Akdamar-Kirche trägt heiliges Kreuz

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Akdamar-Kirche trägt heiliges Kreuz

18. September 2012 - 00:41
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Das Dritte christliche Gottesdienst in Folge sollte diesmal unter dem heiligen Kreuz stattfinden. Über Nacht genehmigt das türkische Kulturministerium die Errichtung des Kreuzes

Der Dritte christliche Gottesdienst seit 2010 war zwar nicht wie in den Jahren zuvor gut besucht, dennoch gab es am 6. September eine Besonderheit. Die armenischstämmigen Türken und Armenier aus dem Ausland konnten bereits aus der Ferne das heilige Kreuz auf der Kreuzkuppel erkennen. Nach nun mehr 95 Jahren hat die armenische Kirche zum Heiligen Kreuz (armenisch Surb Chatsch, türkisch Akdamar Kilisesi oder Surp Haç Kilisesi) wieder ein Kreuz. Die Entwicklung dazu, der Guss des Kreuzes in Armenien, die Genehmigung zum Aufbau des Kreuzes sind für sich alleine schon Geschichten.

Während des 3-tätigen Gottesdienstes auf der Akdamar-Insel im Vansee im Osten der Türkei, kamen etwa 1.200 Besucher. 2010, im ersten Jahr nach der Restauration der Kirche waren es noch 7.000, 2011 dann nur noch 4.000 Besucher. Zakarya Mildanoğlu findet das normal, die Kirche sei schließlich lange Zeit nicht offen gewesen, die Insel mal zum militärischen Sperrgebiet erklärt, dann als Weidefläche durch Hirten genutzt. Der armenischstämmige Architekt war von Anbeginn an dabei, als das türkische Kulturministerium 2007 die Kirche zum nationalen Kulturdenkmal erklärte, 2008 den Startschuß für eine großangelegte Restauration der Kirche gab. 2010 war es dann soweit. Die Kirche konnte genutzt werden, aber, und das ist in den Augen des Architekten noch ein unüberwindliches Problem, als Museum und nicht als Kirche, die jeden Tag dem Besucher als Gebetsstätte offen steht. Auch hatte sich die AKP-Regierung noch nicht dazu durchringen können, einen Kreuz auf der Kreuzkuppel zu errichten, die Walfahrtstätte sollte aber mindestens einmal im Jahr für die christlichen Gläubigen offen stehen, damit sie ihren Gottestdienst abhalten können.

Der diesjährige Gottesdienst fand zwischen dem 6. und 9. September statt. Besucher aus Israel, Amerika, Kanada und dem Libanon waren angereist, darunter auch der armenische Parlamentarier Aragats Akhoyan (Partei Blühendes Armenien). Die Besucher durchkreuzten den Vansee in einer 20-minütigen Bootsfahrt, ehe sie am Ziel waren. Dennoch, aus der Ferne. der Anblick eines Kreuzes auf der Kuppel, versüßte die lange Fahrtzeit. Die Erzbischöfe der armenischen Kirche in der Welt, der Istanbuler Patriarchat der armenisch-apostolischen Kirche, Aram Ateschjan, führten den Gottesdienst in der kleinen Kirche an, in der nur 50 Personen Platz finden konnten. Die restlichen Besucher fanden ausserhalb der Kirche Platz, das Wetter ließ es zudem zu, dass der Ausblick auf den Vansee ungetrübt blieb. Eine armenische Volkloregruppe tanzte, es wurde gesungen, gegessen, es wird für die Opfer des Erdbebens von Van und für die Opfer des syrischen Konflikts gebetet. Zeitweiße konnten sich die Besucher nicht beherrschen, armenische Fahnen wurden herausgeholt, die Lokalbeamten unterbanden das rasch. Noch ist die Beziehung zum Nachbarland Armenien mehr als brüchig, aber es wird merklich ruhiger, aufgeschlossener. Die Beamten sind höflich, merken an, dass das auch in Armenien nicht praktiziert werde, nicht machbar wäre.

