Die Akte Deniz Yücel

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Die Akte Deniz Yücel

01. Juli 2018 - 01:37
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Vor knapp zwei Jahren veröffentlichte der WELT-Journalist Deniz Yücel unter dem Titel "Was der 20 Gigabyte-Hack über das Erdogan-Regime verrät" sowie danach mit dem Titel "Die geheime Troll-Armee des Recep Tayyip Erdogan" einen weiteren Artikel, in der es sich um Gerüchte dreht, die "ausgefeilte Online-Strategien" Ankaras, möglicherweise gar Verbindungen zum IS beweisen sollen. Mit Bildern und Zitaten von Fethullah Gülen wurde sogar dessen Haltung zum gescheiterten Putschversuch im letzteren Artikel Raum geboten. Framing und mediales Priming nennt man das unter Journalisten.

Die Akte Deniz Yücel | Abdullah Bozkurt (Fethullah Gülen) über Twitter zu den Leaks

Kommentar - Vor knapp zwei Jahren veröffentlichte der WELT-Journalist Deniz Yücel unter dem Titel "Was der 20 Gigabyte-Hack über das Erdogan-Regime verrät" sowie danach mit dem Titel "Die geheime Troll-Armee des Recep Tayyip Erdogan" einen weiteren Artikel, in der über "ausgefeilte Online-Strategien" Ankaras fabuliert wird, möglicherweise gar Verbindungen zum IS ausgemacht werden. Mit einem Bild und Zitat von Fethullah Gülen wurde in einem Artikel sogar dessen Haltung zum gescheiterten Putschversuch Raum geboten. Framing und mediales Priming nennt man das unter Journalisten.

Das einzige Dokument, dass aus dem elektronischen Postfach von Berat Albayrak stammen soll sowie in Wikileaks unter "Berat-Box" verewigt ist und die "Online-Strategie" beweisen soll, hat tatsächlich 15-Seiten und ist datiert auf den 21. Juni 2013. Gesendet wurde es von einem gewissen Cüneyt Arvasi, einem Journalisten und Mitglied des Nakschibendi-Ordens, an den Präsidenten der "Turkish Heritage Organization" in New York, Halil Danışmaz, der wiederum die E-Mail an Albayrak, dem Schwiegersohn von Erdogan weiterleitete. Bis hierher stimmen die Angaben des ehemaligen nichtakkreditierten Türkei-Korrespondeten Deniz Yücel fast, danach wird es jedoch interessant und krude zugleich. Kurios wirkt dabei vor allem der erste Artikel, in der von einem schlagkräftigen "20 Gigabyte-Hack" die Rede ist, davon lediglich rund 1MB für die Vorwürfe überhaupt herangezogen werden können.

Aber zurück zum Grund der Verhaftung, Inhaftierung und Freilassung sowie "Exilgang" von Yücel in die Bundesrepublik. Deniz Yücel wurde in der Türkei am 14. Februar 2014 von der Polizei in Istanbul in Gewahrsam und auf Antrag der Staatsanwaltschaft in Untersuchungshaft genommen. Ihm wird seither Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, Datenmissbrauch und Terrorpropaganda vorgeworfen, der Prozess wird derzeit fortgesetzt.

RedHack - Die marxistisch-leninistische Hackergruppe

Stein des Anstoßes war die Androhung der marxistisch-leninistischen Hackergruppe RedHack vom 23. September 2016 über den Kurznachrichtendienst Twitter, eine insgesamt 16 Gigabyte große E-Mail-Datenbank des Energieministers und Schwiegersohns von Erdogan, Berat Albayrak, an die Öffentlichkeit zu bringen, falls die Regierung nicht sofort Aktivisten und Führer der prokurdischen HDP, darunter Alp Altınörs oder die Schriftstellerin Aslı Erdogan freilässt. Am 27. September 2016 begann die RedHack, nach dem die Regierung die Frist verstreichen ließ und den Twitter-Account der RedHack in der Türkei sperren ließ, die geleakten E-Mails Online zu verbreiten. Insgesamt  57.623 E-Mails datiert zwischen April 2000 und September 2016 wurden so frei zugänglich, an die Hacker über den Account von Berat Albayrak auf Google, ICloud oder Yahoo herangekommen waren. 

