Türkischer Modeschöpfer als Buhmann der Nation

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Türkischer Modeschöpfer als Buhmann der Nation

03. Januar 2017 - 03:02
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Der türkische Modedesigner Barbaros Şansal wünschte der Türkei während der Silvesternacht in Nordzypern, sie möge in ihrer eigenen Scheiße ersticken. Nach der Ankunft in der Türkei bezog Şansal von einer aufgebrachten Menschenmenge eine Tracht Prügel und konnte sich geradeso in ein Fahrzeug retten. 

Türkische Modeschöpfer als Buhmann der Nation

Kommentar / TP - Als zwei Kampfpanzer mit je drei oder vier Panzerbesatzungen gegen eine Horde von 50-60 Terroristen der Terrormiliz IS das Feuer eröffneten, ging es um Leben oder Tod. Schwerbewaffnet und gepanzert, Selbstmordattentäter mit Sprengladungen im Gepäck oder am Leib, sie hatten letzten Woche versucht, eine Ansammlung von türkischen Militäreinheiten in der nordsyrischen Stadt al-Bab zu überrennen.

Die Geschichte endete so: Die Panzer erhielten im laufe des Gefechts fünf Treffer durch Panzerabwehrraketen, wehrten aber den Angriff ohne Verluste ab. Die Türkei erfuhr davon einige Tage später, als die verletzten Soldaten in Gaziantep längst versorgt waren. Sie wurden die ersten Helden der Türkei nach langer Zeit während eines Auslandseinsatz. Die überschwenglichen Lobeshymnen hallen noch heute nach. 

Die Militäroperation der Türkei in Nordsyrien ist auch kein Zuckerschlecken. Einerseits gilt man als die tapferste Truppe weltweit - bewiesen hat man es bereits während des Korea-Krieges - und andererseits als eine Armee die zwischen Guten und Bösen zu unterscheiden versucht und nie vor dem Feind zurückgeschreckt ist. Deshalb wird die Operation "Schutzschild Euphrat" auch nicht in einem Monat entschieden sein, sondern benötigt entsprechend Zeit. Die Armee bombt sich nicht durch die Stellungen der Terrormiliz IS, die sich mit Zivilisten umgeben. Sie macht sie eher mürbe, schaltet sie eine nach der anderen aus, um die Zivilbevölkerung zu schonen, zumindest so wenig wie möglich in Mitleidenschaft zu ziehen. Dafür nimmt sie Verluste in Kauf.

Was die türkische Armee ausmacht ist also ihre edle Strategie und nicht das wilde herumschießen nach Cowboy-Manier oder das Zupflastern mit Bomben, wie man es in Aleppo erlebt hat. Diese edle Einstellung ist es, die uns von anderen nicht nur militärischer Natur ausmacht, sondern auch in Zivil lange Zeit Gültigkeit besaß.

In der Silvesternacht überraschte uns die Schreckensmeldung aus Istanbul. 39 Todesopfer, vermutlich durch einen IS-Anhänger, barbarisch, hinterhältig, ohne eine Chance sich zu wehren. Genaueres über den Attentäter weis man nicht, auch weil das IS-Bekennerschreiben aussergewöhnlich anders publik wurde, wieder einmal. Wir wurden wieder in die Realität sprichwörtlich zurückgeschossen, nach nur 70 Minuten im Jahr 2017. Der Terror wird uns also noch eine geraume Zeit beschäftigen, in unserem alltäglichen Leben, vor allem die Sicherheitsbehörden.

Aber während man in Köln auf "Racial Profiling“ setzt, weil an nur einem Tag mehrere Dutzend Frauen sexuell belästigt wurden, setzt die Türkei trotz intensiver Terrorerfahrung und hohen Opferzahlen der letzten Monate auf demokratische Grundsätze. Die Türkei wendet also nicht die einschneidenden Maßnahmen der Kölner Polizei an, in dem sie Fahrzeuge mit südöstlichen Fahrzeugkennzeichen aussortiert und kontrolliert oder im Funkverkehr mit Akronymen wie "Kart kurt" oder "HDPKK" aufwartet. Die Polizei arbeitet, die Mühlen der Justiz mahlen, zwar langsam, aber stetig und irgendwann greift sie zu. Wir haben es anhand der HDP-Politiker gesehen.

Während also das Militär mit höchster Vorsicht und Nachsicht gegen Feinde vorgeht, die Polizei mit barbarischen Attacken umgehen und dennoch Contenance bewahren muss, während die Justiz sich einen nach den anderen greift und für Verbrechen abstraft, verhalten sich einige Türken wie die Horde in al-Bab oder wie der Attentäter von Istanbul.

