Die Wahrheit über Münster und Erdogan

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Die Wahrheit über Münster und Erdogan

10. April 2018 - 02:48
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Am Samstagnachmittag erreicht uns die schreckliche Nachricht aus Münster. Was danach geschieht sprengt den Pressekodex, zeigt welche Rolle die Opfer beim Amoklauf in Münster bislang eingenommen haben und welche Gestalten dabei tatkräftig ihren Dünnpfiff abgeben. Überaus schmeichelnd: Der Faktenfinder der Tagesschau versucht die Turkishpress anzugehen, die angeblich falsche Informationen verbreite, um als Erdogan-nahes Medium den türkischen Staatspräsidenten aus dem Schussfeld zu nehmen. 

Oliver Mayer-Rüth, ARD-Studio Istanbul

Kommentar - Am Samstagnachmittag erreichte uns die schreckliche Nachricht aus Münster. Nur kurze Zeit später begann die Hysterie im Netz um die Deutungshoheit über die Amokfahrt. Kurz danach folgten Berichte über eine Rede des türkischen Präsidenten Erdogan, der angeblich Münster erwähnt haben soll. Erdogan nannte zwar weder Münster noch weitere Details, dennoch gilt der Bezug in den deutschen Medien als wahrscheinlich bis hin zu sicher, denn die Nachrichtenticker liefen daraufhin heiß. Bei manchen Verschwörungstheoretikern brannten daraufhin vollends die Sicherungen durch, während andere ein besonderes Interesse daran hatten, jetzt erst recht aus dem Vollen zu schöpfen.

Der springende Punkt bei all dem war, dass die Medien sich dabei selbst übertrafen, sämtliche Punkte des Pressekodex auf einmal verletzten. Von der Wahrheit keine Spur, Sorgfalt spielte dabei überhaupt keine Rolle, eine Richtigstellung gibt es bis dato nicht und damit nicht genug, auch nicht den Ansatz der Unschuldsvermutung, die man erwägen könnte. 

"Besonders der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan fällt dabei auf: Unter offensichtlicher Anspielung auf Münster griff Erdogan seinen französischen Amtskollegen Emmanuel Macron an"
Deutsche Welle

Stattdessen wird doch tatsächlich weiterhin wild spekuliert, wird vermutet und teilweise ist man sogar felsenfest davon überzeugt, dass der türkische Präsident alle moralischen Werte über Bord geworfen hat, um aufzuzeigen, dass die Amokfahrt in Münster auch Frankreich ereilen werde, weil Macron wohl offenbar Amokfahrten salonfähig mache. 

Das sind keine Nachrichten von "Der Postillon", die satirische Beiträge im Stil von Zeitungsartikeln und Agenturmeldungen verbreitet, sondern Nachrichten von namhaften Medienanstalten, die seit Samstagnachmittag dem türkischen Präsidenten Erdogan unterstellen, bei seiner Rede am Samstagnachmittag in Zusammenhang mit Münster "Ihr seht doch, was die Terroristen in Deutschland machen, oder? Das wird auch in Frankreich geschehen. Ihr werdet sinken, solange der Westen diese Terroristen nährt" gesagt zu haben. Nicht einmal "Der Postillon" hätte sich erlaubt, derart geschmackloses aufzugreifen und satirisch zu untermalen.

"Der türkische Staatspräsident Erdogan hat den tödlichen Vorfall in Münster indirekt für einen verbalen Angriff auf seinen französischen Amtskollegen Macron genutzt."
Deutschlandfunk

Diese medial verbreitete Nachricht steht mittlerweile sinnbildlich für die Berichterstattung über die Türkei, vor allem aber über Erdogan. Es steht sinnbildlich dafür, dass in der deutschen Medienlandschaft bewusst und weniger unbewusst permanent falsch berichtet wird und daher auch nur wenig Substanz dahintersteckt. Man könnte eine ganze Latte von massiven Übersetzungsfehlern der deutschen Presselandschaft in den letzten Jahren aufzählen, oder die verzerrte und verdrehte Darstellung von Ereignissen in der Türkei oder Reden Erdogans, da fällt einem die Kinnlade runter. Von herausgerissenen Sätzen, die erst im Kontext betrachtet Aufschluss darüber geben was er denn nun gesagt hat, spreche ich schon gar nicht. 

