Das Schicksal der "Almancis" oder David gegen Goliat

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Das Schicksal der "Almancis" oder David gegen Goliat

05. Januar 2017 - 04:26
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In der türkischen Community rumort es, immer entschlossener rücken sie beisammen, um der medialen Hetze entgegen zu wirken. Verständlich, denn die türkischen Community hat die Schnauze voll von Stigmatisierungen, medialer Ausgrenzung, einseitiger Berichterstattung. Aber vor allem sehnen sie sich nach Einheit und Gleichheit, vielleicht auch nach Ruhe und Ordnung.

Karikatur der Sächsischen Zeitung - Foto von Tarek Soutani

Kommentar / TP - Erinnere mich noch gut daran, wie ich in ein Kindergarten kam, die katholisch geführt wurde. Da war ich 4 oder 5, aber ich habe noch lebhafte Errinnerungen daran, wie wir Weihnachts- oder Osterlieder gesungen haben. Die Kiga-Leiterin mochte ich sehr, den Rektor an der Grundschule, das nur wenige Meter weiter weg lag, der meinen Vater bei der Anmeldung forsch anging, aber nicht. Es hieß, die türkischen Kinder sollten in der Stadt an eine Grundschule. So kam es auch. 

Ich wurde in die Grundschule in der Stadt eingeschrieben, mein bester Schulkamerad war auch gleichzeitig der Nachbarsjunge, ein kurdischstämmiger Türke, was ich erst nach einem Jahrzehnt nebenbei feststellen musste. Auch sonst bestand die Klasse meist aus Ausländern und drei Deutschen aus Heimen wenn ich mich recht erinnere. Die Klasse war fein, die Lehrer solala, manche Namen konnte ich behalten, andere nicht mehr. Die Namen die mir nicht aus dem Kopf gehen, sind entweder negativ oder arg positiv behaftet. Aber es machte Spaß, wir lernten, wir wollten uns gar übertrumpfen. Die Noten fielen enstprechend aus.

Die Ferien während der Grundschulzeit waren phänomenal. Mal ging es in die Türkei für ganze 5 oder 6 Wochen, in manchen Jahren blieben wir im Stadtbezirk und spielten von morgens bis abends. In der Türkei war alles anders. Das erste was wir allesamt durchmachen mussten, wenn wir in der Türkei ankamen war, den Durchfall mit Salz und Cola auszukurieren, danach fing der Spaß erst richtig an. Die Verwandten wurden besucht, Essen bis zum umfallen und das geknutsche und Händeküssen erst... Jedes Jahr wurde es schöner, jedes Jahr drängten wir die Eltern immer mehr dazu, in die Türkei zu fahren. Aber nach nur 4 Wochen wollten wir auch wieder zurück, trotz der Gaudi, der wir ausgesetzt waren.

Im Stadtbezirk gab es auch genug Gaudi. Da gab es vor allem im Haus, die wir alleine bewohnten, ein Stockwerk, in dem der Eigentümer noch die Sachen von den Eltern gelagert hatte und keine Verwendung fand. Wenn man noch keine Ahnung hat, was Flaggen oder Uniformen mit Totenköpfen für eine Bedeutung haben, dann schnappt man sich die, zieht sie über oder klammert die Fahnen irgendwie ans Fahrrad und radelt damit durch die Straßen. Erst spät, als wir in Geschichte kurz die Nazizeit erklärt bekamen, da wurde mir bewusst, weshalb die älteren Nachbarn aus den Fenstern hervorguckten.

Besonders in Erinnerung blieb mir das nächtliche Geläute der Kirchenglocke, das Gekläffe eines Nachbarhundes und das heulen eines Mannes. Furchterregend empfand ich das Geheule des Mannes, an die anderen gewöhnte ich mich schnell. Erst mit 6 oder 7 verstand ich, wer da wie ein Wolf heulte, dass das der Vetter unseres deutschen Nachbarn nebenan war, der während des 2 WK schwer verwundet und noch immer mit einen Schrappnel alleine leben musste. Der deutsche Nachbar nebenan, ein Porsche-Ingenieur in Rente, der war nett. Nahm uns Kinder auf seinem Porsche-Traktor mit auf die Felder, um z.B. die alljährlich wiederkehrende Apfelernte einzuholen oder Zwetschgen zu sammeln. Dafür bedankte er sich immer und irgendwie fühlte er sich wohl auch nicht alleine. Seiner Kinder sah ich nie, ich weis nicht einmal, ob er welche hatte. Die Ehefrau war schon gebrechlich, weshalb mein Vater meiner Mutter einmal in der Woche bat, den Nachbarn doch zwei Teller bereitzustellen. Wir Kinder trugen es dann hin, die älteren Herrschaften bedankten sich. 

Als mein Vater das erste Mal Melonen mit nach Hause brachte wussten wir, wie es zu Essen ist, die älteren Herrschaften aßen es mitsamt der Schale. Ich wollte sie aber nicht stören, sagte daher nichts, denn sie waren begeistert. Auberghinen, Zuchini, so etwas aßen sie wohl auch das erste Mal. Meist lag auf ihren Tellern gekochte Kartoffeln und etwas Kraut und die bekannte Brotmahlzeit. Es gab da noch eine ältere Frau, schräg gegenüber. Sie züchtete noch Hühner, mehr wegen den Eiern als wegen dem Fleisch. Sie zeigte uns, wie man das Ei einsticht und den Inhalt aussaugt. Auch den ersten Stich des Pflaumenschnaps durften wir schon als Kinder ausprobieren, das war ihr sehr wichtig. Wahrscheinlich wollte sie damit testen, wie hoch der Alkoholgehalt ist. In den Wintermonaten bekamen wir immer mal ein Schluck, auch der Enkel, der ab und an vorbeikam, um mit uns zu spielen. Ist wie Fortschutzmittel, die Extremitäten tauen wieder auf. Gespielt haben wir oft, mit dem türkischen Nachbarjungen, dann wurden daraus zwei türkische Nachbarjungen, dann ein weiterer aus der Nähe und natürlich dieser deutsche Enkelkind. 