Die Hacker-Gruppe gibt selbst an, Institutionen wie den Hochschulrat, die türkische Polizei, das türkische Militär, den Telekommunikationskonzern Türk Telekom, den türkischen Geheimdienst MİT und viele weitere sensible Organe gehackt und darunter auch sicherheitsrelevante sowie geheim-eingestufte Daten veröffentlicht zu haben.

Das zeigte erneut wie angreifbar die Mitglieder und das nähere Umfeld der Regierungsebene war, aber auch, wie banal und harmlos die Inhalte und Dokumente zum großen Teil eigentlich sind und über diese weltweiten Datenclouds getauscht wurden. Bei näherer Betrachtung der insgesamt  57.623 E-Mails stellt man nüchtern fest, dass die anfangs von RedHack als brisant bezeichneten Inhalte im Grunde keinen Investigativjournalisten vom Hocker reißen würde oder das Potential besitzen, den Pulitzer-Preis abzustauben. Innerhalb von 16 Jahren hatte offenbar Berat Albayrak ausser dieser einen als "brisant" in Umlauf gebrachten E-Mail, Zehntausende Einladungen von Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen, Privatpersonen, Glückwünsche, Auszüge aus Nachrichtenmeldungen, Stellungnahmen, Flugticketsreservierungen und Amazon-Bestellungen in seinem E-Mail-Konto aufgestaut.

Zielperson: Berat Albayrak

Brisant wird der Leak in manchen Augen erst, wenn man Berak Albayrak nicht nur als Schwiegersohn des damals zwischen 2003 und 2014 amtierenden Ministerpräsidenten Erdogan sieht, sondern zeitnah als Energieminister wahrnimmt und zugleich den Hintergrund der Familie Albayrak durchleuchtet und darin ein Skandal wittert. Erdoğans Schwiegersohn stieg vom Geschäftsmann zum CEO eines 8-Milliarden-schweren Unternehmens auf, der Çalık Holding. Çalık Holding ist seit 2008 auch im Besitz des populären TV-Senders ATV und der heute regierungsnahen und auflagenstärksten Tageszeitung Sabah. Mit Sabah, die 2011 rund 356.000 Exemplare verkaufte, wendete sich das Blatt in den Leitmedien, die bis dahin unangefochten von der Tageszeitung Zaman (900.000) angeführt wurde. Die größte Oppositionszeitung Sözcü (363.000) lag im gleichen Zeitraum mit der Sabah gleichauf. Weit abgeschlagen hingegen, die Tageszeitung Cumhuriyet mit rund 60.000 Auflagen. Nur die Hürriyet, Posta und Vatan sind neben der Sözcü weitere Oppositionszeitungen zur Sabah, die beinahe ähnliche auflagenstärken hat.

Mit dem Erwerb der Sabah und ATV erhielt die Çalık Holding auch die Aufmerksamkeit der Regierung, insbesondere durch Berat Albayrak, der seit dem 24. Mai 2016 als Energieminister und Ehemann der Tochter von Erdogan, weiterhin den Draht zu seinem Bruder Serhat Albayrak, der seit 2013 die Geschäfte der Holding übernahm, nicht verlor und aufrechterhielt.

In all diesen Ausführungen darf man jedoch nicht vergessen, dass alle Parteien und Regierung in Europa wie auch in anderen Industrienationen gewisse Leitmedien unter ihrer direkten Kontrolle haben oder deren Aktienmehrheit besitzen und damit gewisse Gefälligkeiten und Gegenleistungen erwarten. Das führt mitunter dazu, das ein in Ungnade gefallener Redakteur oder Journalist seinen Posten räumen muss, wenn er für eine Partei oder Regierung unhaltbar ist, sofern man diese auch gewisserweise kontrolliert. 

Deshalb ist es kaum verwunderlich, dass der damalige Berater des Ministerpräsidenten Ismail Kalin immer wieder E-Mails an Serhat Albayrak und zugleich Berat Albayrak versendete, in denen er häufig auf Stellungnahmen der Regierung hinwies oder Probleme ansprach bzw. erörterte und es sollte auch nicht verwundern, wenn der CEO der Doğan Holding, Mehmet Ali Yalçındağ, der u.a. die nahmhaften und auflagenstarken oppositionellen Tageszeitungen Milliyet, Hürriyet, Posta, Fanatik sowie Vatan in der Doğan Holding vereint, immer wieder Rücksprache mit der Regierungsebene hielt oder größere Geschäftsanbahnungen und Änderungen ankündigte.

