1 Euro = 5 Türkische Lira - Schwache Währung?

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1 Euro = 5 Türkische Lira - Schwache Währung?

12. April 2018 - 02:14
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Mit der türkischen Lira geht es kräftig abwärts. Die Währung sinkt von einem Rekordtief zum nächsten und dennoch brummt die türkische Wirtschaft. Wieso?

1 Euro = 5 Türkische Lira - Schwache Währung?

Ankara / TP -  Satte 7,4 Prozent ist die türkische Wirtschaft im vergangenen Jahr gewachsen und dennoch verliert die türkische Lira derzeit kräftig an Wert. Die Währung sinkt seit Wochen von einem Rekordtief zum anderen. Kritiker werfen der türkischen Regierung vor, die Wirtschaft an die Wand zu fahren. Aus dem Ausland werden seit Jahren Vorhersagen einer Finanzkrise getroffen, doch bislang ist sie ausgeblieben. Währungskursveränderung haben auch nur sehr bedingt mit der wirtschaftlichen Leistung eines Landes zu tun. Wie geht das aber?

Angeführt von China haben zahlreiche Schwellen- und Entwicklungsländer in den letzten Jahrzehnten Rekordwachstumsraten verzeichnet und damit Präzedenzfälle für andere geschaffen, so auch die Türkei. Während sich die Industrienationen im Durchschnitt deutlich schlechter entwickelt haben, gibt es Ausnahmen wie Deutschland und Schweden. Beide Länder sind auf hohe Leistungsbilanzüberschüsse angewiesen, um den Handelssektor und den Rest der Wirtschaft anzuregen. Schwedens Leistungsbilanzüberschuss liegt bei durchschnittlich satten 7 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP); Deutschland hat im selben Zeitraum durchschnittlich 7 Prozent erreicht.

Chinas Leistungsbilanzüberschuss - über 10 Prozent des BIP im Jahr 2007 - hat sich in den letzten Jahren deutlich verringert, wobei das Handelsungleichgewicht sich 2017 auf etwa 2 Prozent des BIP eingependelt hat. Die Bilanz der Türkei lag im Vergleichszeitraum bei -5 Prozent (2007) und -4,5 Prozent (2017). Mit dem Rückgang des Überschusses in China sank auch die Wachstumsrate der Wirtschaft - und zwar fast punktgenau mit dem Überschuss. 

Zwar ist Chinas jährliches Wachstum mit durchschnittlich 7 Prozent vergleichsweise hoch, doch das wird nur gehalten, wenn die inländischen Investitionen nachwievor bei fast 50 Prozent des BIP gehalten werden. Wenn die Investitionen auf ein normales Niveau gesenkt werden, wird sich das Wirtschaftswachstum auch entsprechend verlangsamen. Entsprechend agiert auch die Türkei, die Investitionsprogramme durchpeitscht, mit der das Wirtschaftswachstum aufrechterhalten werden soll. 

Was aber für Industrienationen gilt, muss nicht für Schwellenländer gelten, wie es Dani Rodrik erklärt, ein türkischer Ökonom und Professor an der Harvard University. Nach seiner These ist es für Schwellenländer wie die Türkei günstiger, wenn die eigene Währung schwächer ist. China, Indien oder Brasilien haben schwache Währungen und dennoch kräftige Wachstumsraten in der Wirtschaft. Schwache Währungen bedeuten auch Vorteile beim Export aus Schwellenländern in Industrienationen, weil sie Nachteile kompensieren und damit Wirtschaftswachstum fördern, sogar global. 

