Nach heftiger Kritik knickt die DITIB ein - Özoguz kommt doch

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Nach heftiger Kritik knickt die DITIB ein - Özoguz kommt doch

Juni 19, 2016 - 01:15
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Nach der Ausladung der Integrations-Staatsministerin Aydan Özoguz (SPD) durch den Landesverband Türkisch-Islamischen Union Ditib-Nord und weiteren Politikern durch andere Moscheegemeinden schwenkt der aggressive Ton um. Nun ist die Ditib selbst zum Ziel geworden. Die Ditib gibt nun nach und hat Özoguz erneut zum traditionellen Fastenbrechen eingeladen.

Köln / TP - Die Türkisch-Islamischen Union Ditib hält die Fahne wieder in den Wind der Politik. Damit verliert sie aber auch den Rückhalt unter den Türken und türkischstämmigen Deutschen. Zuvor hatten vereinzelte Landesverbände und Moscheen der Ditib, die jährlich stattfindenden traditionellen Einladungen zum Fastenmonat Ramadan kurzfristig wegen Sicherheitsbedenken abgesagt. Den eigentlichen Grund der Ausladungen hatte jedoch der Gemeindevorsitzende der Berliner Sehitlik-Moschee, Ender Cetin, offenbart. Er ist überzeugt davon, dass es trotz politischer Meinungsverschiedenheiten in einer Moschee "ganz sicher nicht" zu gewalttätigen Übergriffen gekommen wäre. Die Gemeinde sei allerdings nach der Verabschiedung der Armenien-Resolution nicht an einem Fastentreffen mit Lammert interessiert gewesen, erklärte Cetin. Cetin begrüßte daher auch die Ausladung der Politiker und vertrat so den Standpunkt sehr vieler Türken und türkischstämmiger Deutschen in Deutschland. 

Die Absage durch die Ditib war sprichtwörtlich aus der Seele der Millionen Türken und türkischstämmigen Deutschen gesprochen. Die Kritik darauf kam prompt, nicht unerwartet und lenkt eigentlich auch vom Hauptproblem ab. Özoguz und zahlreiche Politiker die ebenfalls ausgeladen wurden, sprechen im Gleichklang vom verlängertem Arm der türkischen Regierung. An der Kritik laben sich nun auch die "liberalen Muslime" und anderen "türkeistämmig" regierungskritischen Organisationen und unterstellen der Ditib, im Dunstkreis Erdogans zu stehen. 

Doch was dabei geflissentlich übergangen wird, ist, dass die rund 900 Moscheegemeinden aus der Mitte der türkisch-muslimischen Gesellschaftsschicht in Deutschland heraus entstanden sind und sich freiwillig der Ditib angegliedert haben. Diese Moscheegemeinden nun mit derart aggressivem und stigmatisierendem Ton an der Spitze anpackend maßregeln zu wollen, wird zwar die Verbandsfunktionäre der Ditib zum Nachdenken und Nachgeben bewegen, die überwältigende Mehrheit der Moscheegemeinden wird aber ihren Standpunkt beibehalten: die Armenier-Resolution war ein riesengroßer Fehler und das muss Folgen haben. Daraus wird allerdings nichts. Wenn es nach den Verbandsfunktionären der Ditib geht, sollen die Wogen geglättet werden. Die Integrations-Staatsministerin Aydan Özoguz soll zusammen mit Serap Güler in Köln eingeladen werden. Eine Hiobsbottschaft, geht man den zahlreichen Kommentaren in sozialen Netzwerken nach. Der Unmut wächst und nicht nur erst seit der Annahme der Armenier-Resolution durch den Bundestag.