So teilte am 29. Juni 2016 Mehmet Ali Yalçındağ, Berat Albayrak mit, dass die Hürriyet Verluste einfahre und etliche Probleme die Frage nach einem neuen Chefredakteur aufgeworfen habe. Dabei sei man sich in der Neubesetzung der Chefetage der Hürriyet zumindest beim Journalisten und CNN-Türk Moderator Ahmet Hakan einig, schreibt der CEO Albayrak in der E-Mail. Auch wird ein Gesprächsprotokoll von Yalçındağ an Albayrak per E-Mail gesendet, in der er sich als CEO mit dem Inhaber der Holding, Aydın Doğan, über die Zukunft des Unternehmens und seinen Platz darin auslotet. Dieses Protokoll wird jedoch auch an den Bruder von Aydın Doğan, an Hasan Doğan als CC weitergeleitet. Dennoch ist diese Informationsweitergabe wohl mit ein Grund, weshalb Yalçındağ nach der Veröffentlichung der Leaks seinen Posten verlassen und in den Aufsichtsrat beordert wurde.

Der E-Mail-Verkehr hat aber noch kein Potential, darin einen Skandal zu wittern. Auch dann nicht, wenn in zahlreichen E-Mails Sümeyye Erdoğan, Bilal Erdoğan, Berat Albayrak und weitere Angehörige von Recep Tayyip Erdoğan z.B. über das Grubenunglück von Soma (Mai 2014) diskutieren, nach dem sie von ihrem eigenen Umfeld auf Ungereimtheiten und Auffälligkeiten in der oppositionellen Berichterstattung oder oppositionellen Parteiarbeit per E-Mail informiert werden. Bereits zu dieser Zeit herrschte innerhalb der türkischen Gesellschaft eine Art Paranoia, die auch an der Familie Erdogan und Albayrak nicht spurlos vorüber ging. Bis zum Grubenunglück in Soma hatte die Türkei vor allem während des Friedensprozessses bereits etliche Morde, Skandale, Tragödien oder Terroranschläge hinter sich und weitere vor sich:

  • Januar 2012 werden Sakine Cansız, Fidan Doğan und Leyla Söylemez (PKK-Aktivisten) in Paris ermordet.
  • März  2012 tötet eine Sprengfalle in Istanbul-Beyoğlu 15 Polizeibeamte, 16 weitere werden zum Teil schwer verletzt.
  • Juni 2012 werden in der Region Dağlıca bei einem Gefecht 8 Soldaten getötet.
  • August 2012 detoniert eine zeitgesteuerte Bombe in der Nähe des Polizeipräsidiums von Gaziantep. Insgesamt sterben 10 Zivilisten, 65 weitere Menschen werden verletzt.
  • September 2012 werden im Balyoz-Prozess die ehemaligen Generäle Halil Ibrahim Firtina, Özden Örnek, Cetin Dogan zu 20 Jahren Haft verurteilt. Von insgesamt 365 Angeklagten werden 34 freigesprochen.
  • September 2012 sterben bei einem Angriff von Terroristen in Beytüşşebap 10 Soldaten.
  • September 2012 sterben in Karlıova 8 Beamte einer Bereitschaftspolizei, als ihr Mannschaftsbus eine Sprengfalle auslöst.
  • September 2012 werden bei einem bewaffneten Angriff zwischen Bingöl und Muş 9 Soldaten getötet und 70 weitere verletzt.
  • Oktober 2012 fallen aus dem syrischen Grenzgebiet abgefeuerte Granaten auf die Stadt  Akçakale nieder. 5 Zivilisten, darunter drei Kinder, werden getötet.
  • Januar 2013 General der Landstreitkräfte Hurşit Tolon wird wegen der Zirve-Verlag-Morde verhaftet
  • Februar 2013 werden Niederschriften zum Gesprächsinhalt zwischen Regierungsebene und Abdullah Öcalan auf der Gefängnisinsel Imrali veröffentlicht, obwohl sie unter Verschluß sind.
  • Januar 2012 wird der ehemalige Generalstabschef  İlker Başbuğ verhaftet. Man wirft ihm Umsturzversuch vor.
  • Mai 2013 explodieren in der Provinz Hatay im Landkreis Reyhanlı zwei Fahrzeuge. 52 Menschen verlieren dabei ihr leben, mehr als 50 Menschen werden verletzt
  • 28. Mai 2013 protestieren vereinzelte Aktivisten vor dem Gezi-Park und leiten damit eines der gewalttätigsten Proteste in der Türkei aus.
  • August 2013 werden im Ergenekon-Prozess die ersten hohen Urteile gefällt.
  • 17. Dezember 2013 erschüttert eine Korruptionsaffäre innerhalb der Regierungsmitglieder die Türkei.
  • Februar 2014 rücken Mitschnitte angeblicher Telefonate vom 17. Dezember 2013 zwischen Bilal Erdogan und Recep Tayyip Erdoğan, die Familie in die Nähe illegaler Geldgeschäfte. 
  • 30. März 2014 findet die Kommunalwahl statt.
  • 13. Mai 2014 sterben bei einem Grubenunglück in Soma 301 Bergleute.
  • 10. August 2014 wird Erdogan zum ersten mal in der türkischen Republiksgeschichte vom Volk zum 12. Präsidenten gewählt.
  • Oktober 2014 eskalieren in Istanbul, Izmir sowie in Städten im Südosten und im Osten von der prokurdischen HDP angekündgiten Proteste gegen die Terrormiliz IS sowie der Belagerung der nordsyrischen Stadt Kobane (Ain al-Arab). Insgesamt sterben im Verlauf der Protestkundgebungen und Ausschreitungen 37 Menschen, zahlreiche Fahrzeuge, Gebäude und Geschäfe werden dabei zerstört. In Diyarbakir wird Ausgangssperre verhängt.

