Madlen Vartian - Der aggressive Duktus

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Madlen Vartian - Der aggressive Duktus

03. Oktober 2015 - 03:10
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Wir und die Anderen, Demokraten und Undemokraten, Anerkenner und Leugner; wir sehen uns erneut in einem Schau-Prozess.

Madlen Vartian, die ehemalige Co-Pressesprecherin des Christlich-Alevitischen Freundeskreise der CDU (CAF) und stellvertretende Vorsitzende des Zentralrats der Armenier in Deutschland e.V., hatte mit Ihrem rassistischem Ausfall gegenüber Türken, Kurden, Araber des sunnitischen Islams am vergangenem Montag für Furore gesorgt. Einerseits stieß die armenischstämmige Deutsche mit Ihrem aggressiven Duktus auf heftigen Widerspruch, andererseits erntete Sie aber auch viel Beifall und Zuspruch, die noch immer von Fürsprechern auf Ihrer Profilseite im sozialen Netzwerk Facebook ausgetauscht werden.

Ich glaube nicht an die Aufteilung zwischen "Moderaten" und "Extremisten", denn im Ergebnis
trägt die überwiegende Mehrheit der Sunniten - ob Araber, Türken oder Kurden - den
Christenhass und die Zerstörung von Kultur und Zivilisation in sich. Im wahrsten Sinne des
Wortes wächst kein Gras, wo dieses Pack lebt. Die Welt mag sie untertreibend "Islamisten"
nennen, ich nenne es - aus der 1400-jährigen Erfahrungsgeschichte meines Volkes -
sunnitischer Islam. Ein anderes Gesicht kennen wir nicht!
Die gekauften Hunde in Europa mögen für dieses Pack bellen wie sie wollen!

Madlen Vartian am 28.09. 2015 in ihrer FB-Profilseite

Einige Stunden nach diesem verbalen Frontalangriff, die im weiteren Verlauf immer wieder auf Kommentare von Facebook-Usern folgend betont wurde, löschte die selbstbekennende Rechtsanwältin Ihren Beitrag und kündigte eine Erklärung an. Diese Erklärung veröffentlichte Sie auch am Donnerstag. Diesmal beschwichtigte und relativierte Madlen Vartian die verbale direkte Hetzschrift, in dem Sie weit in die Vergangenheit zurückgriff, in die Gegenwart umschwenkte, ohne dabei auch nur ansatzweise mit belegbaren Argumenten die eigene Position zu stärken, denn wiederlegbares sollte es auch nicht geben. Vielmehr war es ein Versuch, emotionaler Aufhetzung und nicht die inhaltliche Überzeugung. Mit plakativen kurzen Phrasen erhielten dabei nicht nur türkische Vereine und Verbände den bereits vordiktierten antidemokratischen, Rassisten-Stempel aufgedrückt, sondern auch die CDU, die mit der antidemokratischen Gesellschaftsschicht noch immer zusammen arbeite, so Madlen Vartian.

Mein Statement zum barbarischen Brandanschlag an der Mar-Charbal-Kirche in Bethlehem und allgemein zu den Zuständen im sunnitisch-islamisch geprägten Teil der Welt löste in den sozialen Netzwerken teilweise hysterische Reaktionen aus.

Offenbar angetrieben von türkischen Hetz-Medien und unreflektiert aufgegriffen von Teilen der deutschen Medienlandschaft tobt schon seit Tagen in den sozialen Netzwerken eine denunziatorische Kampagne die sich gegen meine Person, gegen den Christlich-Alevitischen Freundeskreis der CDU (CAF), dem ich jahrelang als Sprecherin vorstand, und der armenischen Gemeinschaft Deutschlands, der ich angehöre.

Dabei geht es längst nicht mehr um den eigentlichen Inhalt meiner Aussage. Wer sich mit der Thematik befasst, erkennt sofort, dass meine Aussage keine Generalisierung darstellt, sondern gerade im Gegenteil eine Differenzierung der islamischen Welt (Schiiten, Sunniten u.a.) vornimmt und den Täterkreis sog. „islamistischer“ Taten, den ich mit scharfen aber zutreffenden Bezeichnungen versehe, offenkundig eingrenzt. Bei diesem Täterkreis handelt es sich überwiegend um Organisationen/Richtungen wie ISIS, Al-Kaida, Al-Nusra, der Salafismus und Wahabismus, die sich allesamt – und darauf muss ich hinweisen – als Ausprägungen eines Teils des Islams, nämlich des sunnitischen Islams verstehen.

