Pariser Botschaftssprecher über den Völkermord-Diskurs in Frankreich

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Pariser Botschaftssprecher über den Völkermord-Diskurs in Frankreich

20. Februar 2012 - 00:03
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Ein Artikel der "Le Nouvel Observateur" mit dem Titel "Völkermord an den Armeniern: Türkei wird niemals akzeptieren, dass ein "Völkermord-Leugner" angeklagt wird"

Ende Januar war die Debatte zwischen Befürwortern und Gegnern des französischen Gesetzesentwurfes zur Bestrafung von Völkermord-Leugnern - die den mutmaßlichen Völkermord an Armeniern im Jahre 1915 im Osmanischen Reich bestreiten - lebhafter denn je. "Le Nouvel Observateur", eine französische Wochenzeitung hatte das Thema ebenfalls in vielen Artikel behandelt, darunter eine mit dem Sprecher der türkischen Botschaft in Frankreich, Engin Solakoglu. Hier der Text dazu:

Der Grund warum ich mich verpflichtet fühle, diesen Standpunkt mitzuteilen, ist ein Artikel von Laure Marchand der in der "Le Nouvel Observateur" Anfang Februar veröffentlicht wurde. Ich möchte auf die Vorwürfe in dem Artikel mit dem Titel "Völkermord an den Armeniern: ein Tabu das zu knacken gilt" eingehen um ihr auch gerecht zu werden.

Einige historische Grundlagen ...

Es ist wahr, dass die Armenier-Frage schon lange ein Tabu-Thema in der Türkei war. Aber sie war längst nicht das einzige Thema. Alle ersten Republiken weisen eine totale Amnesie vor, wenn es um die eigene Vergangenheit geht, ausnahmslos und das aus gutem Grund: Die Republik Türkei musste die Tragödien aller Völker des anatolischen Gebietes einschließlich der Türken vergessen machen, um eine Zukunft ohne Feindschaft und Rachsucht unter Völkern aufbauen zu können.

Es war eine überlegte Entscheidung Atatürks, eine neue Nation aufzubauen, in Einklang mit der Definition von Renan 1, die aus den Trümmern eines Imperiums erwuchs, die einst selbst wegen ihrer Unfähigkeit, mehrere Völker in einer fairen und verwalteten Masse gleichzubehandeln, die Einmischung anderer Kolonialreiche zu verhindern dem Untergang geweiht war, auch weil die Kolonialreiche noch nie eine einzige Möglichkeit der "Teile und Herrsche" Politik ausgelassen hatten, um mit dem Hass zwischen den Völkern und Religionen Nationen zu spalten.

Ein unbekannter Aspekt dieses Themas in Frankreich ist, dass die Bevölkerung der Türkei im Jahr 1923 nur 9,5 Millionen betrug, wovon 4 Millionen Türken und / oder Muslime des Balkans, Griechenlands und des Kaukasus waren. Alle überlebten Massaker die gegen sie gerichtet war und die in dieser Gegend seit mehr als vier Jahrhunderten gelebt hatten, bevor sie in Anatolien Zuflucht fanden.

Es war wichtig für die neue türkische Regierung, einen Schnitt in die Vergangenheit zu setzen und zu vergessen, damit eine lähmende Nostalgie oder ein destruktiver Irredentismus negative Auswirkungen auf den Wiederaufbau eines Landes wegen der Kriege von 1911 bis 1922 haben kann, um von vornherein kriegsbedingte Hass und Rachsucht  auszuschließen, die das Land heimgesucht und verwüstet hatten.

"Leugnung": eine falsche und irreführende Vereinfachung

Nachdem diese historischen Details angesprochen wurden, ob nun in Frankreich bekannt oder unbekannt, kann ich mit reinem Herzen nicht nur als Diplomat sondern auch im Namen vieler türkischer Intellektuelle sagen, dass die Türkei niemals die Charakterisierung der "Völkermord-Leugner" akzeptieren wird, da wir glauben dass es verkürzt und vereinfacht sowie geistig falsch und irreführend ist. Die Tatsache, dass die Presse und die französische intellektuelle Klasse das bis in alle Ewigkeit behauptet, wird an unserer Vision und an unserer Wahrnehmung unserer eigenen Geschichte nichts ändern.

Es ist selbstverständlich, dass unsere Haltung über die enormen Leiden des armenischen Volkes, ihren Schmerz über den Verlust ihrer angestammten Heimat damit weder etwas verleugnet noch verharmlost. Wir haben sie stets als Opfer der imperialistischen ausländischen Mächte erachtet, die versuchten, das Blut der Armenier für ein sterbendes Osmanisches Reich vergießen zu lassen. Lassen Sie uns klarstellen; Es wird keine Person in der Türkei es wagen bzw. leugnen, dass im Jahr 1914 eine Million Armenier in Anatolien lebten und das derzeit in der Türkei nur 60.000 leben. Das gleiche gilt für die 1,5 Millionen Griechen in Anatolien im Jahre 1920.

