Stein des Anstoßes diesmal: drei Halbmonde

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Stein des Anstoßes diesmal: drei Halbmonde

Januar 07, 2017 - 23:10
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Das Fürther Marktamt untersagt der türkischen Folkloregruppe das Tragen der Fahne mit den drei Mondsicheln. Es sei ihrer Ansicht nach das Symbol der Anhänger der "rechtsextremen türkischen Organisation" Graue Wölfe. Die osmanische Militärkapelle, die bislang während des Erntedankfestes in Fürth am Zug teilnahm, trug die roten und grünen Fahnen mit den drei Mondsicheln, dem Symbol des Osmanischen Reiches, dass für die Einheit, Nation und Volk steht.

Stein des Anstoßes diesmal: drei Halbmonde

Fürth / TP - Wenn Levon Panos Dabağyan wüsste, was das Fürther Marktamt über die Fahnen mit roten oder grünen Hintergrund und den drei weißen Mondsicheln zu berichten haben, er würde wahrscheinlich schmunzeln. Für die türkische Folkloregruppe die bislang alljährlich am Erntedankfest im bayrischen Fürth teilnahm und auch als osmanische Militärkapelle mit den Fahnen antrat, wird es der letzte Aufzug, zumindest mit den drei Mondsicheln. Das Marktamt hat es schlicht und einfach verboten. Der Grund: die Fahnen werden auch von der sogenannten "rechtsextremen türkischen Organisation" Graue Wölfe bzw. MHP verwendet.

Dabei ist die Geschichte und die Bedeutung der Fahne mit den drei Mondsicheln, ob nun in rot oder grün, für jeden Türken bekannt - unbestreitbar ist der Osmanische Ursprung, auch im Balkan am Beispiel Sandschak Novi Pazar zu erkennen - und wenn man sie über die MHP befragt, erhält man entgegen des hiesigen Sprachgebrauchs nicht "Rechtsextreme", sondern das was im Parteinamen steht: Nationale Volkspartei. Nicht bekannt ist aber, dass die rote Fahne mit den drei Mondsicheln in der jüngeren Geschichte der türkischen Republik ausgerechnet einem türkisch-armenischen Forscher, Schriftsteller und Journalisten zu verdanken ist, wenn es um die MHP geht.

Er heißt Levon Panos Dabağyan. Levon Panos wie er auch genannt wird, schrieb als einziger armenischstämmiger ein Buch über die MHP und Alparslan Türkes, arbeitete in der "Türkisch-historischen Gesellschaft" (TTK) und ist einer unter vielen in der Türkei, die den sogenannten Völkermord an Armeniern abstreiten. Was viele aber bislang nur vereinzelt Wissen, in Deutschland wohl kaum einer, so auch das Marktamt von Fürth, ist, dass dieser Levon Panos selbst Anhänger der Partei MHP war, so wie viele Kurden oder andere Ethnien im Land. Levon Panos war derjenige, der den Stein ins Rollen brachte, dass die rote Fahne mit den drei Mondsicheln, das Symbol der Partei MHP wurde. Hätte er sich nicht durchgesetzt, würde gegenwärtig ein Wolfskopf die Fahne der MHP schmücken, aber an seiner Einstellung zur MHP hätte sich wohl dennoch nichts geändert: "Die MHP ist nicht rassistisch, sie ist eine nationale Partei die die türkische Kultur vertritt."

Im Februar 1969 trat die Republikanische Bauern- und Volkspartei (CKMP) in Adana während eines Parteikongresses zusammen, um über die Zukunft der Partei zu beraten. Die Partei war gespalten in die Atsizcilar (Nihal Atsız) und Türkesciler (Alparslan Türkes). Am Ende wurde Alparslan Türkes der Parteivorsitzende der Nachfolgepartei MHP und Lenos Panos stand in den Reihen der Türkesciler.

Als dann über das Symbol für die neue Partei entschieden werden sollte, stritten sich die Atsizcilar und die Türkesciler erneut. Die Atsizcilar wollten den Wolf als Symbol. Inmitten der heftigen Debatte stand Levon Panos auf, schrie in den Saal: "Wir sind Osmanen! Uns stehen die drei Mondsicheln besser!". Das Argument überzeugte viele, die es mit Applaus begegneten und seitdem stehen die drei Mondsicheln als Symbol für die Partei, während der Wolf für die Grauen Wölfe steht.

Seither hat die MHP nicht nur nach deutscher Lesart "rechtsextreme" Türken in ihren Wahllisten für die Abgeordnetenwahl aufgestellt, sondern auch armenischstämmige und kurdischstämmige Türken.

Das Problem in Deutschland ist, dass die osmanische wie auch türkische Geschichte samt der Parteilandschaft verkannt wird. Man schließt von sich auf andere. Dass die Informationen ziemlich aus dem Zusammenhang gerissen, wesentlich ausgeklammert und je nach Gutdünken aufbereitet und interpretiert werden, ist nur die Fortsetzung dieser medialen Selbstinszenierung.

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