Diese Theorie wird auch unverhofft gestützt, wenn man sich mal den Handelsstreit zwischen den USA und China anschaut. Damit die USA ihren Handelsüberschuss aufrechterhalten kann, müsste sich China öffnen, damit der Überschuss weiterhin erzielt werden kann. Bislang weigerte sich China, eine Reihe von Wirtschaftsreformen zuzulassen, die es der USA ermöglichen, ihre Exporte zu steigern - mit ein Grund weshalb China das eine zeitlang blockierte ist, das China politischen Druck auf die USA auszuüben will. Nun kündigt China an, unter anderem ihre Zölle auf Automobil-Importe erheblich zu senken und im Finanzsektor eine Lockerung der Beschränkungen einzuführen, hat aber gleichzeitig Beschwerde bei der Welthandelsorganisation (WTO) gegen die US-Strafzölle eingelegt. Die USA hat am Wochenende auch wieder versöhnlichere Töne eingeschlagen, was im Umkehrschluss bedeutet, dass die beiden größten Volkswirtschaften der Welt im Grunde voneinander abhängig sind.

Das gleiche gilt auch für die türkische Volkswirtschaft. Eine schwache Währung bedeutet mitnichten, dass der Türkei demnächst eine Finanzkrise bevorsteht, auch wenn man es immer wieder heraufbeschwört. Das würde im Umkehrschluss andere Volkswirtschaften ebenso treffen, unter anderem auch Deutschland, Großbritannien, Irak, Italien, die USA oder Frankreich. Als fünftgrößter Handelspartner der EU mit einem Handelsvolumen von über 145 Milliarden Euro kann sich keine Seite es leisten, eine Finanzkrise aufkommen zu lassen. Fluktuationen in der Währung sind daher politischer Natur und pendeln sich nach geraumer Zeit wieder ein.

Von den Handelsungleichgewichten zwischen den Ländern sowie der Kreditaufnahme und Kreditvergabe zwischen den einzelnen Ländern profitieren alle und gegenseitig, und das Ungleichgewicht ist die dynamische Kraft für ein globales Wachstum. Wer wird das riskieren wollen?

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Zunächst mal wieder bitte der Leserschaft keine Unwahrheiten zumuten!

„Diese Theorie wird auch unverhofft gestützt, wenn man sich mal den Handelsstreit zwischen den USA und China anschaut. Damit die USA ihren Handelsüberschuss aufrechterhalten kann, müsste sich China öffnen, damit der Überschuss weiterhin erzielt werden kann.“

Fakt ist:  Die USA haben – wie die Türkei auch, ein erhebliches Außenhandelsdefizit,  weshalb Trump den Zufluss ausländischer Waren erschweren will und damit gleichzeitig eine bessere Öffnung ausländischer Märkte erzwingen möchte. (Quelle zum Nachschauen: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/242564/umfrage/laender-mit-dem-groessten-handelsbilanzdefizit/).  Es hat den Anschein, dass Wunschdenken die Aufassung von REDAKTION vernebelt.

 

Der obenstehende Artikel hat ansonsten die inhaltliche Qualität des Gesundbetens, denn Maßnahmen anderer Länder (China) sind immer auch im Zusammenhang mit den übrigen wichtigen Daten des Landes zu sehen und bitte nicht isoliert herauszupicken (nach dem Motto: „China macht es ähnlich, also können wir nicht so falsch liegen!).

 

Das Wirtschaftswachstum in der Türkei wird relativiert durch die deutlich zu hohe Inflation, die doppelt so hoch wie angestrebt liegt.

(Quelle: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/216056/umfrage/inflationsrate-in-der-tuerkei/).

PM Yildirim hat ja angekündigt, dass es Regierungsaufgabe wäre, gegen die hohe Inflation anzugehen und die Zentralbank unabhängig wäre. Mal sehen, was den Jungs so einfällt und ob die Zinsen vielleicht steigen, entgegen Erdogans koranischer Zinspolitik.

(Quelle: http://www.hurriyetdailynews.com/turkish-economy-minister-says-no-need-t...)

 

Die Tatsache, dass erste Große Konzerne aktuell ihre Auslandsschulden in Fremdwährung nicht mehr bedienen können und umschulden müssen, spricht nicht gerade für wünschenswerte Effekte eines schlechten Lira-Kurses.

