Hinter dem Putschversuch in der Türkei steckt die USA

Lesezeit
5 Minuten
Gelesen zu

Hinter dem Putschversuch in der Türkei steckt die USA

Juli 25, 2016 - 02:37
Kategorie:
0 Kommentare

Nach dem missglückten Putschversuch in der Türkei vom 15. auf den 16. Juli sind in der Türkei die Blicke auf die USA gerichtet. Wird der NATO-Partner den meißt gesuchten "Terroristen" ausliefern?

Ankara / TP - Der Journalist und Terrorismusexperte Nedret Ersanel ist sich sicher: hinter dem Putschversuch und den Krisen in der Türkei steckt auch die USA. Hier eine Zusammenfassung seiner Sicht der Dinge über den Putschversuch und den Hintermännern.

Nach dem missglückten Putschversuch in der Türkei in der Nacht vom 15. auf den 16. Juli konzentriert sich die Aufmerksamtkeit auf die USA. Wird der NATO-Verbündete den Top-Terroristen Fethullah Gülen ausliefern? Die Zeichen stehen zumindest gut, wenn man sich vor Augen hält, wie man normalerweise mit den meißt gesuchten Personen verfährt, wenn ein Verbündeter ihn ausgeliefert haben will.

Aber allem Anschein nach ist es für die US-Administration doch nicht so einfach, einem Partner einen meißtgesuchten auszuhändigen. Das wirft Fragen auf. Für die Initiatoren des 15./16. Juli endete das Unterfangen in einem Fiasko. Seit 2013 häuften sich die Angriffe auf die amtierende AKP-Regierung. Der Schuldige war schnell ermittelt: das Fethullah Gülen-Netzwerk. Seit nunmehr 45 Jahren hat es das Netzwerk geschafft, sich in der Mitte der Staatsordnung einzunisten - diese wurde am 15./16. Juli in Bewegung versetzt. 

Schon lange wird der Verdacht gehegt, dass das Netzwerk nicht ohne staatliche Unterstützung ein derart großes Unterfangen auf die Beine stellen und auch umsetzen kann. Der Verdacht bekam nur 24 Stunden nach dem Putschversuch auch ein Gesicht: die USA. Zum ersten mal verwendete Staatspräsident Erdogan immer wieder die folgenden Worte hintereinander, als würde er damit auch die Komplizen beim Namen erwähnen: "USA, Pennsylvania, Fethullah Gülen". Jeder weiß mittlerweile, dass der Sektenführer in den USA im Exil lebt, dennoch wurde genau diese Reihenfolge beibehalten und gebetsmühlenartig wiederholt. Erdogan beließ es aber nicht nur damit. Erdogan erklärte 24 Stunden später, manche Partner hätten die Sorgen nicht ganz verstanden, weshalb die Bilanz schrecklich sei. Erdogan weiter: "Nach diesem Vorfall glaube ich kaum, dass hinter diesem Mann (Gülen) noch irgend ein Staat stehen wird." Diese Aussage allein zeigt, wie ernst es Erdogan ist, diesen "Mann" zu bekommen und welche Konsequenzen man zu befürchten hat, wenn es nicht eintrifft.

Die Reaktion darauf blieb nicht aus. US-Aussenminister John Kerry erklärte, "das türkisch-amerikanischen Verhältnis" würde Schaden davon tragen. Die USA hatten sehr wohl verstanden, wer damit gemeint war, als Erdogan die Worte wohlüberlegt wählte. Es blieb aber nicht nur mit den Äusserungen des türkischen Staatspräsidenten. Justizminister Bozdag wurde sogar überdeutlich und erklärte, das gesamte US-System habe gewusst, was auf die Türkei zukomme. Der Arbeits- und Gesundheitsminister wurde gar überdeutlich als er die USA für den Vorfall verantwortlich zeigte. Jon Kerrys Einwand war fast schon entlarvent. Kerry erklärte, man hoffe, dass der Frieden bald einkehre, aber von welchem Frieden sprach denn der Aussenminister? Für einen Frieden benötigt man zwei Parteien und zumindest einen Konflikt. 

Aber blicken wir doch etwas zurück. Eigentlich könnte man schon mit der Festsetzung türkischer Soldaten durch US-Einheiten im Nordirak beginnen, die bis heute als Erniedrigung der türkischen Armee einen festen Platz in der türkischen Seele bekommen hat. Doch es reicht schon, wenn wir auf den 29. Juni dieses Jahres zurückkehren, also 15 bis 16 Tage vor dem Putschversuch. 1) Das Gespräch zwischen Staatspräsidenten Putin und Erdogan um die Wiederaufnahme der Gespräche. Mit im Gespräch auch Israel und Ägypten. Bereits hier wurde die Strategie der Neupositionierung der türkischen Regierung sichtbar. Einerseits die belasteten Beziehungen auffrischen, andererseits eine kritische Haltung zu den Gegnern einzunehmen. Das offenbart auch, dass die türkische Regierung zumindest erahnte, welcher Gegner sich langsam herauskristalliert.

Zwei Augen sehen mehr als einer!

Als der Putschversuch sich erst auf dem Istanbuler Atatürk-Flughafen bemerkbar machte, reagierte Moskau sofort: "Das ist ein Angriff auf die türkisch-russischen Beziehungen" tönte es. Nur wenige Tage später erklärte der russische Regierungssprecher, dass der Putschversuch eine Woche nach dem NATO-Treffen erfolgte und keiner vorab informiert wurde. Ein erneuter Wink in Richtung USA?

