Aleviten kritisieren Politisierung der Verbände

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Aleviten kritisieren Politisierung der Verbände

Oktober 18, 2011 - 16:06
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Nach dem der Vorsitzende des türkischen Alevitenverbandes Balkiz seine Kandidatur bekannt gab, ist auch die Kandidatur Turgut Öker von der AABF publik geworden

Mit der Kandidatur von Vorsitzenden der Alevitischen Verbände in der Türkei und Deutschland zu den Parlamentswahlen am 12. Juni 2011 in der Türkei, sind viele Aleviten in der Türkei und Deutschland nicht einverstanden. Das geht aus zahlreichen Medienberichten und Communityforen hervor, die in der Türkei und Deutschland kursieren. Nach dem bereits der Vorsitzende Ali Balkiz vom Alevitischen Verband in der Türkei (ABF) seine Kandidatur zu den Parlamentswahlen bekannt gab, teilte am 16. Februar auch der Bundesvorsitzende der Alevitischen Gemeinde in Deutschland (AABF), Turgut Öker, in einer Pressemitteilung die in türkischer Sprache verfasst wurde mit, dass er für die Parlamentswahlen in der Türkei als unabhängiger Abgeordneter kandidieren will.

In Deutschland ist dieser Schritt des 50-jährigen Bundesvorsitzenden der in Deutschland ansässigen AABF kaum bekannt. Lediglich die Jugendorganisation BDAJ gab in deutscher Sprache bekannt, dass die Kandidatur beschlossene Sache ist und die Unterstützung des Bundesvorsitzenden zur Chefsache innerhalb der AABF erklärt wurde. Im eigenen Internetauftritt der AABF wird in deutscher Sprache von einer Unterstützung, von Verabschiedung und aktuellen Ereignissen gesprochen. Es geht dabei aber nicht eindeutig hervor, weshalb die AABF die Arbeiten intensiviert und den Bundesvorsitzenden verabschiedet. In türkischer Sprache wird dagegen mitgeteilt, dass die Alevitische Gemeinde Deutschland e.V. in jeder Hinsicht finanzielle wie moralische Unterstützung zugesichert hat. Dies soll während einer ausserordentlichen Sitzung in Brüssel beschlossen worden sein. Die Unterstützung wird u.a. mit einem Spendenkonto realisiert, die auf dem Namen der Alevitischen Union Europa eingerichtet wurde.

Dagegen laufen Mitglieder und Aleviten jetzt Sturm. Ali Balkiz und Turgut Öker wirft man vor, sich über die Verbandssatzungen hinwegzusetzen. Es sei vollkommen ausgeschlossen, das Vorsitzende oder Vorstandsmitglieder sich in politischen Ämtern betätigen und gleichzeitig Verbandsfunktionen tragen. Die Satzung schreibe vor, dass für Rechtspersonen, Personen im Staatsdienst kein Platz sei und so die Verbände vor politischem Einfluss schütze. Entgegen dieser Satzungsvorschrift hätten sich aber beide Vorsitzende zur Wahl als Abgeordnete aufstellen lassen. Auch die Unterstützung der Vorsitzenden zur Wahl sei gegen die Verbandssatzung, da Gelder die durch Spenden oder Einnahmen erzielt worden seien, alleine für Satzungsgemäße Ausgaben verwendet werden könnten. Dem Landesvorsitzenden Ali Balkiz und Bundesvorsitzenden Turgut Öker wird auch vorgeworfen, während der Verbandsinternen Veranstaltungen in der Türkei und in Deutschland in den Jahren 2009, 2010 und 2011, gezielt Wahlanwärter mit anderslautenden Versprechungen gezielt für die Parlamentswahlen geködert zu haben. Der Druck bewirkte aber, dass die türkischen Verbandsmitglieder Ali Baldiz und Fevzi Gümüş von ihren Ämtern in der alevitischen Bewegung zurück traten und sich zur Kandidatur bei der CHP vorstellten. Wie bekannt wurde, werden Baldiz und Gümüş durch die CHP nicht favorisiert und schieden nach Bekanntgabe der Aufstellungsliste aus.

In Deutschland regt sich hingegen Widerstand, da die Interessen der Alevitischen Gemeinde in Deutschland, nicht im Ursprungsland, sondern vermehrt in der Türkei vertreten werden, so die Kritiker. Ausserdem räume die Satzung dieses Recht nicht ein, verwahre sich vor dem Einfluß durch die Politik. Dagegen erklärt der Generalsekretär der AABF, Hüseyin Mat in einer Pressemitteilung in türkischer Sprache, man könne die Probleme der Aleviten nur dadurch lösen, in dem man in die Politik direkt eingreift und die Situation der Aleviten verbessert. Dazu sei es nötig einen unabhängigen Kandidaten aufzubieten. Turgut Öker werde sich als unabhängiger Kandidat für den Istanbuler Wahlbezirk 1 als Abgeordneter in den Parlamentswahlen vom 12. Juni zur Wahl aufstellen. Der Bundesverband habe am 26. Februar in einer ausserordentlichen Verbandssitzung die Erlaubnis dazu gegeben und unterstütze den Bundesvorsitzenden mit allen Mitteln.

Der Streit um Einflußnahme durch die Politik in der Türkei, weitet sich nun auch auf Deutschland aus. Bereits das Treffen, das Anfang März in Köln stattfand und vor deutschen Medien weitgehend unbemerkt blieb und bei der die Alevitische Gemeinde in Deutschland sowie die in der Türkei ansässigen Parteien CHP (Republikanische Volkspartei), ÖDP (Partei der Freiheit und Solidarität) und BDP (Partei des Friedens und der Demokratie) zu einer Wahlkampfplattform aufgerufen hatten, löste Verwirrung aus. Der Vize-Vorsitzende der Alevitischen Gemeinde in Deutschland, Ali Ertan Toprak hatte erst vor kurzem noch kritisiert, dass die Regierung aus Ankara deutsch-türkische Politiker zu ihren Helfern mache. Erdogans AKP werde in Deutschland mithilfe von Konsulaten, Verbänden und Imamen Parteipolitik machen, um politisch aktiv für die Interessen der Türkei zu stehen. "Erdogan sagte, dass man sein Türkentum nicht durch die neue Staatsbürgerschaft verliert", sagte Toprak erst vor kurzem dem Abendblatt. Entgegen dieser Aussage stellt sich nun der Bundesvorsitzende eines in Deutschland gegründeten Verbandes zur Wahl in der Türkei auf. 

Veröffentlicht von turkishpress.de am 15. April 2011

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