"Erdogan missbraucht Münster für Angriff auf Macron"
BILD

Die deutsche Presselandschaft ist schon lange nicht mehr neutral und der Presserat könnte die massenhaften Falschmeldungen gar nicht bearbeiten, müsste sie sich doch eingestehen, dass der Pressekodex nur das Papier wert ist, auf dem sie niedergeschrieben steht. Die Medien berichten mittlerweile so, wie es gerade ins politische Tagesgeschäft passt. Nicht nur in Bezug auf die Türkei oder Erdogan, sondern auch mehr oder weniger in allen anderen Themen. Die namhaften Medien machen Billig-Boulevard-Portalen bereits derart Konkurrenz, dass die mit ihren Meldungen nicht mehr hinterherkommen und das nachsehen haben.

Damit nicht genug, fängt auch noch die politische Diskussion an und damit die politische Instrumentalisierung des Dramas. Angefangen von Serap Güler, Memet Kilic oder AfD-Politikern, niemand ist ernsthaft daran interessiert, auch nur einen kurzen Moment innezuhalten und sich das Geschwurbel in den Medien oder die geteilten Beiträge in sozialen Netzwerken erst einmal einwirken zu lassen, um dann dazu den eigenen Senf abzugeben.

"Besonders grotesk der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan, der das Attentat für einen Angriff auf den französischen Amtskollegen Emmanuel Macron nutzte"
WELT

Dabei dachte man nicht erst an die Opfer, sondern an das Kalkül, etwas herausschlagen zu können. Angefangen von PKK- und YPG-Verherrlichern, die in der Rede Erdogans sowie dem Amoklauf in Münster einen Zusammenhang mit einer ebenfalls für den Samstagnachmittag geplanten Solidaritätsdemo in Münster erkannten. Für manche dieser Verherrlicher ein untrügliches Zeichen dafür, dass die Demo torpediert werden sollte. Als ob der Amokfahrer sich an der Hausnummer geirrt habe. Wo Terrorverherrlicher sind, finden sich mittlerweile auch deutsche Rassisten, die ein gewisses Unbehagen über die Tat in Münster verspüren und zum Ausdruck bringen: "Seltsames Gschmäckle: Deutsche fahren Amok in Münster und Cottbus – False Flag? Weiß Erdogan mehr?" heißt es dann. 

Und dann, als wäre das nicht genug, springt auch noch die Gülen-Bewegung des islamischen Predigers Fethullah Gülen in die Bresche, die einerseits über ihr Flaggschiff aus Stockholm, dessen Präsidenten Abdullah Bozkurt oder die niederländische Vertreterin Sakine Calkin Moralpredigten gegenüber Erdogan abhalten. Die werden zudem über eigene Medienportale weiterverbreitet, die zwar von sich geben, nichts mit der Bewegung an sich zu tun zu haben und geflissentlich auch zu verbergen versuchen, deren Nachrichtenstruktur aber verrät, woher der Wind weht. 

"Nach der gestrigen Attacke von Münster hat der türkische Präsident Erdoğan ähnliche Taten in Frankreich angekündigt. „Der Westen wird versinken, wenn er diese Terroristen weiterhin nährt“, sagte der AKP-Vorsitzende."
ANF News Deutsch

Weil sich gleiches gesellt, bläst die ANF News, das propagandistische Flaggschiff der PKK, ebenfalls ins gleiche Horn und mit ihr die Ahval News, Hawar News und was noch alles sich so als Opposition ausgibt. Interessant ist daran noch, dass die deutschen Journalisten und Journalistinnen genau solche Medien sehr gerne teilen, widergeben oder in ihren Artikeln sogar verwenden. Die größte türkische Oppositionszeitung, die "Sözcü" oder anderen kleineren Online-Portale, die investigativ berichten und vor Jahren noch als Quelle der Inspiration herangezogen wurden, sind heute schlichtweg nicht gefragt. Das kann nur bedeuten, dass diese türkischen Medien nicht mehr ins Schema passen, und das überraschende daran ist, dass das erst nach 2014 bemerkbar wurde und sich bis heute entsprechend fortsetzt.

