Mutiger Auftritt von Bülent Ceylan?

Lesezeit
3 Minuten
Gelesen zu

Mutiger Auftritt von Bülent Ceylan?

30. August 2017 - 15:12
Kategorie:
1 Kommentare

Vergangenes Wochenende outete sich Comedian Bülent Ceylan auf dem "Stars for Free“-Festival in Berlin als Erdogan-Gegner vor rund 17.000 Zuschauern. Wohlgemerkt als Deutscher mit türkischen Hintergrund in Deutschland, mit einer mehrheitlich gefestigten Mehrheitsmeinung wie: "Erdogan muss weg und wenn’s sein muss, über die Schwächung der türkischen Wirtschaft, damit auch jeder Türke in der Türkei zur Räson kommt. Und was suchen eigentlich Anhänger von Erdogan in Deutschland?"

Mutiger Auftritt von Bülent Ceylan?

Kommentar / TP - Vor rund 17.000 Zuschauern outete sich Comedian Bülent Ceylan auf dem "Stars for Free“-Festival in Berlin als entschiedener Erdogan-Gegner. Das ist sein gutes Recht, auch als Comedian hat man eine politische Meinung, die man auch teilen und vertreten kann. Medien in Deutschland finden die Meinung die Ceylan in Berlin vor deutschen Zuschauern vertrat, als mutig und überaus überschwenglich erwähnenswert. Dabei hat Bülent Ceylan in Zeiten extremer medialer Berichterstattung nur eine Meinung von vielen in einer Mehrheitsgesellschaft mit derselben Meinung geteilt, in Deutschland. Was daran mutig oder sogar besonders gefährlich sein soll, erschließt sich mir nicht. Schließlich brachte er nur eine Meinung von sehr vielen zur Aussprache, die in Deutschland nicht unter Artenschutz steht.

Hätte Bülent Ceylan die Meinung in der Türkei vertreten, wäre ihm sicherlich auch dort nicht vielmehr passiert, als einem Deutschtürken, der Erdogan verteidigt; oder doch?

Moralisch betrachtet ist derjenige mutig und handelt konsequent, wenn er in einer Mehrheitsgesellschaft Position bezieht, die nicht der Mehrheitsmeinung entspricht oder zuwiderläuft. Ich kann jedoch nicht erkennen, dass der Mannheimer Comedy-Star, den ich selbst regelmäßig und mit Begeisterung verfolge, etwas gesagt hat, das bewundernswert wäre.

Derzeit gibt es in Deutschland eine Atmosphäre, in der einer Minderheit Respekt und Mut gezollt werden muss, weil sie anders als die Mehrheitsgesellschaft, Erdogan mögen und sein Tun verteidigen; sprich Erdogan-Anhänger sind und sich dazu öffentlich bekennen. Was die Folgen sind, kann man mittlerweile in türkischsprachigen Zeitungen und Medien verfolgen. Ein Erdogan-Anhänger verliert seinen Zweit-Job in Deutschland, weil er sich im sozialen Netzwerk geoutet hat. Politiker mit türkischem Migrationshintergrund auf kommunaler Ebene werden aus der Partei gedrängt, nur weil sie mutmaßlich Erdogan-nahe Vereine besucht haben. Es geht sogar so weit, dass die Türken in Deutschland auch vom Justizapparat anders angepackt werden, nur weil sie Türken und somit sinnbildlich vom Erdogan-Staat kommen. Das finde ich mutig; sich in einer Mehrheitsgesellschaft als Angehöriger einer Minderheitsmeinung zu outen und dazu auch zu stehen. Ein Comedian, der in Deutschland sich als Erdogan-Gegner outet, ist nur eine weitere Meinung von sehr vielen in der Gesellschaft. Daran ist nichts mutig, nichts außergewöhnlich.

Mutig von Ceylan wäre es gewesen, sich als Gegner der AfD zu outen oder sich inmitten der grassierenden Doppelmoral in Deutschland, zu den Wahlempfehlungen der beiden Regierungen - deutschen und türkischen - auszulassen und dabei ein Witz zu reißen. Wie war das noch einmal? Die Deutschen und deutschen Politiker samt Parteien und Regierung dürfen über Jahre "Wahlkampf" aus Deutschland heraus in der Türkei betreiben, ja sogar aktiv beim Volksreferendum im April dieses Jahres für ein "Nein" plädieren und die Türken in Deutschland nahezu bedrängen, der türkische Präsident soll aber seine "Wahlkampfempfehlung" zur Bundestagswahl gefälligst für sich behalten! Mit welcher Moral wird denn das gerechtfertigt? Etwa mit der gleichen, die gegenwärtig Bülent Ceylan zuteilwird?

Dabei ist der Begriff "Wahlempfehlung" eine ziemlich krasse Untertreibung. Hier wurden ganze Parteizentralen mit "HAYIR"-Spruchbändern bestückt, die öffentlich-rechtlichen Anstalten haben eigens Programme und Spots auf Türkisch produziert, Zeitungen einen Artikel nach dem anderen veröffentlicht, in denen mit einer Reihe von Halbwahrheiten Stimmung gegen das JA und damit Türken gemacht wurde, die lediglich beim Volksreferendum zu "EVET" standen, werte- und ideologiefrei, ohne Anhänger der Erdogan-Partei zu sein.

Kein deutscher Politiker, der zu der Sache gefragt oder ungefragt Kommentare abgegeben hat, hat einen Hehl daraus gemacht, wo seine Präferenzen liegen, wie sie zu Türken in Deutschland stehen, die diesen Präferenzen nicht entsprechen. Cem Özdemir hat übers Internet Videos verbreitet, in denen er ganz offen und auf Türkisch für "Nein" geworben hat und den Türken die damit hadern quasi die Rückkehr in ihre Heimat nahegelegt. Die aktuelle Empörung über Erdogans Wahlempfehlung - die übrigens kein Boykottaufruf ist, wie man fälschlicherweise unterstellt - ist ein Musterbeispiel für die biblischen Splitter und Balken in den Augen und ein Garant dafür, wie verschoben die Moralvorstellung der Medien ist, die Bülent Ceylans politische Haltung dazu missbrauchen, weiterhin Stimmung gegen Erdogan und in der Konsequenz auch gegen die Türkei zu machen.

weitere Informationen zum Artikel
Noch nicht bewertet

Es ist 1 Kommentar vorhanden

Bild von AnkaraliCakici

Was bitteschön ist DARAN soo mutig? Wenn er sich als ein Schwuler geoutet hätte, das fände ich mutig.