Vorwürfe von Deniz Yücel

In seinem ersten Artikel hält Deniz Yücel dem "Erdogan-Regime" indirekt vor, den Staat vereinnahmt zu haben um lukrative Geschäfte im Ausland zu betreiben. Unter dem Titel "Was der 20 Gigabyte-Hack über das Erdogan-Regime verrät" schreibt Yücel, unter Umgehung der irakischen Zentralregierung habe die Firma Powertrans Ölgeschäfte mit der Autonomen Region Kurdistan im Nordirak  betrieben, dessen "heimlicher" Chef Berat Albayrak selbst sei. Das gehe aus einer E-Mail vom 20. Juni 2013 hervor. Darin erwarte ein Mitarbeiter der Firma von Albayrak die Zustimmung über eine Erhöhung der Essensbeteiligung für Ölarbeiter. Generell ist in den Leaks zu beoachten, dass die Firma regelmäßig detaillierte Angaben über Aufbau, Struktur der Mitarbeiter und Besetzung an Albayrak per E-Mails gesendet hat, was auch kein Wunder ist.

Powertrans ist oder war ein Schwesterunternehmen der Çalık-Energy und somit in der Çalık Holding. Bis Ende 2013 war Berat Albayrak CEO der Çalık Holding, wurde erst nach der Parlamentswahl am 7. Juni 2015 Abgeordneter der AKP und am 24. November 2015 Minister für Energie und Bodenschätze. Das betont Yücel jedoch nicht und lässt so einen gewissen Interpretationsspielraum, was zu der Annahme führt, all das sei während seiner politischen Laufbahn passiert.

Des Weiteren gibt Deniz Yücel auch die Meldung des kleinen Nachrichtenportals Etha wieder, die eine E-Mail aus dem Leak vom 9. Juli 2014 ausgewertet haben soll und in der angegeben wird, dass der Krieg "zwischen den türkischen Streitkräften und der PKK" sich in einen Krieg "zwischen der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) und der syrischkurdischen Miliz YPG gewandelt" habe. Nur zum Verständnis: die türkische Justiz betrachtet die Etha als Sprachrohr der marxistisch-leninistischen Terrororganisation DHKP-C, für die u.a. Meşale Tolu bis zu ihrer Verhaftung als Übersetzerin tätig war.