Mit meinem Statement weise ich bewusst auf eine Kontinuität von Gewalt, Verachtung und Terror gegenüber Christen hin. Ob wir nun die Genozide und Christenverfolgungen in der Türkei, das “christenfreie“ Saudi-Arabien oder die Zustände im Irak oder Syrien nehmen: Hier sind vor allem sunnitische Muslime glaubensorientierte Täter bestialischer Grausamkeiten an Christen. Ich habe hingegen noch nie lesen müssen, dass Schiiten oder Alawiten christliche Kirchen überfallen oder Pogrome an Christen verübt haben.

Der Hass auf Christen beginnt aber nicht erst mit einem Brandanschlag oder einem Mord, sondern vielmehr durch die stillschweigende Duldung und damit zugleich Billigung eines Alltagsrassismus als Ausdruck einer tiefsitzenden Verachtung für die christlichen Werte und das christliche Erbe. Die von mir angeprangerte Verachtung und Feindschaft gegen Christen ist aber überwiegend Teil einer Erziehung und Sozialisation, sogar eines selbstverstandenen historisch-kulturellen Erbes. Ihre Verbreitung ist flächendeckend, ihre Ablehnung hingegen leider nur eine individuell-singuläre Entscheidung Einzelner, die keinerlei Einfluss auf den Mainstream erzeugt.

Es gibt in dieser Frage daher keine Unterscheidung zwischen „Moderaten“ und „Extremisten“, „Gläubigen“ oder „Säkularen“. Christenfeindschaft ist ein gesamtgesellschaftliches Problem in den sunnitischen Staaten, gegen das nicht vorgegangen wird.

Diese Aussagen, die ich verkürzt und zugespitzt über meinen Facebook-Account veröffentlicht habe, gefallen naturgemäß denjenigen nicht, die ihrerseits aus political correctness das Problem des Christenhasses ausblenden und sich einer Weichspülromantik vom Zusammenleben von Christen und Muslimen – auch in Deutschland - hingeben.

Hierzu zählen offenbar auch Teile der CDU. Denn würden sie den „Werten die, die CDU ausmachen“ ( Peter Tauber) tatsächlich folgen, hätten sie längst rechtsradikale türkische CDU-Mitglieder (sog. „Graue Wölfe“) aus der Partei ausgeschlossen und Aufwartungsbesuche bei Islamisten (u.a. der „Milli Görüs“) und Rechtsradikalen („Türk Kültür Ocagi Brühl“) unterlassen. Stattdessen akzeptieren sie eine DITIB-Moscheegemeinde in Berlin-Neukölln, die auf ihrem Gelände Ehrengräber für Massenmörder an christlichen Armeniern unterhält, als Ansprechpartner.

Das die CDU hingegen auf meine erkennbar polemisch-zugespitzte Äußerung als einfaches CDU-Mitglied, die auf meinem privaten Facebook-Account gepostet wurde, dergestalt reagiert und sich damit an einer Hetzkampagne beteiligt, ist für mich der eigentliche Skandal.

Eure

Madlen Vartian
Rechtsanwältin
CDU-Mitglied

Madlen Vartian am 1.10.2015 in ihrer FB-Profilseite

Das Ziel - Ein Schau-Prozess a´la Talaat Pascha-Prozess?

Erinnert sich irgend jemand noch an Talaat Pascha? Der Jungtürke im Osmanischen Reich, der nach Kriegsende Zuflucht in Deutschland fand, nach dem das Osmanische Reich okkupiert und unter der Entente-Macht lag, jedoch von einem Armenier ermordet wurde und dessen Prozess, wie wir nun in der Gegenwart feststellen mussten, eine Farce war? Wir müssen uns immer vor Augen halten, dass die Geschichte wissenschaftlich gesehen nicht statisch ist. Sie ist kein Dogma, auch nicht nach Jahrhunderten oder Jahrtausenden. Die Wissenschaft erfindet sich immer wieder neu. Sie kann nur mit dem zur Verfügung stehenden Informationen arbeiten und daraus ihre Schlüsse ziehen. Erst werden Facharbeiten erarbeitet, die wiederum von anderen Wissenschaftlern bewertet werden. Findet diese Arbeit Zuspruch, gar Anerkennung, wird es als wissenschaftliche Literatur einer erweiterten Leserschaft zur Verfügung gestellt. So können dann Interessierte ihre Interpretation in Fachbereichen neu überdenken, eine Meinung bilden bzw. erweitern. Selbsterklärend, dass solche wissenschaftlichen Arbeiten erneut auf den Prüfstand kommen, wenn weitere Informationen hinzukommen, sich geändert haben, oder aber gänzlich falsch sind.