Oft spielten wir auf dem Sportplatz, ein Rasenplatz, bis in die Nacht hinein. Erst als einer der Mütter besorgt zu uns gerannt kamen, wussten wir, es war ziemlich spät. Manchmal wollten uns deutsche Kinder nicht spielen lassen, auf dem gefühlten 1.000m², manchmal bekamen wir eine Tracht Prügel. Als wir dann mehr wurden, ließ man von uns ab.

Da gab es ein Einauge, so hieß der bei uns den Geschwistern. Es war ein älterer Herr mit Augenklappe. Nee, kein Pirat, dafür war er zu nett. Er kam jede Woche mindestens einmal, rund 20 Jahre lang. Er überbrachte meiner Mutter jedesmal so ein Heftchen, da stand "Wachturm" drauf. Ein Ritter war er aber nicht, aber ein edler Mann. Meine Mutter dachte immer, es wäre wohl besser, die Heftchen nicht wegzuwerfen, es würden religiöse Verse drin stehen. Das macht man bei uns Muslimen nicht, nicht einmal den Kalenderblatt der Ditib wirft man einfach in den Müll. Irgendwann lagerten oben im Dachstuhl Hunderte Heftchen, aber der Mann gab nicht auf und mein Vater überlegte schon, den Dachstuhl zu verstärken. Er wollte auch nichts von uns, nur reden und das wir zuhören. So lernten wir nebenbei Deutsch. Irgendwann wurde mir klar, er ist ein Zeuge Jehovas, denn er war standhaft wie dieser Wachturm, wie wir als Familie gegenüber ihm. Er respektierte das, wir respektierten ihn. Niemals ließen wir ihn draußen stehen, aber ganz rein wollte er auch nicht. Deshalb schlürfte er den Cay zu Ende, erzählte etwas und ging wieder. Wie gesagt, mehr als 20 Jahre lang ging das so, zum Schluss brachte er sogar übersetzte Heftchen. Irgendwann kam er nicht mehr, meine Mutter war ziemlich irritiert, sie hatte sich schon an das unverwechselbare Klopfen gewöhnt.

In den 80er Jahren fuhren wir desöfteren in den Urlaub. Jugoslawien war noch ein weites Land, die Autobahn gerade am Bau. Man musste damit rechnen, 5 Tage unterwegs zu sein. Ich sah die Bulgaren an der bulgarisch-türkischen Grenze, eine Kilometer lange Kolonne vor der Grenze. Manche mit Fahrzeugen, andere mit Pferdewagen, widerum andere zu Fuß. Die sahen Elend aus, meine Mutter heulte daraufhin. Damals sagte mein Vater nichts. Heute weis ich, es waren türkischstämmige Bulgarien, die in der Türkei Zuflucht suchten. 

Während des Militärputsches 1980 waren wir auch im Urlaub, übernachteten bei meiner Tante. Der Ehemann war Bürgermeister, weshalb man das Haus nicht anrührte. Draußen hört man Gewehrsalven, Schüsse, es war gespenstisch, wir durften nicht ans Fenster, schlichen uns heimlich mit den Cousinen nach nebenan und schauten gespannt in die dunkle Nacht hinein. Meine Ehefrau erzählt mir immer wieder, wie erst Linksextremisten in ihr Haus eindrangen und nach Waffen suchten, obwohl im Haus kein Mann war. Der Vater, ein Polizist, war längst verstorben. Dann kam die Armee, sie suchten auch nach Waffen. Wahrscheinlich dachte man, die Dienstwaffe des verstorbenen an sich zu reißen bzw. zu konfiszieren. Seitdem ist meine Frau ziemlich sauer auf Linke. Wenn ich sie ärgere, wirft sie mir und meiner Familie vor, Links zu sein. Deshalb liege ich im Ehebett auch links und sie rechts, sie hockt im Wagen rechts und ich links.

Am Ende der Grundschule teilte man unseren Eltern mit, dass die Hauptschule die beste Wahl sei. Der Notendurchschnitt besagte aber etwas anderes, meine Mutter dachte aber, die Noten seien miserabel, obwohl sie uns anhielt fleißig zu lernen. Sie zeigte uns immer stolz ihre Noten. Das beste war die 6, schlechteste war eine 1, aber das hatte sie nie. Dafür hatte ich eine 1 und mehrere 2en und 3en. Trotzdem ließen sich die Eltern vieler Schüler davon überzeugen, trotz eines türkischen Lehrers, der die Eltern dazu drängte uns zumindest in die Realschule zu schicken. Aber vergebens. Uns machte das nichts aus, wir wollten ja auch nicht getrennt werden. Nur einer wollte nicht dazu gehören und ließ sich in die Realschule einweisen. 

Das Pflaster der Stadt und im Stadtbezirk wurde für uns ausländischen Schüler immer heißer. Springerstiefel wurden zur Mode, Bomberjacken zum Merkmal. Wir wurden von kräftigen jungen Männern angemacht, geschlagen. Weis nicht wie oft ich mit zerrissenen Hosen und Hemden nach Hause kam. Mein Sohn musste das auch durchmachen. Heute hat er eine stattliche Statur und klopft den einstigen "Mitschülern" mal kräftig auf die Schultern. Das macht man so unter "Freunden".

Einer verfolgte mich sogar bis zur Haustür, schlug mein Kopf gegen die Haustür mit einer kleinen Fensterscheibe. Meine Mutter dachte, ich hätte geklopft, ich erzählte ihr auch nichts darüber, sonst hätte sie sich Sorgen gemacht. Später, als ich kräftiger wurde, trat ich zurück, von da an ließen er und viele von mir ab. Diesmal passten wir auf die jüngeren Ausländer auf, die in Not gerieten. Manchmal wurde ein Treffen vereinbart, um die Sache ein für allemal aus der Welt zu schaffen. Das letzte Mal endete es kurzeitig im Knast, mein Vater musste mich rausholen, da war ich 12 oder 13? Keine Ahnung. So banal, dass ich es nicht einmal zeitlich einordnen kann. Der Beamte tadelte mich mit ernster Mine, obwohl ich den Messerstich an der Kniekehle hatte, der andere nur ein blaues Auge davon trug. 