Kann man es da einem Übel nehmen, dass die deutsche Presselandschaft gemieden oder gar als eine Gewalt der Politik und nicht als vierte Gewalt betrachtet wird? Das Image-Problem der Medien ist selbstverschuldet, und dennoch lässt man nichts unversucht, die Türken und Türkischstämmigen zu beeinflussen. Grotesk wirken daher die Versuche zahlreicher Medien, ja sogar öffentlich-rechtlicher Anstalten, in türkischer Sprache Türken sowie Türkischstämmige zu erreichen oder gar Sendeplätze einzurichten, in der ausschließlich in türkisch berichtet werden soll. Auch hier scheint es einen Zusammenhang zu geben, denn wann fing man denn damit an, die türkische Gemeinde in Deutschland medial bereichern zu wollen? Stichwort 2014!

Und weil sich manche wohl doch dabei ertappt fühlen, wie sie über etwas berichten, werden Fakten weiterhin verdreht oder ausgelassen und werden Behauptungen aufgestellt, so u.a. von Oliver Mayer-Rüth, Korrespondent des ARD-Studio Istanbul. Der meint jetzt doch tatsächlich, dass die Turkishpress falsch liege, wenn sie behaupte, dass der türkische Staatspräsident vor oder zeitnah mit dem Amoklauf die Rede in Denizli hielt. Das ist im Kern richtig, beantwortet aber die Frage nicht, wie ein türkischer Staatspräsident darauf kommen kann, dass der Vorfall in Münster ein Terroranschlag oder dergleichen ist, wenn die Medien bis dahin auch nichts näheres bekannt geben. Es hätte sich ja auch schlicht um einen Unfall gehandelt. Vermutlich geht Mayer-Rüth davon aus, dass zeitnah mit dem Amoklauf die Presselandschaft auch den Hintergrund klar benannt hat und dies Erdogan ins Ohr geflüstert wurde, was dem eben nicht so ist.

Was auch noch hinzukommt und entscheidend ist: der Satz der auf Münster umgemünzt wird, ist aus dem Kontext gerissen. Hört man sich die Rede komplett an, spricht oder erwähnt Erdogan mit keiner Silbe die Stadt Münster, sondern spricht über den Kampf gegen Terrorismus der PKK und YPG in Nordsyrien und Nordirak, und wir wissen seit Anfang Januar, wie die PKK bzw. YPG in Deutschland den Konflikt in Nordsyrien austrägt: mit Anschlägen und Übergriffen, sprich Terror.

Fakt ist nun mal, dass die deutsche Presse erstmals um 16:27 Uhr von Todesopfern und Verletzten sprach, die deutsche Presseagentur (DPA) sogar erst um 16:38 Uhr meldete, dass ein Auto in eine Menschengruppe gefahren sei. Die Polizei in Münster twitterte gar erst um 16:44 Uhr über Tote und Verletzte und warnte vor voreiligen Schlüssen und Spekulationen.

Erst um 16:54 Uhr deutscher Zeit, da war die Rede von Erdogan wie faktenfinder.tagesschau richtig feststellt, gerade angelaufen, meldete die türkische Nachrichtenagentur Anadolu erstmals über den Vorfall, ohne dabei aber den Hintergrund zu nennen, weil sie schlichtweg genauso auf dem Schlauch stand wie die deutsche Presse. Es hätte sich also zu dieser Zeit auch um einen Unfall gehandelt oder um einen psychisch labilen Fahrer, der in die Menschenmenge gerast ist, aber in der Konsequenz doch nicht gleich um einen "Terror", auf die sich Erdogan hätte stützen können!

Wie Mayer-Rüth richtig feststellt, und nur hier gebe ich ihm recht, sprach Erdogan den Satz genau ab 18.09 Uhr türkischer Zeit, um 17.09 Uhr deutscher Zeit, also nach der Amokfahrt. Übertragen wurde die Rede ab 17:05 Uhr deutscher Zeit. Das geht tatsächlich aus der Live-Schaltung aus Denizli hervor. Ja, Erdogan begann seine Rede mit einer Verspätung von rund anderthalb Stunden - darauf hatte die Turkishpress schlicht nicht geachtet, weil man sich zu sehr an das Protokoll der Rede angelehnt hatte - und nicht wie geplant um 15 Uhr deutscher Zeit, nach dem er seine Rede in der Stadt Aydin beendet und nach Denizli gefahren war. 

