Die PKK und ihre Erwartungshaltung - "Wir haben uns geirrt!"

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Die PKK und ihre Erwartungshaltung - "Wir haben uns geirrt!"

März 11, 2016 - 17:44
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Vor zwei Wochen polterte Duran Kalkan, einer der Schlüsselfiguren der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), erneut gegen die türkische Regierung. Dann aber räumte er auch ein, dass der Plan des bewaffneten Kampfes in Cizre und andererorts ein Desaster war.

Diyarbakir / TP - Im Südosten der Türkei werden die von Provinzverwaltungen seit Oktober 2015 mit Unterbrechungen angeordneten Ausgangssperren wieder gelockert. Militärische Operation wurden wieder auf ein Minimum heruntergefahren, die Sicherheit und Ordnung wird aber durch massiven Einsatz von Sondereinsatzkräften der Polizei sichergestellt.

"Es werden noch viele Ankaras geschehen"

Derweil konkretisiert Duran Kalkan, einer der Schlüsselfiguren der Terrororganisation PKK, seinen scharfen Tonfall in den letzten Tagen und kündigt Vergeltung in ungeheurem Ausmaß an. Weg vom Kampf in den von mehrheitlich von Kurden bewohnten Städten, wieder hin in die westlichen Metropolen. Wie er das bewerkstelligen will, steht indes im Raum. Aber die Äusserungen Kalkans deuten an, dass die PKK wie in Ankara Mitte Februar mit weiteren Selbstmordanschlägen antworten wird. Antwort auf die vielen Rückschläge in den letzten Monaten. 

Stadtteile besetzt aber nicht halten können

Die PKK hatte seit Ende des Jahre 2015 in mehreren südöstlichen Städten wie Nusaybin, Cizre, Diyarbakir-Sur oder Sirnak den bewaffneten Aufstand erprobt, was aber innerhalb von drei Monaten in einem Fiasko für die PKK endete. Duran Kalkan erklärte daraufhin Ende Februar, der Kampf in den Städten habe eine schreckliche Bilanz angenommen. In der Erwartungshaltung, dass der Feind (Militär) in diesem Maßstab nicht eingreifen werde, weil es ja im grunde Menschen seien, habe man sich aber geirrt. Eine Aussage die die Tragödie zusätlich unterstreicht.

PKK nahm an, dass der "Kampf" in den Städten ohne Kämpfe zu gewinnen sind

Die Worte Kalkans beschreiben das Resultat des "Kampfes". "Cizre ist ein einziger Friedhof" titelte u.a. die BBC in türkisch, die von Beobachtungen durch die Journalistin Hatice Kamer ergänzt wurden. In Cizre verhängte die Provinzverwaltung die Ausgangssperre Mitte Januar 2016 und beendete es am 11. Februar. In dieser Zeit begangen auch die militärischen Operationen gegen die PKK, die sich in vielen Stadtteilen massiv aufgerüstet auf einen Häuserkampf eingestellt hatte. Gegenwärtig ist Cizre zum Teil entvölkert. Sehr viele der Einwohner flüchteten aus den Kampfzonen in umliegende Dörfer oder zogen gleich zu Verwandten in den Westen. 

Die Rückkehr: "Erwartet von mir kein Mitleid"

Jetzt wo die Stadt nicht mehr vom Militär belagert und die Polizei die Ordnung und Sicherheit der Stadt übernommen hat, kehren auch die Menschen zurück. Eine Szene, dass die Journalistin Kamer dabei beobachtet hatte ist bezeichnend für die Situation vor Ort. Eine Frau mit Kind kommt an eine Polizei-Kontrolle und will wieder in die Stadt zurück. Sie hat ihren Personalausweis nicht mit und fleht um Hilfe und Einlass. Der Polizist wiegelt mit den Worten ab: "Erwarte von mir kein Mitleid oder Hilfe. Erzieht Terroristen und erwartet dann Mitleid... Ich habe kein Mitleid mit Müttern, die Terroristen erziehen. Erst wenn ihr Kinder erzieht die auch Achtung vor einer Nation haben, erst dann könnt ihr von mir Mitleid und Hilfe erwarten." Ein einzelnes Ereignis kann zwar nicht als die Regel verstanden werden, aber nicht einmal die Polizei scheint in dieser unwirtlichen Stadt noch daran zu Glauben, dass dieser Ort einmal friedlich sein wird. 