Nebenbei ging ich im Ort in den Fußballverein. Es gab Bierstiefel zum Nulltarif wenn wir ordentlich trainierten oder ein Spiel für uns entschieden. Der Vater des Verteidigers war Polizist, ich hatte Respekt vor ihm, weil er mich auch respektierte, anfeuerte. Ich mochte die Mannschaft, die Einheit und die Geselligkeit. Vor allem die jährlichen Ausflüge. Mal ging es nach Österreich Zelten oder dann mal an den Plattensee in Ungarn. Wegen mir musste der Bus zwei Stunden warten, als wir die Grenze zu Ungarn passieren wollten. Die Mannschaft löschte derweil ihren Durst, eine ganze Palette Bier. Weis nicht, ob die Grenzbeamten wegen dem Gröhlen und Johlen der Mannschaft genervt waren und mich durchließen oder ob sie einsahen, dass ich kein Klassenfeind bin, keine Gefahr für sie darstelle.

Ich kann mich noch ganz gut daran erinnern, wie mich mein Vater nach dem Hauptschulabschluss fragte, ob ich die Offizierslaufbahn einschlagen will. Ich schaute ihn verdutzt an, aber gleichzeitig merkte ich, Mensch, Abenteuer, Aktion, du wirst in der Türkei sein,... Vater hatte es vom türkischen Lehrer erfahren, dass das türkische Militär für die NATO mehrsprachige Leute braucht und in der Verwandtschaft gab es genug Offiziere, die mich hätten dabei unterstützen können. Mit mir meldete sich noch ein weiterer Schulfreund an.

Während der Schulferien fuhr ich mit Vater nach Istanbul, an die Militärakademie. In Deutschland hatten wir uns schon bemustern lassen, durch Ärzte und Krankenhaus. Ich musste sogar einige Pfund zunehmen, um die Mindestanforderungen zu erfüllen. In Istanbul stießen noch Verwandte hinzu, um die Anmeldeprozedur und weitere Vorgehensweise vorab abzuklären. War ein sonniger Tag, als die Prüfungen begannen. Erst einmal Frühsport, einige Hundert Meter laufen unter einer bestimmten Zeit, dann Klimmzüge, das ganze Programm eben. Das wurde gemeistert. Dann wurden wir in einen langen Flur gelotst, mit jeder Menge Türen. Entlang der Wand standen wir nun und warteten darauf, mündlich vernommen zu werden. Dass das wie in Krimiserien wortwörtlich genommen wird, wussten wir nicht. Die ersten Anwärter gingen rein, der eine kam heulend raus, der andere wurde von MP´s herausbegleitet. Widerum andere mussten abgeführt werden. Dann kam ich dran. ich musste mich im Raum mittig aufstellen, in erhabener Position gegenüber mir die Offiziere, die mich befragen wollten. Naja, was die zu sagen hatten, ist nicht jugendfrei, weshalb ich es nicht widergebe, denn ich muss befürchten, dass die RTÜK einschreitet. Aber sie konnten mich nicht aus der Reserve locken, also kam ich auch durch diese Prozedur durch. Am Ende standen 3.800 ungrad Anwärter für die schriftliche Prüfung bereit. Der letzte und schwerste Teil der Prüfung. Um es kurz zu fassen, von diesen rund 3.800 schafften es schließlich 3.

Ziemlich genervt reiste ich zurück. Am dritten Tag ging ich zum Arbeitsamt, die mir Berufe vorsetzten: Maurer, Stuckateur, Dachdecker. Ich liebe zwar Frischluft, aber im Schwabenländle kann es ziemlich frisch werden, zumindest war das mal so. Heute überlegt man sich, die Breitengrade neu zu berechnen, weil die Lehrbücher sonst umgeschrieben werden müssten. Jedenfalls, keines der Berufe lag mir. Am vierten Tag ging ich in den Bahnhof, keine Ahnung warum. Ich hatte wohl langeweile. Als ich einige Jugendliche sah, die in den S-Bahn eilten und einstiegen, folgte ich ihnen, bis zur Berufschule. Dort sah ich mich zunächst um, entschied mich dann, den jetzigen Beruf zu erlernen. Kurz darauf stellte ich mich einem kleinen Handwerksbetrieb als Azubi vor, ohne etwas schriftliches, ich ging einfach hin, sagte das ich einen Ausbildungsplatz brauche. Keine Ahnung was sie beeindruckt hat, aber sie nahmen mich sofort. 

So langsam merkte ich aber, dass die Menschen um mich herum politisch empfänglich wurden. Türken die ich kannte, wurden immer gläubiger. Manche trugen als Beweis dazu einen langen Bart, manche kleideten sich sogar entsprechend der Ursprungszeit. Dann widerum wurde der Bart wieder abgelegt, die herabfallende Pluderhose gegen Anzug mit Krawatte ausgetauscht. Es war die Zeit, wo die Menschen nach dem Ich suchten, denke ich jedenfalls. Mein kurdischstämmiger Türke, der blieb so wie er war. Er und viele andere änderten sich nicht. Andere die ich nicht kannte, machten keinen Hehl daraus, wofür sie sich einsetzen. Es war wie gesagt ziemlich wirr. Manche stellten sich auf Autobahnen auf und lieferten sich regelrechte schlachten, andere übergossen sich mit Benzin. Ich Glaube, der eine ist dabei verstorben. Zwei andere taten es ihm ebenfalls nach, in Mannheim. Es war eben die Zeit wo man jedem, der über die Brücke springt, hinterherspringt. Sie protestierten gegen einen Verbot, aber die Regierung blieb stur. Gegenwärtig traut sich keiner mehr sich selbst zu verbrennen, stattdessen fackelt man etwas anderes ab oder an.

