"Vorbildliche Türkei" - Syrische Bräute und Wirklichkeit

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"Vorbildliche Türkei" - Syrische Bräute und Wirklichkeit

März 12, 2016 - 00:56
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Ein Streit im sozialen Netzwerk Facebook offenbart, weshalb die Flüchtlingskrise durch Aktionismus und Jammerkultur weiterhin eine Krise in Europa bleiben wird.

Berlin / TP - Erneut offenbart der Aktionismus und die Jammerkultur in Deutschland und Europa insgesamt, weshalb die Flüchtlingskrise nicht zu schaffen ist. Das Dilemma der syrischen Flüchtlingssituation ist vor allem politischer Natur, in der zwar alle ihre Interessen haben, jedoch keine Antworten, ja gar Lösungen vorschlagen. Stattdessen sehen wir nur Interessensgemeinschaften, die sich über den Rücken der Flüchtlinge Vorteile erhoffen. Das kann mitunter zu Diskussionen führen, wie heute im sozialen Netzwerk Facebook, in der Ali Ertan Toprak, Vorsitzender der Kurdischen Gemeinde Deutschland (KGD), Resümee über einen Artikel der österreichischen Tageszeitung "Österreich/OE24.at" zieht. Sein "nüchternes" Urteil:

"So sieht die Flüchtlings-Wirklichkeit" in der "vorbildlichen Türkei" aus."

Bezug nimmt Toprak dabei auf einen Artikel der OE24 vom 10. März mit dem Titel "Immer mehr Türken kaufen sich syrische Kinderbräute". Darin wird widerum auf einen Artikel der "Augsburger Allgemeinen" vom 7. März Bezug genommen, die widerum auf einen Bericht der "Hürriyet" mit dem Titel "In Kilis haben Frauen Angst vor einer Zweitfrau" vom 16. Februar zurückgreift. Kurz gesagt, aus einer Mücke wird geflissentlich ein Elefant gemacht. Fazit: Die Übertreibungssucht, der Aktionismus, die Jammerkultur hat erneut zugeschlagen. Aber eins nach dem anderen...

Die OE24.at schreibt in ihrem Artikel

"In Kilis leben mittlerweile mehr Syrer als Türken. „Leben“ ist dabei Schönfärberei – Überleben trifft es wohl besser.

Die Menschen hausen unter schrecklichen Bedingungen. Die Frauen werden vor Ort als Zweitfrauen für türkische Männer verkauft, da sie die wirtschaftliche Notlage dazu zwingt. Diese „inoffiziellen“ Frauen werden Imam-Ehen genannt. Dabei werden 15-jährige Mädchen oft 60-jährigen Männern verkauft. Alles unter den Augen des hiesigen Bürgermeisters. Dieser erkennt zwar die Problematik, sieht sich jedoch auf verlorenem Posten..."

Die Augsburger Allgemein schrieb zuvor und bezog sich dabei auf die Hürriyet mit den Worten:

"In Kilis leben mehr Syrer als Türken, viele syrische Familien nagen am Hungertuch. Und deshalb werden immer mehr Mädchen im Kindesalter verkauft. Hasan Kara, Bürgermeister von Kilis, räumte das Problem gegenüber Hürriyet ein. Doch er ist machtlos dagegen, denn immer mehr Männer nehmen sich eine Syrerin, auch wenn sie schon verheiratet sind..."

Und worüber berichtete die Hürriyet zu dieser Angelegenheit? Frei übersetzt schreibt die Hürriyet, dass die Frauen in Kilis inzwischen nur ein Thema haben. Über das syrische Gleichgeschlecht, die von örtlichen verheirateten Männer als Zweitfrau genommen werden. Der Bürgermeister von Kilis meint dazu, dass das Verhalten nicht korrekt sei, aber leider vorkomme. Weiter heißt es in dem Artikel, eine Ehefrau namen Filiz beschwere sich über ihren Ehemann, der seine Unzufriedenheit mit ihr, durch Drohung mit einer syrischen Zweitfrau, zum Ausdruck bringe und sie den Zustand langsam nicht mehr ertrage.

Aber der Artikel der Hürriyet gibt auch Auskunft darüber, wie die Lage in Kilis, der Grenzstadt zu Syrien, ist. In Kilis hat sich noch kein Ghetto gebildet. Die Flüchtlinge bilden auch keine Parallelgesellschaft. Sie leben mit der örtlichen Bevölkerung in Luxusvillen wie auch in herunter gekommenen Hütten, gemeinsam. Das Schicksal wird geteilt, so oder so. Der Bürgermeister beschreibt die Situation in seiner Stadt aber konkreter als die Augsburger und die Österreichische. Mit den Syrern verstehen sich die Kilisler nicht, die Lebensart, Kultur, Sprache, einfach alles ist anders. Aber, seit dem die Menschheit existiert, kann man kein anderes Beispiel finden, in der die Gastfreundschaft so ausgeprägt ist wie in Kilis, meint der Bürgermeister.

