Ali Ertan Toprak - PEGIDA und Türken einig im Geiste?

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Ali Ertan Toprak - PEGIDA und Türken einig im Geiste?

November 13, 2015 - 20:44
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In Gesellschaft und Medien werden Türken und die Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes neuerdings als radikale Brüder im Geiste gehandelt – zu Unrecht. Ein Plädoyer gegen den Rufmord an 1,8 Millionen türkischen Mitbürgern.

Wo steckt sie bloß, die offensive türkische Gewaltmacht, die von der türkischen Regierungspartei AKP gesteuert, hiesige Gegner bekämpfen soll? Die "Erdogan" rufen, bevor sie zum Gewaltakt übergehen? Die im AKP-Parteibuch schmökern, bevor sie Einschüchterungskampagnen im Internet starten? Die Frage drängt sich regelrecht auf. Schließlich beschwören die in Deutschland ansässige Kurdische Gemeinde in Deutschland (KGD), der Christlich-Alevitische Freundeskreis (CAF) oder die Alevitische Gemeinde in Deutschland (AABF) abwechselnd die Deutschen damit. Ali Ertan Toprak hatte oder hat in der einen oder anderen Position mitgewirkt oder war in irgend einer Art verbandelt. Der selbe Aktivist, der jetzt sogar übergeht, vor dem Gegenstück der PEGIDA (Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes) zu mahnen.

Türken - Die neuen offensiven Feindprediger und Kampagnenstarter?

Die fatale Gleichsetzung von Türken und der PEGIDA durch Ali Ertan Toprak mit dem Steigbügelhalter der "WELT", Till-R. Stoldt, soll wohl die gesellschaftliche Mitte erreichen. Jüngst schrieb Stoldt über die Sorgen der hiesigen "Aleviten" und "Kurden", die wie nicht anders zu erwarten war, allesamt von der KGD und AABF vereinnahmt und vertreten werden, in seinem Artikel "So sorgt Erdogan für Gewalt in Deutschland". Schon zuvor warnte man mit ähnlichen Artikeln zunächst noch vor den Ultranationalisten, dann von den Erzkonservativen Islamisten, um jetzt gleitend in den nationalistisch-islamistischen Diskurs und deren Gefahren überzugehen. Ein Paradoxon in sich. 

Zugegeben, das Interessen an verfassungsfeindlich verbotenen Organisationen wie z.B. der PKK von der PEGIDA und Türken hierzulande, mag beide Gruppen verbinden. Trotzdem führt kein Weg am Befund vorbei: Wer bei Türken und der PEGIDA Gemeinsamkeiten anstelle von Unterschieden hervorhebt, der verzerrt die Realität, verharmlost die Herausforderung durch die hiesige türkische Gemeinde und verunglimpft eine Bevölkerungsgruppe. Denn selbst wenn man Türken für engstirnige Türkei-Freaks halten mag - auch sie verdienen, vor Verleumdung geschützt zu werden.

Und um nichst weniger geht es bei dieser Gleichsetzung. Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen: Türken (früher meist "Kanacken" oder "Ausländer" genannt) leben eine innige Beziehung zu ihrem Vaterland, hinterfragen die Türkei kaum gesellschaftlich-kritisch und ticken politisch meist konservativ. Gleichen sie damit PEGIDA-Anhänger, also Extremisten, deren Agitation sich laut Verfassungsschutzbehörden der Länder auf rechtsextreme Tendenzen bei Ablegern von PEGIDA hinweisen und Wissenschaftler, Politiker, Vertreter von Religionsgemeinschaften und weitere zivilgesellschaftliche Organisationen vor Nationalismus, Islamfeindlichkeit, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus, die von diesen Demonstrationen ausgingen, warnen. Bundespolitische Vertreter verschiedener Parteien warfen PEGIDA vor, den Boden für das Kölner Attentat auf Henriette Reker im Oktober 2015 bereitet zu haben. Der stellvertretende CDU-Bundesvorsitzende Armin Laschet forderte PEGIDA-Mitläufer auf, "nach Köln“ zu schauen, und warnte vor Menschen, die sich von "gefährlichen Worten und Bildern möglicherweise zu Taten anstacheln lassen“. Die SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi bezeichnete die Pegida-Organisatoren als "Demokratiefeinde“ und "geistige Brandstifter“ und machte Rechte für das vergiftete Klima verantwortlich, aus dem der Anschlag erwachsen sei. Auch die Bundesvorsitzende der Linken Katja Kipping konstatierte "eine neue Unverfrorenheit, auch eine neue Gewalteskalation“, die jeden treffen könne, wenn "der braune Mob einmal loslegt. […] Pegida, AfD und Co. haben ganz klar eine gesellschaftliche Stimmung mit angeheizt, die dann zu solchen erschreckenden Übergriffen führt.“

"deutlich mächtiger und gefährlicher als die deutsche"