Die Schlussfolgerung in der Welt-Online lautet dennoch, dass die Erzfeinde "Erdogans" sich gegenüber der IS behaupten müssen, spätestens dann, wenn die Präsidentenwahl in der Türkei stattgefunden hat und die IS zum Schlag ausholt. Im Anhang der E-Mail ist auch eine Karte, in der angeblich die Waffentransporte der IS aus der Türkei aufgezeigt werden. 

Der Grundtenor in den Artikeln lautet also, dass die Türkei nicht nur die Waffenlieferungen in das Bürgerkriegsland zugelassen, sondern auch bewusst zugelassen haben, wussten, wer sie in Empfang nimmt. Doch Yücel schwächt zumindest hier die These, dass das ein Beweis dafür wäre, dass die IS von der Türkei direkt oder indirekt unterstützt wird: "Selbst wenn man die Rolle und die Identität des Absenders klären könnte, wäre mit diesem Schreiben nicht bewiesen, dass die türkische Regierung dem IS Waffen geliefert hat, schließlich geht aus der Formulierung nicht hervor, ob türkische Stellen an diesen Waffentransporten beteiligt sind. Gleichwohl passt diese Mail in jene Zeit:"

Der Absender der E-Mail ist Cüneyt Arvasi, ein Mitglied des Nakschibendi-Ordens, was auch aus dem weiteren E-Mail-Verkehr hervorgeht. Der Präsident der "Turkish Heritage Organization" in New York, Halil Danışmaz, der die E-Mails von Arvasi an Albayrak weiterleitet, tritt dabei am 18. Juni 2013, also knapp ein Jahr zuvor in einer ersten E-Mail, als Leumund für Arvasi auf und klärt Albayrak u.a. auf, wer der Mann ist und was für ein Anliegen bzw. welche Befürchtungen er habe, um so sein vorgeschlagenes Projekt anzustoßen. Arvasi gibt jedenfalls darin an, dass die Türkei sich mitten im Cyberkrieg befindet und ungeschützt ist. Aufgrund dessen sei sie machtlos gegenüber den Gezi-Protesten gewesen. Arvasi zufolge seien die Proteste von langer Hand geplant und über soziale Medien, internationale Agenturen und undurchsichtige Bündnisse angestoßen und befeuert worden. Die Ausmaße der Ausschreitungen und Gewalt hätten sogar die Sicherheitsbehörden überwältigt, sie hätten letztendlich nur Schadensbegrenzung leisten können. 

Arvasi fordert als Folge dessen eine sofortige Bildung einer Einschreitgruppe, die dem Propagandaapparat entgegensteuern soll, weil man sich nicht sicher sei, welche Trumpfkarten "sie" aufgrund vorhandenem Materials, die als Desinformation dienen würden, noch ausspielen könnten. Offenbar, so geht das zumindest aus dem E-Mail-Verkehr hervor, reagiert aber Albayrak nicht auf die E-Mail, weshalb Halil Danışmaz weitere E-Mails an Albayrak sendet, in der er weitere Gespräche mit Arvasi anhängt und als wichtig anführt. Am 20. Juni 2018 hängt Danışmaz, nach dem keine Reaktionen kommen, in einer E-Mail ein Anhang an, in der Arvasi einen Plan entworfen hat, wie man so eine Einschreitgruppe aufbaut, zusammensetzt und mit welchen Mitteln man sie finanzieren kann, um am 18. Juli 2013 mit dem Betreff "letzter Stand" erneut darauf hinzuweisen, wie wichtig das sei.

Yücel zufolge wurde dieser Plan offenbar umgesetzt, um über die sozialen Medien Twitter und Facebook gezielt die Massen zu beeinflussen. Er spricht dabei von einer "Troll-Armee" mit 6.000 Mitarbeitern, die die Beeinflussung der Massen vornehmen würden und reißt dabei unerklärlicherweise die Bemerkungen sowie den sogenannten Plan von Arvasi aus dem Zusammenhang. Aus dem E-Mail-Verkehr geht nicht hervor, dass die Pläne den Einsatz von 6.000 Mitarbeitern vorsieht oder der Plan auch angenommen und umgesetzt wurde, was man auch daran erkennen kann, dass der Ansprechpartner Berat Albayrak bis zur Entdeckung des sogenannten Leaks keine Antwort gab oder auf diese E-Mails reagierte. Auch ein Jahr später, nach dem der erste Plan vorgestellt wird, scheint Arvasi wohl gegen eine Wand zu reden, denn am 9. Juli 2014 wird seine Bewertung über die PKK-YPG-IS in Nordsyrien weiterhin Albayrak nur über Danışmaz erreichen.

