach all der Islamkritik, insbesondere durch Neuerscheinungen und Alteingesessenen, seine Meinung über seine Religion geändert hätte. Anscheinend ist man mit sich zufrieden. Vielmehr erleben sie jetzt, wie sich diese Islamreformer und Islamkritiker gegenseitig an die Haare gehen, ja sogar vermischen, neue Allianzen aufbieten, Deklarationen formulieren, geradezu jammern, wenn sie sich falsch verstanden, verbal verletzt fühlen. Komisch nicht wahr? Es geht doch eigentlich wie im Leben nur um das "besser" sein als der Andere. 

Diejenigen sind im Grunde nicht anders als all jene, die ständig meckern und jammern, wie schlimm doch der Islam wäre und wie verkappt doch die Muslime seien. Dabei merken sie nicht einmal, dass die Muslime ihren Weg bereits beschreiten und selber ergründen wollen und gar keine Hilfe, Unterstützung oder Ratschläge benötigen. Ist ja auch verständlich: Ratschläge werden ja von diesen Reformern und Kritikern ja auch nicht angenommen oder beherzigt. Aber jammern? Ach was! Wenn jemand diesen sogenannten Reformern und Kritikern entsprechend begegnet, erntet man sogar noch mehr Gejammere als zuvor. Sie fühlen sich persönlich verletzt, holen dann so richtig aus. Und wenn dann auch noch eine Anzeige folgt, ist man erst recht nicht integriert. Im ernst, muss man das überhaupt verstehen? Schliesslich wird doch das Thema von ihnen eröffnet, nicht von den Muslimen selbst!

Nun kommen wir auf die andere Seite zu sprechen - wohlgemerkt die, die sich angesprochen fühlen.

Will jetzt ein Verein mit muslimischen Mitgliedern und Förderern einer Ortschaft, einer Gemeinde, egal ob Türken, Palästinenser oder Iraner, ein Gebäude kaufen, ein Gebäude errichten und daraus ein Gebetsraum, ja sogar eine Moschee aus dem Boden stampfen, ist das Gejammere geradezu unüberhörbar. Es werden dagegen Petitionen eingerichtet, es werden der Bürgermeister, der Kreisvorsteher, der Landratsamt mit Beschwerden geradezu erschlagen. Fehlte noch, dass das Heulen darum plastisch überreicht wird. 

Die sogenannte Ohnmacht darüber, dass "die Muslime schon wieder" eine Moschee eröffnen, spiegelt im Grunde die unbegründete Angst wieder, die dann in Protesten übergeht, in denen wieder einmal über andere gejammert wird. Ist fast so wie der kleine Bengel, der angeblich haue bekommen hat und zu Mutti rennt und sich ausheult. Mutti soll es dann richten.  

Über die industrielle Schlachtung, Massenhaltung von Nutztieren regt sich nur eine kleine Minderheit auf. Ist auch ihr gutes Recht, denn einiges liegt im argen. Auch über vegetarische, Laktose-freie, Allergieker-konforme oder Bio-Produkte in Ladenregalen mit dem entsprechenden Label wird hinweggeschaut. Liegt aber ein Halal-Produkt in der Tiefkühltheke, in der Wurstabteilung, dann wird, wie in einer jüngsten phänomenalen Anti-Halal-Video-Selbstversuchs-Aktion demonstrativ zur Schau gestellt wurde, darüber lamentiert, gejammert, geradezu die Seele ausgekotzt. Den Muslimen gefällt das, dass die Lebensmittelketten langsam auch Halal-Produkte anbieten. Angebot befriedigt wie gesagt die Nachfrage und Marktanteile sind nun mal in einer Marktwirtschaft von großer Bedeutung.

Gegenwärtig werden öfter als normal, wobei ja Normalität schon fast wie eine Ernüchterung über die Zustände bislang zu verstehen wäre, Moscheen geschändet, angezündet oder sogar ganz versagt. Ist schon merkwürdig, dass die Normalität auch in der deutschen Gesellschaft so aufgenommen wird, weshalb man nicht viel Aufhebens drum macht. Eher zeigt man sich sogar bestürzt, dass die "Gutmenschen" auf die Barrikaden gehen - während die muslimischen Verbände mit Statements die Taten verurteilen und noch nicht einmal gewillt sind, Proteste auf die Beine zu stellen. Merkwürdig nicht wahr? 

Stattdessen jammert man darüber, wieso die "Lügenpresse" wieder einseitig berichtet, jammert und kotzt sich in Kommentarspalten aus, um im selben Augenblick einen negativen Bericht in der selben Presse über Ausländer, Migranten oder "Drittweltland" geradezu euphorisch beklatscht und entsprechend kommentiert. Lob und Zufriedenheit ist ein Gegenwort von jammern und wehklagen.

Jedenfalls haben die Türken, Muslime oder auch allgemein Ausländer, dem Rechtsstaat bislang vertraut und tut es immer noch. Geheult, gejammert oder die Zustände beklagt haben bislang nur die Opfer, die Opferangehörigen. Ist das schwer zu verstehen? Ist das eine Opferrolle? Wohl kaum! Im Gegenteil: Ín Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, Mölln, Solingen, Weissach im Tal, Heidenau oder Bautzen haben andere gejammert, geheult und Flüchtlinge, Ausländer bzw. Migranten dafür verantwortlich gemacht. Wer sich hier die Opferrolle übergestülpt hat und damit hausieren geht, dürfte inzwischen mehr als geklärt sein.

Türken wie Muslime leben selbstbestimmt. Sie sind nicht verbittert darüber, was sie im Leben erleben, denn sie sehen es als etwas übernatürliches, gottgewolt an. Diejenigen die die "Opferrolle" übernehmen, sind diejenigen die Anderen die Schuld geben und sich stets in Unschuld wiegen wollen. Insbesondere Schuldzuweiser wie Reformer, Islamkritiker und strammnationalistische Persönlichkeiten suhlen sich oft geradezu in ihrer selbst gewählten Opferrolle. Für alles, was ihnen widerfahren sein soll, suchen und finden sie die Schuld bei anderen. 

Das ist inzwischen derart nervenaufreibend, mühsam zu verstehen und sogar ärgerlich, dass die Türken, Ausländer und Muslime immer mehr auf Distanz gehen. Das ist auch richtig so, denn je mehr man auf diese "Opfer" eingeht, desto bequemer fühlen sich Hartgesottene in ihrer Rolle und versuchen daran dann auch nichts zu verändern.

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