Die Sache mit dem Özil und der Deutschen Nationalmannschaft

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Die Sache mit dem Özil und der Deutschen Nationalmannschaft

10. Juli 2018 - 22:34
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Ein SPD-Stadtrat ließ seiner besonderen Kreativität freien Lauf und nannte die beiden Kicker „Ziegenficker“. Natürlich wurde das nicht annähernd so lange diskutiert und so stark kritisiert, wie die wesentlich verantwortungslosere Tat von Özil & Co.

Die Sache mit dem Özil und der Deutschen Nationalmannschaft

Kommentar - Es ist einfach herrlich zu sehen, wie in diesem Land mittlerweile mit sportlichen Ergebnissen umgegangen wird. Da wird an einer WM teilgenommen, mit einer schwachen Leistung der letzte Platz in einer unterdurchschnittlichen Gruppe erreicht und man schafft es tatsächlich, die Schuld auf einen einzigen Spieler zu schieben. 

Dabei hat man selbst in Ländern, die nicht vier mal Fußball-Weltmeister wurden mittlerweile kapiert, dass Fußball ein Mannschaftssport ist und Siege bzw. Niederlagen als Team eingefahren werden. Im Fall Özil zeigt sich sehr deutlich, dass eine sachliche bzw. sportliche Aufarbeitung wohl zu viel verlangt ist - demontieren wir ihn daher mal öffentlich. 

Damit alle Leser abgeholt sind, noch eine Info zu seinem Verbrechen vor der WM: Er hat sich mit zwei weiteren türkischstämmigen Fußballern mit dem türkischen Präsidenten Erdogan ablichten lassen, als dieser in England war. Eigentlich eine besonders gravierende Straftat, dummerweise hatte man jedoch vergessen, dies vorher per Gesetz zu verbieten. Also musste ein kollektiver Shitstorm als Strafersatz herhalten. Wie konnte er nur? 

Ein türkischstämmiger Spieler muss doch wissen, dass er keine Sympathien zum Präsidenten des Landes haben darf, die die Heimat der Eltern ist, in der noch viele Verwandte leben, zu der man – so schwer das auch nachvollziehbar ist – auch eine Generation später eine starke emotionale Bindung hat. Und natürlich spielt es auch keine Rolle, ob dieser Präsident wiederholt die Unterstützung von mehr als die Hälfte aller türkischen Bürger hinter sich hatte. 

Es hätte ein beliebiger anderer Mensch sein können, ein türkischer Oppositioneller, ein (umstrittener) Politiker aus einem x-beliebigen anderen Land, selbst einen Funktionär der menschenverachtenden AfD mit ihren nationalsozialistischen Zügen wären wohl mit den ethischen Grundsätzen des DFB und der deutschen Medien vereinbar gewesen, nicht aber dieser Diktator Erdogan. Nicht dieser Mann, mit dem die EU dankend zusammenarbeitet, damit er ihr Millionen syrischer Kriegsflüchtlinge vom Leibe hält, damit sie von einem Diktator zum anderen geflohen sind. 

Sicherlich muss ihn niemand mögen, aber sind die Menschenrechte von türkischstämmigen Migranten hierzulande (nicht ganz: eigentlich fand die schreckliche Tat ja in England statt) jetzt dermaßen eingeschränkt, dass sie keine eigene Meinung mehr haben dürfen? Und wenn ja, weil sie die Würde eines Menschen nicht verdienen? Und wie es hier so üblich ist, folgten dem Erdogan+Özil+Gündogan-Bashing sehr schnell auch rassistische Beleidigungen, an der sich selbst Politiker beteiligten. 

Ein SPD-Stadtrat ließ seiner besonderen Kreativität freien Lauf und nannte die beiden Kicker „Ziegenficker“. Natürlich wurde das nicht annähernd so lange diskutiert und so stark kritisiert, wie die wesentlich verantwortungslosere Tat von Özil & Co. Es scheint also eine klare Rangfolge für die Schwere solcher Vergehen zu geben. Ist wohl alles halb so wild, sind ja nur Türken, ups türkischstämmige Deutsche. 
Leute, geht’s noch?! Ich weiß nicht, in welchen Ländern der Begriff „Rechtsstaat“ inflationärer verwendet wird, aber davon entfernt man sich doch mittlerweile enorm. Es wird von den Medien festgelegt, wer anzuerkennen und wer zu verabscheuen ist. Und wer sich nicht daran hält, weil er – so befremdlich das im Deutschland des 21. Jhd. für einige auch klingen mag – eine eigene Meinung aufgrund anderer Informationsquellen besitzt , wird an den Pranger gestellt. 

Jetzt wird allen Ernstes darüber geredet, ob Özil aufgrund seines „Fehlers“ aus der Nationalmannschaft ausgeschlossen werden soll. So sieht eine Auseinandersetzung mit dem letzten Platz in der WM-Gruppe aus. Verglichen wird Özil bspw. mit Stefan Effenberg, der Zuschauern mal den Stinkefinger gezeigt hatte und deshalb nicht mehr für die Nationalmannschaft spielen durfte. 

Wie viel Logik in solch einem Vergleich steckt, kann jeder selbst beurteilen, aber es ist nicht übersehbar, welche Unterdrückung verbunden mit dem Erdogan-Hass mittlerweile ausgeübt wird. Statt permanent mit dem Finger auf andere undemokratische Länder zu zeigen, in denen Toleranz und Rechtsstaatlichkeit nicht funktionieren, könnte man sich vielleicht um eigene Defizite kümmern. Denn wie stark der Rassismus, der bei solchen Themen immer wieder in Vorschein tritt, ist, hat bspw. die NSU-Terrororganisation mitsamt der Duldung sowie aktiver Unterstützung durch staatliche Behörden mitsamt der systematischen Aktenvernichtungen offen dargelegt.

Fatih C.

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