(Quelle: https://www.nzz.ch/wirtschaft/tuerkische-unternehmen-aechzen-unter-der-schuldenlast-ld.1363405).

Das Handelsbilanzdefizit wird stetig größer, weil der benötigte Kapitalzufluss (Ausländische Investoren) geringer wird. Wer sollte es gerade attraktiv finden, sein Geld in die Türkei zu schicken bei Ausnahmezustand, fehlender Rechtsstaatlichkeit und einem kriegführenden Präsidenten?

(Quelle: http://www.hurriyetdailynews.com/turkeys-current-account-deficit-widens-...).

Der kleine Mann in der Türkei muss mittlerweile bezogen auf den Mindestlohn 2,36 mal so lange arbeiten um ein Stück Rindfleisch zu Ortspreisen zu kaufen wie zu den gleichen Bedingungen in Deutschland.

(Quelle: https://www.caterwings.de/caterers/2017-fleischpreis-index/)

Und der Präsident sieht natürlich wieder einmal eine internationale Finanzverschwörung am Werk, frei nach dem Motto: „Wenn ich den Karren in den Dreck fahre, sind gefälligst andere daran schuld.“

(Quelle: http://www.hurriyetdailynews.com/erdogan-blasts-investors-amid-tumbling-turkish-lira-130212)

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Nach der Gleichschaltung der Justiz möchte Erdogan nun im Falle eines Wahlsieges auch die Zentralbank auf seine koranische Finanztheorie-Linie trimmen und deren Unabhängigkeit beenden.

Vor genau einem Jahr (16.05.2017) bekam man für 3,8887 Lira einen Euro, heute (15.05.2018) kostete der Euro bereits bis zu 5,3074 Lira. Der Präsident treibt in Devisen verschuldete Unternehmen in den Ruin und verspielt gerade den letzten Rest finanzpolitischer Seriösität. Wird sich die Türkei jemals von der Abrissbirne Erdogan erholen können? Als zukünftiger Präsident wird er den Untergang der Türkei furios beschleunigen.

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inwieweit das mit erdogan zu tun hat kann ich nicht sagen, schliesslich verlieren alle währungen der emerging markets gegenüber dem dollar. die usa heben ihre zinsen an und das geld fliesst aus unsicheren emerging markets richtung usa. 

aber erdogan hat wenig für die zukunft der türkei getan, indem er die bildungspolitik nur auf den islam aufgebaut hat. in 17 jahren haben sie eine generation aufgebaut, die in den pisa studien zurückgefallen ist, mehr zeit in moscheen und koranschulen verbringen als in büchereien. diese werden mit sicherheit nicht mit den industrieländern mithalten können. wer die bildung vernachlässigt vernachlässigt die zukunft. 

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Mal sehen, ob die Türkische Zentralbank jetzt tatsächlich im Hinblick auf die Zinsen reagiert? Bislang gabs von ihr ja nur Absichtserklärungen und die Währung weiter destabilisierende Gleichschaltungsankündigungen von Erdogan.

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Heute wurde gemeldet das Simsek nicht mehr für die Parlamentswahlen aufgestellt wurde. Er soll wohl zwischenzeitlich einmal sehr die Wirtschaftsideen von Erdogan mißbilligt und gerüchteweise kurz vor dem Rückrittt gestanden haben. Ansonten gilt das Gleiche wie im letzten Kommentar: Mal sehen, ob sich die Zentralbank noch zu handeln traut? 

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Gleichzeitig schwindet das internationale Vertrauen in die tatsächliche Unabhängigkeit der Türkischen Zentralbank und die internationale Prognose für das Wirtschaftswachstum wird gesenkt. Sollte Erdogan wiedergewählt werden und die AKP eine eigenständige Mehrheit im Parlament erreichen, wird das die Lira wieder auf Talfahrt schicken.

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Erdogan betätigt sich mit seiner US-Pastorengeisel weiter als höchst erfolgreiche Abrißbirne an der türkischen Volkswirtschaft.

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