Mein Vater arbeitete bei den Amis, wir lebten ja in einer ehemaligen Garnisonsstadt. Das bot den US-GI´s selbstverständlich ideale Vorraussetzungen für Kasernen. Mit ihm arbeiteten viele Türken in Kasernen oder Einkaufsmärkten der GI´s. Manchmal besserte ich mein Taschengeld auf, in dem ich den Einkaufsgut der Soldaten an der Kasse einpackte und bis zum Wagen trug. Dafür bekam ich Trinkgeld. Manchmal ordentliches Trinkgeld, an manchen Tagen bis zu 100,- US-Dollar, was damals umgerechnet knapp 380,- DM machte. Am Bankschalter schauten mich die Angestellten immer blöd an, als ob ich eine US-Bank ausgeraubt und nach Deutschland geflüchtet wäre. 

Auch sonst hatte ich immer Streß mit Angestellten, ob bei Banken oder einer Behörde. Schließlich musste ich als Ältester der Geschwister meinem Vater beim übersetzen beistehen. Meist gab ich die Aussagen der Beamtinnen gefiltert wieder. Den Rest schluckte ich, damit es bald abgewickelt ist und ich aus dem Raum kann. Vater war immer Stolz darauf,... ich hatte danach immer üble Kopfschmerzen.

Einmal, da hatte ich gerade meinen ersten Reisepass bekommen und fuhren in die Türkei, da drückte mir mein Vater alle Unterlagen in die Hand und meinte, ich könnte ja die Grenzangelegenheiten erledigen, während er ein Nickerchen macht. Es war mitten in der Nacht, an der bulgarisch-türkischen Grenze in Edirne. Ich stand am türkischen Schalter, der Beamte ziemlich rauh, wahrscheinlich übermüdet. Ich legte ihm alle Pässe vor, dabei rutschte die oberste herunter und klatschte ihm auf den Tisch. Der war böse sag ich euch, und ich danach erst. Er meinte, ich sollte mich wie ein Türke verhalten. Ich verhielt mich entsprechend, packte ihn am Kragen und versuchte ihn vom Tisch hervorzuziehen. Er entkam knapp, weil Vater mich zurückhielt und alles ausbaden musste. Mann, war ich Stolz auf ihn...

In meinem Beruf kam ich immer weiter und musste auch viel herumreisen. Ich sah immer mehr Moscheen im Land, jedenfalls in Industriegebieten, denn dort suchte ich die Kunden auf. Das erste Mal ging ich in die Moschee, da war ich 8. Vielleicht wäre ich schon früher eingezogen worden, aber man hatte nicht die entsprechenden Räumlichkeiten gefunden. Die Moschee war eine Halle in einem Hinterhof, gerademal für 200 Menschen. Aber an islamischen Feiertagen saßen die Menschen bis in den Hof hinein, manchmal bis zur Straße. Da wurde dann mit Teppichen, Tüten oder Planen der Asphalt ausgelegt. Im Winter froren dir die Ei.. ab, im Sommer konnte man den Schweißgeruch des Vordermanns kaum ertragen und die Polizei, die immer anwesend war, weil irgend ein Nachbar vermutete, etwas unheimliches passiere da in der Nähe. Vermutlich hat er die Erdstöße bemerkt, beim hinknien.

Nach mehr als 10 Jahren waren die Zustände kaum erträglich, man entschied sich als türkisch-muslimische Gemeinde, ein Grundstück zu kaufen. Die Stadt stellte eine alte Fabrikhalle mit Unterkünften vor, an einer Bundesstraße. Die wurde auch für viel Geld gekauft, aber bezahlt wurde es relativ schnell durch Spenden der Gemeinde und anderer Gemeinden. Wahrscheinlich dachte die Stadt, dass die Verkehranbindung wichtig für uns ist. Heute denkt man anders darüber. Meist staut sich der Verkehr an der Moschee, weil eben kein Platz mehr da ist, um schnell genug zu parken oder in die Einfahrt zu gelangen. Aber etwas haben sie dennoch davon. Sie verdienen sich eine goldene Nase daran, an den Falschparkern, denn just an Freitagen und Feiertagen stolzieren die PolitessInnen an dieser Bundesstraße, ansonsten lohnt es sich anscheinend nicht.

Wahrscheinlich hatten sich bei der Suche nach Parkplätzen einige Moscheebesucher in die Haare gekriegt, dachte ich zumindest, als die ersten anderen Moscheen wie Pilze aus dem Boden sprießten. Es gab die Ülkücü-Mosche, die Süleymancis, die wasweisichwas Moschee. An einem islamischen Feiertag ging ich mit Vater in eine andere Moschee als sonst, weil wir schon zu spät aufgebrochen waren. Manche hatten den Pakol oder ähnliches auf, Pluderhosen an, sprachen aber türkisch. Wir gingen rein, wurden dabei aber ziemlich beäugt. Vater blieb dabei und setzte sich hin, wir beteten und gingen wieder raus. Später löste sich diese Gemeinde wieder auf, die Männer die ich dort sah, gingen wieder in die gängigen Moscheen. Für mich spielte es keine Rolle, welche Moschee ich aufsuche, letztlich ging es nur um Gottes Willen und mein Seelenheil und nicht um Modeerscheinungen. Eventuell haben Vater und ich mit unserem Auftritt und Style sie davon überzeugt, gleiches zu tun? Ich weis es nicht.

Es waren auch unruhige Zeiten. Die erste Generation kam langsam zu Geld, sie hatten es sich schließlich eisern angespart. Die meisten hausten in Wohnungen und Häusern ohne Warmwasser, heizten mit Kohle und Heizöl, das Bad war die Plastikwanne mitten in der Küche. Damit wurde Geld gespart. Darauf waren dann andere aus. Türken, die ihnen Versicherungen, Kapitalanlagen in Form von Immobilien oder Anteile an Fabriken andrehen wollten. Der islamische Hintergrund, wenn er denn augenscheinlich ausgelebt wurde, war ein stichhaltiger Grund für viele, sich die Sachen andrehen zu lassen. Natürlich spielten auch die angepriesenen hohen Erträge eine große Rolle, mit der viele sich einen ruhigen Lebensabend garantieren wollten. Später stellte sich bei den meisten heraus, dass das Schneeballsystem den letzten beißt und die letzten waren eben der Großteil der Anleger.

