AABF auf Tuchfühlung mit Extremisten und Staatsfeinden der Türkei

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AABF auf Tuchfühlung mit Extremisten und Staatsfeinden der Türkei

Oktober 18, 2012 - 16:19
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Eine alevitische Gemeinde die alle Aleviten in Deutschland vertreten wissen will, eine kurdische Organisation die der PKK zuarbeitet, eine armenische Gemeinde die die Politik der Heimat verfolgt, Minderheitenverbände die einen Minderheitenstatus nach dem Lausanner-Vertrag haben wollen und eine gemeinsame Demonstration gegen einen türkischen Ministerpräsident der den Mittelweg in Aussichts gestellt hat.

Bevor ich hier erneut gegen die Alevitische Gemeinde in Deutschland (AABF), insbesondere gegen die Vertreter austeile, zunächst einmal eine Momentaufnahme aus der Türkei: gestern drangen etwa 20 PKK-Sympathisanten in Hakkari nach einem Demonstrationsmarsch die von der nationalistisch-kurdischen Partei BDP organisiert wurde, in die städtische Universität ein, um das Verwaltungstrakt aufzumöbeln. In mehreren Großstädten im Südosten des Landes kam es zu Ausschreitungen mit der Polizei, Kinder warfen Steine, Jugendliche Molotowcocktails. Zwei Zivilisten starben bei der Detonation einer Antipersonenmine in ihrem Fahrzeug, die eigentlich einem Konvoi der Sicherheitskräfte galt. Der Grund für diese Gewaltwelle, die das Land seit Wochen beschäftigt? Die sogenannte "Freiheitsbewegung der Kurden" unter der Regie der PKK und der BDP sowie der Hungerstreik von angeblich 750 Gefangenen, die in türkischen Gefängnissen gegen die angebliche Isolationshaft des PKK-Chefs Abdullah Öcalan protestieren und dadurch seine Freilassung erpressen wollen. 

Ministerpräsident Erdogan zu der Frage in Zusammenhang mit dem Hungerstreik während der gemeinsamen Pressesitzung mit Kanzlerin Merkel in Berlin:

Ich spreche nun aus Deutschland in alle Welt. In der Türkei gibt es keinen tödlichen Hungerstreik. Bei der Einladung von Ahmet Türk (unabhängiger Abgeordneter unter dem BDP-Block) am 17. Juli brachte man Lamm-Kebap. Gleichzeitig forderte man die Häftlinge auf, in den Hungerstreik zu treten. Es gibt keinen Hungerstreik oder entfernteres, es gibt zur Zeit eine Show. Mehr als die Hälfte hat den Hungerstreik beendet. Unsere Krankenhäuser sind mitsamt Personal gerüstet und können sofort eingreifen. Nirgendwo in der Welt sieht man tatenlos solchen Shows zu, kann die Justiz nicht zuschauen. Ich spreche im Namen von 75 Millionen und will auch alle 75 Millionen vertreten.

Nach mehr als einem Monat besuchte der türkische Justizminister die Hungerstreikenden. Während dieser Zeit starben keine Inhaftierten, dafür aber etliche Sicherheitskräfte sowie Zivilisten, darunter Kurden und Türken - man kann das nicht oft genug differenziert widergeben, scheint wohl die Devise einiger Humanisten zu sein, weil man hier inzwischen den Wert eines Menschleben nach der Abstammung schätzt. Fazit des Besuchs? Der Justizminister forderte die Hungerstreikenden auf, doch endlich damit aufzuhören, ihr Anliegen habe alle erreicht, man habe Verständnis für die ungewöhnliche Art des Protestes, könne und werde sich aber nicht erpressen lassen. 

Stattdessen erhielt die politisierte Welle der Empörung über den mutmaßlichen Zustand der Hungernden auch noch Verstärkung aus Europa. Die AABF setzte sich dabei an die Spitze dieser Bewegung, um den Hungernden zu Hilfe zu eilen, während die Gewalt des PKK-Terrors weiterhin ungeachtet blieb. Spitz formuliert: während die AABF die Interessen der Hungernden in Europa vertrat, die der PKK zugearbeitet haben oder sich im Netz der Antiterrorgesetze verfingen, starben weiterhin Menschen durch den PKK-Terror in der Türkei.

Cem Özdemir lehnte eine Teilnahme an der Protestkundgebung entschieden ab und warf den Veranstaltern Doppelmoral vor:

Jeder darf seinen Interessen mit friedlichen Demonstrationen Nachdruck verleihen, doch die Mehrheit der Veranstalter, die hier zum Protest aufruft, lehnt die Gewalt in der Türkei nicht ab.

Da die AABF unter der Führung des Vorsitzenden Ali Dogan einen Protest gegen den Ministerpräsidenten Erdogan organisierte und damit heute in Berlin die Kanzlerin Merkel zur räson bringen wollte, starben oder sterben weiterhin Menschen in der Türkei oder in Syrien. Es wurden Schulen in Brand gesetzt, konnte eine Universität gestürmt, Lehrer entführt, Infrastrukturprojekte sabotiert werden.