Die Sicherheit der Besucher ist ein besonderes Anliegen der Regierung. Sondereinheiten der Polizei werden auf der Insel postiert. Ein Hubschrauber steht für den Ernstfall auf der Insel bereit, ein weiterer sichert ständig den Luftraum, Rettungs- und Polizeiboote patrouilieren um die Insel, Sanitäter stehen bereit, dass Sicherheitsaufgebot ist enorm. Nach drei Tagen wird der Gottesdient für dieses Jahr ohne Zwischenfälle beendet. Mit Erleichterung die von Wehmut begleitet wurde, verlassen die christlichen Besucher die Insel, begleitet vom hochrangigen türkischen Beamtenapparat.

Die Geschichte der Kirche nach dem Ersten Weltkrieg war beklagenswert, dass fand auch der kurdischstämmige Romanciers Yasar Kemal, der den Raubbau der Kirche in den 50´er verhindern konnte. Er stellte sich in Ankara vor, sprach sich für den Erhalt der Kirche, die Regierung stoppte die Zerstörung der Kirche vorerst. 1991 besuchte eine Delegation des Türkischen Kammern- und Börsenunion (TOBB) zusammen mit dem Gründer eines der reichsten türkischen Industriellenfamilien, Vehbi Koç, die Region und auch die Insel Akdamar. Koç bewunderte die Geschichte der Kirche, doch der PKK-Konflikt hatte einschneidende Folgen - lange Zeit konnte die Kirche auf der Insel, konnten annähernd 2.200 weitere kulturelle Objekte in der Region nicht geschützt oder restauriert werden, sie verfielen allmählich. Weitere 20 Jahre sollten vergehen, ehe die Sicherheit in der Region halbwegs erreicht war. 2007, die politischen Weichen sind gestellt, der PKK-Konflikt in einem gewissen Rahmen aus der Region gebannt, gibt das türkische Kultusministerium eine Ausschreibung zur Restauration der Kirche aus. Der türkische Geschäftsmann Cahit Zeydanlı erhält den Zuschlag, doch die Restauration selbst erweist sich als schwierig. Es gibt im gesamten Land keinen, der sich an die christlichen Reliefs, Skulpturen und Fresken traut. Schnell wird dem Unternehmer klar, dass hier Experten aus dem Ausland gefragt sind und Zakarya Mildanoğlu nimmt Kontakt mit Armenien auf. Es werden Bildhauer, Maler und Restauratoren geholt, die Kirche in den Originalzustand versetzt. 2 Jahre dauern die Arbeiten an, ehe sie 2010 fertiggestellt und in einer feierlichen Zeremonie eingeweiht wird.

Mildanoğlu will aber noch mehr, ein Kreuz auf der Kreuzkuppel der Kirche. Die türkische Regierung ist zunächst dagegen, will das Kreuz auch nicht subventionieren. Mildanoğlu sucht weiter, findet bei der armenischen Regierung Gehör. Es geht aber auch um andere Fragen, um die Größe und der Form der heiligen Kirche. Es gibt keine gesicherten Erkenntnisse dafür, wie sie einst aussah. Nach langen Debatten orientiert man sich an vergleichbaren Kirchen in Armenien, findet aber diesmal kein Material, womit man das Kreuz herstellt. Das Land hat nicht die Ressourcen. Die Restaurationsmeister ihres Faches finden schließlich in einem Keller in Armenien eine schwere bronzene Büste von Lenin. Sie schmelzen es ein, gießen das Kreuz, verfrachten es mit einem Schwerlaster in die Türkei und stellen die türkische Regierung vor vollendete Tatsachen. Das Kultursministerium lenkt ein, die armenischen Meister errichten das heilige Kreuz über Nacht.

Zakarya Mildanoğlu, der armenischstämmige Architekt ist aber mit sich und seiner Arbeit immer noch nicht zufrieden. Er will, dass die Kirche die eine über 1100-jährige Geschichte hat, in der Gegenwart nicht nur als Museum den Besuchern offen steht. Die Kirche zum heiligen Kreuz auf der Insel Akdamar soll wie in seiner Geschichte, den armenischen Christen als Walfahrts- und Gebetsort jederzeit offen stehen. Man könne zwar die Kirche jederzeit besuchen, aber ausserhalb der Gottesdienste, die einmal im Jahr stattfänden würden, seien offene Gebetshaltungen verboten, Kerzen seien unzulässig. Dass mit den Kerzen verstehe er, aber die Leute sollten in einer Kirche auch beten können, offen, ungestört, meint Zakarya Mildanoğlu.

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