"Ein Koffer, eine Kiste" - Die Vertreibung der Muslime aus dem Balkan

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"Ein Koffer, eine Kiste" - Die Vertreibung der Muslime aus dem Balkan

03. Oktober 2016 - 00:15
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Die Vertreibung und Abwanderung der Muslime vom Balkan zwischen 1883 bis 1990 wurde auch dieses Jahr von Vereinen mit ethnischen Bezug zum Balkan, in Istanbul nachgestellt.

Istanbul / TP - Der Bahnhof von Sirkeci liegt im europäischen Teil Istanbuls. Hier war auch die Endstation der berühmten Orient-Express, die Passagiere aus Europa beförderte. Diese Eisenbahnstrecke wurde auch für die Vertreibung und Abwanderung der Muslime vom Balkan zwischen 1883 bis 1990 benutzt. Von hier aus wurden die Vertriebenen und Geflüchteten landesweit wiederangesiedelt.

Auf dem Balkan setzte Anfang des 19. Jahrhunderts eine Gewalt ein, in denen Tausende von Muslimen umgekommen waren oder blutig unterdrückt wurden. Die Weltöffentlichkeit stellte sich dabei fast einmütig hinter die griechischen, serbischen oder bulgarischen Aufständischen und nahm die muslimischen Opfer kaum zur Kenntnis. 

Eine Entwicklung, die sich exemplarisch in dem berühmten Pamphlet des britischen Oppositionsführers William E. Gladstone in seinem Werk "" niederschlug. Die Gunst der anti-türkischen Stimmung nutzend hatte die zaristisch-russische Regierung 1877/1878 einen Vorstoß ins Osmanische Reich gewagt. In diesem Krieg töteten russische und bulgarische Soldaten und Freischärlerbanden nach Schätzungen von internationalen Historkern 200.000 bis 300.000 Muslime, über eine Million Menschen wurden heimatlos. 

Nach Ende des Krieges wurden rund eine halbe Million muslimische Flüchtlinge aus dem russischen Kaukasus und den unter russischem Schutz stehenden Gebieten südlich der Donau bis weit in die 1912´er Jahre auf dem Boden des Osmanischen Reiches angesiedelt. Doch der Exodus sollte nicht enden. Nach der Abspaltung Bulgariens vom Osmanischen Reich im 19. Jahrhundert blieben etwa eine Million Türken in Bulgarien, überwiegend im Nordosten des Landes, wo sie meist als Bauern und kleine Handwerker lebten und ihre muslimische Religion weiterhin praktizierten, darunter auch Pomaken. 

Im Allgemeinen wurden sie zwar von der slawischen Mehrheit toleriert, wurden aber als ziemlich rückständige, konservative Minderheit angesehen. 1984 begann dann eine konzertierte Phase der Zwangsassimilation. Das Hauptargument war, dass diese Personen nicht Türken, sondern „zum Islam konvertierte Bulgaren“ wären. Das Resultat war, dass ethnische Türken gezwungen wurden, slawische Namen anzunehmen, dass ihnen verboten wurde, ihre charakteristische, türkische Kleidung zu tragen, privat und öffentlich Türkisch zu sprechen, und dass viele ihrer Moscheen geschlossen wurden. 

Rund 380.000 ethnische Türken wurden mit drastischen Maßnahmen zur Auswanderung in die Türkei gezwungen, oder gerieten in Arbeitslagern wie Belene. Dies dauerte bis zum Anfang der 90er Jahre. Dabei sind nach offiziellen Angaben etwa 400 Menschen durch Folter und Massaker umgekommen. Der Druck auf diese Menschen führte dazu, dass die meisten zwischen 1984 bis 1990 hinein Bulgarien fluchtartig verließen, teilweise mit Personenzügen, andere zu Fuß, wiederum andere mit Pferde- und Ochsenkarren oder einem PKW.

Diese Zeit nach dem Russisch-Osmanischen Krieg sowie während des Exodus zwischen 1984-1990 hat auch das Bild vom Bahnhof Sirkeci maßgeblich mitgeprägt. Täglich kam ein Zug aus dem Balkan mit Flüchtlingen und Vertriebenen an, wurden von hier weiter zum Bahnhof Haydarpasa auf der asiatischen Seite Istanbuls gebracht und von dort weitergeschickt und landesweit angesiedelt.

Jährlich erinnern Vereine - unter anderem die Kovoso-Prizrener Vereinigung in der Türkei - daher auf dem Bahnhof Sirkeci unter dem Motto "" mit einer symbolischen Einfahrt eines Personenzuges an diese Zeit zwischen 1883 und 1990. In Theater-Aufführungen auf dem Bahnsteig wird wie auch am vergangenem Sonntag an das Leid und die Ängste der Menschen erinnert, die nur mit den Habseligkeiten in einem Koffer und einer Kiste, von hier aus die Reise ins Ungewisse fortsetzen mussten.

 

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