Während also die AABF sich um die Belange der Hungerstreikenden gekümmert hat, die mutmaßlich der PKK zugerechnet werden, starben in der Türkei Menschen durch die PKK, starben Zivilisten in Syrien. Ich weiß ja nicht, wie die Prioritäten bei der AABF gesetzt werden, aber dieses Massensterben hat dabei wohl keine Bedeutung und steht wohl überhaupt nicht in der Agenda des jungen Draufgängers und neuen Vorsitzenden Ali Dogan.

Nun, da die AABF zusammen mit einem Haufen von Minderheitenvereinen, der Antifa, der vom Verfassungsschutz beobachteten PKK-nahen YEK-KOM und einem armenischen Verband genannt ZAD (insgesamt 44 Organisationen), zehntausende auf die Beine stellen wollte, heute laut Medien- und Pressemitteilung der Polizei aber landesweit gerademal 2.500 Menschen in Berlin mobilisieren konnte - unseren Lesern zufolge nicht einmal 2.000 aus dem gesamten Bundesgebiet, trotz hohem Besuch wie Memet Kilic, Sevim Dagdelen, Özcan Mutlu oder Claudia Roth - um die Menschheit vor dem blutrünstigen türkischen Ministerpräsidenten Erdogan zu warnen, starben unzählige Menschen in der Türkei und in Syrien. Syrer, Kurden und Türken, oder besser gesagt und weitaus humaner, Menschen. Dabei regte sich aber bei diesen Verbänden keine Haarfolikel.

Es wäre dem Verband besser gestanden, sich der Bildungsmisere der Türkei anzunehmen, die durch die PKK-Anschläge hervorgerufen wird, insbesondere in der Provinz Van, in der nacheinander zwei provisorische Grundschulen abgefackelt wurden, die zur Überbrückung der schweren Erdbebenschäden von 2011 errichtet wurden. Oder aber, man hätte sich gegen den PKK-Terror positioniert, um die AKP-Regierung unter Zugzwang zu bringen. Man hätte sich auch einmal gegen das syrische Regime positionieren können. Stattdessen wählte man den Weg des geringeren Widerstands, organisiert sich mit einem PKK-nahen Verband in Deutschland, um die sichtbaren Fortschritte seit der Amtsübernahme durch die AKP zu torpedieren. 

Der namhafte hessische Rechtsextremist Norbert Gehrig in einem Beitrag auf der rechtsextremen Plattform Politically Incorrect (PI):

Ich fahre heute nacht mit den Aleviten aus Frankfurt nach Berlin zur großen Kundgebung morgen. Das Aleviten laut wikipedia schiitische Muslime sind, ist mir bewusst. [...]

Norbert Gehrig ist Mitbegründer der rechtsextremen Partei „Die Freiheit“ in Hessen.

Man macht sich Sorgen um 700 Häftlinge, die in türkischen Gefängnissen mit dem generalstabsmäßig geplanten Hungerstreik den Rechtsstaat beugen wollen. Man macht sich Sorgen, das Ministerpräsident Erdogan einen Krieg gegen Syrien entfacht. Kein Wort über ein Regime, dass bis Juli dieses Jahres für mehr als 19.000 Menschenleben, darunter Frauen, Kinder und alte Menschen, verantwortlich ist und es nicht geschafft hat, die Ordnung wiederherzustellen oder die Sicherheit im Land sowie die Grenzsouveränität zu den Nachbarländern zu gewährleisten.

Stattdessen die alte Leier über die Unterdrückung der "Kurden", Unterdrückung der "Aleviten", Unterdrückung der "Minderheiten", Erdogans angebliche Intention, die hier lebenden Türken von der Integration abzuhalten, zu Spalten, sie politisch zu instrumentalisieren. Dabei nimmt die AABF wohl oder übel in Kauf, dass die einzelnen Minderheiten in der Türkei in sich eine Parallelgesellschaft werden, mit all seinen verheerenden Folgen in einer noch komplexeren und von Unsicherheit geprägten Welt. Man nimmt in Kauf, dass bei diesem Prozess weitere unschuldige Menschen sterben - Kollateralschaden nennt man das wohl.

Wenn die AABF sich unter Humanismus und Demokratie vorstellt, mit Extremisten eine neue Ordnung zu schaffen, dann hat sie die Rechnung nicht mit der Mehrheit, mit der türkischen Mehrheitsgesellschaft gemacht, die mit Terror, Gewalt und Erpressung, kurdischen- und armenischen Nationalismus, Minderheitendoktrien abgeschlossen hat und in die Zukunft blickt. Das hat auch die Protestbeteiligung von heute in Berlin gezeigt. Vielleicht sollte das als Denkzettel für nachfolgende Aktionen verstanden werden.

Veröffentlicht von turkishpress.de am 31. Oktober 2012 von Nabi Yücel

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