In anbetracht dieser Umstände ist es schon bemerkenswert, dass der Modeschöpfer Barbaros Şansal trotz massiver Terrorbedrohung von eben dieser Horde unliebsamer Fans auf dem Rollfeld des Istanbuler Flughafens umlagert werden konnte. Vor allem das fiel mir und manch anderen als erstes auf. Dass der mit seinen Kleidermodellen gescheiterte Modeschöpfer auf dem Rollfeld dann von einem wütendem Mob fast kastriert worden wäre, fällt da nicht mehr so sehr ins Gewicht, schließlich geht es um die Sicherheit eines Flughafens.

Wer da alles nun auf dem Rollfeld auf den verhassten Modeschöpfer wartete, ist nicht geklärt. Geklärt ist nur, dass diese Leute die Sicherheit des gesamten Flugbetriebs stören konnten, in dem sie wild auf dem Rollfeld herumrannten. Das mal zum einen. Zum anderen: Barbaros Şansal ist ein bekennender Schwule, zumindest gibt er sich so, denn er hatte die Galionsfigur für viele Homo- und Transsexuelle in der Türkei, Bülent Ersoy, verbal attackiert, um klarzustellen, dass er hierfür sich nicht äusserlich verändern müsse, um seine sexuelle Neigung zu offenbaren. Anscheinend benötigte Şansal die Publicity, um seine Kariere aufzuwerten. Es half aber scheinbar nicht.

Und drittens: Ehrlich gesagt halte ich es für fragwürdig, wenn nicht sogar als ehrverletzend, zusammen mit 49 oder 59 anderen, einen Einzelnen zu schlagen. In unserem Kulturverständnis sind die Schwachen zu schützen und dazu zählt eben auch der Armleuchter namens Şansal. Jedenfalls ist es keine Ehre, sein Land dadurch zu verteidigen, in dem man einem bekennenden Schwulen nicht alleine, sondern mit einer Horde zu Leibe rückt. Wenn man sich verleumdet oder beleidigt fühlt, die Justiz kümmert sich um solche Fälle.

Eigentlich bräuchte der Mann auch endlich einen guten Berater, bei so vielen Fehltritten die er hinter sich hat. Die Idee an sich, mit einem Sweatshirt mit dem Konterfei Atatürks in die Türkei zurückzukehren, vaterländischer zu erscheinen, vielleicht sogar nicht erkannt zu werden - wer denkt denn bei dem Anblick an einen, der der Türkei die Scheiße an den Hals wünscht - und so die Gemüter zu beruhigen oder als Vaterländischer aufzutreten, ging gründlich schief, wie man es in Videoaufzeichnungen erkennen kann. Die Türken können eben nachtragend sein und Şansal sollte sich überlegen, vielleicht nach Deutschland ins Exil zu gehen. Eventuell hilft ja sogar Karl Lagerfeld, so wie die Zeit Online Can Dündar hilft, um sich wohlzufühlen.

Verteidigen kann man sein Land auf dem Schlachtfeld wie in al-Bab, wo die Panzerbesatzung sich den Angreifern erwehrte, die genauso gut bewaffnet waren und den türkischen Soldaten alles abverlangten. Verteidigen kann man sein Land, in dem man der Polizei hilft, anstatt sie mit gewalttätigen Protesten vor HDP-Büros zu beschäftigen oder wie in Istanbul, sich auch noch für den Tod eines Polizisten zu verantworten, der nur seinen Job ernst nahm und das Büro verteidigte. Verteidigen kann man sein Land, in dem man den ermittelnden Behörden im Nachtclub Reina die nötige Zeit gibt und nicht als oppositionelle Partei auf die Füße tritt. Man hilft dem Land auch nicht, in dem man ein Rollfeld erstürmt und dessen Sicherheit gefährdet, nur um einer gescheiterten Existenz noch den letzten Arschtritt zu geben, nur weil er im Suff oder unter Drogeneinfluss eine hirnverbrannte Idee loswerden wollte. 

Und zuguterletzt: Wir haben soviel Terror eingesteckt, soviel Propaganda aus dem In- und Ausland erlebt, so viele Rückschläge erlitten, da werden wir mit einer Verbalnote eines Barbaros Şansal auch ohne viel Worte und Taten gegen ihn klarkommen. Wie heißt es in einem der türkischen Sprichwörter? "Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter"!
 

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