Zypern: Der Konflikt und die Rechtsgrundlage

Lesezeit
11 Minuten
Gelesen zu

Zypern: Der Konflikt und die Rechtsgrundlage

19. Oktober 2009 - 15:16
Kategorie:
0 Kommentare
Aufrufe

Die Insel Zypern war seit ihrer Eroberung durch eine türkische Armee im Jahre 1573 Teil des Osmanischen Reichs. Seit 1878 stand sie unter britischer Verwaltung und wurde während des Ersten Weltkriegs vom Vereinigten Königreich von Großbritannien und Nordirland annektiert. Im Jahre 1960 schloss das Vereinigte Königreich mit Griechenland und der Türkei mit Zustimmung der gewählten Repräsentanten der griechischen und türkischen Volksgruppen in Zypern Verträge, die die Gründung einer Republik Zypern vorsahen, und gab seinen Anspruch auf Souveränität über die Insel auf. Im Mittelpunkt dieser Verträge von Nicosia stand die Inkraftsetzung einer Verfassung für die Republik Zypern, die separate Selbstverwaltungsorganisatione n beider Volksgruppen und ihre Beteiligung an allen Staatsgewalten nach Maßgabe besonderer Regeln vorsah.

Ausgesuchtes | von Rechtsanwalt Dr. Christian Heinze, München

Die Republik Zypern trat den seine Gründung und Verfassung betreffenden Verträgen bei. Schon seit Gründung Griechenlands im Anfang des 19. Jahrhunderts bestand unter den griechischen Zyprern eine Bewegung für den Anschluss Zyperns an Griechenland (sog. "Enosis"). Während der englischen Herrschaft nahm die nunmehr unter dem Namen EOKA organisierte Bewegung unter Führung der orthodoxen Kirche Zyperns und des Erzbischofs Makarios sowie des Partisanenführers Grivas zwischen 1955 und 1959 die Form eines bewaffneten, blutigen Aufstandes an. Alsbald nach Inkraftsetzung der Verfassung von 1960 begannen die griechisch-zyprischen Organe und Kräfte, die im Interesse der Selbst- und Mitbestimmung der etwa 18 % der Inselbevölkerung ausmachenden türkischen Zyprer eingeführten Verfassungsrechte zu boykottieren und auszuhöhlen.

Die türkischen Zyprer reagierten mit Hilfe der ihnen in der Verfassung verbrieften Vetorechte. Wenige Wochen nach einer als "Vorschlag" verbrämten Proklamation des griechisch-zyprischen Staatspräsidenten Makarios von "Verfassungsänderungen", die auf die Abschaffung der wichtigsten türkischen Verfassungspositionen hinausliefen, ergriffen diese griechisch-zyprischen Organe und Kräfte mit Hilfe bewaffneter Verbände seit Ende 1963 schrittweise die Macht unter Missachtung oder illegaler Änderung der entgegenstehenden Verfassungsartikel.

Die griechisch beherrschten Organe der "Republik Zypern" versagten der türkischen Volksgruppe und den einzelnen türkischen Zyprern den Schutz ihrer verfassungsmäßigen Rechte und gaben sie pogromartigen Vertreibungen, Tötungen und anderen Gewaltmaßnahmen preis. Der türkischen Volksgruppe gelang es zwar, unter Konzentration in Enklaven, die über die ganze Insel verstreut waren, sich mit Waffengewalt gegen ihre Unterwerfung zu verteidigen. Die griechisch-zyprischen Kräfte und Behörden versetzten jedoch seit 1964 bei "inoffizieller" Anwesenheit festlandgriechischer Truppen ihre türkischen Landsleute in diesen Enklaven in eine Art Belagerungszustand und schnitten sie von der Kommunikation nach außen und von wichtigen Versorgungsleistungen ab.

Ein Teil dieser Volksgruppe musste in Höhlen und Zelten leben. Auf diese Weise haben griechisch-zyprische Kräfte die Gründung von 1960 zerstört, die Volksgruppen getrennt und im Wege eines "von oben" organisierten oder jedenfalls unterstützten Umsturzes in dem von ihnen beherrschten Teil des Inselterritoriums einen griechisch-zyprischen Staat errichtet. Die türkischen Zyprer bildeten ihrerseits in der Zeit bis 1973 in ihren Enklaven schrittweise eine eigene Verwaltung und schließlich ihre eigene Regierung.

