Erdogan ist im Visier und alles zeigt auf Gülen

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Erdogan ist im Visier und alles zeigt auf Gülen

Dezember 21, 2016 - 13:11
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Die Mehrheit der Bevölkerung in der Türkei ist sich bewusst, dass die Vorkommnisse der letzten Monate und Jahre nicht mehr mit Zufällen, geopolitischen Wechselwirkungen oder irgend einer Terrororganisation zu erklären ist. Inzwischen geben sogar linksliberale Journalisten zu, dass die FETÖ-Mündung gezielt auf den türkischen Präsidenten gerichtet ist, um ihn zu Fall zu bringen.

Erdogan ist im Visier und alles zeigt auf Gülen

Ankara / TP - Der Terror ist wieder auf die Straßen der wichtigsten Metropolen wie Istanbul oder Kayseri getragen worden. Sicherheitskräfte wie auch Zivilisten gleichermaßen sind Ziele der Terroranschläge und es gibt ernste Hinweise, dass die Türkei destabilisiert werden soll. Das nächste Ziel könnte die türkische Wirtschaft sein, aber dazu müssen politische Entscheidungen getroffen werden, die allzu offensichtlich wären. Bis dahin wird die Türkei nach Ansicht vieler, noch eine geraume Zeit damit beschäftigt werden, oder aber, die Türkei reagiert und setzt alle Mittel ein, um sich zu verteidigen. Das tut sie offenbar im Gleichschritt. Je öfter sie mit Krisen konfrontiert wird, desto entschlossener reagiert sie.

Die Hinweise erhärten den Verdacht, dass diese Pläne keinen Unterschied zwischen dem Volk, Staat und der Regierung macht, auch weil vermutlich den demokratischen Staaten bewusst ist, dass das Volk von der Regierung und andersrum nicht zu trennen ist, weil das Volk die Partei im Parlament bestätigt, den Ministerpräsidenten, den Präsidenten aufgestellt hat.

Trotz des Demokratisierungsprozesses wurde die türkische Regierung seit 2013, seit dem Zerwürfnis mit Fethullah Gülen, von unzähligen Krisen erschüttert. Die Regierung wurde mit Gezi-Umweltprotesten auf dem Taksim-Platz herausgefordert, danach mit der Kobane-Krise, deren Wehen landesweit zu spüren waren und zuletzt durch den PKK-Konflikt, der in die Städte des Südostens hineingetragen wurde und ebenso im nichts verhallte. Für die Standhaftigkeit der Regierung war nicht nur und zuletzt die Intensität verantwortlich, mit der die Türkei mit Krisen konfrontiert wurde, sondern auch die Haltung des Volkes zur Regierung selbst. Sie stärkte den Rücken der Regierung, je mehr diese unter Druck gesetzt wurde.

Wer hätte gedacht, einige Bäume im Gezi-Park würden Menschenleben kosten, oder eine nordsyrischen Stadt namens Ain al-Arab mit einst 50.000 Einwohnern und deren Bedrohung durch den Islamischen Staat, könnte in der Türkei rund 50 Menschen das Leben kosten, landesweit die Ordnung massiv beeinträchtigen? Nicht einmal während dieser Krise starben in Kobane - der Name der danach für Ain al-Arab verwendet wurde - mehr Zivilisten als in der Türkei, sondern "Kämpfer". War denn nicht vorauszusehen, dass die Straßengräben und Straßensperren in vielen Städten im Südosten die Regierung herausfordern wird, um die Ordnung wiederherzustellen und dabei Menschen sterben werden? Das war der Terrororganisation PKK genauso bewusst, wie der Umstand, dass sie selbst dabei einen Imageschaden mitsamt der politischen Partei HDP erleiden wird. Weshalb setzte die PKK aber derart massiv auf diese Mittel, wenn sie von vornheiren wusste, dass der Staat insgesamt und nicht nur die AKP-Regierung, keine Kompromisse machen wird? 

Ziel war zwar die türkische Regierung, aber Kollateralschäden in der Zivilbevölkerung, unter dem Volk waren ebenso fest einkalkuliert, wie sie unvermeidbar waren. Während dieses gesamten Zeitraums ließen die USA und Europa nichts unversucht, die türkische Regierung im eigenen Interesse geopolitisch auf Kurs zu halten. Die Anstrengungen scheiterten jedoch. Insbesondere der Gleichschritt, die Krisen sowie die Verlautbarungen aus dem Westen, beschäftigt das türkische Volk seither intensiv.