Jemand der einen Plan entworfen hat, als Chefplaner dieser Einschreitgruppe definiert werden kann, dessen Pläne angeblich umgesetzt wurden, schreibt weiterhin über einen Mittelsmann? Kaum vorstellbar! Ferner, niemand sprach in den E-Mails von einer Beeinflussung des Volkes, sondern von einem Gegensteuern gegen eine ausgemachte Beeinflussung des Volkes aus dem In- wie Ausland - also eine ganz andere Bedeutung. Wieso Yücel das einfach umdeutet, kann nur er selbst beantworten.

Jedenfalls legte Arvasi mit dem Dokument einen Planentwurf vor, in der er rund 30 Mitarbeiter eingeplant hatte, wovon 4 ständig in Dauerbereitschaft sein sollten. Zum Betrieb dieses "staatlichen Twitterteams", wie es Yücel bezeichnet, veranschlagte Arvasi jährlich 209.000 US-Dollar, ein Büro sowie ein Fahrzeug - etwas dürftig für eine "Troll-Armee". Den Beweis bleibt jedenfalls Deniz Yücel weiterhin schuldig, was nicht heißt, dass die türkische Regierung aufgrund der steigenden Cyberkriminalität oder besser gesagt, Hackerangriffen und ausländisch-lancierten Falschmeldungen, danach weiterhin geschlafen hat und keine Einschreitgruppe oder Institution hat.

Die Europäische Union hat ein entsprechendes Paket erst verabschiedet, nationale Regierungen haben bereits Fakten geschaffen, um solche Angriffe abzuwehren, sprich, sogenannte Einschreitgruppen aufgebaut, die unter anderem Falschmeldungen entgegensteuern sollen - dieselben Maßnahmen die Arvasi in dem Plan vorschlug.

Berichterstattung

Es ist höchst spekulativ, aber doch sehr interessant, dass die ersten Meldungen über geleakte E-Mails Hand in Hand mit linksgerichteten, DHKP-C-nahen und PKK-nahen Medienorganen, Fethullah Gülen-nahen Aktivisten aus dem Ausland aufgegriffen wurde, was ja von Cüneyt Arvasi, dem Investigativjournalisten Nedim Sener sowie dem Chefredakteur des Online-Nachrichtenportals Oda TV, Soner Yalcin, ebenfalls nach den Details des Leaks hervorgehoben wurde. Ihre übereinstimmende These lautete danach, dass die Fethullah Gülen-Bewegung sehr lange Zeit nicht nur die staalichen Organe unter Kontrolle hatte, sondern auch die Leitmedien durch die Tageszeitung Zaman beeinflusste.

Man ist noch immer fest davon überzeugt, dass die Gülen-Bewegung zahlreiches Detailwissen - auch wenn davon teilweise viele nicht wirklich einen Skandal heraufbeschwören können - durch den Exilgang in Sicherheit gebracht haben und dieses Material bei Bedarf entsprechend manipuliert einsetzen. Sener zufolge sollen noch etliche Anhänger in hohen Position als Schläfer funktionieren und bei Bedarf aktiviert werden, was die Gefahr mit sich bringe, dass der Putschversuch in anderer Form fortgesetzt wird. Wie so ein Detailwissen aussieht, erklärte Sener u.a. mit dem Audiomitschnitt über private Telefonate zwischen Erdogan und seinem Sohn Bilal Erdogan, die erstmals im Februar 2014 auftauchten und die Korruptionsaffäre vom 17. Dezember 2013 erneut aufkochen sollten.

Experten der Technischen Universität des Nahen Ostens in Ankara hätten in Sísyphusarbeit die Audiomitschnitte überprüft und zahlreiche Sequenzen festgestellt, die echte Tonaufnahmen wie auch manipulierte Tonaufnahmen beinhalten, also zu einer Audioaufnahme zusammengesetzt wurden. Die Arbeit sei professionell erstellt worden, so die Schlussfolgerung von Nedim Sener. Fest steht nur nicht, wann die echten Mitschnitte aufgenommen wurden, um diese für eine manipulierte Aufnahme zurechtzuschneiden und mit weiteren selbst hergestellten Audiosequenzen zusammenzusetzen.