Der auf diese Weise bereits 1964 geschaffene Zustand ethnischer und sogar (durch Isolierung der Zyperntürken in Enklaven) territorialer Teilung der Insel wurde durch die mit der internationalen "Anerkennung" der griechisch-zyprischen Regierung als Regierung einer Republik Zypern verbundene Intervention der Organisation der Vereinten Nationen (OVN) mehr gefestigt als aufgelöst. Die Intervention ermöglichte es der griechischen Volksgruppe, ihre Staatsorganisation ohne Rücksicht auf türkische Rechte auszubauen und darauf zu warten, bis sich die türkischen Zyprer zur Unterwerfung unter griechische Souveränität gezwungen sehen würden. Im Laufe der Jahre formierten sich jedoch auf griechisch-zyprischer Seite bewaffnete Kräfte, die den 1964 begonnenen Prozeß der Unterwerfung der türkischen Zyprer mit Gewalt zu einem raschen Ende bringen wollten. Grivas, der die Insel im Zuge des Arrangements von 1960 hatte verlassen müssen, kehrte als Führer dieser Kräfte auf die Insel zurück.

Auf der griechischen Seite gab es auch Gegner zwar nicht des von diesen Kräften angestrebten Ziels, aber des Mittels weitergehender Gewaltmassnahmen, die sich um Erzbischof Makarios sammelten und ebenfalls bewaffnet waren. Im Sommer 1974 löste die in ihren letzten Zügen liegende Athener Militärdiktatur mit Hilfe inzwischen nach Zypern infiltrierter Militärkontingente einen Staatsstreich der erwähnten agressiven griechischen Kräfte gegen Makarios und seine Anhänger aus, der mit der Proklamation des Anschlusses Zyperns an Griechenland (Enosis) verbunden war. Zwischen Putschisten und Makarios-Anhängern kam es zu blutigen Kämpfen. Gleichzeitig erhoben sich die Türkischen Zyprer gegen den Anschluss an Griechenland. Nach vergeblichen Versuchen, England und Griechenland zur gemeinschaftlichen Realisierung des Garantieversprechens von 1960 zu bewegen, landeten türkische Truppen auf Zypern und besetzten etwa ein Drittel der Insel. Der griechische Widerstand brach nach kurzen heftigen Kämpfen zusammen. (Zugleich wurde Griechenland von seiner Militärdiktatur befreit, die den zyprischen Misserfolg nicht überstand.)

Das Verlangen, sich endlich, sei es um den Preis der Heimat, aus der Enklavenlage zu befreien, und die im Zuge des Putsches erneut eingeleiteten griechischen Pogrome gegen die Zyperntürken führten 1974 und 1975 zur Übersiedlung der bis dahin im Inselsüden lebenden Zyperntürken in den unter dem Schutz der türkischen Armee stehenden Nordteil der Insel. Die dort lebenden Griechen wurden nach dem Süden umgesiedelt. In den nunmehr ethnisch homogen besiedelten Gebieten vollendeten sich die beiden zyprischen Staaten. Dabei hat das türkisch-zyprische Gemeinwesen seine Bereitschaft, sich unter bestimmten Bedingungen an einem gemeinsamen Staatsverband für ganz Zypern zu beteiligen, dadurch zum Ausdruck gebracht, dass es sich zunächst als "föderierten" türkisch-zyprischen Staat bezeichnete. Nachdem jedoch das griechische Gemeinwesen weiterhin für Zypern nur eine Staatsform akzeptieren wollte, die ihm die Herrschaft über die ganze Insel und die türkische Bevölkerungsgruppe sicherte, proklamierte die türkische Volksgruppe im Jahre 1983 in dem von ihr bewohnten Inselteil die de facto bereits seit Jahren bestehende Türkische Republik von Nordzypern.

Den griechischen Zyprern verblieb ihr von türkischen Mitbürgern und türkisch-zyprischen Mitbestimmungsrechten entledigtes Gemeinwesen im Süden der Insel, das zutreffend als Griechische Republik von Südzypern zu bezeichnen ist. Die meisten Staaten sowie die OVN erkennen trotz dieser Entwicklung bis heute die griechischen Organe von Südzypern als Regierung von ganz Zypern an und verweigern der türkischen Republik von Nordzypern die Anerkennung als Staat. Sie möchten die beiden Volksgruppen zur Bildung einer Art Föderation zwingen und schelten die türkische Volksgruppe, weil sie die nach wie vor offen beanspruchte Vorherrschaft der griechischen Zyprer nicht akzeptieren. Allerdings geht die OVN zugleich mindestens stillschweigend davon aus, dass gewaltsame Versuche zur Inbesitznahme türkisch-zyprischen Territoriums unzulässig sind. Das kommt auch durch die Kontrolle der Grenze zwischen den griechischen und türkischen Gebieten durch ihre Friedenstruppe zum Ausdruck.

