Türkei - Wenn man sich den "Bürgerkrieg" herbeisehnt

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Türkei - Wenn man sich den "Bürgerkrieg" herbeisehnt

November 05, 2016 - 19:39
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Wer sich für die Politik der türkischen Regierung interessiert, sollte auswandern, polterten mehrere deutsche Politiker. Anscheinend störte man sich daran, dass die Türken hierzulande eine eigene Meinung bilden. Nur wenige Wochen danach erinnern diese angesprochenen Türken jetzt eben jene, die diesen Wahlspruch unters biodeutsche Volk brachten. Die Türken hielten damals nicht viel davon und jetzt erst recht, wo jene Politiker ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden können. Das hat auch einen plausiblen Grund: In der Türkei herrscht ein "Diktator" und der muss in die Schranken gewiesen werden. Fragt sich nur, mit welchen Mitteln und wer ist eigentlich der Drahtzieher eines Bürgerkrieges!

Türkei - Wenn man sich den "Bürgerkrieg" herbeisehnt

Köln / TP - 15.000 waren im Kölner Ebertplatz angekündigt, rund 2.000, anderen Quellen zufolge bis zu 8.000 Menschen kamen zusammen, um gegen die Festnahme von Politikern der nationalistisch-kurdischen Partei HDP zu demonstrieren. Dabei waren wieder einmal PKK-nahe Vereine und Verbände mit dabei, die ihr bestes gaben, um das Bild eines drohenden "Bürgerkrieges" aufrechtzuerhalten.

Der deutsche Journalismus zeigt sich schon sichtlich darüber empört, dass sich in der Türkei die Proteste wegen der Verhaftung von HDP-Politikern in engen Grenzen halten. Man meint, der Grund dafür sei die Drosslung des Internetzugangs sowie sozialen Medien und weil die Menschen eingeschüchtert seien. Wie will man sich aber die geringe Beteiligung in Deutschland und in Europa allgemein erklären?

"Bürgerkrieg", dieses Wort hört man die Tage nicht nur von der HDP, sondern auch in Deutschland von vielen "Experten", Politikern und Zivilorganisationen.

Um einen "Bürgerkrieg" anzuzetteln benötigt man aber zwei gleichwertige "Gegner". Während in Europa dieses Bild ständig projeziert wird, verfolgen Kurden in der Türkei "Kurden". Absurd nicht wahr? In Diyarbakir gingen wütende Kurden auf wütende "Kurden" los, wenn man es mal so formulieren darf. Sprich, jene Kurden die mit der HDP und ihrer Politik nichts mehr zu tun haben wollen, attackierten Kurden, die der HDP ihre Sympathien bekunden wollten und vor der Geschäftsstelle der Partei aufmarschiert waren. Einige hundert Demonstranten standen einigen hundert Kurden gegenüber, getrennt von einer Hand voll Polizisten. Das konnte nicht gut verlaufen und so entstand ein Video eines Anwohners, der die Szene filmte - am zweiten Tag der Verhaftung von HDP-Politikern.

Auch sonst scheint sich im Südosten der Aufruhr sehr, sehr in Grenzen zu halten. Lediglich in der Hauptstadt und in Istanbul wagten sich zusammen mit "Kurden" auch Linksextreme auf die Straße, um lautstark gegen die Verhaftungen und gegen die Regierung zu protestieren. Die Demonstrationen waren nur von kurzer Dauer, sie wurden schnell aufgelöst, auch weil Ausnahmezustand herrscht. 

Nicht nur im Südosten. Das wird insgesamt in der Türkei provoziert – mit einer großen Explosionsgefahr innerhalb der Bevölkerung.

„Wir sind mitten in der Diktatur“ - Vorsitzender der TGD in der Stuttgarter Zeitung

Um also einen Bürgerkrieg auszulösen, benötigt man zwei gleichwertige Massen, die aufeinander treffen. Das ist aber in der Türkei nicht einmal ansatzweise zu erkennen. Die "Kurden" wie sich die HDP vorstellt, kamen nicht in der Masse zusammen, die sie erwartet hatte. HDP-Angeordneter von Sirnak, Hasip Kaplan polterte daher auch im sozialen Netzwerk über die Unlust seiner Landsleute und warf ihnen nun vor, Weicheier oder sonstwie Entartete zu sein. 