Die Schere zwischen Mitleid und Hass liegt nah beieinander

Wie konnte es soweit kommen? Pragmatisch betrachtet hat das eine zum anderen geführt. Erst starben Polizisten, dafür dann Terroristen und als Terroristen in den Städten ihr Vorhaben umsetzten, starben diesmal alle: Polizisten, Militärs, Terroristen und Zivilisten. Aber eine Frage hat Duran Kalkan bereits beantwortet: dass die PKK in dem Irrglauben in die Städte kam, die Sicherheitskräfte würden nicht einschreiten. Im Grunde waren auch die Anzeichen dafür schon längst gegeben und die PKK sich langsam sicher, dass der Staat sich zurückgezogen hat. Man befand sich während einer Phase des Friedensprozesses, der damalige Ministerpräsident Erdogan zügelte die Provinzverwaltung und die widerum die Sicherheitskräfte. Allein im Jahre 2015 beantragten Sicherheitskräfte, darunter das Militär, Sondereinsatzkräfte der Polizei und Geheimdienste insgesamt mehr als 200 Operationen gegen die PKK. Aber nur 8 Operationen wurden letztendlich stattgegeben. 2014, 2013? Laut Medienberichten waren in diesen Jahren fast keine Operationen gegen die PKK zu verzeichnen.

PKK rüstet in den Städten im Südosten auf 

Das Militär, die Polizei, die Gendarmerie waren gezwungen, den Schmuggel von Mensch und Material in die Städte nur zu beobachten. Mehr war ihnen von staatswegen nicht gestattet. Während des Friedensprozesses, so das Resümee der Sicherheitskreise, verwandelte die PKK die Städte in Festungun und mitten drin die Bevölkerung als Geisel, als Faustpfand gegen die Staatsautorität. Die Rechnung der PKK, der Staat werde, da sie ja auch in dem besagten Zeitraum nicht einschritt, nur zusehen wie man in den Städten die Selbstverwaltung und Autonomie ausspricht und langsam die Ordnung und Verwaltung übernimmt, ging aber nicht auf. Kalkan hatte sich "geirrt". Das Militär wurde vom Staat ermächtigt, die Ordnung und Sicherheit wiederherzustellen. Mit tragischem Ausmaß, wie wir jetzt feststellen müssen.

Frage: "Konnte dass die PKK nicht berücksichtigen?"

Hatte die PKK dies nicht vorhersehen oder in ihren Plänen berücksichtigen können? Oder ist das jetzige Bild in Cizre nur das Ergebnis der eigenen Ignoranz? Hat sich der Staat in Cizre selbst begraben oder hat die PKK dem Staat nur dabei geholfen, die Stadt in Schutt und Asche zu legen, die Bevölkerung in Gefahr zu bringen? 

Der Verstand sagt einem, dass der Staat als Ordnung sich nie erpressen lassen wird. Keine Nation der Erde würde sich erpressen lassen. Das musste auch der PKK bewusst sein und nach mehr als 30 Jahren sich auch in einigen Betonköpfen eingraviert haben. Kalkan müsste im Grunde jetzt Rede und Antwort stehen: für die vielen Symbole der Stadt, die heute nicht wieder zu erkennen sind. Er müsste jedem der einzelnen zivilen Opfern erklären, weshalb die PKK ihren Kampf in die Städte trug und jetzt von einem "Irrtum" redet. Aber es ist zu spät. Nach den Parlamentswahlen hatte die PKK mit ihrem demokratischen Ableger, der HDP, die Chance sich mit 80 Abgeordneten in der türkischen Politik einzubringen. Sie gewannen diese Position ohne Kampf, sondern mit den Stimmen der Wähler. Heute ist davon nichts mehr übrig. Die PKK hat massive Rückschläge erlitten und im Parlament ist das Vertrauen gegenüber der HDP gesunken wie noch nie. Sie ist nur noch anwesend, nicht mehr, nicht weniger.

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