Auch behandelt die OVN die Führungen beider Volksgruppen bei Verhandlungen über den Konflikt bis zu einem gewissen Grade gleich. Effektiven Schutz des Territoriums der türkischen Zyprer gegen eine Durchsetzung des griechischen Herrschaftsanspruchs bieten aber allein die in Zypern stationierten türkischer Truppen zusammen mit militärischen Verbänden der türkischen Bevölkerung von Nordzypern. Die griechische Republik von Südzypern und die türkische Republik von Nordzypern haben beide seit Jahrzehnten demokratische und rechtsstaatliche Regierungen, Verwaltungen und Judikaturen entwickelt und beherrschen ihre Gebiete uneingeschränkt. Beide Gemeinwesen sind daher mit den von ihnen beherrschten Gebieten als Staaten im Rechtssinne anzuerkennen und haben das Recht auf Selbstbestimmung. Die Verfassung von 1960 ist außer Kraft. Auf der Insel herrscht dank der türkischen Truppenpräsenz de facto Frieden, der nur vereinzelt durch griechisch provozierte, auch mit Todesopfern auf beiden Seiten verbundene Zwischenfälle unterbrochen wird.

Ein Konflikt und eine Friedensbedrohung besteht aber weiterhin in dem griechisch-zyprischen Anspruch, ganz Zypern und die dort lebenden türkischen Zyprer zu beherrschen. Die Möglichkeit, letztendlich ihre laut und deutliche beanspruchte Vorherrschaft herzustellen, ist in allen Vorschlägen für die Vereinigung Zyperns mehr oder weniger deutlich offen geblieben, die die Führerschaft der griechischen Volksgruppe bisher zu diskutieren bereit war. Dem griechischen Vorherrschaftsanspruch verschaffen erhebliche Aufrüstungsanstrengungen der griechisch-zyprischen Regierung Nachdruck. Nur durch massive internationale Anstrengungen konnte die von ihr 1997 geplante Stationierung in Russland gekaufter Raketen auf Zypern verhindert werden, deren Reichweite sich auf festlandtürkischen Raum erstreckt hätte. Trotzdem tragen noch immer die überwältigende Mehrheit der Staaten zu dem Konflikt bei, indem sie mit der Anerkennung der griechischen Organe als legitime Regierung ganz Zyperns deren Vorherrschaftsanspruch unterstützen.

Eine Folge ist der Fortbestand der von der griechischen Konfliktpartei aufwendig, sorgfältig und erfolgreich gepflegten Isolierung der Zyperntürken, die für diese menschlich und wirtschaftlich eine schwere Belastung darstellt. Mit Hilfe ihrer Anerkennung versucht die griechische Konfliktpartei auch, einen Antrag auf Einbringung des von ihr weder de jure noch de facto in seiner Gesamtheit beherrschten Inselterritoriums in die Europäische Union für ihren Vorherrschaftsanspruch zu instrumentalisieren. Der Konflikt würde weiter verschärft, wenn die Europäische Union diesem Antrag zustimmen würde, weil sie damit, vermittelt durch ihre Satzung, dem Konflikt auf griechischer Seite beitreten würde. In alledem wird das Paradoxon der Zumutung besonders deutlich, die türkischen Zyprer mögen sich der von internationalen Beteuerungen begleiteten griechischen Vorherrschaft getrost ergeben.

Was hier von den türkischen Opfern der griechischen Unterwerfungspolitik seit den 50er Jahren verlangt wird, ist auch daran zu messen, dass die OVN die diskriminierende Isolierung der türkischen Zyprer 35 Jahre lang unterstützt hat und dass ein europäisches Gericht bereits mit höchst oberflächlicher, den Konflikt bei weitem nicht angemessen würdigender Begründung die Türkei im Ergebnis dem Grunde nach verurteilt hat, Schäden zu ersetzen, die griechische Zyprer durch Verlust des Zugangs zu ihrem Eigentum in Nordzypern seit 1974 erlitten haben. Zur Völkerrechtslage Zyperns ist in Kürze zu bemerken: Nach wie vor gilt die Definition des Staates als die oberste Gewalt, die sich dauerhaft und mit sicherer Aussicht auf künftige Behauptung in einem definierten Territorium über dessen Bevölkerung etabliert hat.

