120 Jahre alt wird der Held der Armenophilen - Soghomon Tehlerian

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120 Jahre alt wird der Held der Armenophilen - Soghomon Tehlerian

April 02, 2016 - 03:11
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120 Jahre alt wäre der armenische Held Soghomon Tehlerian am 2. April geworden. Ihm zu ehren wird in der Hardenbergstraße in Berlin-Charlottenburg auch dieses Jahr eine Gedenkandacht abgehalten. Einem Mörder, dem durch attestieren eines angeblichen Traumas die Freiheit geschenkt wurde.

Berlin/TP - Es ist der 15. März 1921, als der Armenier Soghomon Tehlerian in der Hardenbergstraße in Berlin-Charlottenburg auf den ehemaligen Großwesir des Osmanischen Reiches, Talât Pascha wartet. Er hat sich als Student getarnt in Berlin gegenüber der Wohnung von Talât Pascha einquartiert und hatte auf diese Gelegenheit gewartet. Als Mitglied der berüchtigten Armenische Revolutionäre Föderation (ARF), soll er den Auftrag unter dem Tarnnamen "Operation Nemesis" vollenden, wie schon desöfteren zuvor. 

Im Osmanischen Reich hatte Tehlerian bereits seinen Bruder, der im osmanischen Heer während des Ersten Weltkriegs als Feldarzt tätig war und die Ehefrau erschossen. Kurz danach ermordete Tehlerian 1920 in Istanbul  Mıgırdiç Harutunyan. Die Liste der Opfer, die der AFN zugeschrieben werden, ist lang. Angefangen von osmanischen Bürger mit armenischem Hintergrund bis hin zu aserbaidschanischen Politikern war alles vertreten. Die Liquidierungen, wie in den späteren Niederschriften der Armenischen Revolutionären Föderation unter der Operation Nemesis veröffentlicht, wurden unter dem Vorwand der Zusammenarbeit mit dem osmanischen "Feind" vorgenommen. Als "Feind" hatte Tehlerian auch gegenüber der Berliner Polizei im Verhör Talât Pascha so bezeichnet.

Talât Pascha war der nächste, der in der Todesliste der ARF stand. Am 15. März 1921 um 11 Uhr in der früh, unternahm Talât Pascha mit seiner Ehefrau einen Spaziergang. Kaum hatte er seine Wohnung verlassen, als sich ihm Tehlerian näherte, ihn ansprach und nach einem kurzen Wortwechsel durch einen Schuß von hinten in den Nacken zu Boden streckte. Die Kugel drang durch den Kopf hindurch und Talât Pascha war sofort tot. Nach der Festnahme erklärte Tehlerian der Polizei beim Verhör, Talât Pascha mit Überlegung und Vorbedacht aus Rache erschossen zu haben. Das bestätigten auch Zeitungsberichte, wonach Tehlerian mit gefälschten Dokumenten über Genf nach Berlin gereist sei.

Tehlirian war  immer wieder im Ausland, darunter in Serbien im Jahre 1913 im Alter von 17 Jahren, wo er nach dem Attentat in Berlin auch übersiedelte, danach nach Belgien und später in die USA auswanderte. Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs begab sich Tehlerian in die heutige georgische Hauptstadt Tiflis, wo er sich gemeinsam mit seinen Brüdern und Cousins für den Kriegseinsatz in armenischen Freicorps meldete. 

Jedenfalls war das Tatmotiv der Berliner Polizei und dem Staatsanwalt von vornherein klar. Doch die anfänglich beim Verhör geäusserten Motive wurden während des Prozesses in Berlin auf das Traumata zurückgeführt, den der Attentäter während des Ersten Weltkrieges angeblich erlebt habe. So wurde aus einem Tehlerian, der während der Umsiedlung keineswegs im Osmanischen Reich bei seinen Eltern und Geschwistern lebte und erst recht nicht die Umsiedlung selbst mittelbar oder unmittelbar erlebte, sondern zu jener Zeit im Ausland für die AFN tätig war, zu einem Opfer hochstilisiert, der während der Umsiedlung nur knapp dem Tode entkommen war.

Die Sachverständigen Prof.Dr. Richard Cassirer, Prof.Dr.med. Edmund Forster sowie der Nervenarzt Dr. Bruno Haake attestierten daraufhin mithilfe drei hochkarätiger Verteidiger, dass Tehlerian aufgrund seines Traumatas eine Affekt-Epilepsie erlitt, als er Talât Pascha sah und folgerichtig im Affekt erschoß. Wegen Unzurechnungsfähigkeit wurde Tehlerian, ein Attentäter, freigesprochen. Nur einer, der den Prozess beobachtet hatte, beschrieb den Prozess als eine Farce. 

Als ich im letzten Monat meine Broschüre “Das Geheimnis der Ermordung Talaat Paschas” herausgab – es war ein paar Wochen vor dem Prozeß gegen seinen Mörder -, war mein Gedanke, eine möglichst allseitige und unparteiische Besprechung der armenischen Frage zu geben und ohne mich dabei von irgend-welcher Seite beeinflussen zu lassen, nur die nackte Wahrheit im Auge zu haben. Die Broschüre war eigentlich nicht für Propagandazwecke bestimmt. Sie stellte nur eine Sammlung historischer Dokumente dar. Dennoch sah ich mich getrieben, an die deutschen und insbesondere an die Berliner Zeitung sowie an zahlreiche hervorragende Persönlichkeiten der intellektuellen Kreise Deutschlands Exemplare zu senden. Zu meinem größten Befremden zogen es die meisten Zeitungen vor, meine Schrift mit Stillschweigen zu übergehen und sich aller Bemerkungen darüber zu enthalten, mochten sie freundlich oder unfreundlich sein. […]

Vorwort aus: "Der Ausgang des Talaat-Prozesses"
Talaat Paschas Prozeß, sein Verlauf und sein Ende
Ein letztes Wort zur armenischen Frage
Nachtrag zu der Broschüre “Das Geheimnis der Ermordung Talaat Paschas”
von Dr. Mansur Rifat

 
Am 2. April 2016 jährt sich der 120.Geburtstag des Attentäters Soghomon Tehlerian. Auch dieses Jahr wollen zahlreiche Armenophile aus der armenischen Gemeinde in der Hardenbergstraße in Berlin-Charlottenburg dem Attentäter gedenken, der am 15. März 1921 Talât Pascha auf offener Straße mit einem Genickschuss im Auftrag der AFN hinrichtete. 

Im Gegensatz dazu, wurde ein weiterer Armenier, der in der Operation Nemesis beteiligt war, für schuldig befunden. Am 19. Juli 1921 wurde in Istanbul der ehemalige aserbaidschanische Innenminister Behbud Khan Javanshir getötet. Der Attentäter Misak Torlakyan war ein armenischer Einwohner von Trabzon, der dort seine Familie bei ähnliche Vorfällen verloren haben soll. Torlakyan musste sich vor einem britischen Militärgericht verantworten, vor dem auch von zahlreichen Zeugen der Pogrome vernommen wurden. Seiner Argumention die Tat aus verständlichen Gründen der Rache begangen zu haben, folgte das Gericht nicht, er wurde schließlich für Schuldig gesprochen und hingerichtet.

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