Mein Vater setzte nicht darauf, eher in Beton und Armiereisen in der Türkei, denn die waren damals teuer. Also hortete er die Baustoffe, den Eisen musste er gar jahrelang sicher lagern. Irgendwann hatte er genug zusammen, um auf dem Grundstück ein Haus zu bauen. Er dachte bis in die letzte Zeit hinein, er würde wieder zurückkehren. Nun bleibt er hier, bei den Kindern. Wahrscheinlich Ende ich auch so. Die Kinder, auch wenn sie erwachsen werden, bleiben eben für Eltern immer noch Kinder.

Wie ich nicht Enden werde, weis ich aber. Während mein Vater kaum Deutsch konnte, dafür aber perfekt Englisch, und nichts von alledem in Deutschland mitbekam, weil er meist unter US-Amerikanern war, wuchs ich in Deutschland unter Deutschen auf. Ich übersetzte für ihn, gab vieles gefiltert wieder. Ich weis, dass die Deutschen, wenn man sie näher kennenlernt und auf sie zugeht, ziemlich schnell locker werden, meist in Verbindung mit Alkohol. Ich weis auch, dass die Deutschen, die ich nicht kenne, sich so ziemlich viel aus dem Fenster herauslehnen, aber nicht wegen dem Alkohol. Mittlerweile spielen die Medien mit, setzten entsprechend diesen Geist um. Nein nicht den Schnaps, diesmal den geistigen Dämmerzustand.

Ist auch klar, die sinkenden Auflagenzahlen müssen irgendwie kompensiert werden. Am besten realisiert dass die BILD, gefolgt von Welt-Online, Focus, Spiegel. Ich sah letztens, dass die Diktatoren Konkurrenz bekommen. Neben Kim dem Allmächtigen, Putin dem Bär, IS dem Henker und der revolutionären Le Pen, wird auch Erdogan der Prächtige ein Platz eingeräumt. Na das find ich mal stark, weil nach "Wir schaffen das!" nun "Merkel ist Schuld!" ebenfalls ein Platz eingeräumt werden sollte. Der as-Sisi wird nicht erwähnt. Komisch, der hat sich doch ins Amt gefuscht oder nicht? Ich nehme das so nicht hin und werde das auch immer zur Aussprache bringen. Gefiltert wird nichts mehr wiedergegeben.

In der Türkei gibt das Medien-Pendant zu Deutschland. Die Yeni-Akit, gefolgt von Star und Sabah. Während es aber in der Türkei auch kritische Stimmen gibt, die auch hohe Auflagen- und Besucherzahlen aufweisen können, suche ich hier vergebens nach dem Pendant. In der Türkei gibt es neben der hier berühmtberüchtigten Cumhuriyet, die Hürriyet, Sözcü, Oda TV, Evrensel, Birgün usw.. In Deutschland gibt es - lasst man überlegen - eventuell die Süddeutsche? Der Rest bläst in den gleichen Horn. Etwas abwechslungsreicher sollte das Medienmenü schon sein, sonst haben wir einen Erdogan als Überflieger, dem Kim und as-Sisi nicht das Wasser reichen können. Was dann? 

Als die Scheibe der Haustür meinen Dickschädel zu spüren bekam, da war ich sauer. Wenn ich aber die hiesigen Medien jetzt lese und höre, werde ich stinkesauer, denn sie filtern die Zustände in der Türkei, ergänzen es, geben es ganz anders wieder. Das ist nicht nur mehr mein subjektives empfinden, es hat sich längst heraus kristallisiert. Viele meiner Generation sind ziemlich sauer, nicht auf Deutschland, sondern auf den Geist den sie zu spüren bekommen. Und dieser Geist ist schlimmer als in den 80er und 90er Jahren, denn, damals spürten wir den Hass an uns wegen unserem Ausländerdasein. Gegenwärtig fühlen wir den Hass aufgrund einer Regierung, die wir gewählt haben. Mit "wir" meine ich die türkische Gesellschaft, das türkische Volk. Ich sage ja auch nicht "Merkel ist Schuld!", sondern das sagen Biodeutsche, oder waren das Pegida, AfD, ich weis es nicht. Das ist doch ein Diktator-Titel Wert oder nicht?

Gegenwärtig sind wir in Aleviten, Kurden, Süleymancis, Nurcus, TGD, TGB, DTA, TDA, DTT, ADD, MTG, KTT, TAD, UETD, BIG Partei, ADD Partei, diese Partei, jene Partei, dieser Verein, jener Verein, nun auch schon Liberaler, Humanistischer, Demokratischer, Extremistischer, Anormaler Verein gespalten. Weis nicht wie das zustande kam, habe noch keine Antwort darauf gefunden. Ist auch nicht mehr mit der Humangenetik zu erklären. Was die Evolution in Jahrtausenden nicht geschafft hat, soll nun innerhalb eines Jahrhunderts erfolgt sein?

Ist auch irgendwie schwierig zu erklären, denn wir werden noch weiter auseinanderdividiert, bis auf die atomare Ebene gespalten, von Cem Özdemir, Lale Akgün, Seyran Ates, Sevim Dagdelen, Memet Kilic und vielen anderen. Sorry wenn sich einer hier nicht wiederfindet - er kann sich ja bei mir melden, ich trage ihn dann ein. Ich kann all die Namen nicht aufzählen, denn Neuankömmlinge übertoppen Alteingesessene Integrationsexperten und das geht zur Zeit ziemlich fix. Ist wie in der freien Wirtschaft. Gelder werden für die Integrationsindustrie erst zur Verfügung gestellt, wenn man glaubhaft nachweisen kann, dass die Ausländer, Asylanten, Muslime, AKP-Trolle, Erdoganisten, Ditibisten oder Türken immer noch nicht angekommen sind. Ich dachte immer, 1960 wäre der erste Gastarbeiter in München angekommen, aber die Experten müssen es ja besser Wissen, nicht wahr?

