• Zeitgenössisches Gemälde der Belagerung Wiens von 1683.
  •  Kurfürst Max Emanuel als Türkensieger
  • In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zeigte man das erbeutete Audienzzelt
  • Türkenzelt - Zelt des türkischen Großwesirs Süleyman, erbeutet 1687 in der Schlacht von Mohacs

Anton Achmet und der "Mavi Kral"

Lesezeit
4 Minuten
Gelesen zu

Anton Achmet und der "Mavi Kral"

26. Oktober 2016 - 04:28
Kategorie:
0 Kommentare

Vom Audienzzelt der Osmanen hin zum Königsschießen, zu großen Volksfesten jener Epoche bis hin zum Oktoberfest. Einem Anton Achmet aus Babadag, dem ersten registrierten Türken in München. Wie weit die deutsch-türkische Geschichte zurückreicht? Sehr weit!

Anton Achmet und der "Mavi Kral"

München / TP - Nicht erst seit den Gastarbeitern sind Türken in Deutschland seßhaft geworden, sondern bereits seit der Barockzeit trifft man hin und wieder auf Türken. Einer derjenigen, der die Türken ins Land brachte war Maximilian II. Emanuel von Bayern (1679-1726).

Es begann mit den Osmanen vor Wien, führte zu den etlichen Türkenkriegen in Österreich, Ungarn, im Balkan, setzte sich sogar bis weit nach Griechenland fort. Im Verlauf der Auseinandersetzungen zeichnete sich vor allem Maximilian II. Emanuel von Bayern wegen seiner Gestalt und Kampfesmut aus. Die Osmanen nannten ihn wegen seiner blauen Uniformjacke, die weit über die Schlachtfelder zu sehen war, dann auch den "Mavi Kral" (Blauer König). Es ist dieser Ehrentitel, dem man später ungenau als "blauer Kurfürst“ übersetzte und der sich so in der heutigen Zeit durchgesetzt hat.

Nach den Feldzügen zwischen 1683 und 1698, die unter anderen in Ungarn von bayerischen, schwäbischen und fränkischen Kontingenten angeführt wurde, kamen rund 1.000 osmanische Kriegsgefangene nach München. Darunter waren auch Frauen und Kinder. Sie wurden zunächst in Kasernen untergebracht und zu Fabrikarbeit, Kanalbau und Rodungen eingesetzt. Am kurfürstlichen Hof und in vielen Adelshäusern waren junge Türken als Pagen und Bedienstete beschäftigt. 1688 entstand sogar eine Zunft türkischer Sänftenträger. Adel, Bürgerschaft und Geistlichkeit bemühten sich auch, die muslimischen Gefangenen bzw. Bediensteten zum christlichen Glauben zu führen. Vor allem die Jesuiten erteilten Religionsunterricht. Die Münchner Taufbücher verzeichnen die Taufen von jüngeren und älteren Türken in erheblicher Zahl. Oft übernahmen hochgestellte Personen das Patenamt.

Achmet Türke jetzt Stainmair

Die türkischen Eltern sind unbekannt; Achmet, 17 Jahre alt, wurde bei der Eroberung Budas gefangen, nach München geführt, von Herrn Johann Georg Schlaucher, Gastwirt, in der Liebe zum katholischen Glauben erzogen, vom H.H. Heinrich aus der Gesellschaft Jesu im katholischen Glauben unterrichtet, wurde in der Pfingstvigil nach der Taufwasserweihe feierlich getauft und ihm der Name gegeben Maximilian Franz; Pate war der der hochedle und gnädige Herr Maximilian Johann Franz Graf von Preysing, Geheimer Rat und kurfürstlicher Hofmarschall, welchen vertrat der hochansehnliche Herr Sebastian Mayr, Sekretär. Taufspender war Georg Purckweger, Kooperator. 

Taufe des 17-jährigen Achmet aus Buda am 17. Mai 1687  - Taufbuch der Pfarrei München-St. Peter 1683-1689

Kurfürst Maximilian Emanuel ließ viele davon später gegen Lösegeld freikaufen. Auf osmanischen Druck hin wurde dies zumeißt von den Ackerbürgern in Ungarn eingefädelt und die osmanischen Kriegsgefangegen so freigekauft. Viele kamen zwar im Austausch oder gegen Lösegeld wieder frei und konnten in die Heimat, doch andere mussten, weil sie keine Beamte oder hochrangige Führungspersönlichkeiten waren, weiterhin in München oder im 12km. entfernten Schleißheim bleiben, vor allem diejenigen, von denen kein Lösegeld zu erwarten war oder die Versuche unternommen hatten, sich aus der "Gefangenschaft" mit Flucht zu befreien. 