Die Reaktionen der NATO-Verbündeten der Türkei und Russland waren nach dem Putschversuch unterschiedlich. Während die Russen sofort und uneingeschränkt Stellung für Erdogan einnahmen, warnen nun NATO-Partner die Türkei vor diesem und jenem. Während Putin ein kurzfristiges Treffen mit Erdogan ankündigte, schickt Erdogan sein Ministerkabinett einzeln in die USA und Kerry reist nur 24 Stunden nach dem Putschversuch nach Moskau.

Ist die erstarkte Unabhängigkeit der Türkei der Grund für den Angriff?

Am 29. Juni unterschrieben die Türkei und Russland ein Abkommen, aber Putin wollte nicht nur ein taktisches, sondern auch eine langfristige, strategische Partnerschaft. Spätestens jetzt liefen die Telefone heiß, wurden die ersten hellhörig, wurden die ersten Pläne erstellt und besprochen - das geht mittlerweile aus den Unterlagen und Listen hervor, die bei den Putschisten gefunden wurden. Aber auch in Russland war man darauf vorbereitet. Russland um seine eigenen Interessen sehr bedacht, sorgte sich jetzt um einen NATO-Partner, der Türkei, was auch die nationale russische Sicherheit betrifft.

Aber warum jetzt?

Es gibt dazu drei Antworten. Die türkische Armee war drauf und dran anhand von Listen hochrangige Offiziere aus dem Dienst zu nehmen. Ein Termin stand auch schon fest. Zweitens war durchgesickert, dass die ermittelnden Behörden weitere Razzien unternehmen wollten, auch im Militär. Vor allem aber war die USA am Drücker.

Kann sich die USA herausreden?

Es gibt nur noch eine vernünftige Erklärung, wie sich die USA aus diesem Schlamassel herausreden kann: "Ja, es gab einen Angriff aus den USA, aber welche USA?" Sie könnte unter anderem das Pentagon anführen, oder die CIA, das Weiße Haus, denn sie sind alle selbstständige Organe, die voneinander nichts wüssten. Es ist auch bald soweit, dass der amtierende Präsident seinen Stuhl weitergibt...

Der Schalter ist nun umgelegt

Die Festnahmen und Suspendierungen betreffen zehntausende in der Türkei. Es gibt auch keinen anderen Weg daran, die Personen aufzuspüren und ein für allemal auszuschalten. Der Schalter ist in der Regierung umgelegt worden, soviel steht fest. Hunderte werden festgenommen, einige darunter kommen in Untersuchungshaft. Fest steht, es wird nicht blindlinks verhaftet und in Haft gesteckt, sondern nach geltenden Gesetzen gehandelt. Das erfreuliche daran ist, dass die ersten Bekenntnisse zum Netzwerk bekannt wurden, dass die hochrangigen Putschisten ein Geständnis ablegen, die auch in sich schlüssig sind. 

Wird Gülen ausgeliefert?

Möglich ist es, dass der Sektenführer von den USA ausgeliefert wird. Die beiden Aussenminister tauschten sich bereits wegen dem NATO-Stützpuntk Incirlik aus. Der Ministerpräsident übt weiter Druck aus: "Auch wenn die USA meint, nichst mit dem Fall zu tun haben, ihre Entscheidung wird uns das sagen". Auch zwei Minister sind in die USA gereist, um Fethullah Gülen Heim zu holen. Fethullah Gülen ist für die USA nur wegen seines personellen Informationsnetzwerkes von Bedeutung, nicht wegen seiner Person selbst, aber er könnte auch Informationen über die US-Administration haben, was die Sache in die Länge zieht. Aber man muss bedenken, die USA hätten viele Möglichkeiten, den Mann auch hochkant als Verräter aus dem Land zu jagen. Es würde reichen, wenn das Weiße Haus plötzlich ein fingiertes Schreiben zwischen Gülen und der CIA veröffentlicht. Bei der CIA würden die verantwortlichen rausfliegen, Gülen würde abgeschoben werden, der Schaden für die USA aber erträglich bleiben.

Was wird sich alles ändern?

Vor allem die Terrororganisation PKK muss sich jetzt die Frage stellen, von welchen Mächten die Kurden bislang immer ausgenutzt wurden. Die PKK dachte, in den Wirren des syrischen Bürgerkrieges im Norden des Landes ein Kurdistan installieren zu können. Darauf hofften sie nicht nur, sie erhielten auch Unterstützung von den USA und den Europäern. Doch die Europäer ziehen sich aus dem Konflikt immer mehr zurück. Die PKK und alle anderen kurdischen Organisationen müssen nur mal erwägen, wie oft sie in den letzten 100 Jahren missbraucht wurden, für eigene Interessen in der Region und sie werden nun noch einmal verraten werden, von ihren "Verbündeten". 

Woher kann man das ersehen?

Die PKK hat seit dem Putschversuch keine nennenswerten Anschläge mehr verüben können. Davor konnte man noch täglich von einem oder zwei Anschläge ausgehen. Das zeigt aber auch, dass die PKK wohl indirekt oder gar direkt mit Informationen aus diesem Netzwerk versorgt wurde. Diese Informationen gibt es nun nicht mehr, der Handlungsspielraum ist jetzt völlig zusammen gebrochen. Schon davor hatte die PKK einen erheblichen Blutzoll zahlen müssen, als sie versuchte sich dem Südosten zu bemächtigen. Die amtierende Regierung sah diesmal nicht tatenlos zu, sondern ging gezielt und mit Entschlossenheit dagegen vor. 
 

Werbeanzeige