Hakki Keskin ist das bekannteste und bislang nicht das letzte Opfer dieser gezielten aggressiven Stimmungsmache gegen eine Meinung oder Haltung. Keskin war Mitglied der SPD, bis er im Juni 2005 aus Protest gegen die Regierungspolitik austrat. Anfang 2007 verschärfte sich die Lage erneut, ein öffentlicher Streit um Keskins Haltung zum angeblichen "Völkermord an den Armeniern" eskalierte, Keskin hatte diesen mehrfach in Frage gestellt. Darüber hinaus hatte Keskin mit Diether Dehm am 9. Mai 2007 im Namen der Linksfraktion zum Bergkarabach-Konflikt eine Pressemitteilung veröffentlicht, in welcher der "bedingungslose Abzug der Besatzungstruppen Armeniens aus Karabach und die Wiederherstellung der vollen territorialstaatlichen Integrität Aserbaidschans als unverzichtbare Voraussetzung für eine friedliche Konfliktlösung“ und das uneingeschränkte Rückkehrrecht der vertriebenen aserbaidschanischen Flüchtlinge gefordert wurden. Diese führte dann zu einem Partei-Mobbing. Keskin legte daraufhin sein Amt nieder. Inzwischen ist dieser Politiker-Mobbing zu einem wirksamen Instrument für unliebsame türkischstämmige Politiker geworden. Zahlreiche Politiker wurden so erst stigmatisiert, dann Mundtot gemacht. Entweder man hält die Fahne nach dem Wind der Parteien oder aber, man ist am Ende der Politiker-Karriere, schlimmstenfalls aus der Partei ausgestoßen worden. 

Diese schon antidemokratisch geartete Praxis hat sich derart bewährt, das nun auch die Vereine und Verbände ins Visier geraten. Erst war es der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde zu Berlin, Bekir Yilmaz, der schon kurz vor der Entscheidung des Bundestages seitdem einen langen Atem bewiesen hat und allen Denunzierungen zum Trotz, an seiner demokratischen Meinung und Haltung festhält. Die Türkische Gemeinde Deutschland ist nach Ansicht vieler bereits ein Instrument der deutschen Regierung geworden, was nicht bedeutet, dass die Kritik an ihr medial und breitenwirksam abgeflaut ist. Nun soll nach Ansicht vieler, auch die Ditib gefügig gemacht werden. Allein die Vorstellung, dass die einzigen noch verbliebenen protürkischen Bundesverbände von der Spitze heraus zersetzt werden sollen, ruft Unbehagen und tiefstes Misstrauen hervor. Aber was die türkische Community völlig vor den Kopf stößt ist die Tatsache, dass die Politik sie überhaupt nicht wahrnehmen will und einfach übergeht.

Das Misstrauen gegenüber der Politik wächst und mit ihr auch die Gefahr, dass die Türken und türkischstämmigen Deutschen sich von der deutschen Politik entfremden. Mittlerweile ist die Frust darüber so groß, dass die ersten Stimmen nach einer eigenen Partei in Deutschland laut werden. Dieses Vakuum will u.a. der Unternehmer Remzi Aru aus Berlin sich zunutze machen und hat eine Parteigründung angekündigt. In sozialen Netzwerken wird hierzu bereits eingestimmt. Remzi Aru ist kein Unbekannter und war bereits als Talk-Gast bei Maischberger und verfasste das Buch "Türkei – Feindbild Europas: Die türkisch-europäischen Beziehungen der letzten 20 Jahre. Im richtigen Kontext.“ Ob die neue Partei sich mit diesen und anderen Themen behaupten kann, steht indes noch im Raum. Zu groß sind die ideologischen Gräben unter den Türken und türkischstämmigen Deutschen selbst. Bis dahin wird sich jedoch auch zeigen, ob die Ditib-Spitze sich gegen den jetzt anbahnenden Druck aus den eigegen Reihen nach dieser Kehrtwende behaupten kann. Es wird der erste Lackmustest, der darüber entscheiden wird, ob der Verband die Interessen der Vereine und Vereinsmitglieder vertritt oder einen noch schlimmeren "Verrat" begeht. Letztere würde die Landschaft in der türkischen Community gravierend verändern.

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