Diese allgemein akzeptierte völkerrechtliche Definition hat normative Bedeutung in ihrer Verbindung mit dem Völkerrechtssatz der Unantastbarkeit der Staatsgewalten. Mit Hilfe dieser Definition entfaltet das Völkerrecht seine friedenstiftende Wirkung. Inwieweit moderne Lehren mit Recht zusätzlich fordern, dass ein Staat, um den Namen zu verdienen, demokratisch und rechtsstaatlich verfasst sein muss, kann dahinstehen, weil eine objektive, z.B. internationale Untersuchung bestätigen würde, dass beide zyprischen Staaten auch diese Voraussetzungen erfüllen. Darüber hinaus wird allerdings geltend gemacht, Türkisch-Zypern sei kein Staat, weil das Gemeinwesen mit Hilfe illegalen militärischen Eingreifens der Türkei gegen die "Republik Zypern" im Jahre 1974 geschaffen worden und von der Türkei abhängig sei. Angesichts der Entwicklung auf Zypern seit und im Hinblick auf die Garantievereinbarungen von 1960 ist bereits die These von der Illegalität des türkischen Eingreifens nicht überzeugend.

Jedenfalls kann ein Verbot defensiver Gewalt nicht als Völkerrecht gelten. Auch gibt es kaum Staaten, die wirklich unabhängig oder die ohne Gewaltanwendung entstanden sind (für die Entlassung Zyperns aus dem Vereinigten Königreich beispielsweise waren die Gewaltakte der EOKA zwischen 1955 und 1958 wohl der wichtigste Beweggrund). Und erst jüngst haben auf dem Balkan dieselben Staaten, die die Türkei verurteilen, staatsbildende Gewalt unterstützt oder selbst angewendet oder jedenfalls nicht zum Anlass genommen, neuen Staaten die Anerkennung zu versagen. Jedenfalls können als Recht nur Normen gelten, die sich - wie der Grundsatz der Unantastbarkeit der Staaten - quasi selbst vollziehen oder die von einer übergeordneten Gewalt grundsätzlich überall und in jedem Konfliktfall durchgesetzt werden. Zu einer solchen allgemeinen Durchsetzung bedürfte es klarer Gesetze über die Voraussetzungen internationaler, insbesondere defensiver Gewaltanwendung, einer Organisation, die über das Vorliegen dieser Voraussetzungen in tatsächlicher und rechtlicher Hinsicht auf Antrag eines jeden Betroffenen entscheidet, sowie vor allem eines Apparats, der solche Entscheidungen immer und überall effektiv, das heißt mit überlegener Gewalt, durchsetzt.

Eine solche Organisation, ein solcher Apparat besteht nicht. So bleibt das Völkerrecht in seiner Anwendung auf den Zypernkonflikt auf die Realisierung des völkerrechtlichen Staatsbegriffs durch Anerkennung beider zyprischer Republiken als Staaten angewiesen. Durch sie würde das Völkerrecht gegenseitige Gewaltanwendungen und Diskriminierungen der Konfliktparteien verbieten und die Rechte der beiden Volksgruppen auf Selbstbestimmung und auf gleichberechtigte Teilnahme am internationalen Verkehr bestätigen. Diese Wirkung wäre unabhängig davon, ob die Konfliktparteien territoriale oder sonstige Ansprüche haben und ob eine völkerrechtswidrige Vertreibung stattgefunden hat. Derartige völkerrechtliche Ansprüche bleiben von der Anerkennung unberührt, ja sie finden durch sie erst ihren Adressaten. Die friedenstiftende Kraft der alten Theorie vom Staate erweist sich am Fall Zypern.

Ihre Nichtbeachtung ist die Ursache für den griechischen Vorherrschaftsanspruch, der den Frieden gefährdet. Wird dieser Anspruch verworfen oder aufgegeben mit der Konsequenz, dass der Status quo zweier Staaten auf Zypern anerkannt wird, so herrscht Friede. Völkerrechtlich ergibt sich beiläufig die bisher in der Lehre nur vereinzelt vertretene Konsequenz, dass ein Gemeinwesen, das die Kriterien des Staatsbegriffs erfüllt, im Interesse des Friedens Anspruch auf internationale Anerkennung hat. Das Ergebnis ist auch unabhängig davon, ob die türkische Truppenlandung von 1974 völkerrechtmäßig war oder nicht. Übrigens richtete sie sich jedenfalls nicht gegen eine "Republik Zypern". Eine solche Republik hat es, wie heute klar sein sollte, mangels Zustimmung der griechisch-zyprischen Volksgruppe zu den Bedingungen der 1960 versuchten Staatsgründung nicht nur tatsächlich sondern auch rechtlich nie gegeben. Ein Staat entsteht nicht durch die Unterzeichnung von Verträgen oder Urkunden, die sich Verfassung nennen, sondern nur durch Etablierung einer - man mag hinzusetzen: legitimen - Staatsgewalt.