 

 

Starker Tobac für einen verantwortungsvollen Politiker, aber verständlich, nach dem die provozierte Verhaftungswelle doch nicht die Wirkung zeigt, die sie entfalten sollte. Oder glaubt einer noch ernsthaft daran, dass die HDP-Abgeordneten über die Vorladungen nicht von Rechtsanwälten beraten werden, um für alle Eventualitäten Sorge zu tragen? 

Ich finde, es ist höchste Zeit, dass wir ein Programm auflegen für Journalisten aus der Türkei, für Wissenschaftler, die die Alternative haben, Arbeitslosigkeit oder Gefängnis in der Türkei. Für die müssen wir ein Programm auflegen für die Post-Erdogan-Zeit. Da sind ja einige bereits in Europa unterwegs, und das wäre sicherlich notwendig. 

"Das Land driftet in Richtung islamo-türkische Diktatur ab" - Grünen-Parteichef Cem Özdemir in Deutschlandfunk

Wenn dem aber so ist, fragt man sich unweigerlich, woher diese Sehnsucht nach "Bürgerkrieg" rührt, die einerseits in der Türkei von der HDP prophezeit wird und inzwischen in Deutschland in aller Munde zu sein scheint. Angefangen von Grünen-Chef Cem Özdemir, Sevim Dagdelen über Experten wie Burak Copur sowie Ismail Küpeli hin bis zu PKK-nahen Vertretern von Vereinen und Verbänden, und ja, auch einer Türkischen Gemeinde, sie alle sprechen offen aus, was sie geradezu wohl in der Türkei erwarten.

Die Festnahmen sind eine weitere Eskalationsstufe auf dem Weg zum Bürgerkrieg in der Türkei.

"Die Türkei ist ein Unrechtsstaat" - Politikwissenschaftler Burak Copur in der Tagesschau

Das wird aber weder mit den "Kurden" in der Türkei zu arrangieren, noch mit diesen Damen und Herren mit der hiesigen Medienschlacht um den Südosten der Türkei zu etablieren sein. In Köln kamen am Samstag nach langer Ankündigung gerade mal 2.000, anderen Quellen zufolge sogar 8.000 Menschen zusammen. Die Polizei wollte sich diesmal erst gar nicht mit Zahlen befassen - was sie aber bislang ständig tat. Warum also diesmal nicht? Die Medien übernahmen das für die Polizei. FAZ spricht von 7.000, der WDR von 6.000, lediglich der Kölner Express ging von rund 2.000 aus. 

Die Festnahmen der HDP-Parteivorsitzenden und zahlreicher führender HDP-Abgeordneter bedeutet für die Demokratie in der Türkei, dass die einzige linke und prokurdische Stimme im Parlament zum Schweigen gebracht wird. Damit wird der parlamentarische Weg für die Kurden geschlossen. Mehr und mehr Kurden werden sich für den bewaffneten Weg entscheiden.

"Experten erwarten nach Festnahmen Bürgerkrieg in der Türkei" - Ismail Küpeli, Politikwissenschaftler im Der Westen

Wenn man davon ausgeht, das allein in Deutschland 1 Millionen "Kurden" leben sollen, ist das eine beschämende Zahl, um im Sinne von Hasip Kaplan fortzufahren. Damit ist kein "Bürgerkrieg" zu gewinnen. Hasip Kaplan kommt einfach nicht darüber hinweg, wie auch der Rest der Parteikollegen, die ihre Felle davon schwimmen sehen. Aber was ist mit den Politikern und Experten in Deutschland los, in der weiterhin geradezu der "Bürgerkrieg" herbeigesehnt wird? Übernehmen Sie inzwischen die Rolle eines Regimes, einer Diktatur, die einen Bürgerkrieg anzetteln will?

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