Hey, Seyran Ateş

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Hey, Seyran Ateş

05. Oktober 2018 - 22:16
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Es ist eine Eigenart der Medien, dass sie jedem Stöckchen hinterherlaufen, schließlich geht es um Einschaltquoten und Verkaufszahlen. Persönlichkeiten wie du, Seyran Ateş, bauen genau darauf auf, um die eigene Agenda unter die dauernörgelnde, angstversiffte Bevölkerungsschicht zu bringen. Du findest den Tag der offenen Moschee in Deutschland, ausgenommen natürlich deine eigene, als Provokant, wenn nicht gar "respektlos und arrogant", wenn diese am Tag der Einheit stattfindet?

Hey, Seyran Ateş

Kommentar - Es ist eine Eigenart der Medien, dass sie jedem Stöckchen hinterherlaufen, schließlich geht es um Einschaltquoten und Verkaufszahlen. Persönlichkeiten wie du, Seyran Ateş, bauen genau darauf auf, um die eigene Agenda unter die dauernörgelnde, angstversiffte Bevölkerungsschicht zu bringen. Du findest den Tag der offenen Moschee in Deutschland, ausgenommen natürlich deine eigene, als Provokant, wenn nicht gar "respektlos und arrogant", wenn diese am Tag der Einheit stattfindet?

Das kannst du gerne so empfinden, aber dennoch ist es für viele ein Tag wie jeder andere, weshalb viele auch dieses Jahr u.a. die Moscheen aufsuchten und sich ein Bild von innen machten, statt sich medial berieseln zu lassen. Die Lebenswirklichkeit ist auf den Oktoberfesten, Moscheen oder in den eigenen vier Wänden zu finden. Jedem das seine, nicht wahr?

Das Grundgesetz ist in diesem Zusammenhang betrachtet einfach genial, weil es tatsächlich die Menschenwürde, die unveräußerlichen Menschenrechte über jedes, von wem auch immer gemachtes Gesetz, stellt, sogar das "göttliche Gesetz". In diesem Sinne: laut diesem deutschen Grundgesetz kann man diese Rechte auch nicht herausstreichen oder in Abrede stellen. Aber wieso habe ich das starke Gefühl, dass genau das bei deinen Argumenten ständig mitschwingt? Sollen die politischen Machthaber etwa in Kadavergehorsam deinen Argumenten folgend die Menschenrechte stutzen, die Menschenwürde aushebeln und sich die Finger dabei verbrennen, wenn sie eine muslimische Gemeinde verbieten und vom Verfassungsgericht zurechtgewiesen werden? Was dann, Fräulein? Heulen Sie dann herum und wettern gegen die Verfassungsrichter und vermarkten das als Kritik? Vielleicht sehen sich dann Extremisten veranlasst, die Republik zu stürzen?

Vielleicht ist es in Deutschland bald auch soweit, dass die politischen Mitstreiter genügend Macht erhalten, um ihr Grundgesetz zu etablieren? Du nimmst in einem Redebeitrag im Schloss Bellevue zur Veranstaltung "Zukunft der Demokratie" die AfD in Schutz und verlangst mehr Differenzierung, stellst aber jedwede muslimische Gemeinschaft insgesamt an den Pranger? Wie soll man das eigentlich auffassen?

Ehrlich gesagt Reihe ich dich mit in die graue Eminenz des Rechtsaußen, wo auch Akif Pirinçci oder Götz Kubitschek zu verorten sind. Als Opfer wird man innerhalb der AfD und der rechtsextremen Szene ja gern als Held betrachtet. Das heißt, dass all die gekünstelte Aufregung als das entlarvt werden kann, was es ist: ein Vehikel, um rassistische Inhalte zu transportieren. Pirinçci darf das nachwievor über einen Verlag, diesmal eben unter der Fuchtel von Kubitschek, der grauen Eminenz, und deine Wenigkeit macht es über die Ibn Rushd-Goethe Moschee in Berlin.

Apropos, wie steht es eigentlich um die Finanzen? Den Jahresabschluss der gGmbH kann ich immer noch nicht finden - fällt die gGmbH etwa wegen der Kleinstkapitalgesellschaft nicht unter die Publizitätspflicht? Wenn die Bilanz vorliegt, kannst du mir gerne eine Kopie senden. Interessiert mich ungemein, welche Gelder da hin und her bewegt werden, vor allem, woher sie so kommen, wenn überhaupt!

Du greifst also im Grunde die Menschenrechte sowie die Menschenwürde an, verfolgst stringent dieselben Ziele wie die AfD oder Rechtsextremen - die anderen ebenfalls das Recht auf Kultur, Religion oder was auch immer, streitig machen oder sie daran hindern wollen, es auszuüben. Eigentlich sind solche Rechte in einer aufgeklärten, offenen und demokratischen Gesellschaft eine Selbstverständlichkeit! Mit "Multikulti ist gescheitert“ oder "dies" ist "gefährlich“ oder "das" ist strikt "abzulehnen" verfolgt man nichts anderes als den autoritären, völkischen Rechten den Boden zu ebnen.

