Die Akzeptanz der Evolutionstheorie und Muslime im Lehramt

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Die Akzeptanz der Evolutionstheorie und Muslime im Lehramt

11. Januar 2017 - 02:52
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In den letzten Jahrzehnten traten vor allem evangelikale Christen als Gegner der Evolutionstheorie  in Erscheinung. Dabei geriet in den Hintergrund, dass unter Muslimen der Anteil der Evolutionsleugner deutlich höher liegt. So streiten 76 Prozent der türkischen und 59 Prozent der deutschen Lehramtsstudenten muslimischen Glaubens die Aussage ab, dass sich der Mensch aus affenartigen Vorfahren entwickelt hat, teilt die Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland (fowid) mit. Auf die Daten greift auch der Philosoph und Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung Michael Schmidt-Salomon zu und hat ein niederschmetterndes Urteil: "bildungspolitische Katastrophe". Was sagt aber eine Studie über den Anteil der "Evolutionsleugner" aus?

Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland (fowid) - Die Akzeptanz der Evolution verschiedener Lehramtsstudierendengruppen in Deutschland und der Türkei

Kommentar / TP - Innerhalb von nur 100 Jahren hat die Emanzipation der Frau Einzug in der Welt erhalten und nicht nur weil Alice Schwarzer "Emma" seit fast 4 Jahrzehnten verkauft. In nur einem Jahrhundert wurde die Evolutionstheorie etabliert, weil sonst keiner eine andere Idee als die Theorien eines Darwin hatte. Sie wird zur Zeit als Theorie anerkannt. In nur einem Jahrhundert wurden 2 Weltkriege geführt und dabei wohl mehr Menschen getötet, als die Menschheit insgesamt auf ihr Konto nehmen kann. Sagt das alles aber etwas über die Menschheit insgesamt aus? Sind wir im hier und jetzt gewalttätiger als die Menschheit vor 100.000 Jahren? Reduziert man damit nicht alles auf nur ein Aspekt?

Man geht davon aus, dass der Homo sapiens, also der moderne Mensch mit einer rund 200.000 Jahre alten Geschichte, auch Gene des Neandertalers beherbergt - durch Vermischung. Ein kleiner Haartest kann Aufschluss darüber geben, ob man mehr afrikanischen Ursprung, sprich Gene des Homo sapiens oder einen europäischen Ursprung - Neandertaler - besitzt, aber keiner würde auf die Idee kommen, den IQ zwischen den zwei Menschenarten in Relation zu setzen. Zumindest ist dass der neueste Forschungsstand und noch immer werden wir fast jährlich mit neuen Erkenntnissen konfrontiert. Vor zwei Jahrzehnten hatte man noch nicht das Wissen darüber. Vielleicht stehen wir in einem Jahrhundert vor ganz anderen Erkenntnissen? Faktisch wird mit dem Begriff "Evolutionsleugner" nur die Gegenwart bedient. Nach wissenschaftlicher Zeitspanne betrachtet ein Augenzwinkern: „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern.“ Die Frage lautet daher, weshalb diese Studie zu diesem Zeitpunkt auf die Muslime reduziert wird?

Kein angehender Biologielehrer besteht sein Referendariat, wenn er so eine steile Überzeugung einfließen lässt, wie man es in der Studie herausgefunden haben will. Wenn er das privat glaubt, sich im Unterricht aber an den vorgegebenen Lehrplan hält und die eigene Meinung für sich behält, was wäre daran schlimm und stimmt dann überhaupt noch die Studie? Andernfalls gibt es genug Kontrollmechanismen: Kinder plaudern gern, Eltern beschweren sich gern, da hat der Herr Lehrer oder die Frau Lehrerin spätestens dann ein erhebliches Problem. Und wer riskiert nach all den Jahren des Studiums die ohnehin wackelige Stelle, nur weil er oder sie die persönliche Meinung miteinfließen lassen will? Pragmatismus obsiegt meist. Da wir ja gerne mit Zahlen jonglieren und gerne Wissen wollen, wieviel "Ausschuss" man hat - gibt es auch hierzu eine Studie? Wie viele LehrerInnen haben ihre eigene Meinung entgegen den Lehrplänen beim Unterricht miteinfließen lassen oder welche Fächer besetzen die muslimischen LehrerInnen am meisten?

Das gilt aber auch für die anderen Fächer. Die angehenden LehrerInnen werden Shakespeare, Goethe oder Avicenna kennengelernt haben, aber keiner würde auf die Idee kommen, Avicennas Lehren aufgrund seiner religiösen Einstellung stecken zu lassen oder Shakespeare zu unterstellen, nicht der Urheber aller Dramen zu sein. Sofern sie der Menschheit dienen, ist es eine positive Lehre und besonders für fromme Studenten, die daher eher ein medizinisches Studium beginnen oder Rechtswissenschaften studieren, als LehrerInnen für den Biologie-Unterricht zu werden. Und wenn sie es werden, dann eben aus der Überzeugung heraus, Kinder und Jugendliche anhand der aktuellen Lehrpläne für die Zukunft vorzubereiten. Jedem das seine, jeder nach seiner Fasson.

Aber speziell auf diese Studie bezogen: es gibt einfach genug Fächer, die auch Kreationisten egal welcher Religion konfliktfrei unterrichten können. Und in Biologie kommen sie halt nicht durch Prüfungen und gegen den Lehrplan an, wenn sie es offensichtlich in Zweifel ziehen. Deren private Vorstellungen von der Welt können einem doch egal sein, solange sie nicht illegal sind. Deshalb ist diese Studie schlicht nichtssagend. Keiner weiß, welche Fächer diese Lehramtsstudenten anstreben, ob nun Sport, Geschichte oder Biologie.

Aber das scheint auch nicht der eigentliche Anstoß der Studie bzw. der Grund dafür zu sein, weshalb man jetzt die muslimischen Studenten heranzieht. Das Problem liegt wohl oder übel vielmehr darin, dass die muslimische Gemeinschaft in Deutschland, allgemein in Europa ständig anwächst. Einerseits durch die signifikante Geburtenrate, andererseits durch Konvertiten. Das behagt anscheinend vielen nicht, auch nicht der Giordano-Bruno-Stiftung. Die Stiftung hat daher auch gleich die neuen politischen Kampfbegriffe wie "Evolutionsleugner" kreirt. Dieser Dogmatismus ist es, die einen aufhorchen lässt und das Urteil eines Michael Schmidt-Salomon bestärkt einen noch dabei, dass dem so ist.

Jedenfalls wäre Charles Darwin ohne die Menschheitsgeschichte und deren gewonnenen, weitergegebenen Wissen und Erkenntnissen nicht so weit gekommen, wie ein Jemand, der in der Zukunft mit dem gegenwärtigen Wissen und Erkenntnissen neue Theorien veröffentlichen wird, die darauf Fuß fassen. Die moderne Wissenschaft steckt noch in den Kinderschuhen, angesichts der Menschheitsgeschichte nur ein Augenzwinkern. Sie kommt bereits jetzt damit an ihre Grenzen, um die unvollkommenen Erklärungen und Theorien unter einen Hut zu bringen, weil sie nicht über das dogmatische Materialismus hinweg kommen. Das bedeutet: Wissen und Wissenschaft ist kein Dogma, weshalb angehende muslimische LehrerInnen nun ein internes Problem mit der Studie und der Giordano-Bruno-Stiftung selbst haben.

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