Lange Zeit wurde der Irrglaube verbreitet, Talaat Paschas Mörder sei während des Ersten Weltkrieges selbst Opfer gewesen. Familienmitglieder seien ermordet worden, nur er habe es überlebt und sich schliesslich in Berlin an Talaat Pascha gerächt, als dieser unvermittelt vor ihn trat. Wie wir aber nach gegenwärtigen Stand der Forschung feststellen müssen, war dieser Mörder während dieser Zeit nie im Osmanischen Reich und er hatte Talaat Pascha direkt aufgesucht. Er hatte die Geschichte, womit er im Prozess freigesprochen wurde, schlicht und einfach erfunden. Wie dieser Prozess zustande kam, warum es als Talaat Pascha-Prozess und nicht als Tehlerian-Prozess (der Name des Mörders) bekannt ist, sollte uns jetzt nicht so sehr vom Thema ablenken. Wichtig ist nur zu Wissen, dass der Prozess vor einem deutschen ordentlichen Gericht komplett manipuliert wurde. Nicht nur durch den Mörder selbst, sondern und vor allem durch die Mitwirkung von gewissen Menschen und Organisationen, die seit langem dahingehend hingearbeitet hatten. Sie wollten unbedingt, dass nicht der Mörder, sondern der Ermordete im Rampenlicht steht, dem selbstverfasstem Diktat folgend als ein Massenmörder, ein Kriegsverbrecher. Das hatte bereits zu jener Zeit ein ägyptischer Arzt festgestellt und in einer Streitschrift verfasst, in der er seine Eindrücke über den Prozess in Berlin niederschrieb. Lange Zeit war diese Schrift angefeindet, als ein Versuch der Leugner bewertet worden, die "Tat" zu relativieren, Sie anders darzustellen.

Wir dürfen nicht dem Affront folgend davon ausgehen, es habe sich bei dem rassistischen Ausfall von Madlen Vartian um eine Kurzschlussreaktion gehandelt, weil eine aktuelle Meldung über einen Brandanschlag gegen eine maronitische Kirche in Bethlehem, sie emotional sehr berührt habe. Es liegt in der Natur dieser Rechtsanwältin, mit Emotionen aufzutreten, die Bühne zu betreten, einwirken zu lassen, um dann nüchtern und konkrete Vorstellungen und Forderungen zu unterbreiten. Was hat Madlen Vartian für konkrete Vorstellungen und Forderungen, werden Sie Fragen! Nun, die CDU muss mit sämtlichen muslimischen Verbänden den Dialog beenden. Hat Madlen Vartian denn irgend eine Organisation übrig gelassen, werden Sie sich jetzt Fragen. Nein! Sicher wird jetzt der Einwand kommen, es gebe ja auch die Türkische Gemeinde, die könne ja das Vakuum füllen. Da muss ich Sie aber enttäuschen. Wer Madlen Vartian bzw. die CAF sowie die Armenische Gemeinde seit Jahren in Ihrem Wirken mitverfolgt hat, wird feststellen, dass auch die Türkische Gemeinde seit langem ein Dorn im Auge dieser Betrachter ist. Fest steht, dass die türkischstämmige Gesellschaft in Deutschland eigentlich isoliert werden soll und die Idee dazu seit langem verfolgt wird. Dabei geht es längst nicht mehr um Verbände, Vereine oder Personen des öffentlichen Lebens. Es geht auch um türkischstämmige Politiker, die nicht ins eigene Schema passen, nicht gewillt sind, dem Diktat Folge zu leisten. Sie werden denunziert, mit Vorurteilen herabgesetzt, quasi politisch neutralisiert. Es gibt dazu genügend und unheimlich spannende Beispiele, weshalb man das nicht näher erläutern muss.

Es ist dieser aggressive Duktus, der gegenwärtig viele Fragen aufwirft. Wieso jetzt und wieso in dieser aggressiven, völlig skurilen Art und Weise. Wieso dieser unerklärliche Rückhalt, der sich in Kommentaren zu den Beiträgen in der Facebook-Profilseite von Madlen Vartian breit macht? Auch seitens der CAF oder innerhalb der CDU, trotz der klaren Forderung der CDU-Köln, diesen Affront nicht dulden zu wollen? Man erkennt es erst auf den zweiten Blick: es sind nicht nur die bekannten Gesichter, die armenische Gemeinde oder die "Türkei-Gegner", sondern und vor allem auch Deutsche, die in der aktuellen Flüchtlingsdebatte den Kurs bestimmen wollen, entgegen der Kanzlerin Merkel oder der "Willkommenskultur". Es sind Menschen des schlages "PEGIDA" oder "PI-News", PKK oder anderen extremen kommunistischen Lagern, die die rassistische Hetze der Madlen Vartian aufgreifen und für sich in Anspruch nehmen.