Die Artikel einer geschriebenen Verfassung haben lediglich die Bedeutung einer Beurkundung der Art und Weise, wie der Wille dieser Staatsgewalt gebildet und ausgeübt werden soll. Der Bildung einer der damals verkündeten Verfassung entsprechenden Staatsgewalt stand 1960 der nur vorübergehend geheime Vorbehalt der auf der griechisch-zyprischen Seite maßgeblichen Mächte entgegen, diese Verfassung und diesen Staat nicht zu wollen, und dem von diesen Mächten gewollten Staat fehlte Realität. Aber selbst wenn 1960 eine Republik Zypern entstanden wäre, wäre sie seit 1963 durch eine griechisch-zyprischen Revolution zerstört worden. Diese Revolution schuf einen gänzlich anderen Staat als denjenigen, der 1960 proklamiert wurde, wobei sie sich allerdings nur auf einem Teil des Inselterritoriums durchsetzen konnte. Soweit aber die türkische Intervention von 1974 mit der seit 1963 errichteten Griechische Republik von Süd-Zypern kollidierte, war sie nicht nur als Reaktion auf den Bruch der Verträge von 1960 durch die griechische Konfliktpartei, sondern vor allem als überfällige, erst jetzt möglich werdende Nothilfe für die türkische Volksgruppe gerechtfertigt.

Weder rechtlich noch auch politisch oder moralisch gesehen ist ein überzeugender Grund zu erkennen, weshalb die türkische Volksgruppe in eine Föderation mit der griechischen Volksgruppe gezwungen werden soll - von der grundsätzlichen Widersinnigkeit eines Zwanges zu einem Bündnis ganz abgesehen. Dagegen spricht vielmehr die politische Geschichte Zyperns spätestens seit den 50er Jahren. Oktroyierte Verfassungen haben selbst dort, wo sie der Interessenlage "objektiv" gerecht werden, selten lange Bestand (vgl. das Beispiel der zyprischen Verfassung von 1960). Allgemeine Vorbehalte gegen "kleine Staaten" haben wenig Gewicht in einer modernen kommunikativen Welt, und dasselbe gilt für das Argument, dass türkische und griechische Zyprer Jahrhunderte lang (unter Regierungen, die stark genug waren, um jeden Konflikt zwischen ihnen zu beherrschen) in gemischten Dörfern zusammengelebt haben.

Überließe man die beiden zyprischen Volksgruppen ihrer Gleichberechtigung, würde sich aber derjenige Grad der Einigung und des Zusammenlebens einstellen, der beiderseitigen Interessen wirklich entspricht. Nur auf Grund der Entwicklung wirklich gemeinsamer Interessen ist ein Fortschritt in Richtung einer dauerhaften, friedlichen Vereinigung möglich. Diesen Fortschritt könnte die "Familie der Staaten" fördern, indem sie die beiden zyprischen Volksgruppen gleich behandelt. Voraussetzung jeden Fortschritts dieser Art ist der endgültige, ernstgemeinte, innerlich akzeptierte Verzicht der griechischen Partei auf Vorherrschaft über die türkisch-zyprische Volksgruppe. Da ein solcher Verzicht bei fortwährender Unterstützung des griechischen Rechtsstandpunktes durch die OVN realistischerweise schlechterdings nicht zu erwarten ist, liegt der Schlüssel zur Konfliktlösung in einer Auflösung des Widerspruchs zwischen der Nichtanerkennungspolitik der OVN und dem faktischen Schutz des Status quo.

Literatur

Der quantitativ größere Teil der umfangreichen Konfliktliteratur beabsichtigt die Förderung der Interessen jeweils einer der Konfliktparteien. Neuerdings mehren sich aber objektive Werke, aus manchem Saulus ist sogar ausdrücklich ein Paulus geworden. Früher ist versucht worden, zwischen objektiver und polemischer Literatur zu unterscheiden. Dieser Versuch wird aufgegeben. Denn einerseits sind politische Tendenzen in der Literatur nicht zu verkennen, und andererseits ist selbst Werken wie denen der beiden Volksgruppenführer Clerides und Denktas ein Bemühen um Objektivität nicht abzusprechen.

