Die Gretchenfrage: Was hat Integration mit Erdogan zu tun?

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Die Gretchenfrage: Was hat Integration mit Erdogan zu tun?

16. Mai 2018 - 00:34
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Zwei Fußballer der deutschen Nationalmannschaft, Mesut Özil und Ilkay Gündogan treffen sich mit dem türkischen Staatspräsidenten Erdogan in London und in Deutschland bricht eine heftige Debatte aus. Inzwischen gibt es einige Persönlichkeiten und Politiker, die meinen, Integration bedeute integer zu sein.

Cem Özdemir über Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit dem neuen Helden Emre Can

Kommentar - Zwei Fußballer der deutschen Nationalmannschaft, Mesut Özil und Ilkay Gündogan treffen sich mit dem türkischen Staatspräsidenten Erdogan in London und in Deutschland bricht eine heftige Debatte aus. Inzwischen gibt es einige Persönlichkeiten und Politiker, die meinen, Integration bedeute integer zu sein.

Wer also nicht uneingeschränkt die vorherrschende Meinung teilt, sie entsprechend umsetzt oder den Fehler begeht, sich aus Dusseligkeit oder Blödheit darüber hinwegzusetzen, der ist also nicht integer und damit nicht integriert. Und wer sich nicht integriert hat, der hat entweder in Deutschland nichts zu suchen oder sollte schleunigst um Vergebung bitten. 

Aber halt....

Was ist denn daran nicht in Ordnung oder was ist daran richtig oder falsch? Ilkay Gündogans Worte an Erdogan auf seinem Trikot: "an meinen Präsidenten" ist z.B. ein Problem? Dabei kann das genau zwei Bedeutungen haben. Erstens: Im Türkischen gehört es zu einer wohlerzogenen Manier, Kinder, Ältere und Respektspersonen jeglicher Art und jeglichen Amtes, mit dem Possessivpronomen "mein" anzusprechen, wenn man ihnen begegnet. Es drückt dem Gegenüber zum einen Herzlichkeit, und zum anderen Respekt aus und ist ein allgemeines Stilmittel zur Anrede - es variiert je nach Amtssteigerung und mit ihr einkehrender, einzuhaltender Distanz zu der jeweiligen Person, sprich, der Döner-Verkäufer kann als Onkelchen angesprochen werden, wenn er Älter ist, obwohl man die Person gar nicht kennt. Zweitens: Tatsächlich spricht Erdogan von seinem Präsidenten, aber dazu müsste man ihn erst Fragen, was er denn gemeint hat. Bislang hat ihn jedenfalls keiner gefragt, aber wild spekuliert wird dennoch.

Was geht es eigentlich auch all jene überhaupt an, die derzeit herummosern? Das ganze hat sich ja nicht einmal in Deutschland zugetragen, die als Andenken an Erdogan überreichten Trikots sind von englischen Fußballvereinen. Die Beiden sind nicht nur Deutsche sondern eben auch Türken. Und dann erst diese Story von vielen über Emre Can, der angeblich als weiterer Kandidat abgesagt hätte und worauf Cem Özdemir besonders Stolz ist. Sagen wir es so: Can ist verletzt und in Deutschland in Behandlung, somit auch verhindert. Aber, Özdemir wird nicht daran gehindert und es kommt ihm auch nicht in den Sinn, das Parlament zu boykottieren, wo O-Ton "Rassisten" und "rechte Hetzer" sitzen.

Wie kommt man überhaupt darauf, die Gesinnungen der zwei Migrations-Fußballern auf deutsches Mainstream-Maß eichen zu dürfen, jede Persönlichkeit des öffentlichen Interesses den Narrativen folgen muss, die man vorgibt? Wer hat denn eigentlich die Deutungshoheit darüber? Was ist das für eine Hetze und wer zum Teufel will zwei Fußballer in ihrer Freiheit einschränken, dass zu Tun oder zu Denken, was ihr freier Wille oder ihre Persönlichkeit entfalten hat? Will man etwa zwei bestrafen und Hunderttausende erziehen? Scheinbar, denn neben Politikern melden sich nun auch Islam- und Integrationsexperten und Expertinnen zu Wort, die den zweien die Leviten lesen.

Offenbar will man mit purer Machtdemonstration, einer öffentlichen, der Zivilgesellschaft, dem politischen Etablishment und Mainstream zuwiderlaufenden Meinung oder Haltung zuvorkommen. Man hat langsam das Gefühl, in einer SED-Diktatur zu leben, in der man nicht nur bevormundet, sondern den eigenen Willen und die Persönlichkeit abzulegen hat.

Und wieso? Weil Erdogan angeblich ein Diktator ist und in der Türkei für Massenverhaftungen verantworlich sein soll. Weil es hierzulande regierungsamtlich unentwegt für natürlich erklärt wird, soll das auch stimmen. Normalerweise ein Grund mehr, skeptisch zu sein. Ein amtierender Präsident der systematisch seine Machtbefugnisse ausreizt, ist per se noch kein Diktator. Dann wären Trump, May, Macron, Rajoy, Merkel oder Orban auch Diktatoren, die ihre Macht missbrauchen, weil sie "Terrorverherrlicher" einsperren lassen, Tatverdächtige in unendlichen Gewahrsam nehmen lassen können oder "Terroristen" bis in den letzten Winkel der Erde verfolgen.

In Deutschland müsste man nach all dem Theater auch von einer Fürsorgediktatur sprechen. Vor Jahren hatte man sich verpflichtet gefühlt, die Bubenbeschneidung zu kriminalisieren, musste aber wohl aufgrund des Vetos der jüdischen Gemeinde doch klein beigeben. Dann hielt man es für besonders fürsorglich, die Kopftücher aus Lehrerzimmern und Amtsstuben zu verbannen, mit mehr oder weniger Erfolg. Derzeit wird mit den Kopftüchchen der Mädchen im Dorf gewedelt, wobei man noch immer keine Zahlen nennen kann, wie viele Mädchen denn davon letztendlich betroffen wären. Man geht aber davon aus, dass das auch nicht relevant ist. Relevant ist nur, dass die angedrohte staatliche Fürsorge bei den Migranten für pure Angst sorgen soll. Schliesslich will man jetzt ja ins Eingemachte gehen: Elternfürsorge.

Angst und Mehrheitsdruck soll die Migranten also züchtigen, sie zur Vernunft bringen. Hat man auch vor zwei Jahrhunderten so praktiziert. Wer als Sklave in Europa nicht spurte, der musste mit der Angst leben, dass die Familienangehörigen mit drakonischen Maßnahmen bestraft werden oder er selbst am Pranger steht. Sie wurden hierzu auch entmenschlicht und kriminalisiert.

Man muss nicht erst erwähnen, welche Debatten geführt werden, welche Kommentare vorherrschen, um genau das zu untermauern. Jedoch, je mehr dieser Druck auf die Migranten, vor allem die Türken ausgeübt wird, desto freier fühlen sich viele unter einer regierungsamtlich verklärten Diktaturen, als in einer Fürsorgediktatur.

 

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C

die türken in deutschland haben keine organisation wie die aipac in amerika. da können solche leute wie özdemir den oberkapo spielen und kriegen auch noch für jeden schwachsinn beifall. 

im übrigen ist auch der andere spieler cenk tosun in deutschland aufgewachsen, er hat sich jedoch für die türkische nationalmanschaft entschieden. die hexenjagd der deutschen ist beispiellos. sie entstammt einen tief sitzenden rassismus gegenüber den türken. 

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