Kobane-Proteste und die Menschlichkeit - Der Yasin Börü-Prozess

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Kobane-Proteste und die Menschlichkeit - Der Yasin Börü-Prozess

10. Dezember 2016 - 01:00
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Reges Interesse im Prozess um die Todesumstände des 16-jährigen Yasin Börü und drei weiteren Todesopfern in Diyarbakir während der Unruhen zwischen dem 6. und 8. Oktober 2014, die infolge der landesweiten Protestmärsche der nationalistisch-kurdischen Partei HDP, ausgebrochen waren.

Kobane-Proteste und die Menschlichkeit - Der Yasin Börü-Prozess

Ankara / TP - Aus Sicherheitsgründen fand der neunte Verhandlungstag um die Mordfälle an dem 16-jährigen kurdischstämmigen Yasin Börü sowie drei weiteren Opfern der Unruhen zwischen dem 6. und 8. Oktober 2014, nicht in Diyarbakir, sondern in Ankara statt. 

Das 2. Schwere Strafgericht von Ankara eröffnete den Verhandlungstag gegen insgesamt 41 Personen, darunter 19 Personen, die in Untersuchungshaft gehalten werden. Ihnen wirft die Generalstaatsanwaltschaft vor, während der Protestmärsche, die von der nationalistisch-kurdischen Partei HDP landesweit ausgerufen wurde, um Solidarität mit der syrischen Grenzstadt Kobane zu zeigen, vier Menschen getötet, die staatliche Ordnung und Sicherheit des Landes gefährdet zu haben.

Unter den Angeklagten befinden sich auch zahlreiche Jugendliche, mitunter 12-jährige, die aufgrund von Video- und Bildaufnahmen laut Anklagebank identifiziert worden sind. Nach der Verlesung der Anklageschrift, forderten die Verteidiger der 19 inhaftierten Tatverdächtigen, die Aussetzung der Untersuchungshaft. Dem widersprach die Anklagebank in allen Punkten vehement. 

Die Nebenklagevertreterin Gülden Sönmez erklärte dem Gericht, dass die Taten an sich nicht nur den Angehörigen geschadet hätten, sondern die Menschlichkeit an sich während dieser Zeit pausierte und unmenschliches, unfassbares vorgefallen sei. Die Täter hätten mit ihren brutalen Vorgehen der Menschheit an sich geschadet. 

Das Gericht entschied nach der Aussprache aller Parteien, dass die Verhandlung am 28. Januar fortgesetzt wird. Ausserdem verfügte das Gericht, dass die Video- und Bildaufnahmen durch ein Gutachten überprüft, die Personen identifiziert werden. Gleichzeitig verfügte das Gericht, dass die inhaftierten mutmaßlichen Straftäter weiterhin in Untersuchungshaft festgehalten werden. 

Insbesondere wegen der Todesumstände des 16-jährigen kurdischstämmigen Yasin Börü sowie seiner Freunde im Viertel von Diyarbakir hatten sich zahlreiche Beobachter und Kreise der Familie im Gerichtssaal eingefunden. Vor dem Gerichtsgebäude in Ankara warteten mehrere Dutzend Personen auf Einlass oder zeigten zusammen mit der Stiftung für Menschenrechte, Freiheiten und Humanitäre Hilfe (IHH) ihre Solidarität mit den Angehörigen der Todesopfer, die als Nebenkläger ebenfalls aus Diyarbakir angereist waren.

Der Fall "Yasin Börü" hatte in der Türkei noch lange nach den Ereignissen für erhebliche Empörung gesorgt, weil zwei Jugendliche sowie zwei Erwachsene während der Unruhen durch Demonstranten der Protestmärsche am 7. Oktober aufgegriffen und brutalst ermordet wurden. Videoaufzeichnungen, mutmaßlich durch Demonstranten selbst erstellt, zeigen, wie unter anderem Yasin Börü von einer Menschenmenge vom Dach heruntergestoßén wird. Als das Opfer noch immer Lebenszeichen zeigt, schlagen vereinzelte Demonstranten mit Eisenstangen wild auf das Opfer ein oder bewerfen ihn mit großen Steinen, während umherstehende Demonstranten johlen und gröhlen.

In den Aufnahmen ist ersichtlich, dass der Sturz allein schon den Körper entstellt hat, aber dass die Tortur danach massive Deformierungen hervorrief. Yasin Börü selbst wurde mit 4 weiteren Jugendlichen von der Meute in einem Haus festgesetzt, anschließend brutal ermordet, während ein Opfer sich schwerverletzt retten und flüchten konnte und von Passanten in Sicherheit gebracht wurde. Seine Aussagen belasten neben den Aussagen der Bewohner des Hauses, die Angeklagten zusätzlich.

Ähnlich erging es auch den anderen Todesopfern der Unruhen zwischen dem 6. und 8. Oktober 2014 in Diyarbakir. Viele starben, weil sie von Demonstranten als Verräter gebrandmarkt wurden. Die Unruhen begangen, als die nationalistisch-kurdische Partei HDP aus Solidarität mit der syrischen Grenzstadt Kobane landesweite Proteste ausrief.

In kürzester Zeit entwickelten sich die Proteste und Demonstrationen landesweit zu gewalttätigen Unruhen. Aufgrund dieser Geschehnisse wird aktuell auch gegen den Co-Vorsitzenden der Partei HDP, Selahattin Demirtas, ermittelt. Mehr als 38 Menschen starben dabei, darunter sehr viele Kurden, die in den Augen der Demonstranten als "Verräter der Sache" angesehen wurden, darunter der 16-jährige Yasin Börü. Börü, so stellte sich später heraus, wurde bei der Auslieferung von Lebensmittelpaketen an Bedürftige von der Meute zusammen mit seinen Freunden gestellt und anschließend ermordet.

Bei den Unruhen wurden landesweit über 1.000 öffentliche Gebäuden, wie Schulen, Banken oder Häuser erheblich beschädigt. Erst nach einem öffentlichen Aufruf des inhaftierten PKK-Führers Abdullah Öcalan und der Verhängung von zeitweiligen Ausgangssperren in einigen Provinzen, ebbten die Unruhen allmählich ab. Zuvor hatte der Co-Vorsitzende der HDP alle Vermittlungsversuche der Polizei und des Innenministeriums kategorisch ausgeschlossen, drängte darauf, dass die Protestmärsche für Kobane andauern.

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