Türkei: Kilis, die Grenzstadt die unter Beschuss steht

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Türkei: Kilis, die Grenzstadt die unter Beschuss steht

April 28, 2016 - 00:54
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Die türkische Grenzstadt Kilis in Südostanatolien hat einen weiteren Sohn verloren. Der bei einem Raketenangriff am 12. April schwerverletzte 14-jährige Muhammed I. verstarb am Mittwoch im Krankenhaus.

Kilis/TP - In der türkischen Grenzstadt Kilis, im Südosten des Landes, ist der erst 14-jährige Muhammed I. an seinen schweren Verletzungen im Krankenhaus erlegen. Muhammed I. ist damit seit dem 18. Januar das 18 Todesopfer. Über 60 Menschen wurden bislang bei Raketenangriffen und Mörsereinschlägen auf die Grenzstadt verletzt, die von syrischer Seite abgefeuert werden. Muhammed I. wurde durch einen Raketeneinschlag am 12. April schwerverletzt. Die türkische Regierung macht dafür die DAESH (Islamischer Staat) verantwortlich. 

Erst am vergangenen Montag waren fünf Syrer bei einem ähnlichen Angriff getötet worden, vier von ihnen Kinder. Die Stadt im Südosten der Türkei wird seit mehreren Wochen immer wieder von der DAESH attackiert. Die Türkei reagiert bislang mit Vergeltungsschlägen mit Panzerhaubitzen. Das reicht der Bevölkerung nun nach mehreren Wochen des Beschusses längst nicht mehr aus. Sie fordern Sicherheit und wenn es sein muss, einen sicheren Korridor entlang der Grenzstadt auf syrischer Seite.

Am Montag kam ein weiteres Panzer-Bataillon in Kilis an, die jedoch nur entlang der Grenze in der Nähe von Kilis Position bezog, höchstwahrscheinlich nur eine Verstärkungseinheit, um die Lücken zu schließen. Die Regierung scheint immer noch unentschlossen zu sein. Die Erklärung des Sprechers des Präsidialamtes macht das umso deutlicher. Man gehe von verirrten Raketen und Mörsern aus, war die lapidare Antwort der Regierung. Während die türkische Regierung in vielen innerpolitischen und aussenpolitischen Themen Kante zeigt, ist sie in der Syrienpolitik fast schon diplomatisch zurückhaltend und agiert auch dementsprechend.

Das wird auch an der bisherigen Politik deutlich. Als die Grabstätte des Sulaiman Schah auf syrischem Gebiet durch die DAESH im März 2014 fast schon umzingelt war, überlegte man in Regierungskreisen, wie man das exklavische Staatsgebiet in Syrien zu schützen imstande ist. Während der damalige Staatspräsident Abdullah Gül die Regierung aufforderte, das türkische Staatsgebiet in Syrien wie das eigene Vaterland zu schützen, erörterten Regierungskreise, wie man sich diplomatisch geschickt Verhalten könnte, um dem nahenden Unheil entgehen zu können. Diese Gespräche wurden kurz danach durch Unbekannte als Audiomitschnitte publik gemacht und kursieren seitdem als mutmaßlicher Beweis, in Syrien einen Krieg anzuzetteln. Die Regierung reagierte verärgert.

Erst 11 Monate später hatte man dann die Antwort darauf, wie man "Sulaiman Schah beschützt - nicht aber die erwartete Antwort. In einer Nacht- und Nebelaktion drangen motorisierte türkische Einheiten in syrisches Gebiet, evakuierten die Grabstätte und nahmen das Sarkophag des Schahs mit. Der DAESH hinterließ man eine Ruine, um ihr den Triumph nicht zu gönnen - Es war aber ein Triumph für die DAESH, den Kritiker sahen darin ein Weichen vor dem heran nahenden Terror. In der Türkei steckte die Regierung für die Art und Weise der Operation auch entsprechende herbe Kritik ein. Anscheinend wollte die Regierung keinen offenen Konflikt mit der DAESH provozieren, zumal auch durch die Audiomitschnitte deutlich wurde, was man insbesondere befürchtete: Vergeltungsschläge, u.a. Terroranschläge in der Türkei durch die DAESH. 