Damit gibt Mayer-Rüth jedoch selbst zu, dass der türkische Staatspräsident selbst dann noch nicht wissen konnte, dass es sich bei dem Vorfall in Münster um einen "Terror" handelt, oder aber Oliver Mayer-Rüth unterstellt Erdogan hellseherische Fähigkeiten bzw erkennt darin den Beweis, dass sich Erdogan von türkischen Erdogan-Trolls im Minutentakt informieren lässt, um mit tagesaktuellen Berichten aus der Welt politische Schlammschlachten auszutragen. Es kommt niemanden in den Sinn, auch nicht Mayer-Rüth, dass die deutsche Presse sich zum Hintegrund des Vorfalls bis dahin bedeckt hielt. Egal ob man dabei die Meldung der Rheinische Post von 16:27 Uhr (türkische Zeit 17:27 Uhr), der DPA (17:38 Uhr türkischer Zeit) oder die der Anadolu um 17:54 Uhr türkischer Zeit heranzieht, die ebenfalls  den Hintergrund des Vorfalls nicht klar benennen konnte. Es konnte in der Türkei niemand wissen, was in Münster tatsächlich vorgefallen ist, auch wenn im Nachrichtenticker in der Live-Schaltung etwas von Münster geschrieben steht. Es stand jedoch nicht Terror oder Amoklauf, sondern nur schlicht "Auto ist in Menschenmenge gerast, es gibt Tote und Verletzte".

Was entscheidend ist: die Rede in Denizli glich der Rede in Aydin thematisch und in der Reihenfolge, die Stunden zuvor von Erdogan abgehalten wurde. Wer noch immer meint, Münster sei damit erwähnt worden, blendet die Rede in Aydin vollkommen aus, die am selben Tag Stunden zuvor gehalten wurde. Seit Tagen tourt Erdogan genau mit den selben Themenschwerpunkten durchs Land, so u.a. in Hatay oder Adana am 1. April, wo er dem Westen ebenfalls vorwarf, Terroristen zu ernähren, die ihnen selbst zum Verhängnis werden. Und um welches Verhängnis könnte es dabei gehen, als um die zahlreichen Übergriffe und Anschläge auf türkische Einrichtungen und Moschee in Deutschland, die in Frankreich in diesem Ausmaß noch nicht stattgefunden haben.

Wieso sich Oliver Mayer-Rüth so sehr auf den Zeitpunkt der Rede fixiert, jedoch die zeitnahen Meldungen der deutschen und türkischen Medien zur Rede oder den Kontext der Rede in Denizli oder Aydin nicht berücksichtigt, bleibt sein Geheimnis, wie auch die Behauptung, die Turkishpress wäre eine "Erdogan-nahe Internetseite". Ist das die neue Masche, Internetseiten zu disqualifizieren, in dem man ihr Erdogan-nähe unterstellt? Vermutlich fühlte sich Mayer-Rüth von der Meldung der Turkishpress angesprochen, die ihm Verdachtsjournalismus unterstellte, um dem nachzugehen. Hätte er doch früher recherchiert und nicht erst, nach dem sein Tweet in Twitter als Beleg von der Turkishpress herangezogen wurde. Ja, auch die Turkishpress kann Fehler begehen, aber dafür steht sie dann auch ein und benennt es beim Namen, was man von namhaften Medien die sich dem sogenannten Pressekodex verschrieben haben nicht behaupten kann, vor allem wenn sie darauf auch noch höflichst hingewiesen werden. Die Turkishpress arbeitet nicht mit Begriffen wie "offenbar", "vermutlich", "eventuell", sondern benennt Fakten und das ist gut so. Verdachtsjournalismus steht weder ARD-Korrespondenten, noch namhaften Medien gut, auch wenn sie manche Meldungen mit "Adverben" versehen, um sich der Verantwortung zu entziehen.

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L

Die inhaltlich gleichgeschaltete Presse hierzulande kann allenfalls noch als Masturbationshilfe für ihre mental degenerierte Leserschaft bewertet werden, die immer mehr unkontrollierter ihren Fetisch auslebt.