Leser sollten ihre Meinung weniger an Hand der ihrer Würdigung der Autorenpersönlichkeiten, sondern erstlinig nach der Überzeugungskraft ihrer Argumente urteilen. Folgerichtig werden nun auch Arbeiten eingereiht. Am geeignetsten für einen gründlicheren Einstieg ist jedoch das Buch von Dodd, The Cyprus Imbroglio, von 1998 das hoffentlich einen Übersetzungen veranstaltenden Verlag finden wird. Andererseits gibt es eine erhebliche Zahl wichtiger kürzerer Beiträge, die nicht zitiert werden, um den Rahmen dieses kurzen Abrisses nicht zu sprengen. Im Folgenden sind die wichtigsten Titel zusammengestellt (die als Grundlage für jede Beurteilung unentbehrlichen Werke sind hervorgehoben):

  • Besler (verheiratete Arsava), Ayse Füsun, Die völkerrechtliche Lage Zyperns unter besonderer Berücksichtigung des Selbstbestimmungsrechts, Dissertation München, 1973
  • Clerides, Glafkos, Cyprus: My Deposition, Alithia, Nicosia, 4 Bände, 1989 - 1992
  • Crawshaw, Nancy, The Cyprus Revolt, Allen&Unwin, London, 1978
  • Denktas, Rauf, The Cyprus Triangel, Revised edition, Rustem & Brother, London 1988
  • Dischler, Ludwig, Die Zypernfrage, Metzner, Frankfurt und Berlin, 1960
  • Dodd, Clement H., The Cyprus Issue, 2. Auflage, Eothen Press, Huntington , Reprint 1996
  • Dodd, Clement H., The Cyprus Imbroglio, The Eothen Press, Huntington, 1998
  • Ertekün, Nedjati M., The Cyprus Dispute, Rustem & Brother, 2. Aufl. London, 1984
  • Gobbi, Hugo J., Contemporary Cyprus, Aurora, Tel Aviv, ohne Jahr (1998)
  • Grothusen, Klaus-Detlev / Steffani, Winfried / Zervakis, Peter (Hrsg.), Zypern. Südosteuropa-Handbuch Band VIII, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 1998
  • Holland, Robert, Britain and the Revolt in Cyprus 1954 - 1959, Clarendon Press, Oxford, 1998
  • Necatigil, Zaim M., The Cyprus Question and the Turkish Position in International Law, Oxford, 1989
  • Patrick, Richard A., Political Geography and the Cyprus Conflict 1963-1971, Waterloo, 1976
  • Polyviou, Polyvios G., Cyprus, Conflict and Negotiation, 1960 - 1980, Duckworth, London, 1980
  • Purcell, H.D., Cyprus, Ernest Benn, London, 1969
  • Reddaway, John, Burdened with Cyprus, Rustem&Brother, Weidenfeld&Nicolson, London, 1986
  • Tzermias, Pavlos, Geschichte der Republik Zypern, Francke, Tübingen, 1991
  • Einige überaus spärliche, aber wichtige Feststellungen konfliktrelevanter Tatsachen finden sich
  • auch in den Berichten, die der Generalsekretär dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen seit
  • 1964 periodisch erstattet hat. Sie sind teilweise bei Ertekün aaO. abgedruckt.
  • Christian Heinze, Cyprus 2000, München, 1999
  • "Herrschaft der Mehrheit bedeutet Krieg - Zyperns Verfassung verlangt guten Willen - Londoner Konferenz berät Reformen." Deutsche Zeitung Nr. 15 v. 18./19. Jan. 1964, S. 3. Notiz zur Überschrift: Deutsche Zeitung Nr. 17 vom 21. Januar 1964 S.2
  • "Der Zypern-Konflikt, eine Bewährungsprobe westlicher Friedensordnung." Europa-Archiv, 1964, S. 713.
  • "Zum Stand des Zypern-Konflikts unter besonderer Berücksichtigung des Grundsatzes der Selbstbestimmung der Völker". Zeitschrift für Politik, Köln und Berlin 1991, S. 406.
  • "Zur Frage der Vereinbarkeit der Aufnahme von Zypern in die Europäische Union mit dem Völkerrecht, dem Recht der EU und den Zypern-Verträgen von 1959/60". Kurzgutachten, Maschinenschrift, März 1997

Veröffentlicht von turkishpress.de am 26. Dezember 2009

weitere Informationen zum Artikel
Bewertung: 
Noch nicht bewertet