Und genau hier wird es interessant. Befinden wir uns bereits in einem Schau-Prozess, wo das Diktat, das Urteil schon längst vorliegt? Der "Mörder" bereits eine Geschichte erzählt, gewisse Menschen und Organisationen den Weg dazu geebbnet haben - alles politisch korrekt und in einem Rechts- und Verfassungsstaat, die Demokratie hochhaltend, auf die Meinungsfreiheit und Wertegesellschaft pochend? Wie weit darf die Meinungsfreiheit gehen, wenn dabei Menschen, Religionen, ganze Volksgruppen denunziert, emotional diskreditiert, der Respekt, der Dialog gänzlich verweigert wird? Wieso dann die noch immer auf die Stirn dieser Organisationen gestanzte Dialogbereitschaft, wenn dieser Dialog nur einseitig geführt wird, ein Diskussionsprozess erst gar nicht aufkeimen kann, darf, weil es im Grunde nur um die einseitige Forderung geht? Meinungen und Thesen prägen, sagte jemand einmal... Diese Meinung und diese Thesen einer Madlen Vartian und all ihrer Unterstützer, Weggefährten und Steigbügelhalter, begleiten uns seit Jahren. Wir sind seit Jahren in einer Defensivhaltung, werden dazu genötigt, können nicht argumentieren, weil einfach der Respekt vom Gegenüber emotionalisiert verwehrt wird. Es ist schlicht und einfach nicht möglich, auch nur eine einzige Minute mit Menschen dieses Schlages in einem Raum zu verweilen, weil der Hass, der vor über 100 Jahren aufgetürmt wurde, regelrecht durch die Generationen hinweg weiter "vererbt" wird und dabei eine neue Qualität gewinnt. Nicht wir sind das Problem, wie es einst Hrant Dink sagte, sondern "Wir", und dazu gehören nun mal die Armenier, die mit dieser Geschichte nicht abschließen wollen, können.

Cicero führte an, es sei notwendig, die Gemüter zu erschüttern, um sich damit einen Vorteil zu verschaffen, aber die naturgegebene klassische Rede habe immer Vorrang:

  • Das proomium, Aufmerksamkeit und Konzentration für das Thema erzeugen. 
  • Das narratio, den Sachverhalt verdeutlichen und die inhalte aufzeigen. 
  • Die argumentatio, also die argumentative Darstellung.
  • Der bekannte Grundsatz pro et contra. 

 

Daraus ist schlusszufolgern, dass das Ziel die inhaltliche Überzeugung ist und nicht die emotionale Aufhetzung. Madlen Vartian sollte bedenken, dass wir in diesem Fall - Cicero formulierte dies für eine Rede vor einem Gericht -  nicht einmal vor Gericht stehen. Vielmehr sollte Madlen Vartian ihre "Argumente" erneut in Augenschein nehmen, denn mit abgeänderten Statement kann man bewusst auf eine Kontinuität von Gewalt, Verachtung und Terror gegenüber sunnitischen Muslimen und Türken hin weisen. Ob nun die Massaker in Bergkarabach (1992) oder in Aserbaidschan im Jahre 1918, das “muslimenfreie“ Armenien bzw. Bergkarabach oder die Zustände in der Zentralafrikanischen Republik, Burma oder Ägypten nehmen: Hier sind vor allem christlich glaubensorientierte, Täter bestialischer Grausamkeiten an Muslimen. Man hat hingegen noch nie lesen müssen, dass Maroniten oder Buddhisten muslimische Moscheen überfallen oder Pogrome an Muslimen verübt haben, weil man schlicht und einfach nur das lesen und verstehen will, alles andere konsequent ausklammert.

Der Hass auf Muslimen beginnt aber nicht erst mit einem Brandanschlag oder einem Mord, sondern vielmehr durch die stillschweigende Duldung und damit zugleich Billigung eines Alltagsrassismus als Ausdruck einer tiefsitzenden Verachtung für die muslimischen und universellen Werte und das gemeinsame Erbe. Es gibt kein verbrieftes Recht, anderen diese Werte abzusprechen.

Merken Sie was? Hat Madlen Vartian etwa geduldet, nur zugeschaut, als Moscheen hierzulande brannten, geschändet wurden? Hat Sie die Morde in Solingen oder Mölln je verurteilt, einmal erwähnenswert gehalten? Hat Sie einmal die NSU-Morde öffentlicht verurteilt?

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