Verschiedene Beobachter der Szene erkennen einen Zusammenhang des deutlichen Anstiegs von Anschlägen auf Asylbewerberheime mit der Entstehung und Erstarkung der PEGIDA-Bewegung. Von führenden deutschen Politikern wurde namentlich PEGIDA nach dem Mordanschlag eines mutmaßlichen Rechtsextremisten auf die damalige Kölner OB-Kandidatin Henriette Reker vorgeworfen, den geistigen Boden für die Tat bereitet zu haben. Tatsächlich sind aus diesen Reihen auch Gewaltprediger, Hassprediger und Gewalttäter in beachtlicher Zahl hervorgegangen. Niemand kann mehr die Anzahl der Asyl- oder Notunterkünfte (diejenigen die von Gemeinden dazu angeworben oder dazu erklärt worden nicht miteingerechnet) beziffern, die in den letzten 12 Monaten in Brand gesetzt, beschmiert oder tätlich angegriffen worden sind. Niemand kann bis dato beziffern, welche Übergriffe auf Migranten oder Flüchtlinge bzw. Asylanten unter dem Begriff "Rassismus" fallen, weil diejenigen in den ermittelnden Behörden seit dem NSU-Skandal einen weiteren Skandal wittern. Das kann kaum verwundern, verstehen die Gewalttäter doch die Hetzreden wie eine Notstandserklärung, die einem verfassungsgemäß zusteht und in ihren Augen längst überfällig ist. Deswegen werden auch etliche strafrechtliche Anzeigen gegen bekannte Persönlichkeiten aus diesem und nahem Dunstfeld betrieben und stehen unter gesonderter Beobachtung. Beobachtung deshalb, weil die Hetzreden bereits solche Formen angenommen haben, dass der tobende Beifall wie im Fall Pirincci vor der Dresdener Bewegung bei der 1-Jahr-Resümee-Treffen nur noch das monströse Gesicht offenbarte, wie es der ehemalige BDI-Chef und frühere Vize-Vorsitzende der AfD, Hans-Olaf Henkel, über seine ehemalige Partei unumwunden beschrieb: Monster.

Nichts davon gilt für die rund 1,8 Millionen Türken hierzulande, wie die Gemeinden, die religiösen Verbände und Vereinsvorsitzenden immer wieder beteuern. Im Gegenteil, ohne Abstriche bekennen sie sich alle hierzulande zum Rechtsstaat und Menschenrechten und die religiösen Verbände hatten schon immer betont, dass die Verfassung über ihre religiöse Weltanschauung stehe. Bislang wurde auch keine Unterkunft von Türken angegriffen oder wurden öffentlich Hassreden verkündet, klatschte man Beifall für nicht mehr zur Verfügung stehende KZ´s und auch sonst war man immer bemüht, trotz der heftigen Vorwürfe, Schuldzuweisungen, Etikettierungen, die Contenance zu bewahren. Türken kämpften und kämpfen seit neuestem für ihr Recht, sich vor Verleumdungen, Agitationen und Parteinahme gegen ihr Vaterland demokratisch und mit einer entsprechenden Mundart wie Ali Ertan Toprak, zur Wehr zu setzen und wenn es unbedingt sein muss auch gegen eine Spendenaktion, die einem Verein zugutekommen soll, die sich von einer Terrororganisation nicht lossagen kann. Ergibt es einen Sinn, den Unterschied zwischen Freunden und Feinden der Demokratie und Menschenrechte mit "deutlich mächtiger und gefährlicher als die deutsche" wegzuwischen?

Doppelmoral und Zermübetaktik gegen deutsch-türkische Lobbyvereine

Die KGD unter Ali Ertan Toprak scheitert aber bereits an ihrer eigenen Haltung zum Rechtsstaat, wenn sie sich nicht gänzlich von einer Terrororganisation distanziert, die ja bekanntlich von der PEGIDA in ihrem Positionspapier ebenfalls als verbotene Organisation aufgeführt wird. Schlimmer noch: Wer auch noch die Regierung offiziell dazu ermuntert, die Verbotsverfügung gegen die PKK aufzuheben, hat nicht nur ein Demokratiedefizit, sondern auch ein falsches Verständnis zum Rechtsstaat. Die Doppelmoral in der Geschichte zur "dm-Aktion", die in dem jüngsten Artikel als Paukenschlag dienen soll, liegt aber darin, dass die KGD schon vor Monaten eine ausgeartete Form einer Kampagne gegen "Made in Türken" lancierte und nach dem es auch durch die hiesigen Türken bei ihrer "dm-Aktion" publik wurde, alsbald unter den Teppich gekehrt wurde, wie wir bereits hinreichend darüber berichtet hatten. 

Die jüngste Taktik, Gemeinde- oder Verbandsmitglieder offiziell anzugehen, hat Methode und ist nicht neu. Die Vorgehensweise dabei ist perfide: Die Untergliederungen der KDG, ihre Netzwerkpartner (AABF, CAF usw.) und einzelne Persönlichkeiten aus dieser Community bringen sich in Stellung und gehen gegen die Zielperson mit der Keule des türkischen Ultranationalismus oder des fanatisierten Islamismus vor. So werden sowohl die Ängste und Vorurteile der deutschen Mehrheitsgesellschaft als auch die niederen Instinkte fremdenfeindlicher und islamophober Gruppen gegenüber Türkinnen und Türken in Deutschland bedient. Schützenhilfe erhält diese Gruppe der Agitatoren hin und wieder vom Redakteur der "WELT" Till-R. Stoldt, der bereits einige Jubelartikel und Interviews über die alevitische oder kurdische Gemeinde verfasst hatte bis hin zur „Aktion Linkstrend stoppen“ von CDU-Mitgliedern, die der rechtsextremen Anti-Islam-Szene durch ein wechselseitiges, von Sympathie geprägtes Naheverhältnis verbunden ist.

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