Geschwister Scholl verkommen zu Handlangern von Phillip Ruch

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Geschwister Scholl verkommen zu Handlangern von Phillip Ruch

02. Juli 2017 - 03:57
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Phillip Ruch, deutsch-schweizerischer Philosoph und Aktionskünstler, startet in Bayern eine Flugblatt-Aktion. Soweit so gut sagen ich und Jill Ö. Cebeli. Doch der nächste Schritt dieser Aktion, direkt und ohne Hinweis auf ihre Intention in Istanbul Flugblätter zu verteilen, mit dem Aufruf zum Sturz der Regierung, geht viel zu weit und wirft ernsthafte Fragen auf wie wir meinen. Wird der Nationalsozialismus mit ihren verheerenden Auswirkungen sowie die Leistung der Geschwister Scholl als Mitglieder der "Weißen Rose", einer in ihrem Kern studentischen Münchener Gruppe, die während des Zweiten Weltkriegs im Widerstand gegen den Nationalsozialismus aktiv war, insbesondere bei der Verbreitung von Flugblättern gegen den Krieg und die Diktatur unter Adolf Hitler, relativiert?

Flugblatt des Kurdischen Gesellschaftszentrum e.V. für #Scholl2017 Berxwedan Jihan e! Widerstand ist Leben!

Kommentar / TP - Phillip Ruch, deutsch-schweizerischer Philosoph und Aktionskünstler, startete diese Woche in Bayern eine Flugblatt-Aktion. Sonderbar wirkte bereits der erste Teil dieser Aktionskunst, die auf den ersten Blick suggerierte, junge Menschen dazu zu bewegen, gegen Tyrannei und Diktatur Position zu beziehen, in Form eines selbstverfassten Flugblatt, so wie die Geschwister Hans und Sophie Scholl. Sie hatten während des Zweiten Weltkriegs im Widerstand gegen den Nationalsozialismus als Mitglieder der "Weißen Rose" Flugblätter gegen den Krieg und die Diktatur unter Adolf Hitler verteilt.

Im zweiten Teil der Aktionskunst von Ruch wird es sprichwörtlich anrüchig, unseriös, es hat ein gewisses Geschmäckle. Am Freitag meldeten die Initiatoren - @politicalbeauty - der Aktion, die unter dem Hashtag #Scholl2017 im sozialen Netzwerk ihre Aktionen publik machen, in Istanbul 1.000 Flugblätter verteilt zu haben, eben auch in jenem Land, die der Aktionskünstler unter den vorgegebenen Diktaturen aufgezählt hatte und worunter junge Menschen ihre Auswahl treffen konnten, einen "Diktator", in diesem Fall Erdogan, mit ihrem Flugblatt-Text zu stürzen. Spätestens hier hielten viele Türken inne, um die Meldung erneut zu überfliegen. Ja, es gab auch Türken, die bereits während des ersten Teils der Aktion in rage geraten waren, aber in anbetracht der Tatsache, dass derzeit Erdogan inzwischen die deutsche Politik dominiert, auch kein Wunder.

Inne hielten aber jene Türken die in türkischen Medien am Samstag zu lesen bekamen, wie ein deutscher Staatsbürger sich in ein Hotel in der Nähe des Gezi-Parks niederließ, um ein umfangreiches Equipment aufzubauen, mit der man gezielt über das Hotelfenster Flugblätter verteilen kann, und das ohne dabei anwesend sein zu müssen. Am Freitag war es dann soweit, Flugblätter sollen wohl über das Hotelfenster ferngewartet auf die Straße gefallen sein. Dass das Flugblatt auch noch im Namen des Freistaats Bayern und der Bundesregierung dazu aufrief einen rechtmäßig und frei gewählten Präsidenten zu stürzen, der überdies am 15. Juli 2016 bereits gestürzt werden sollte, setzte dem ganzen noch die Krone auf.

Die Aktionskünstler waren also scheinbar a) selbst zu feige, die während der ZDF-Aspekte-Sendung so überheblich als "Unterschallexplosionen totalitärer Staaten“ bezeichnete Aktion, Flugblätter in Istanbul selber per Hand zu verteilen, sondern ferngesteuert aus dem Hotelfenster auf die Straße regnen zu lassen, während man sich selber in Sicherheit wiegen kann, b) nicht korrekt informiert oder durch die europäische, insbesondere deutsche mediale Posse derart vereinnahmt, dass der Eindruck bei ihnen enstand, hier erneut Hand anlegen zu müssen, c) der Meinung, die Geschwister Scholl und ihre Zeit mit dem Nationalsozialismus sei die genuine Fortsetzung dessen in der Türkei.

