Taugen türkische Exilanten zum Austeilen gegen Erdogan?

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Taugen türkische Exilanten zum Austeilen gegen Erdogan?

03. November 2018 - 23:30
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In der Huffingtonpost stellt Lennart Pfahler eine Hypothese nach der anderen auf, bis er als Leumund einen ehemaligen türkischen "NATO-General" zu Felde führt, der selbstverständlich die Visionen des Staatsgründers Atatürk und die Türkei untergehen sieht. Nur wenige Monate zuvor sprach sich der selbe Ex-General in einem TV-Beitrag der Deutschen Welle aus. Taugen solche türkischen Exilanten eigentlich als Leumund, Experten oder sogenannte Erdogan-Opfer?

Taugen türkische Exilanten zum Austeilen gegen Erdogan? - Twitter-Account von Cafer Topkaya

Kommentar - In der Huffington Post stellt Lennart Pfahler eine Hypothese nach der anderen über die Türkei und Erdogan vor, bis er als Leumund einen ehemaligen türkischen "NATO-General" zu Felde führt, der selbstverständlich die Visionen des Staatsgründers Atatürk und die Türkei untergehen sieht. Nur wenige Monate zuvor sprach sich der selbe Ex-General in einem TV-Beitrag der Deutschen Welle aus. Auch hier lässt Ex-General (Ex-Oberstleutnant) Cafer Topkaya kaum etwas aus, um die Türkei als Gefahr oder in Gefahr zu sehen, Erdogan dafür verantwortlich zu machen.

Doch was taugen solche Aussagen von türkischen Exilanten, die vor allem meist Familie, Frau und Kind, Hab und Gut hinter sich lassen, um sich in Europa heimisch und mutmaßlich sicher zu fühlen. Es gibt hier eine Unstimmigkeit, die viele Türken ins Grübeln bringt. Es passt nicht ins Weltbild eines türkischen Ehemannes, Vaters, Sohnes oder Bruders, die eigene oder die selbstgegründete Familie in der Türkei zurück zu lassen: niemandem, bis auf wenige Ausnahmen, würde in den Sinn kommen, aufgrund von juristischer Verfolgung ins Exil zu gehen und die Familie quasi im Stich zu lassen.

Auffallend ist aber, dass sämtliche Exilanten in Europa - Ausnahmen bestätigen nicht die Regel -, die sich derzeit gegen die Türkei oder Erdogan positionieren, die Familie und Verwandschaft zurückgelassen haben. Wer sich einbildet, dass die türkische Justiz so etwas vergisst oder die Politik sich in dieser Hinsicht ändert, der irrt gewaltig. Die türkische Justiz ist langsam, aber sie vergisst nichts und lässt sich auch nichts einreden. Prominentestes Beispiel ist Can Dündar, der kurz nach seiner Entlassung aus der Untersuchungshaft, die das oberste Verfassungsgericht angeordnet hatte, ohne die Familie ins Ausland absetzte.

Das jüngste Beispiel heißt nun Cafer Topkaya. Topkaya wurde nach dem gescheiterten Putschversuch und nach einem Fund einer App auf seinem Handy, die den Verdacht erhärtete, er gehöre ebenfalls zum Kern der Putschisten, verhaftet. 16 Monate saß Topkaya in Untersuchungshaft, bis er mit Auflagen aus der Haft entlassen wurde. Das nächste was Topkaya, und auch viele weitere, die mit dem Putschversuch oder der FETÖ in Verbindung gebracht und juristisch verfolgt wurden, dann taten: sich schleunigst ins Ausland absetzen.

Im August dieses Jahres berichtete der Journalist Nedim Sener (ehemals als investigativer Journalist für die Oda TV tätig, heute freier Kolumnist), ebenfalls ein ehemaliger Untersuchungshäftling und Verurteilter im Ergenekon-Prozess und später freigesprochen und rehabilitiert, über den Fall Topkaya. Der kleine Bruder von Cafer Topkaya wolle seinen Nachnamen ändern, schrieb Sener und weiter: er bezeichne Cafer Topkaya als Verräter und nicht Bruder, der nicht nur das Land verraten habe, sondern auch die gesamte Familie. In einem Chat auf WhatsApp habe Cafer Topkaya seinem kleinen Bruder kurz vor dem Verschwinden mitgeteilt, dass er sich nach Belgien absetzen werde. Trotz drängen und der Bitte des kleinen Bruders, das geplante nicht durchzuführen und das ganze gemeinsam durchzustehen, habe dieser alles beiseitegeschoben und zuletzt noch erklärt, man könne ihn aus der Familie sprichwörtlich streichen.

Wie gesagt, eine türkische Familie ist in der Regel immer noch gesellschaftlich betrachtet heilig und meist auch eine Ehre, vor allem unter Militärangehörigen. Eine Familie zu verlassen, die eigene Familie im Stich zu lassen ist laut einschlägiger und einhelliger Meinung fast aller Türken im In- wie Ausland eine Ehrverletzung sondergleichen. Es muss viel, ziemlich viel passieren, um die Familie hinter sich zu lassen. Eine Inhaftierung oder juristische Verfolgung genügt da überhaupt nicht.

Keinem der über 1.100 Inhaftierten (Ex-)Militärs, Juristen, Geschäftsleute, Politiker, Akademiker oder Journalisten im Ergenekon- oder Vorschlaghammer-Prozess zwischen Anfang 2007 bis Mitte 2013, kam es während ihrer kurzeitigen Freilassung oder nach der Entlassung aus der Untersuchungshaft in den Sinn, die eigene Familie oder Vater und Mutter samt Geschwistern hinter sich zu lassen und sich ins Ausland abzusetzen. Es gibt keinen einzigen dokumentierten Fall, was dafürspricht, wie heilig man den Begriff Familie betrachtet.

Seltsamerweise ist diese Sicht bei mutmaßlichen Putschisten, Landesverrätern (im Sinne des Gesetzes) oder Terroristen nicht ausgeprägt, was auch Nedim Sener immer wieder deutlich unterstreicht. Ausgeprägt ist sie jedoch bei all den anderen, den zurückgebliebenen Vätern, Müttern, Geschwistern, wie dem kleinen Bruder von Cafer Topkaya, R.Topkaya. Dieser geriet ebenfalls ins Visier der türkischen Ermittlungsfahnder, wurde schließlich vom Dienst suspendiert und entlassen. Doch R. Topkaya blieb, will juristisch dagegen vorgehen und wieder ins Militär eingegliedert werden. Cafer Topkaya´s Fall ist nicht anders. Er wurde vom Dienst entlassen, weil er laut Überzeugung des Militärs der "FETÖ" (Fethullahistische Terrororganisation) angehört, jedoch am Putschversuch nicht involviert war. 

Während R. Topkaya also weiterhin um sein Recht kämpft, seinen Bruder auf dessen lapidarer Aussage ein für alle Mal vom Familienstammbuch gestrichen hat, sah es Cafer Topkaya anders und setzte sich nach Belgien ab. Hier tingelt er inzwischen durch die Medienlandschaft zwischen Zaman International, Huffington Post oder der Deutschen Welle und wird mit Untergangsszenarien der Türkei herangezogen oder als Experte vorgestellt, der eine Gefahr der Türkei für die NATO nachzeichnen soll.

Wie ernst kann man solche "Experten"-Aussagen eigentlich nehmen und wen will man damit überzeugen?

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