Doch je länger der Konflikt andauert, desto rücksichtloser und provokanter reagiert die DAESH. Immer wieder beschießt die DAESH gezielt die Grenzstadt Kilis. Die türkische Armee reagiert zwar schnell, in dem sie mit Panzerhaubitzen zurückschlägt, aber wie effizient diese Vergeltungsschläge sind, spürt die Bevölkerung von Kilis selbst. Die Raketen- und Mörserangriffe halten weiterhin und unvermittelt an. 

Inzwischen kehren schon die ersten Einwohner der Stadt den Rücken und ziehen in andere sicherere Gebiete im Landesinneren um. Der Provinzgouverneur erregte mit seinen Äusserungen ebenfall die Gemüter und als dann auch noch der Landrat die Bevölkerung aufrief, die Stadt nicht zu verlassen, da die DAESH dann ihr Ziel erreichen würde, reagierten die Menschen erst recht mit Unverständnis über die Politik der Regierung. Sie fühlen sich inzwischen alleine gelassen, auch wenn vor der Stadt mehrere Panzer aufgefahren, Panzerhaubitzen und Mörserstellungen in Sichtweite aufgestellt sind. Sie fordern eine Lösung, die nicht nur eine gefühlte Sicherheit bringt, sondern die Bevölkerung effektiv schützt.

Die Regierung steckt inzwischen in einem Dilemma. Nach dem Abschuss eines russischen Militärjets, hat das russische Militär im Nordwesten des Landes S-300 und S-400 Raketenbasen eingerichtet, die den syrischen Luftraum überwachen. Ein gezielter Luftschlag ist seitdem nicht möglich, da Russland ein solches unterfangen als Aggression gegen Syrien wertet. Eine Bodenoffensive würde zwar kurzfristig für Sicherheit sorgen, kann aber auch einen langfristigen Einsatz nach sich ziehen, wenn die DAESH sich gegen diesen Einsatz neu formiert. 

Entscheidend ist aber hier wohl auch, dass der letzte noch verbliebene Korridor zwischen dem Osten und Westen der syrisch-türkischen Grenze, nicht von der syrisch-kurdischen Partei PYD (Partei der Demokratischen Union) kontrolliert wird, die der Terrororganisation PKK nahesteht. Die Türkei will so auch ein durchgehend von der PYD kontrolliertes Gebiet entlang der Türkei verhindern. Eine gezielte Schwächung der DAESH würde auch den Fall dieses dünnen Streifens bis nach Aleppo bedeuten. Stattdessen versucht die türkische Regierung seit mehr als 2 Jahren, mit gezielten Waffenlieferungen, die gemäßigten Rebellengruppen auf dieses Stück Streifen zu lenken und die DAESH zurückzudrängen. 

Bislang mit mäßigem Erfolg, denn während diese Rebellenmilizen es seit der Einmischung Russlands auch mit russischen Luftangriffen und dem syrischen Regime im Westen zu tun bekommen haben, ist eine zweite Front gegen die PYD im Osten, die mit ihrem bewaffneten Arm der YPG auch gegen diese Rebellenmilizen seit einiger Zeit vorgeht, eine schwere Aufgabe, derer sie nicht gewachsen sind. Zwar übersteigt ihre Zahl der Kämpfer bei weitem die YPG-Kämpfer und stellen so eigentlich die größte Kampfkraft in Syrien dar, doch durch die gezielten russischen Angriffe aus der Luft, stockt auch der Kampf gegen die DAESH einerseits, andererseits aber auch das Ziel der türkischen Regierung, die PYD auf ihre angestammten Gebiete zurückzudrängen.

Leidtragende sind die Bürger in Kilis, die zwar auf Sicherheit drängen, aber letztendlich für die Sicherheit der Türkei durchzuhalten haben. Die türkische Regierung unternimmt auch alles mögliche, um Kritik an der instabilen Lage in Kilis möglichst klein zu halten. Demonstrationen werden bereits im Anfangsstadium verhindert und Spontandemos erst gar nicht zugelassen. Die Bevölkerung hat inzwischen daraus gelernt. Erst am Montag fuhren dutzende Mopeds, Mofas oder Motorräder im Konvoi durch die Stadt, um den Demonstrationsverbot zu umgehen - mit Erfolg.

In Kilis stellen syrische Flüchtlinge inzwischen die Bevölkerungsmehrheit. Die Zahl der aus Syrien Geflüchteten übersteigt inzwischen die Zahl der Einheimischen. Nach offiziellen Angaben wohnen in der Stadt rund 90.000 Türken und rund 130.000 Flüchtlinge.

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