Philipp Ruch hat es also nicht nur nicht verstanden, dass die Geschwister Scholl gegen eine radikal antisemitische, rassistische, antikommunistische und antidemokratische Ideologie waren, sondern mitten in einem Wahn lebten, die neben Erwachseneneuthanasie auch den Holocaust verübte und keiner sagen konnte, er habe es nicht bemerkt, also mittendrin, anstatt nur geahnt. In diesem Sinne verfasste die "Weiße Rose" im dritten Flugblatt, gedruckt und verteilt 1942, folgenden Text: "Verbergt nicht Eure Feigheit unter dem Mantel der Klugheit.“ Böse Zungen würden behaupten bei dieser Aktion Geschichtsrevisionismus zu erkennen, zumal in der Türkei seit mehr als einem Jahrzehnt eine Regierung im Amt ist, die frei gewählt wird und nicht wie Hitler durch Kumpanei und politische Machtspielchen in der Spitze erst zu dem wurde und anrichtete, was wir aus Geschichtsbüchern kennen.

Wenn nun Philipp Ruch im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen meint, Erdogan nicht nur provozieren, sondern stürzen zu wollen, zeigt es die eigentliche Intention, deren Handlanger nun mal die Geschwister Scholl unfreiwillig geworden sind. Wenn Ruch auch noch meint jenen Studenten, der sich 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens vor einen Panzer stellte und dort stehen blieb, als ein ikonisches Bild für "aggressiven Humanismus" anführt, mit dem er und seine "Kunst-Gruppe" sich ja selber brüsten, dann müssten doch gerade jene Männer und Frauen, Jugendlichen und Senioren, die sich am 15. Juli 2016 aus Liebe zur Demokratie und ihrem Staat, sowie aus Wertschätzung ihres gewählten Staatspräsidenten in Istanbul oder Ankara vor die Panzer der FETÖ-Terroristen stellten, welche mit militärischer Gewalt versucht hatten den türkischen Staatspräsidenten wegzuputschen und dabei über 250 Menschen ermordeten, für Ruch und seine Truppen erst recht als ikonische Beispiele eines entschlossenen Humanismus gelten.

Aber wie gesagt, darum ging es in der Aktion eigentlich auch nicht, denn mit Putin, dem saudischen Kronprinzen oder dem syrischen Regimepräsidenten Assad wäre die Aktion auch schlichtweg in der Versenkung gelandet, hätte kein Medium Interesse gezeigt. Es ging eigentlich darum, die Menschen die sich die eigenen demokratischen Rechte und Positionen am 15. Juli 2016 sicherten, in dem sie ihr Leben ließen, konsequent zu ignorieren, so wie einst die Mehrheit der Deutschen die 5 von der "Weißen Rose". Jedoch, wie schon am 15. Juli 2016, so werden Angehörige der Menschen die sich vor Panzern und Kugeln warfen und rund 60 Millionen Menschen nicht einreden lassen, was demokratische Rechte und Positionen sind, die sie verteidigen, schon gar nicht von ausländischen Akteuren in Istanbul, Ankara oder Diyarbakir oder von Leuten wie Ruch. Sie haben es bereits einmal während des Befreiungskrieges eindrucksvoll unter Beweis gestellt und 2016 erneut. 

Und ein letzter guter Ratschlag an Philipp Ruch: Die Geschwister Scholl haben nicht feige im Ausland die Demokratie und den Humanismus verteidigt, sondern inmitten des Nationalsozialismus. Vielleicht haben sie den Mut, in dem Land in dem sie leben,  auch andere brisante Themen wie die NSU-Geschichte in einer künstlerischen Aktion aufzuarbeiten? Vor allem, schauen sie genau hin, welche Flugblätter die Aktion hervorgebracht hat sowie in der Aktion erwähnt wird und welche Gestalten dabei tiefsinniges Zeug von sich geben, unter anderem dieser Herr, der meint politisch- oder ideologisch-motivierten Mord mit kruden Verschwörungstheorien relativieren zu können.

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