Keines dieser Krisen konnte der Regierung gefährlich werden, sie dazu bewegen, ihren Kurs zu überdenken. Der 15. Juli war insofern vom Volk wie auch von der Regierung gleichermaßen erwartet worden - zwar nicht in dieser Dimension, aber man erwartete weitere Krisen, die das Land treffen sollten. Umso bemerkenswerter scheiterte auch diese Krise, der Putsch, der mehr als 250 Menschen das Leben kostete. Nun sind die Anstrengungen auf die Wirtschaft ausgerichtet, um die Türkei in die Knie zu zwingen. Hiobsbotschaften verschreckten immer mehr ausländische Investoren, obwohl die Türkei den Putschversuch ziemlich gut überwunden hatte. Der Lira-Zerfall drohte das Land in eine neue Krise zu stürzen, doch sie wurde vielmehr mit der Solidarität und dem Einfallsreichtum der Bevölkerung, als durch Stützungsmaßnahmen der türkischen Regierung abgewendet. Und immer wieder die Terroranschläge, die jetzt in die Städte getragen werden. Der Südosten des Landes, die Hochburg der Terroristen, sie scheint für die Terroristen nicht mehr interessant zu sein.

Es ist nicht allein die türkische Regierung, insbesondere die Symbolfigur Erdogan, die diese Krisen gemeistert hat, sondern das Volk, die türkische Bevölkerung, die sich darüber bewusst ist, dass der Kampf längst nicht entschieden ist und dass die nächste Krise bereits heraufbeschworen wird. Das ist kein Kampf mehr, dass die türkische Regierung aufgenommen hat, sondern ein Widerstand des Volkes, die diese Regierung im Amt behalten und erhalten will, so lange eine Krise der anderen folgt. Sie will selbst entscheiden, wer an der Macht bleibt oder abgewählt wird.

Das sehen inzwischen nicht nur regierungsnahe Journalisten, Experten und Kolumnisten so, sondern seit dem gescheiterten Putschversuch vom 15. auf den 16. Juli vermehrt auch oppositionelle Journalisten, Experten, Kolumnisten und sogar Parteien. Überraschend ist, dass diese kritischen Stimmen nicht nur aus dem republikanischen, kemalistischen, sondern auch aus dem liberalen bis linken Lagern kommen. Alle sind sich einig, dass die Krisen einen Grund haben, und zwar einen, der das Land teilen, damit wieder auf Kurs bringen soll. Mag sein, dass das Feindbild dabei unterschiedlich ausfällt, mal sind es die Strippenzieher im Pentagon, mal der Mossad, dann wiederum die PKK, aber hinter all diesen Feindbildern erkennt man auch eine transatlantische Beziehung zu Gülen und insbesondere dem Land in dem der Sektenführer lebt.

Wenn Sabahattin Önkibar von der linkskemalistischen Tageszeitung Aydinlik erklärt, dass der Staatspräsident im Visier ist, dann erwähnt und bezieht er sich dabei zwar auf Fethullah Gülen, der die Anweisungen dazu gebe, doch insgeheim wird in dem Blatt allzudeutlich gemacht, dass die CIA der Befehlsgeber ist, Gülen diesen Befehl nur weiterleitet.

Wenn der linksliberale Journalist Ahmet Hakan in der liberal-konservativen Hürriyet das Attentat gegen den russischen Botschafter der Türkei bewertet, dann kommt er ebenso nicht umhin einzugestehen, dass die Gülen-Bewegung ihre Finger im Spiel haben könnte. Es stehen viel zu viele Ungereimtheiten in Zusammenhang mit dem Attentäter von Ankara im Raum. Und wenn der selbe Hakan auch noch einen HDP-Abgeordneten rügt und ihn als Troll der PKK bezeichnet, dann ist ersichtlich, dass die Masse an sich nicht mehr nur an Zufälle glaubt, sondern sichtlich besorgt und zu allem entschlossen ist.

Durchweg viele Tageszeitungen, angefangen von der kemalistisch geprägten Sözcü, über die linksgerichtete Sol Haber, bis hin zu der linksliberalen Evrensel, sie sehen, dass alle Zeichen in eine Richtung deuten. Je deutlicher sie dabei werden, desto geschlossener Rücken die einstigen rivalisierenden Lager zusammen. Vielleicht ist das mit ein Grund dafür, dass die Türkei aus diesen Krisen stärker denn je hervortritt. Manche sprechen schon von einem gemeinsam zweiten Gallipoli-Feldzug, in der Religion, Ideologie oder Herkunft keine Rolle mehr spielen, sondern allein das Land im Mittelpunkt steht.

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