Also ich kam direkt hier an, wurde gewogen, gemessen und wurde damals wie derzeit für nicht gut genug befunden. Deutscher darf ich mich nicht nennen, mein Ältester auch nicht, dafür mein Jüngster. Wir Männer ziehen ihn dann damit auf, rächen uns quasi an ihm. Der Arme, guckt immer so bemitleidenswert drein, nach dem wir ihn damit aufgezogen haben. Am Flughafen grinst er widerum, weil er sich nicht an der Non-EU Gasse anstellen muss, während wir am überlegen sind, wie wir uns am besten dem Bundespolizisten vorstellen. Vielleicht mit einem Grinsen, gefolgt mit Grüß Gott? Nein, das würde man eventuell falsch auffassen. Finster dreinblicken? Nee, da macht man sich sowieso verdächtig. Vielleicht mit einer leichten Schieflage des Kopfes, interessiert dreinblickend? Hmm, das könnte klappen. Meist klappt es jedoch nicht, der Reisepass wird gespiegelt, durchgeblättert, über den Scanner gezogen, mehrmals. Naja, wir Männers stecken das weg, aber die Mutti, die wird ziemlich nervös und wenn man endlich durch ist, hat sie ein weißes Haar mehr. Frauen haben es nicht leicht, vor allem türkische Frauen.

Sie bekommen Söhne, behandeln sie wie den Pascha,... das liegt ihnen irgendwie im Blut. Bei meinen Nachbarn schreien meistens Babys, stundenlang. Meine Frau erträgt das nicht, klopft manchmal mit dem Besen an die Decke. Sie kann es eben nicht abhaben, dass das Kleinkind unbeaufsichtigt gelassen wird, ob nun mutwillig, damit das Säugling bzw. das Kind lernt nicht zu schreien oder weil eben beide Elternteile berufstätig sind und die Kindersitterin gerade auf WhatsApp eine Teletextnachricht schickt. 

Die Jugend von heute ist irgendwie crayz... bei meinem Jüngsten klingelt es manchmal ein oder mehrere Minuten lang ununterbrochen. Ich schreie dann ins Zimmer rein, ist ja kaum auszuhalten. Manchmal stürme ich ins Zimmer rein und sehe, wie er chattet. Er schreibt z.B. "was" Enter, "machts" Enter, "du" Enter, worauf er dann die Antwort in der selben weise erhält, jedes Wort getrennt gesendet. Erst dachte ich, die üben Deutsch, aber dem ist nicht so. Die telegrafieren Botschaften wie einst vor einem Jahrhundert. 

Das Handy, ein Allroundtalent, mit der man sogar bis zu einem gewünschten Geschäft gelotst wird, mit angezeigter Öffnungszeit, Wettervorhersage und Sonderangeboten, ist für die meisten Jugendlichen wohl nur für Youtube entwickelt worden. Manchmal gehen meine Söhne beide selbst Klamotten kaufen, die Alten mischen sich wohl zu sehr in ihr Style ein. Aber der Vater soll ihnen den Weg beschreiben, erklären wann das Geschäft eröffnet oder wann der Linienbus oder die Bahn fährt. Ich zeige ihnen dann das Handy und sie blicken mich erstaunt an. Komische Jugend... da hat Deutschland sich aber was eingefangen.

Das dachte sich die Ortschaft wo ich wohne auch, als eine Türkenbrut ein Gebäude erwarb und anfing umzubauen. Oben Wohnungen, unten eine Gewerbeeinheit, die als Edeka-Laden ziemlich beliebt ist. Kein Wunder, es ist der einzige Laden wo man etwas in der Ortschaft einkaufen kann und die Alten sowie Jugendlichen abhängen können. Ansonsten fährt man in die Stadt hinein, was insbesondere für die Rentner nicht erschwinglich ist. Besser ist es, das Fahrgeld für Bier auszugeben und bei Klatsch und Tratsch daran zu nippen, bis die Nacht hereinbricht.

Nun, mit dem Einzug der Türken-Familie begann selbstverständlich der Tratsch um die Nutzung des Gebäudes. Schnell verbreitete sich das Gerücht herum, dass der Laden eine Dönerbude werde, vom Eigentümer selbst betrieben. Bis dahin wusste ich nicht einmal, dass das Türken gekauft hatten. Erst als mich eine Nachbarin über die Farbschmiereien am Gebäude informierte und befragte, da wurde ich hellhörig und ging hin. Naja, der Türk war ziemlich verängstigt, nicht wegen seiner eigenen Haut, vielmehr wegen den Kleinkindern. Ich beruhigte ihn, sagte, er soll sich keine Sorgen machen. Wahrscheinlich waren dass die Jugendlichen oder einer der Rentner, der meinte, sein angestammter Platz werde ihm weggenommen. Ich klärte ihn auf, doch mit dem Betreiber des Ladens zu sprechen, über die Zukunft und so weiter. Der Türk war nicht darauf aus, die Gewerbeeinheit selbst zu nutzen und schon gar nicht vor, die sichere Mieteinnahme zu riskieren. Also klärte er das mit dem Betreiber und alle waren wieder fröhlich. Gegenwärtig ist der Türk der beste Türk in der Ortschaft, beliebt als wäre er schon immer hier, ein Teil der Gemeinde. Manchmal bewirken Kleinigkeiten großes, ob nun negativer oder positiver Natur, es liegt immer an einem selbst.

Kennt ihr die Alianz-Werbung, bei der eine junge Familie Nachbar eines griesgrämigen älteren Herren ist und ein Kirschbaum am gemeinsamen Zaun für Ärger sorgt? Genau so etwas hatten wir auch. Der Nachbar selbst, ein Rentner und seine Ehefrau, waren ziemlich stinkig. Kinderlärm war verpöhnt, immer Ärger mit einer deutsch-amerikanischen Großfamilie. Es kam zum Streit, Gericht, Sachverständige etc.. Schließlich, nach Jahren verkaufte die Familie die Wohnung und zog weg. Mein Jüngster bekam zum Geburtstag einen Quadrokoppter, so ein Ding wo ziemlich gut kontrolliert in der Luft bewegt werden kann. Naja, was ich nicht einschätzen konnte war, dass die Batterien der Funkfernbedienung nach einigem Nutzen schnell aufgebraucht waren, irgendwann während eines Fluges im Garten der Funkverkehr abbrach, das unbekannte Flugobjekt beim Nachbarn auf der Überdachung der Terasse landete. Das war ein Geschrei sag ich euch. Als wäre jemand abgestochen worden. Dabei handelte es sich lediglich um ein Cent-großes Loch im Wellendach. Nach dem ersten Aufreger konnte ich den Herrschaften endlich zu verstehen geben, dass das Dach erneuert wird. Sie waren davon nicht überzeugt, holten sich "Zeugen". 