Zieht man jetzt Bilanz, versteht man vielleicht auch die Diskussion in Facebook, mit  der Ali Ertan Toprak eigentlich die "Türken" in ein anderes Licht rücken wollen und von Daniel Bax, einem deutschen Journalisten, aufgegriffen wurde. Aber der Artikel in der Hürriyet geht ja noch weiter. Der Bürgermeister von Kilis beschreibt auch den plötzlichen Bevölkerungszuwachs. Die Grenzstadt die normalerweise rund 106.000 Einwohner hat, beherbergt inzwischen mehr als 117.000 syrische Flüchtlinge. Mehr als jeder zweite in der Stadt ist ein syrischer Flüchtling und hier fängt auch die Problematik an, die der Bürgermeister offen zugibt, aber Toprak in Frage stellt.

Die Stadt ist nicht im gleichen Maße gewachsen. Die Kanalisation, die Müllabfuhr, das Wasserversorgungsnetz, einfach alles ist nur auf den Normalzustand ausgelegt und nicht für mehr als 200.000 Bewohner. Man erhalte zwar umfangreiche Unterstützung durch Ankara, aber man sei nicht Herkules und könne auch keine Wunder vollbringen. Der Bürgermeister erwähnt auch, dass die Problematik auch in London zur Aussprache gebracht wurde. Er habe deutlich gemacht, dass die Stadt Kilis für diese Menschen nur eine Zwischenstation nach Europa sei und dass die Menschen auch nicht durch Minen aufzuhalten seien, wenn die Lebensstandards der Flüchtlinge nicht bald angehoben werden. Europa müsse sich dieser Verantwortung stellen, heißt es in dem Artikel weiter.

Selbstverständlich erwähnt der Artikel auch den Handel mit minderjährigen Mädchen, die ein Goldhändler aus Kilis erzählt. Aus Ankara oder Samsun sollen sie kommen, ältere Herren, die zur Auslösung Goldketten und Ringe kaufen. Es wird auch über die Anstrengungen berichtet, Kinder von den Straßen zu holen, sie in die örtlichen Schulen einzugliedern, auch wenn sie nicht in den vorgesehenen Kleidern, aber doch mit einem Schulranzen ausgestattet werden, die Schulen besuchen. Kinder würde man jedenfalls auf den Straßen nicht mehr betteln sehen. Der Provinzgouverneur erklärt der Hürriyet, es seien inzwischen 75 Prozent der 30.000 Kinder in Schulen untergebracht worden. Nur 7 Prozent der über 15 jährigen, würden aber solche Schulen aufsuchen. Der größte Teil dieses Alters würde für das Einkommen der Familie mitsorgen oder werde früh verheiratet werden.

Auch der Landrat von Kilis kommt in dem Artikel zu Wort. Nach bisherigem Stand sei die Kriminalität nicht signifikant angestiegen. Es käme zwar zu kleineren Streitigkeiten, aber insgesamt betrachtet, sei die Lage weiterhin normal. Der Landrat ergänzt aber auch, dass die Stadt nicht mehr in der Lage sei, die an der syrischen Grenze ausharrenden Flüchtlinge aufzunehmen. Der Umstand sei auch Ankara bekannt.

Hat man jetzt den gesamten Artikel Revue passieren lassen, hört sich das ganze in Zusammenhang mit den Artikeln von Augsburger Allgemeinen und OE24 schon ganz anders an. Deshalb jetzt zu der Diskussion zurück, die in Facebook heute an Fahrt aufnahm und in erschreckender Art aufzeigt, weshalb das Interesse von Toprak und überhaupt in der europäischen Politik nicht das Los der Flüchtlinge teilen, sondern ausnutzen... Der Journalist Daniel Bax kommentiert nach dem Post von Toprak: "Unter diesen Türken dürften nicht wenige Kurden sein. Das sollte man vielleicht nicht vergessen zu erwähnen.", woraufhin Toprak zur Gegenwehr übergeht:
 

Ali Ertan Toprak: Daniel Bax, wenn Sie das befriedigt können wir gerne ihre Mutmaßung aufnehmen. Genauso schlimm! Egal welcher Herkunft. Es geht doch darum, dass das unter staatlicher Aufsicht und Duldung passiert. Kurden sind nicht die besseren Menschen!!!!