Soner Yalcin erklärte in Zusammenhang mit den Leaks, dass die Türkei längst eine Cybergruppe hatte, jedoch nicht von der türkischen Regierung, sondern von der Gülen-Bewegung gesteuert wurde. Dabei bezieht sich Yalcin auf einen Cyber-Ausspähversuch innerhalb einer Expertengruppe, die sich in den USA mit der Gülen-Bewegung befasse und in den USA 2015 in der TV-Sendung 60Minutes angesprochen worden sei. Diese Expertengruppe sei gegenüber der Gülen kritisch, weshalb sie wohl ins Visier geriet. Yalcin zufolge habe auch die Oppisitionspartei CHP vor solchen Cyberattacken gewarnt, mit denen einzelne Politiker als Mittäter des gescheiterten Putschversuchs ins Rampenlicht gerückt werden könnten. Dabei warnt Yalcin die Regierung, die Zügel dahingehend nachzulassen, sondern dagegen Maßnahmen zu ergreifen, die Cyberangriffe abwehren.

Deniz Yücel berichtete in zwei Artikeln über mutmaßlich aufgebaute Troll-Armeen, Verbindungen zur Terrormiliz IS, Waffenlieferungen, beabsichtigte Schwächung der PKK/YPG durch die IS, scheitern lassen des Friedensprozesses sowie Bevorteilung von Familienmitgliedern bei der Vergabe von Staatsaufträgen, wie dem Ölgeschäft im Nordirak. Die Berichte offenbaren jedoch bei näherer Betrachtung eine Art Framing (Schubladendenken) und Priming (Beeinflussung), die auf Mutmaßungen beruhen, aber ebenso als Allgemeinwissen durchgehen, weil die westliche Berichterstattung entsprechende Sichtweisen etabliert hat.

So wird die Frage nicht mehr gestellt oder der Versuch unternommen, die Behauptung zu hinterfragen oder auch mit Beweisen zu untermauern, ob die Türkei der IS Waffen geliefert hat - sie hat es einfach zu tun, um die etalierte Meinungsbildung nicht ins Wanken zu bringen. Spätestens nach der Verhaftung des ehemaligen Chefredakteurs Can Dündar, der seit seiner Freilassung in Europa im Exil lebt und der diese These über die Tageszeitung Cumhuriyet in die Welt gesetzt hatte - wovon er gegenwärtig jedoch Abstand nimmt (TV-Sendung Markus Lanz vom 26. Juni 2018 im ZDF - Mit dabei Can Dündar, der folgendes erklärt: "Zunächst mal darf ich sie korrigieren, wir konnten nicht belegen, dass Waffen an den IS gesendet worden sind" | Frage des Denk-Abgeordneten Tunahan Kuzu an Can Dündar bei einer Sitzung im niederländischen Parlament) - , ist die Meinung dahingehend gefestigt und unumstößlich.

Yücel musste nur die These der IS-Verbindung aufwärmen, um diese Meinung aufrechtzuerhalten, wie er auch einfach unterließ, den gesamten E-Mail-Verkehr über die "Troll-Armee" offenzulegen, damit der Leser sich dann alleine auf seine Recherchen verlässt. Dazu pickte Yücel sich die E-Mails heraus - vermutlich hat Deniz Yücel sie nicht einmal alle gelesen -, in der dieser sogenannte Masterplan von Arvasi vorkam, um die Meldung zu teilen, es gebe eine 6.000 Mann-starke "Troll-Armee". Die Grenze zwischen Journalismus und Parteilichkeit zu einem bestimmten Fandom lässt daher nicht nur zu wünschen übrig, es ist geradezu bezeichnend für den weiteren Werdegang Yücel´s.

Verhaftung, Inhaftierung und Freilassung

Deniz Yücel wurde in der Türkei am 14. Februar 2016 in Istanbul von der Polizei in Gewahrsam genommen. Ihm wird seitdem Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, Datenmissbrauch und Terrorpropaganda vorgeworfen, weil er über die geleakten E-Mails des Energieministers und Schwiegersohns von Erdogan berichtet hatte. Bislang wurden in Zusammenhang mit den geleakten E-Mails und der Berichterstattung sechs Journalisten der Diken verhaftet, alle kamen inzwischen frei.