Islamfeindliche Stimmungsmache kann man nicht nur an den abstrusen Wortklaubereien der AfD, Reichsbürgern oder Identitären festmachen, dazu gehören vor allem Rechts-"Feministinnen" und Polit-AktivistInnen, KopftuchgegnerInnen und deine Wenigkeit. Wer sich eher in "islamkritischer" Gesellschaft zeigt und muslimische Gemeinschaften ausgrenzt, sich nie für die muslimische Kopftuchfrau einsetzt, hat mit liberalen Werten wenig gemein. Wenn das nicht Rassismus ist, was dann?

Ich Frage mich sowieso, weshalb du vielen gemeinsamen Debatten aus dem Weg gehts und ständig darauf aus bist, alleine die Agenda und die Begriffe zu setzen. Der Linguist George Lakoff von der Universität Berkeley hat dies am Beispiel von Trump sehr gut beschrieben. Der redet ja auch drauf los wie der Tag lang ist, mit dem Kalkül, dass die "Gegner" sich nur über ihn aufregen und dessen Ansichten so weiterverbreiten. Damit bekommt Trump was er will: Millionen Bürger bekommen ständig ihn zu hören, was der eine für böse Sachen getan hat, weshalb dieser aus dem Verkehr gezogen gehört... Lakoff zufolge hilft die Weiterverbreitung Trump selbst, weil ständig seine Debatten auf der Agenda stehen, seine Begriffe im Ohr hängen bleiben. Vielleicht ist es meine Schuld, und die der vielen anderen, weshalb du in den Augen von Rechtsextremen, Reichsbürgern oder Idenditären vom Opfer zum Helden aufgestiegen bist.

Liebe Seyran, gerade weil du dich in solchen Kreisen bewegst, die ein Demokratieverständnis haben wie einst die Lagerwärter und SS-Inspektoren in Auschwitz-Birkenau und Majdanek, steht es um die rassistische Stimmungsmache so gut und etabliert sich weit in die Mittelschicht hinein. Wie ich darauf komme? Es gibt eine noch immer von vielen unterschätzte, breit verankerte rechtsextreme Szene, die in den vergangenen Jahrzehnten insbesondere in den ostdeutschen ländlichen Strukturen enorm gewachsen ist. Dein Twitter-Busenfreund Ahmad Mansour warnt dennoch vor falscher Toleranz und gleichzeitig Panikmache und nennt dabei Zahlen von "Extremisten". Ich meine, wer 18.000 "Graue Wölfe" und lediglich 4.000 "NPD"ler gegenüberstellt, hat erschreckende Wahrnehmungsdefizite. Von "Panik" kann man, wenn man einzig nur die "NPD" als rechtsextrem betrachtet, selbstredend tatsächlich nicht sprechen, stehen dem ja laut Mansours Gleichnis mehr als das Vierfache an extremistischen Türken gegenüber, die nicht toleriert werden dürfen.

Aber ehrlich gesagt suche ich verzweifelt nach ähnlichen Fällen in Deutschland, bei der "Graue Wölfe" in Deutschland auf Menschenjagd waren oder Menschen aufgrund ihrer Religion, Herkunft oder Abstammung aus reiner Freude daran tätlich angegriffen oder angezündet haben. Vom NSU-Netzwerk spreche ich schon gar nicht mehr. Statt das zu erkennen, wird seit Jahrzehnten seltsamerweise über die "Grauen Wölfe" hergezogen, die sich im Grunde duckmäuserisch in eine Ecke verkrochen und das Feld den linksmarxistisch-völkischen PKK-Organisationen überlassen haben. Ernsthaft, dass es innerhalb dieser türkischen Gruppierung auch schwarze Schafe gibt, die gegen Armenier, Kurden oder Juden wettern, ist nichts neues, aber von einem allgemein vorherrschenden Rassismus innerhalb dieser Organisationsstruktur zu sprechen, ist weit hergeholt und scheint mir eher eine Nebelkerze zu sein. Wenn man allein die Statistiken des BfV oder der Polizeibehörden begutachtet, stellt man sehr schnell fest, dass es in Deutschland weit über 24.000 Rechtsextremisten (bereinigt) gibt, von denen über 12.000 gewaltorientiert u.a. in Chemnitz oder Dortmund derzeit wieder einmal Walking Dead spielen. Ich mein, schaut euch doch mal die Straftaten und deren Anzahl an, stellt sie gegenüber und labert dann drauf los, anstatt gezielt Ängste zu schüren.

Nun kann man hier auch die PKK-Sympathisanten nennen, die in Deutschland die "Hit and Run"-Technik revolutioniert haben, aber das würde den Rahmen sprengen. Dennoch frage ich mich, wie du oder Mansour es mit dem liberal-humanistischen Demokratieverständnis vereinbaren könnt, Moschee-Angriffe oder Angriffe auf Türken geflissentlich zu übergehen?