Das Dach wurde ersetzt, seitdem sind wir schon fast per du. Wäre das bei einem Türken passiert, er hätte kurz ein Wrigleys gekaut und das Loch gestopft, dann hätte man noch ein Cay bekommen und darüber gelacht. Auch sonst sind wir Türken und viele Ausländer dahingehend viel praktischer. Speziell die Türken haben so ziemlich verrückte Einfälle. Ich sollte mal meinem Sohn für die Kita Ostereier anmalen. Anordnung durch das Innenministerium - diesen Status besitzen die Ehefrauen bei uns. Ich überlegte lange, mein Sohn ebenso. Dann nahmen wir rote Farbe, ein weißes Ei und bemalten es, bis schließlich die türkische Fahne sichtbar wurde. Praktisch, weil nur eine Farbe verwendet wurde. Etwas von der schwäbischen Sparsamkeit aufgeschnappt. Innenministerium war darüber nicht glücklich. Wir sollten noch andere Fähnchen malen. Also malten wir weitere Eier. Eins mit drei Mondsicheln und Sternen, eins mit nur einem rotem Halbmond, dann die tunesische Version und die aus Singapur. Wir benutzten nur rote Farbe, sonst nichts. Sohn war hellauf begeistert, die Mutti nicht so. Die Kinder im Kindergarten waren erstaunt, was man alleine mit rotes Farbe alles machen kann. 

Die Schwiegermutter oder meine Mutter erzählen mir oft, wie sie in ihrer Kindheit Eier gemalt haben, zumindest indirekt mit der Schale der Zwiebel. Mein Vater erzählte mir oft von seinem Chef in der Schneiderei in Istanbul, wo er zuletzt noch arbeitete um dann in die weite Welt hinaus zu gehen. Ein Jude sei der Chef gewesen, korrekt, zuvorkommend, 1990 besuchte er ihn einmal, da war er schon ziemlich alt. Ein junger Mann war er damals erzählt er oft, arbeitete dort hart, hörte dann von dem Anwerbeabkommen und ließ sich eintragen. Er bekam die Chance, ging entgegen des Willens des Großvaters nach Deutschland. Irgendwie suchte er wohl wie alle jungen Männer nach mehr, kam nach zwei Jahre später zurück, heiratete in der Türkei, brachte die Mutter mit. Er war allen gegenüber zuvorkommend, half den älteren Nachbarn.

Ich habe euch doch von dem Mann erzählt, der Nachts aufheulte wie ein Wolf. Nun, irgendwann fragte unser Nachbar meinen Vater, ob er ihn ab und zu mal für Besorgungen fahren könnte. Bankgeschäft erledigen, Friseur usw.. Mein Vater willigte ein. Das erste Mal musste ich mit, als Übersetzer, da war ich keine 8 Jahre alt, konnte aber gut Deutsch. Der ehemalige Wehrmachtssoldat kam wie angekündigt pünktlich zum Wagen, setzte sich hin und kündigte dann in strammdeutscher unüberhörbarer Manier das Ziel an. Ich übersetzte, mein Vater fuhr los. Erst bei der Bank, dann der Friseur und schließlich noch beim Bäcker. Jedes Ziel wurde im gleichen Tonfall bekannt gegeben und meinem Vater oblag es nur, dem Folge zu leisten. Am Anfang dachte ich als Kind, ich müsste gleich losheulen, aber ich sah, das Vater sich kaum darüber Gedanken machte. Es ging ihm wohl nur um die Hilfe und nicht so sehr darum, wie diese Hilfe angenommen oder aufgenommen wird. Das machte ein knappes Jahr denke ich, dann wurde eine Pflegekraft gestellt, der das ganze mehr schlecht als recht übernahm. Manchmal erzählt Vater davon, obwohl ich dabei war - die Vergesslichkeit setzt bei ihm ein, er erzählt davon immer wieder.

Auch der Vater des kurdischstämmigen Türken ist alt, wenn ich ihn sehe erzählt er immer, wie schön es damals war, die Hilfsbereitschaft allgemein unter den Türken. Dann erzählt er immer wieder von meinem Vater, wie er ihm Geld geliehen habe, eine große Summe, ohne schriftlichen Vertrag, nur per Handschlag. Wenn er heute in die Moschee gehe und dass der jüngeren Generation erzähle, würden sie ihm das nicht abnehmen und nur weil er vor Gott schwöre. Andersrum erzählt er auch von uns Kindern, wie wir von der Ehefrau gewachsen wurden, weil sie ein Bad hatten, wir aber nicht. Mensch war ich Stolz darauf, wie dieser Mann eines Tages die Straße hinauffuhr und dabei an unserem Haus kurz hupte um sein heiligs bleche zu zeigen. Ein fast neuer Mercedes. 

Oder die Videoabende bei ihnen, als die ersten Beta- und VHS-Recorder herauskamen. 5.000,- DM kosteten die Dinger. Deshalb saßen viele Familien bei anderen zusammen, um ausgeliehene türkische Filme anzuschauen. Manchmal war das Wohnzimmer derart voll, dass die Leute auf dem Boden hockten, wie im Kino nebeneinander. Das war großes Kino, wovon der Rentner heute noch schwärmt. Will sagen, damals gab es diese Kluft nicht, man vertraute aneinander uneingeschränkt. Heute ist das ganz anders. Ein falscher Tonfall und du bist entweder nicht integriert oder ein Vaterlandsverräter.