Daniel Bax: Sie legen doch sonst so viel Wert darauf, zwischen Kurden und Türken zu unterscheiden. Dann sollte man auch so ehrlich sein, zu erwähnen, dass Kurden nicht immer nur Opfer sind. Es wäre schön, wenn sich die Kurdische Gemeinde gegen solche Entwicklungen...Mehr anzeigen

Ali Ertan Toprak: Dann interviewen Sie mich doch dazu und verhalten sich wie ein objektiver Journalist und nicht immer als Anwalt der Türkei und der orthodoxen islamischen Verbände bei jeder Gelegenheit.

Daniel Bax: Ich habe Ihren offenen Brief gelesen, den die "Welt" veröffentlicht hat. Und ich frage mich, wie die "notwendige Zusammenarbeit mit der türkischen Regierung" aussehen soll, von der sie dort schreiben. Sie schreiben nur, wie sie NICHT aussehen soll. Mir scheint daher, das Los der Flüchtlinge aus Syrien interessiert sie gar nicht so sehr. Hauptsache, Deutschland kritisiert Erdogan. Und über ihren Diffamierungsversuch sehe ich mal höflich hinweg.

Ali Ertan Toprak: Daniel Bax, das was Sie machen ist Diffamierung. Jede öffentliche Erdogan Kritik von mir erzeugt bei Ihnen unmut. Warum stört Sie immer so sehr, dass ich diesen Autokraten kritisiere?
Ich kritisiere Erdogan, weil ich eine freiheitlich-demokratische Türkei wünsche. Aber was wollen Sie erreichen, in dem Sie Erdogan immer in Schutz nehmen?..

Ali Ertan Toprak: Und zu Kurden Herr Bax. Ja die Kurdische Gesellschaft ist durch Unterdrückung Und Einfluss der Religion zur Rückständigkeit verdammt gewesen. Aber sehen Sie nicht die politischen Entwicklungen in den kurdischen Gebieten? 
Überall gibt es Co-Vorsitzende und Frauenquote in der kurdischen Bewegung. Warum ignorien Sie das?

Daniel Bax: So ein Unsinn. Ich kritisiere Erdogan auch, und ich werfe ihnen nicht vor, Erdogan zu kritisieren, darum geht es och gar nicht. Es geht um die Frage, wie man den Flüchtlingen aus Syrien hilft. Und da halte ich eine Zusammenarbeit zwischen der EU und der Türkei leider für unausweichlich.

Daniel Bax: Ich wünsche mir auch eine freiheitlich-demokratische Türkei, und Frauenquote ist eine gute Sache. Warum hat die Kurdische Gemeinde in Deutschland eigentlich noch keine Co-Vorsitzende?

Facebook, Ali Ertan Toprak

und es geht noch weiter...
Angesichts der hiesigen Probleme, erscheint die Diskussion tatsächlich nur ein Schauplatz politischer Selbstinszenierung zu sein:

Zuvor hatte bereits Europol ähnliche Zahlen präsentiert. Demnach sind in Europa mindestens 10.000 unbegleitete Flüchtlinge unter 18 Jahren verschwunden. Tausende seien in europäischen Staaten registriert worden, doch dann habe sich ihre Spur verloren, so die europäische Polizeibehörde. Die Bundesregierung hatte angekündigt, deswegen mit Europol Kontakt aufzunehmen und der Sache nachzugehen.

Zeit-Online, 3. Februar 2016, "Fast 5.000 Flüchtlingskinder gelten in Deutschland als vermisst"

Um die Kinder nach Europa schicken zu können, haben sich die Eltern verschuldet. Und die Kinder müssen diese Schuld in Europa abarbeiten. Auch das ist Teil des kriminellen Schleppergeschäfts. Besonders gefährdet sind junge Mädchen aus Nigeria. Sie werden häufig  Opfer von Menschenhändlern, sagt Carlotta Bellini: "Sie landen in Hotels oder Pensionen. Viel öfter noch auf dem Straßenstrich. An diese Mädchen kommt man praktisch nicht heran. Sie werden streng kontrolliert, nicht nur von Männern, auch von Frauen, den sogenannten Mamans. Die halten den Kontakt zu den verschiedenen Männern aus Libyen oder Nigeria, die die Mädchen kaufen und verkaufen."
Italien scheint dem Phänomen der verschwundenen Flüchtlingskinder wenig entgegensetzen zu können und zu wollen. Hilfsorganisationen wie "Save the children" fordern mehr Kontrollen und vor allem mehr Plätze in Aufnahmeeinrichtungen für Minderjährige.

Tagesschau, 1. Februar 2016, "Warum Flüchtlingskinder verschwinden"
 

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