Liegt es vielleicht daran, dass die Moscheen, die bislang Ziele von diversen Organisationsstrukturen waren, allesamt oder zumindest in der Mehrheit der DITIB angehören? Und welches "Islam-Verständnis" vermittelt die DITIB bzw. die in der Türkei beheimatete Diyanet? Wurde sie nicht 1924 von Mustafa Kemal Atatürk installiert und bildet seitdem die Basis des türkischen Islamverständnisses? Meinst du nicht, dass sich diese staatlich verordnete und kontrollierte Islam-Ideologie längst etabliert hat und tief verwurzelt ist, was nicht einmal durch einen Regierungswechsel auch nach Jahrzehnten nicht verändert werden kann? Seit wann und aufgrund welcher Begebenheiten oder Ereignissen soll sich das Verständnis der höchsten türkisch-islamischen Gelehrten innerhalb der Diyanet gewandelt haben, dessen heftiger Kritiker du seit langen bist? Vielmehr interessiert es mich sogar, ob du den Gläubigen direkt absprichst, selbstständig zu Denken und etwaige Fatwas der Diyanet für sich genommen anzunehmen oder abzulehnen! Es ist schließlich eines der türkischen Errungenschaften, nicht alles aufzuschnappen und unwidersprochen einzuhalten, was die Diyanet oder der einzelne Imam in der Moschee von sich geben - deshalb gibt es im türkischen Sprachraum auch so viele pointierte Witze über Imame und Gläubige.

Von daher, Reformationsgaukler haben es in der Türkei schwer, werden es auch in Europa schwer haben, polarisierend die Deutungshoheit und Menschen zu gewinnen. Adnan Oktar und seine "Kediciks" konnten lange Zeit in der Türkei leicht frivol einen anderen "Islam" vermitteln, bis sie mit dem Gesetz in Konflikt traten. Vom gülenistischen Reformationsfanatiker brauchen wir erst gar nicht sprechen und eine aufgemalte Fassade, wie man sie bei der Ibn Rushd Goethe Moschee angewandt hat, wird auch nicht ansehnlicher, wenn man die Grundmauern kennt, auf der sie aufgebaut wurde. Politik hat in einer Moschee nichts zu suchen, aber die Moschee fußt auf politischen Agendas.

Du darfst und kannst selbstverständlich deine Moschee weiterbetreiben und von mir aus auch politisch vermarkten lassen, dass Grundrecht gibt dir diese Möglichkeit, aber behalt deine aberwitzigen Argumente gegen andere für dich, um nicht vollends unglaubwürdig zu erscheinen. Du darfst gerne so sein wie du bist, aber lasse mir meine Freiheit - ob ich nun in die DITIB-Moschee gehe, Kilicdaroglu oder Erdogan wähle, hat dich nichts anzugehen so lange ich im Rahmen des Grundgesetzes handle. Das Grundgesetz garantiert mir alle Rechte und ist nicht auf deine Ansichten und Befürchtungen angewiesen, festzustellen, ob ich oder die DITIB auch das Gesetz einhalten oder nicht. Eine DITIB wird weiterhin existieren, so lange sie sich an das Gesetz hält und es ist wohl nicht verkehrt, auch dir zu erklären, dass die gesetzlichen Hürden für ein Verbot ziemlich hoch angesiedelt sind, schließlich gibt es ein verbrieftes Vereinigungsrecht. Ein AfD´ler kann auch so bleiben wie er ist, aber er soll mir meine Grundrechte nicht streitig machen oder wie von manchen bereits angekündigt, nach der "Machtergreifung" mich darin beschneiden.

Vor allem solltest du die weniger charmante Eigenart von dir ablegen, für Kritik unzugänglich zu sein und entsprechend gegen zu reagieren. Wenn du austeilst, solltest du auch derselben großzügig einstecken können. Der Versuch, jegliche Verantwortung abzustreiten und auf andere abzuwälzen, ist aus der Vergangenheit heraus betrachtet Geschichtsklitterung, egal, welche Seite in welchem Maß davon Gebrauch macht. Man müsste schon die vergangenen Jahre auf der Osterinsel verbracht haben, um eine eigene Beteiligung oder die der Busenfreunde und der Medien am Erfolg der AfD oder dem Rechtsextremismus insgesamt ernsthaft zu bestreiten, die darauf aus sind, bestimmte Gruppen im Land zu entmenschlichen und im Anschluss ihrer Rechte zu berauben. Wenn du dann selbst auch noch innerhalb der AfD zu differenzieren versuchst, kann man dich nur noch dazu beglückwünschen: Ich reihe dich daher bestenfalls zu den Geistesverwandtinnen der Mullahs, die es seit Jahrzehnten schaffen, ihre Ideologie als Kampf für die Freiheit zu verkaufen.

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