Schlimm wurde es, als das Internet, vor allem dieses soziale Netzwerk der Lebensmittelpunkt wurde. Trolle, viele die anonym bleiben wollen, wo man nicht weis, mit wem man sich da gerade unterhält. Die ganze Mimik fehlt bei Diskussionen, das ganze drumrum kann nur erahnt werden. Viele sind mit Stigmatisierungen beschäftigt, andere mit Frustabbau. Vor allem PolitikerInnen nutzen dieses Medium, weil es sich schnell und weit verbreitet, aber schnell in Vergessenheit gerät. Weil man es dementieren oder wieder löschen kann. Eine Meinung, eine Äusserungen kann jahrelang eingesehen oder kurzerhand gelöscht werden, als hätte man es nie geäussert.

Eine gefährliche Entwicklung, weil man nichts zu befürchten hat, im weltweit vernetztem Internet, wenn man falsches behauptet, beleidigt oder droht. Es hat aber auch seine guten Seiten. Früher hatte man nicht die Möglichkeit, sich zu informieren, zu sehen was in der Welt passiert. Heute ist das zwar gegeben, aber es schwirren auch schmutzige Informationen im Netz. Man muss es immer hinterfragen, vor allem so weit wie möglich abgleichen. Früher wurde man mit einem Fernsehkanal über die Welt informiert, zumindest sachlich. Heute ist ein Wettstreit darüber entbrannt, wer die Deutungshoheit besitzt. Es geht nicht mehr um Informationsaustausch, vielmehr um die Stigmatisierung des anderen. Nachrichten haben nur noch einen gewissen Wahrheitsgehalt, weil sie einseitig widergegeben werden. Information ist sozusagen Macht. Wer sie beherrscht, der hat die Macht dazu, gegenteiliges auszusagen und es auch als Wahrheit zu etablieren. 

Zur Zeit herrscht vor allem in Europa ein gewisser Machtanspruch auf Informationsdeutung. Das ist auch verständlich. Europa muss erst an sich Denken, danach an andere, wenn es ihren Interessen dient. Genau dasselbe gilt auch für alle anderen Nationen oder Unionen. Die Türkei vertritt ihre eigenen Interessen, seit der AKP immer vehementer und deutlicher. Das ist Business, das ist das Geschäft. Von daher Wissen die Türken allzugut, dass die Erhaltung einer Nation, davon abhängt wie man seine Interessen durchsetzt, auch mit Kriegen, auch mit hohen Verlusten. Die Türken haben ein Land mit Schweiß und Blut erobert und Jahrhunderte lang verteidigt. Sie haben es auch im 1 WK genauso verteidigt, wie jedes andere Volk, die dazu befähigt war. Das ist eine ganz simple Erklärung. Man muss nicht weit ausschweifen, mit Demokratie, Humanismus oder Rechtsstaatlichkeit. Das ist nur Makulatur, denn wenn das Land, die Demokratie, die Einheit in Gefahr ist, kann sich alles schlagartig verändern. Gesetze werden geändert, Menschenrechte ausser Kraft gesetzt, die einst hochgehaltenen demokratischen Prinzipien werden stetig ausgehöhlt. Das kann der EU genauso passieren, wie der Türkei oder den USA. Niemand ist davor sicher, jeder wird sein möglichstes tun, um diese Ordnung und Einheit zu erhalten.

Daher ist jeder Versuch einer Nation oder Union, einer anderen Nation vorzuschreiben oder mit Nachdruck nahezulegen, seine Prinzipien aufzugeben oder situationsbedingte Gesetze abzuschaffen, wie im Falle der Antiterrorgesetze, im Grunde nur der Versuch, die eigenen Interessen zu wahren oder zu verteidigen. Es geht nicht darum, wie man es löblich vorgibt, dem anderen zu helfen, sondern sich selbst zu sichern, dem eigenen Volk, Land oder Gemeinschaft die Zukunft zu ermöglchen. Das gilt für Europa wie für jedes andere Land. Wenn Terror ein Land beschäftigt, stecken mitunter andere Länder, andere Völker dahinter. Wir haben es im Irak, in Libyen, in Ägypten, in Südamerika, in Afghanistan und vielen anderen Ländern erlebt. Und wir erleben es immer wieder. Die Türkei wird sich entsprechend schützen, sich entsprechend Verhalten, sich wehren und auch Schritte einleiten, die nicht jedem gefallen werden. Aber sie wird es tun und entgegen der Drohungen und Stigmatisierungen auch entsprechend kontern. Wenn Deutschland seine Sicherheit im Hindukusch verteidigt, so wird die Türkei ihre Sicherheit in Syrien oder im Irak gewährleisten, sei es gegen die Terrormiliz IS, der YPG, PYD oder PKK. Sie tut es und wird sich auch durch nichts davon abbringen. Weder Vorwürfe mit Menschenrechtsverletzungen oder Kriegsverbrechen werden sie aufhalten. Das was im Hindukusch bislang passiert ist, hat Deutschland nicht berührt oder die USA und all die anderen Koalitionspartner davon abbringen lassen, dort für ihre Interessen Position zu beziehen. 

Erwartet also nicht, dass die Türken sich von ihrer eigenen Nation abwenden, um anderen Interessen zu dienen. Wir haben eine ganz andere Mentalität, eine ganz andere Auffassungsgabe und können auch viel praktischer mit Begebenheiten umgehen, als so manch anderes Volk. Wir sind in der Welt präsent, können uns anpassen, sind ziemlich ressistent gegen "Integrationsmaßnahmen" und reagieren allergisch gegen Bevormundung und Druck. Man kann mit uns gut auskommen, auch sehr gut Leben. Wir können in einer Gesellschaft aufgehen, wenn man uns lässt, können aber auch wie ein Fremdkörper Probleme bereiten, wenn man an uns herumdoktert. So einfach sind die Türken gestrickt, so einfach ist die Weltordnung erklärt. Puhhh, jetzt habe ich mir die halbe Seele herausgeschrieben. 

 

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