Osmanische Kalligrafie: "Nun haben wir den Scheiss!"

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Osmanische Kalligrafie: "Nun haben wir den Scheiss!"

März 08, 2016 - 01:30
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Lange haben wir über eine Geschichte recherchiert und keine andere hat uns so lange beschäftigt wie diese: Stimmt die in der Türkei kursierende Geschichte über ein Erlebnis eines armenischstämmigen Türken in Berlin während des Zweiten Weltkrieges? Wir haben Antworten erhalten.

Kann eine Geschichte, in der eine osmanische Kalligrafie mit türkischem Jargon in Einklang gebracht wird, stimmen? Der Frage gingen wir nach. Das Ergebnis: ja, es kann durchaus stimmen, denn die meisten Personen sind nicht nur fiktiv, es gab diese Menschen wirklich und es gab die Berichte bereits vor 1966.

Es ist das Jahr 1885. Hrant Pestemalciyan 1 wird im Istanbuler Stadtteil Üsküdar geboren. Er absolviert 1909 das Studium der Medizin. Noch vor dem Ersten Weltkrieg wird Pestemalciyan von einer deutschen Firma als Arzt eingestellt. In Pozanti soll er in dem eigens für die Bagdat-Bahn eingerichteten Sanitätseinrichtung die Arbeiter und deutschen Ingenieure ärztlich versorgen. Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges wird Pestemalciyan unter dem tscherkessischem Kommandeursarzt Rüstü Pascha 2 als Offiziersarzt einberufen. Hrant Pestemalciyan erhält während seiner Dienstjahre in Canakkale (Gallipoli) und auch in anderen Frontlinien, vor allem in Palästina Ehrenmedaillen.

Nach dem Ersten Weltkrieg spezialisiert sich Pestemalciyan in der Geburtshilfe und leitet bis Ende der 1920´er Jahre in einem Kinderheim in Bakirköy das Krankenhaus. Danach, das genaue Jahr ist nicht bekannt, wird er sich bis 1933 in Berlin aufhalten, eröffnet dort ein Teppichfachgeschäft. Als er von der armenischen Gemeinde in Istanbul erneut für einen Posten im stiftungseigenen St. Pirgic-Krankenhaus vorgeschlagen wird, überlässt Pestemalciyan das Geschäft seinem Sohn Aram und nimmt das Angebot in Istanbul an. 1963 stirbt Hrant Pestemalciyan 3 in Istanbul im Alter von 78 Jahren.

Berlin, April 1945 - Mai 1945

Am 16. April 1945 eröffnete die Rote Armee ihre Offensive mit dem stärksten Artilleriefeuer des Krieges an der Oder-Linie.  Nur wenige Tage danach, am 19. April steht die Rote Armee auf den Seelower Höhen. Damit ist der deutsche äussere Verteidigungsring östlich von Berlin gefährdet. Am 21. April drängen die ersten Rotarmisten über die Stadtgrenze im Nordosten bei Marzahn. Ziel der sowjetischen Generäle ist es, den Spreebogen zu umklammern und in das zentrale Berliner Regierungsbezirk vorzudringen. In Berlin Leben derweil noch etwa 2,7 Millionen Menschen, darunter Aram Pestemalciyan, seine Frau und die Kinder.

Berlin, 25. April und danach

Am 25. April ist die Lage in Berlin bereits aussichtslos. Hitler erschießt sich nur fünf Tage später im Führerbunker. Der Roten Armee wird Stalin den Befehl geben, jede Straße, jede Gasse, jedes Haus zu besetzen und es ergeht auch die Order, dass die Bevölkerung ihre Türen öffnen und ausnahmslos kooperieren sollen. Aram Pestemalciyan hatte bereits den schmutzigen Krieg vorausgesehen und fügte sich dem Befehl der Sowjets zwangsläufig. Er öffnete die Türen des Geschäfts und wollte dem drohenden Unheil von angesicht zu angesicht gegenüberstehen.

Das Unheil lässt auch nicht lange auf sich warten. Mit Gebrüll und schrecklichen Fratzen stürmen zwei Rotarmisten in das Geschäft hinein, schreien wie wild, fuchteln mit ihren Schnellfeuerwaffen herum. Als sich die Lage beruhigt, beschäftigt sich einer der Soldaten mit den aufgestapelten Teppichen, stößt mit der Mündung des Gewehrs in den Teppichen herum, während der andere sich langsam zwischen die Mädchen drängt und sich dabei zu Aram wendet.

Die gespenstische Stille wird je unterbrochen, als der Soldat mit mongolischen Gesichtszügen die Hand auf eines der Mädchen hin streckt und Aram blitzartig den Arm des Soldaten fest umgreift. Da zieht der Soldat mit der freien Hand eine Pistole aus dem Halfter und drückt sie Aram an die Schläfe. Aram, der weder unbändige Angst verspürt, noch ein Kleingeist ist, rutsch in dem Augenblick der Satz "Şimdi boku yedik” heraus. Wer sich auch nur etwas mit türkisch auskennt, der wird schon erkennen, worauf der Satz aufbaut. Es ist im türkischen Jargon ein geläufiger Satz, der soviel wie "Jetzt ist die Kacke am dampfen" oder "Nun haben wir den Scheiss!" bedeutet.