"Die Welt" gab am 17. Februar 2016 bekannt, Deniz Yücel habe sich den Ermittlern freiwillig gestelllt, um der Vorladung des Istanbuler Polizeipräsidiums Folge zu leisten. "Die Welt" berichtete hierzu:

Türkei-Korrespondent Deniz Yücel in Polizeigewahrsam

Yücel, der im Zusammenhang mit Berichten über eine Hacker-Attacke auf das E-Mail-Konto des türkischen Energieministers gesucht wurde, hatte sich am Dienstag in das Polizeipräsidium in Istanbul begeben, um sich Fragen der Ermittler zu stellen. Nach den Regeln des derzeit geltenden Ausnahmezustandes in der Türkei kann er bis zu 14 Tage ohne Anhörung durch einen Richter in Polizeigewahrsam gehalten werden. Anschließend kann die Staatsanwaltschaft Untersuchungshaft beantragen. Yücels Wohnung wurde durchsucht.

Was man jedoch weder von der "Die Welt", Deniz Yücel oder anderen Medien mitbekam, erwähnte der FAZ-Korrespondent Michael Martens am 19. Februar 2016 nebenbei und ganz beiläufig in einem Kommentar:

Einmal Türke, immer Türke?

Für die „Welt“ tat das bis Ende 2016, als er auf dem exterritorialen, also dem türkischen Zugriff entzogenen Gelände der deutschen Kulturakademie in Tarabya Zuflucht fand, ebenjener Deniz Yücel, der sich nun den türkischen Behörden stellte. Yücel und Topcu sind Deutsche, hier geboren und aufgewachsen. Yücel besitzt zudem die türkische Staatsbürgerschaft, was die Lage in der Türkei für ihn nun erschwert.

Deniz Yücel hatte sich demnach bereits seit Ende 2015 der Vorladung der türkischen Polizei geflissentlich entzogen, in dem er sich in der Kulturakademie Tarabya aufhielt, der Sommerresidenz der deutschen Botschaft in Istanbul. Aussergewöhnlich, zumal der Aufenthalt eines deutsch-türkischen Journalisten auf einem Botschaftsgelände bis zur "freiwilligen" Gewahrsamnahme kein Thema in den deutschen Medien war, obwohl bereits Mitte Oktober ersichtlich war, dass die Berichterstattung über die geleakten E-Mails von den Ermittlungsbehörden verfolgt wurde und dabei bereits sechs Journalisten verhaftet wurden, von denen drei kurze Zeit später auf freien Fuß gesetzt wurden. Die türkische Regierung war aber offenbar sehr gut informiert, darüber, wo sich Yücel verschanzt hat, denn nur kurze Zeit nach dem "abtauchen", polterte Erdogan los und beschuldigte Yücel des Terrorismus.

Demnach saß nun Yücel fast einem Monat erst einmal in der Kulturakademie in Tarabya fest, ohne dass der Journalist, der in sozialen Medien ansonsten ein Post-Marathon hinlegte, auch nur eine einzige Silbe darüber verlor oder die Starbesetzung in der "Die Welt" Redaktion darüber auch nur davon berichteten - bis zum 17. Februar, als Deniz Yücel wieder auf Facebook ein Lebenszeichen gab, also fast einen Monat später nach dem letzten Tweet bzw. Eintrag in Facebook und die Medien nachzogen. "Die Welt" meldete, dass der Journalist sich in das Polizeipräsidium begab und dann in Gewahrsam genommen wurde, während das Auswärtige Amt mit wachsweichen Bemerkungen ihren Beitrag leistete, um auf die Festnahme zu reagieren.

Merkwürdig dabei: Just zu Beginn der dreitägigen zeitgleich stattfindenden Münchner Sicherheitskonferenz stellte sich Yücel den Behörden, also kurz nach dem der türk. Ministerpräsident Yildirim die Kanzlerin Merkel traf. Wurde hierbei über Yücel gesprochen, etwa von der Bundesregierung versucht mit der türkischen Justiz ein Deal auszuhandeln? Anscheinend wollte die türkische Justiz sich darin nicht beirren lassen, weshalb die Bundesregierung wohl klein beigab und Yücel quasi auslieferte. 

 

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