Jedoch muss man auch versuchen, die andere Seite der Medaille zu sehen. Im Jahre 1910 war die Stadt Saloniki vor allem von muslimischen Türken und Juden bewohnt. Sie war als die größte jüdische Stadt in Europa bekannt. Wie viele sind heute dort übrig? Im Jahr 1900 gab es über 100.000 Türken auf der Insel Kreta. Wo sind sie jetzt? Wer erinnert sich in Paris an sie? Wie viele Artikel wurden über ihr Schicksal im "Nouvel Observateur" veröffentlicht? Welche französische Zeitung mit einer Korrespondenz mit Sitz in Athen hatte die Idee den Spuren der Türken auf Rhodos oder Kreta nach zu gehen? Wer wagt es, über die eine Million Aserbaidschaner zu sprechen die von ihrem angestammten Heimat wegen der Besetzung und der ethnischen Säuberung der Republik Armenien vertrieben wurden? Die Tscherkessen, Millionen die von ihrem angestammten Land im Jahr 1829 vertrieben wurden, vom Russischen Zaren, von Hunderttausenden Kosaken hingeschlachtet und in den kalten Gewässern des Schwarzen Meeres getrieben; wie viele Artikel oder TV-Programme gibt es darüber in Frankreich?

Dies zu sagen, dass die Geschichte der Menschheit die Geschichte der menschlichen Tragödien ist, fällt die so schwer? Es ist falsch und ungerecht, eine Wahl zwischen den verschiedenen Tragödien zu treffen, die mehr oder weniger im selben Zeitraum und auch in Anatolien stattfanden. Von dem Moment an, an dem wir anfangen, auf das Drama eines Volkes hinzuweisen, stoßen wir auf andere Völker mit der gleichen Tragödie, die unweigerlich die Frage nach den "Kriterien" aufwerfen. Warum wird das Leiden der Armenier wichtiger als die der Türken und Tscherkessen? Werden wir den Mut haben, eine ehrliche Antwort auf diese Frage zu finden?

Die Frage nach dem "Sèvres-Syndrom"

Um auf den Artikel von Frau Marchand zurück zu kommen, sollte man vielleicht auch erwähnen, dass das berühmte "Sèvres-Syndrom" 2 innerhalb eines Teiles der türkischen Neoliberalen Intellektuellen jedes Mal gerne in einer Diskussion über die Geschichte der Türkei herangezogen wird.

Das "Syndrom" oder die "Paranoia" soll die Gefühle eines Volkes gegenüber einem Vertrag beschreiben - weil das Osmanische Reich damit in die Knie gezwungen wurde, seine Hauptstadt und einen Großteil seiner Territorien militärisch durch Frankreich, Großbritannien, Italien und Griechenland aufgeteilt, schamlos Thrakien und Anatolien mit muslimischen Türken in besetzte Zonen unterteilt wurde - was aber weit über die Grenzen der Vernunft und Ehrlichkeit in diesen Diskussionen geht.

Das türkische Volk und die Befreiungsbewegung, die die türkische Republik gemeinsam gründeten, habe nie vergessen, dass die Schlachtschiffe der Franzosen und Engländer beim Bosporus-Einmarsch ihre Kanonen auf dieses Volk richteten. Sie haben keine Komplexe um mit dem "Triumph" des Marschalls Franchet d'Esperay nicht umzugehen zu können, der Istanbul auf einem weißen Pferd einnahm, in Anspielung an Fatih Sultan Mehmet II dem Eroberer, der im Jahre 1453 unter dem frenetischen Beifall der griechischen und armenischen Gemeinde empfangen wurde.

Der Vertrag von Sevres war als ein Edikt zum Untergang des türkischen Volkes gedacht und er wurde durch Kämpfe und Opfer des türkischen Volkes auf den Müllhaufen der Geschichte verbannt. Ein Kampf, der Respekt verdient, so wie der französische Widerstand im Zweiten Weltkrieg. Trotzdem wären wir bereit es zu vergessen, wenn andere nicht beständig und regelmäßig diese Erinnerungen bei verschiedenen Gelegenheiten seit der Gründung der türkischen Republik in Erinnerung rufen würden.

Die "Erbsünde" der Türkei existiert nicht

Ich werde diesen Artikel mit der Bemerkung von Frau Marchand über die "Erbsünde" folgendermaßen abschließen: Sie wissen so gut wie ich, dass die "Erbsünde" in unserer Kultur nicht existiert.

Die Frage stellt sich für die Türken erst nicht, sich schuldig zu fühlen wenn man geboren wird oder weil jemand die Heimat verteidigt hat, geschweige denn geschafft hat, den Vertrag von Sèvres zu überleben. Es ist klar, dass diese Bezeichnung nicht zutreffen kann und somit die Argumentation auf den Author selbst zurückfällt, die dies hinterfragt.

  • 1. Ernest Renan war ein französischer Schriftsteller, Historiker, Archäologe, Religionswissenschaftler und Orientalist und Mitglied der Académie française.
    Bekannt ist Renan auch für seine Rede vom 11. März 1882 in der Sorbonne: "Was ist eine Nation?", in der er folgende, moderne Definition gibt:

    „Die Nation ist eine große Solidargemeinschaft, die durch das Gefühl für die Opfer gebildet wird, die erbracht wurden und die man noch zu erbringen bereit ist. Sie setzt eine Vergangenheit voraus und lässt sich dennoch in der Gegenwart durch ein greifbares Faktum zusammenfassen: die Zufriedenheit und den klar ausgedrückten Willen, das gemeinsame Leben fortzusetzen. Die Existenz einer Nation ist (man verzeihe mir diese Metapher) ein tägliches Plebiszit, wie die Existenz des Individuums eine ständige Bekräftigung des Lebens ist.“

  • 2. Der Vertrag von Sèvres (auch Frieden von Sèvres; Türkisch: Sevr Antlaşması) vom 10. August 1920, der zwischen der Entente und der osmanisch regierten Türkei abgeschlossen wurde, gehört zu den Pariser Vorortverträgen, die den Ersten Weltkrieg beendeten.
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