Türkei: Polarisierung nach Nachtclub-Anschlag

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Türkei: Polarisierung nach Nachtclub-Anschlag

01. Januar 2017 - 13:54
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Ein Mann nähert sich einem Nachtclub am Bosporus, erschießt mit einem Sturmgewehr einen Polizisten sowie einen Sicherheitsbediensteten vor dem Eingang, stürmt in den Club und schießt knapp eine Minute lang in die feiernde Menschenmenge. Dann taucht der Mann unter. Er hinterlässt nach bisherigem Stand am Tatort 39 Todesopfer, mehr als 65 Verletzte.

Türkei: Polarisierung nach Nachtclub-Anschlag

Kommentar / TP - Nach bisherigen Informationsstand, hatte der Terroranschlag einen professionellen Hintergrund. Der Mann, der mit Deformationsgeschossen auf die zahlreichen Gäste schoß, hatte nur ein Ziel: möglichts viele Gäste des Nachtclubs Reina in Istanbul, mit wenigen Projektilen zu töten. Dabei ging der Attentäter kaltblütig vor und nahm sich dabei Zeit sich unter die Gäste zu mischen, die sich nach draußen zu retten versuchten. Bislang ist der Attentäter nicht gefasst, obwohl die Sicherheitsbehörden alle Zu- und Abfahrten der Millionenmetropole unmittelbar danach kontrollierten und auch das Gerücht, der Mann habe dabei ein Weihnachtskostüm getragen, soll nicht stimmen.

Es scheint, dass dieser "Islamist" oder "Dschihadist" ebenso am Leben hängt, wie der Berliner Attentäter, der mit einem LKW in den Weihnachtsmarkt raste. Gehen der IS die Selbstmordattentäter aus oder will man die Hit-and-Run Taktik anweden, wie es die Türkei seit Jahrzehnten erlebt?

Aber eine viel wichtigere Frage war wohl für diesen "Islamist" oder "Dschihadist", so viele wie möglich effektiv zu töten und da bot sich wohl nicht nur die Nacht vom 31. Dezember zum 1. Januar geradezu an. Vielmehr wohl auch die ausgelassene Stimmung im Club selbst, die mit lauter Musik berieselt, den herannahenden Tod nicht hören konnten. Man kann jetzt alles hinein interpretieren. Angefangen von einem Dschihadisten der Terrormiliz IS in einem Weihnachtskostüm, der die Türkei für ihre Operationen in Nordsyrien abstraft, bis hin zur Terrororganisation TAK, die über die zahlreichen ausländischen Gäste unter den Todesopfern eine Nachricht an Europa übermitteln wollte: lasst uns in Nordsyrien nicht fallen. Beide wären imstande, ohne die Wimper zu zucken, Menschen mit in den Tod zu reißen oder noch den letzten Todesschuss zu setzen, wie wir es beim Charlie-Hebdo Attentat mitverfolgen konnten.

Kurz nach dem Terroranschlag begann die Gerüchteküche dennoch zu brodeln und sie wurden von Politikern und Größen in der Gesellschaft unter Zuhilfenahme eines angeblichen Weihnachtskostüms angefeuert. Der Bündnis 90/Grünen Politiker Memet Kılıç nutzt den Anschlag bereits jetzt zum Rundumschlag gegen die türkische Politik – und macht einen schweren Vorwurf gegen die AKP-Regierung.

Die ehemalige SPD-Politikerin Lale Akgün sieht einen Zusammenhang mit den Pariser-Anschläge, die gegen den "weltoffenen Lebensstil" gewesen sei. Seit Wochen würden Islamisten mit staatlicher Unterstützung gegen Weihnachten und Silvester in der Türkei hetzen.

In die gleiche Kerbe schlägt auch der CDU-Politiker Ali Ertan Toprak ein. Seit Tagen würden Islamisten in der Türkei gegen Weihnachten und Silvester hetzen. Und wie bei seinen Vorrednern, sieht auch Toprak einzig die AKP dafür verantwortlich.

Dabei sind die Kommentare nach nur wenigen Stunden, selbst von schlimmer Natur, als die zahlreichen Werteverteidiger in der Türkei, die in irgend welchen Trachten in einer Showeinlage Weihnachtmänner vertreiben oder symbolisch vom Platz fegen, auch weil das Gerücht um ein Weihnachtskostüm anscheinend nicht stimmt. Aber noch schlimmer ist ihre grundlegende Haltung zu Menschen, zur vielfältigen türkischen Gesellschaft, so lange Teile von ihnen in das populistische Gesinnungsraster passen oder nicht nach ihren Vorstellungen agieren.

Ich weiß nicht, was schlimmer ist. Solch ein brutaler und feiger Anschlag oder diejenigen, die daraus persönlich politischen Profit herausschlagen wollen und dabei Opfer nach ihrer Herkunft, Religion oder ideologische Gesinnung instrumentalisieren. Erstens leistet die Türkei einen sehr großen Beitrag zur Bekämpfung der Terrormiliz IS: Alleine im Jahr 2016 wurden in der Türkei 3.359 Personen festgenommen, weil sie im Verdacht standen, Verbindungen zur IS/Daesh zu haben, wovon 1.313 verhaftet wurden. Darüber hinaus verhängte die Türkei seit dem Beginn des Bürgerkrieges gegen mehr als 52.000 Personen Einreiseverbote, die aus 145 Ländern stammen. Mehr als 4.019 Personen wurden darüber hinaus aus dem Land verwiesen.

Zweitens sind die Türken selbst an sich auch innerhalb ihrer eigenen Familien derart vielfältig in ihrem Glauben, politischen Überzeugungen, niemand kann und darf damit auf die eine oder andere weise daraus Kapital schlagen, weder der Terrorist, noch der Politiker. Vor dem Club Reina standen weinende Kopftuch-Mütter wie auch Väter mit dem islamischen Bart, der nach der Mekka-Reise gerne belassen wird, um irgend eine Information über den Verbleib des Sohnes, der Tochter oder irgend einem Verwandten zu erhaschen. In dem Augenblick, in dem jemand die Gäste als freizügig bezeichnet, unislamisch findet, ist er genauso zu verurteilen, wie Politiker und Personen die in der Öffentlichkeit stehen, die hinter der Tat die Regierung oder eine bestimmte Ideologie sehen. Daher sind gerade diese Äusserungen bemerkenswert und schon jetzt absehbar, dass vor allem dieser Umstand in der öffentlichen Wahrnehmung haften bleiben wird. Es wird der Kern sein, um den viele der kommenden Debatten kreisen werden. Und das ist äußerst beunruhigend.

Sowohl die Terrororganisation PKK als auch die Terrormiliz IS haben dasselbe Ziel: Menschen gegeneinander aufzuwiegeln, um einen Bürgerkrieg zu entfachen und so ein Machtvakuum zu erzeugen. Diese Annahme ist so einfach und offensichtlich, weil es in den Nachbarländern genauso funktioniert hat. Die Türkei ist aber weder Afghanistan, noch der Irak oder Syrien. In diesen Ländern hat es funktioniert, weil Menschen und Politiker dieses Schlages einen Keil hineingetrieben haben. Das wird ihnen aber in der Türkei nicht gelingen.

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