Aber, entgegen der Erwartungshaltung von Aram, der schon längst mit seinem Leben abzuschließen beginnt, hört er: "Ne dedung?.. Ne dedung?" Aram ist aber noch immer damit beschäftigt, seinem Ende entgegenzusehen, als er darauf fast schon automatisch still und leise vor sich erneut entgegnet: "Şimdi boku yedik”

Doch es ist wie ein Wunder... Der Soldat senkt plötzlich die Waffe und als hätte er einen alten Freund wiedergesehen, umarmt er Aram mit vollen Zügen. Aram versteht die Welt nicht mehr, während der Soldat mit kirgisischem Dialekt türkisch redet: "Miz gan gardaşız, mın sinig gardaşım" was soviel bedeutet wie "Wir sind Blutsbrüder, ich bin dein Bruder". Aram ist immer noch perplex, lässt sich schütteln und rütteln und beobachtet argwöhnisch und erstaunt zugleich den Soldaten. 

Als Aram und seine Familie erkennen, dass der Soldat aus dem kaukasischem Raum kommt, legt sich die erste Aufregung. Man kommt ins Gespräch, trinkt türkischen Tee. In den darauffolgenden Tagen kommen die zwei Soldaten immer wieder in das Geschäft, trinken Tee und wachen über die Familie. Sie postieren sich gar eine zeitlang vor das Geschäft, als wäre ein Führungskommando im Geschäft untergebracht.

Der Krieg ist vorbei, die Wogen glätten sich, das Wirtschaftswunder beginnt

Aram Pestemalciyan betreibt noch immer das Geschäft in Berlin, als eines Tages ein türkischer Journalist eintritt und beide ins Gespräch kommen. Im laufe der Zeit lädt Aram den Journalisten auch in die Wohnung ein. Dabei erzählt Aram seine Geschichte mit den Rotarmisten, immer und immer wieder. Über den Satz, der sein Leben und die seiner Familie gerettet, welche Spuren dieser türkischer Slang bei ihnen hinterlassen hat. Eines Abends, als sie erneut zusammenkommen, kommt Aram die Idee mit einem Holzstich, auf dem dieser Satz verewigt wird und die er dann bei sich in der Wohnung aufhängen will. Vielleicht das Gegenstück zur deutschen Tafel, auf denen Tugenden stehen? Wer weiß es schon. Der türkische Journalist, der sich auch mit Kunst befasst, hat eine bessere Idee und überzeugt Aram, sich doch damit etwas zu gedulden.

Der Journalist reist nach Istanbul und sucht Emin Barın 4 auf. Emin Barın ist ein Meister seines Fachs. Er zeichnet seit seinem 7´ten Lebensjahr osmanische Kalligrafie und Ornamentstile und entstammt einer angesehenen Familie ab, die ebenfalls das Handwerk verstand. Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges hatte sich Emin Barın von den Professoren Thieman, Spemann und Wiemeler in der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig weiterbilden lassen, um dann 1943 nach der Rückkehr in Istanbul eine Hochschule für Schöne Künste zu eröffnen. 5

Hier trifft sich 1966 der türkische Journalist im Istanbuler Stadtteil Çemberlitaş im Atelier des Künstlers und trägt ihm einen ungewöhnlichen Wunsch auf. Emin Barın soll den Satz Arams in osmanischer Schrift (Thuluth-Schrift) verewigen. Erst denkt Emin Barın, man wolle ihn auf den Arm nehmen, aber als er die Geschichte Aram´s hört und seine Vorkriegsjahre in Deutschland Resümee ziehen lässt, willigt er ein. Das "Celi Sülüs" des Künstlers, auf dem der Satz "Şimdi boku yedik” steht, wird kurze Zeit später in einer Ausgabe einer türkischen Zeitung 1966 6 veröffentlicht. Emin Barın sagt später aus, erst habe ihn das nicht interessiert, ja sogar irritiert, aber die Geschichte die danach kam, habe ihn erst recht dazu ermuntert. Jedenfalls schenkte der türkische Journalist nach seiner Rückkehr in Berlin, diese handgezeichnete Kalligrafie mit Ornamenten Aram.

Wo das Bild heute ist, konnte bislang abschließend niemand sagen 7. Auch nicht, ob es Nachfahren des Aram Pestemalciyan in Berlin gibt; wir haben jedenfalls die Suche hier abgebrochen. Es gab aber ein Teppichgeschäft in Berlin, genauer gesagt in einem schmucken Haus im Kurfürstendamm Ecke Wielandstraße, das als Rudolf Nelson Haus bekannt ist. Bis 1986 muss das Geschäft noch existiert haben, das belegen Telefonbucheinträge 8. Die größte Übereinstimmung fand sich bei Dr. Hrant Pestemalciyan, über den in der Türkei genug Informationen vorhanden sind. Auch den Zeitungsbericht von 1966 konnten wir erst nach langer Recherche auffinden, jedoch nichts über den sowjetischen Soldaten. Vielleicht müssen noch weitere Journalisten oder Historiker danach fahnden, um der Geschichte noch den letzten Schliff zu geben. Wobei, alleine die Geschichte ist faszinierend genug...
 


1) Bolsohays - Geschichte über das St. Pirgic Krankenhaus
2) Tevfik Rüştü Aras
3) Osmanlı musiki geleneği içerisinde - Prof. Dr. Metin Hülagü
4) Emin Barın - Internetseite des Künstlers
5) Über das Leben von Emin Barın - Neolaki.net
6) "Levhaya bir ailenin hayatini kurtaran cümle yazildi", aus der Tageszeitung "Yeni Gazete" vom 17. Juli 1966 / Ausgabe 568 - siehe auch Zeitschrift der Başkent Universität "Bütün Dünya", Ausgabe 12/2012, Seite 120-123, im Anhang.
7) Tageszeitung "Cumhuriyet" vom 2. Januar 2013, "Umut Bitince Başlar Kurtuluş" von Mine G. Kırıkkanat
8) Telefonbucheintrag der Telekom, jahrgang 1985-1986, aber auch bis 1951 zurückzuverfolgen. Zentral- und Landesbibliothek Berlin

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