Aktfotografie in Berlin: "Wir sind ja nicht in der Türkei"

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Aktfotografie in Berlin: "Wir sind ja nicht in der Türkei"

April 24, 2016 - 14:44
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Das Rathaus von Berlin-Köpenick hat etwas gegen Nacktfotos in einer Ausstellung. Religiöse Gefühle von Menschen mit Migrationshintergrund könnten verletzt werden, teilte das Rathaus mit. Künstler und Bürger wittern Zensur, Migranten erklären jedoch: "Schließt nicht von euch auf andere."

Das Rathaus von Berlin-Köpenick hat etwas gegen Nacktfotos in einer Ausstellung. Prompt ist der Aufschrei groß. Nach Böhmermann-Kritik, "Islam-Debatten und "Sharia in Deutschland" reiht sich diese "Affäre" nahtlos in die unzähligen Debatten über die mutmaßlich sittlichen Muslime in Deutschland ein, die alles andere als diese Kultur verinnerlichen. Aber ist das tatsächlich ein muslimisches Phänomen oder eher ein Problem der Gesellschaft selbst, die von sich auf andere schließt?

Die Berliner Kulturamtsleiterin Annette Indetzki ließ Aktfotos abhängen. Ihr Begründung dazu: "Grund ist, dass es sich beim Rathaus um ein öffentliches Dienstgebäude handelt, das von den Bürgern in erster Linie wegen der Erledigung von Amtsgeschäften und selten gezielt zum Besuch einer Ausstellung aufgesucht wird. (…) Darüber hinaus kommen viele Menschen mit Migrationshintergrund in das Rathaus, deren religiöse Gefühle durch Aktfotos nicht verletzt werden sollen.“

Besucher sind empört, erklären: "Wir sind ja nicht in der Türkei." Diese und andere Meinungen nach der "Zensur" zeigen aber, das man von sich auf andere schließt. Innerhalb der türkischen Community wird die Debatte über Aktfotos in Berlin u.a. mit den unzähligen Galerien in Istanbul beantwortet, in denen Aktfotografien bislang ohne Zensur auskamen, z.B. die erst jüngst geendete Ausstellung "Üryan, Çıplak, Nü" in Taksim oder die Austellung in  Izmir. Oder die türkischen Medien, in denen in "Bild"-Manier nackte Frauenkörper zur alltäglichen Zurschaustellung nicht nur in liberalen, sondern auch in konservativen Blättern dargeboten werden. Dabei muss man aber nicht erst weit ausschweifen, um das Problem in Deutschland beim Namen zu nennen. In der türkischen Community ist die Sicht auf die Dinge ausgereifter als die manch eines Berliner Ausstellungsbesuchers:

Nippel und Schamhaare

Wieder ist der Aufschrei groß. Einknicken vor dem Islam! Vorauseilender Gehorsam! Sharia in Deutschland!
Was ist passiert? Im Rathaus Berlin-Köpenick gab es eine Kunstausstellung mit über 330 Werken, und bei einem der Bilder war ein Nippel zu sehen und bei dem anderen Schamhaare. Nachdem es Proteste gab, wurden die beiden Bilder abgehängt. Weil es Muslime stören könnte, hieß es.
Wie muss ich mir das vorstellen? Dass ein vollbärtiger Moslem mit seiner verschleierten Frau durch die Ausstellung schlendert, um sich zeitgenössische Kunst anzusehen, dann aber erschrickt, weil zwei Aktfotos zu sehen sind? „Hör zu, Weib. Ich liebe zwar die ausdrucksstarke Farbwahl und den lebhaften Pinselstrich beim Postimpressionismus, aber Nippel gehen gar nicht. Das ist gegen unsere Religion.“

Muslime wissen in der Regel, in welchem Land sie leben. Bei jeder Tankstelle gibt es im Zeitschriftenregal mehr nackte Haut zu sehen als bei so einer Ausstellung. Dazu im Fernsehen, auf Werbetafeln, im Freibad, auf der Straße. Ich lebe seit fast vierzig Jahren in Deutschland und habe von Muslimen die allerdümmsten Sachen sagen hören, aber dass sich einer von denen an der Freizügigkeit im Land gestört hat, bisher noch nicht. 
Oder an dem Klassiker: Weihnachtsmarkt. Glaubt tatsächlich jemand, dass ein gläubiger Muslim es dort mit drei Glühwein und zwei Feuerwürsten krachen lässt, weil der Markt Wintermarkt heißt? Oder seine religiösen Gefühle von Ostern, Pfingsten oder Buß- und Bettag verletzt sieht? Ich habe erst vor zwei Jahren erfahren, wer dieser St. Martin überhaupt ist, trotzdem nenne ich meinen Arbeitskollegen Martin seitdem nicht Laterne.

Ich weiß wirklich nicht, ob das gut gemeint sein soll, wenn sich Leute darüber Gedanken machen, was Muslime stören könnte oder ob sie einfach nur glauben, dass das alles Idioten sind, die nicht für sich selbst sprechen können. Allerdings tun sie mit so einem Käse niemandem einen Gefallen. Aber meistens fühlen sich diese Personen selber durch irgendwas gestört und schieben die Muslime als Grund vor. Wie auch bei dieser Ausstellung im Rathaus. 
Die Proteste kamen ausschließlich von einzelnen Mitarbeiterinnen und einer Besucherin. Keine davon war Muslimin oder hatte Migrationshintergrund.

Quelle: Sahin Karanlik

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