Von diesen Gefangenen denen Flucht unterstellt wurden, kamen unter anderem 37 nach Schleißheim, um die dortigen Schloß- und Parkbauarbeiten fortzusetzen. Von 1701 bis 1704 legten sie in Schleißheim ein System von Kanälen an, dass den Mitgliedern des Hofes – nach dem Muster Venedigs – als Schauplatz für fröhliche Gondelfahrten diente. In München selbst arbeiteten die Gefangenen am Kanal zwischen der Isar bis hin zum Nymphenburger Schloß. Mehrere Jahre verbrachten allein diese Gefangenen damit, dem Lustschloß das benötigte Wasser der Isar in einem Kanal heranzuführen. 

Zu jener Zeit herrschte bereits Frieden zwischen Kaiser Leopold I. (1657-1705) und Sultan Mustafa II. (1695-1703). Das am 28. Januar 1699 in Karlowitz unterzeichnete Waffenstillstandsabkommen ermöglichte dann schließlich den Gefangenenaustausch. Auch Maximilian Emanuel entließ seine gefangenen Osmanen. Um 1700 lebten schließlich nur noch 36 namentlich bekannte Osmanen in München. Manche ließen sich aus pragmatischen Gründen taufen, wurden Christen und heirateten. Andere bekamen Bauland im heutigen Schwabing gelegen, an der auch der "Türkengraben" angrenzt. Dieser sollte ursprünglich die Münchner Residenz mit dem Schloss Nymphenburg, Schloss Schleißheim und Dachau verbinden, wurde jedoch von den Gefangenen nie vollendet und schließlich zugeschüttet. Hier siedelten sich diese Osmanen an, weshalb es heute die Türkenstrasse gibt, die in Maxvorstadt beginnt und bei Schwabing endet.

Die Spuren der Osmanen, der islamischen bzw. orientalischen Kunst, deren Zeugnisse auch in Deutschland und Europa zu finden sind, lassen sich auch in München wiederfinden. Waren es einst die Feste, die zu ehren des Kurfürsten Maximilian II. Emanuel von Bayern ausgetragen, von ihm selbst als Selbstverständnis seiner Macht und später die der bayrischen Könige in dieser Tradition fortgesetzt wurde, so war das Audienzzelt eines Paschas, der bei den Türkenkriegen erbeutet wurde, das Synonym für diese Macht, die bei diesen Festen aufgestellt wurde. Nur Jahrzehnte später, wurde anläßlich der Kronprinzenhochzeit am 12. Oktober 1810 auf der Festwiese dieser erbeutete Audienzzelt weiterhin aufgestellt, bis es schließlich mehrere Jahre lang auf dem Oktoberfest gezeigt wurde. Noch heute erinnern die großen Festzelte an diese Zeit.

Am 5. Oktober 1857 ließ König Maximilian II. Joseph von Bayern den Grundstein für das Maximilianeum in München vom Architekten Friedrich Bürklein legen. Ein Monument des Historismus und mit dem großen Wandbild des "Einzugs von Muhamed in Mekka“ von Andreas Müller, auch ein Zeugnis für ein Weltbild, dass die islamische Religion und Kultur als eine für den Fortschritt der Menschheit wesentliche Kultur ansah.

Und was machte der Anton Achmet während dieser Epoche? Anton Achmet kam 1683 mit dem osmansichen Heer nach Wien, geriet in Gefangenschaft, wurde Sänftenträger von Kurfürst Maximilian II. Emanuel und  war wohl der erste registrierte Münchner Türke. Er stammt aus Babadag, das heute in Rumänien liegt, lebte nach der Gefangenschaft in München, musste zwangsläufig bei Festen an vorderster Stelle des festlichen Umzugs mitschreiten, konvertierte schließlich zum Christentum in der ältesten Münchner Kirche über und wurde fortan auch von Kurfürst Max II. gefördert. Zumindest ist überliefert, dass der Kurfürst seine Patenschaft übernahm. Damit war er frei. Als kurfürstlicher Eselknecht heiratete Anton Achmet am 12. Januar 1688 die aus Österreich stammende (Maria) Kunigunde Ertman. Zu Jahresbeginn 1691 wurde ein Sohn geboren, der nach seinem Taufpaten, dem kurbayerischen Kammerdiener und Leibapotheker Andreas Heyer, den Namen Andreas erhielt und später kurfürstlicher Hoflakai wurde.

Antonius Achamet Eselknecht in Hofstal solutus. Kunigundt Ertmanin, Hannsen Ertman Fleischhakhers zu Stainbach im Ländl ob der Enns et Catharinae uxoris filia soluta. Test[es]: Hanß Ertman Messerschmidt, Philipp Jacob Keith Hochzeitlader Assist[ens] idem [= Conradus Kirchmayr]

Transkription des Trauungseintrags vom 12. Januar 1688

weitere Informationen zum Artikel