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Hrant Dink - Gab ein Brigadegeneral den Mordbefehl?

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Hrant Dink - Gab ein Brigadegeneral den Mordbefehl?

11. Juli 2018 - 00:25
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Hat die Gülen-Bewegung und der Parallelstaat die Morde an Hrant Dink, Andrea Santoro, Muhsin Yazıcıoğlu, Haydar Meriç, Cezvet Soysal oder im Zirve-Verlag angeordnet? Die Vorwürfe sind schwerwiegend und werden seit Jahren erhoben. Nun wird ein inhaftierter ehemaliger Brigadegeneral verdächtigt, den Mord an einem Ingenieur angeordnet zu haben - ein Mord von vielen, die seit geraumer Zeit zahlreiche Gerichte beschäftigen.

Hrant Dink - Gab ein Brigadegeneral den Mordbefehl?

Ankara / TP - Ein ad acta gelegter Mordfall beschäftigt derzeit die Generalstaatsanwaltschaft in Ankara. Dabei geht es um mutmaßliche Drahtzieher hinter dem Mord an einem Angestellten der ASELSAN. Vor 11 Jahren wurde der 32-jährige Flugzeugingenieur Hafız Koca lebendig begraben, nach dem er erpresserisch sein Fahrzeug auf die Mörder umschrieb. Der Fall wurde nach 2 Jahren Gerichtsprozess abgeschlossen, drei Personen wurden zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Ein Verurteilter erhebt nun schwere Vorwürfe gegen einen ehemaligen Brigadegeneral der Gendarmerie, der wegen Mitgliedschaft in der Fethullahistischen Terrororganisation (FETÖ) sowie dem Parallelstaat (PDY) seit dem gescheiterdem Putschversuch in Untersuchungshaft sitzt.

Seit geraumer Zeit werfen Journalisten und ehemalige Beamte der Gendarmerie oder der Polizei der FETÖ bzw. der PDY vor, zahlreiche Morde angeordnet und vertuscht zu haben. Die Vertuschungsaktionen sollen innerhalb der Justiz- und Sicherheitsbehörden von ranghohen Mitgliedern der FETÖ und PDY gedeckt worden sein. Die Morde an Hrant Dink, Andrea Santoro, Muhsin Yazıcıoğlu, Haydar Meriç, Cezvet Soysal oder die Morde im Zirve-Verlag sollen demnach auch auf ihr Konto gehen. 

Vehementer Verfechter dieser Vorwürfe ist u.a. der Investigativjournalist der Online-Nachrichtenplattform Oda TV, Nedim Şener, der nach eigenen Angaben wegen seiner Recherchen zur Gülen-Bewegung in Zusammenhang mit dem armenischstämmigen Verleger Hrant Dink ins Visier der FETÖ geriet und eine zeitlang "ausser Gefecht" gesetzt wurde - im März 2011 wurde Nedim Şener zusammen mit seinem Kollegen Ahmet Şık unter dem Vorwurf der Mitgliedschaft im sogenannten Geheimbund der Ergenekon ein Jahr in Untersuchungshaft genommen. Erst 2016 wurden Şener und Şık vom Vorwurf freigesprochen, die Anklage fallen gelassen. Seither sitzen zahlreiche Richter, Staatsanwälte sowie Beamte in Untersuchungshaft. Şener wurde unter anderem im Mordfall Hrant Dink vom Gericht als Zeuge vernommen, in der er die Gülen-Bewegung und deren weitreichenden Einflussbereich im Staat erläuterte.

Laut jüngsten türkischen Medienberichten, hat die Generalstaatsanwaltschaft in Ankara den Mordfall erneut aufgerollt, in der bereits drei Personen vor 9 Jahren zu langjährigen Haftstrafen verurteilt wurden. Dabei geht es um den Mord am 32-jährigen Flugzeugingenieur Hafız Koca, der vor 11 Jahren mutmaßlich nach einem erpresserischen Raub von seinen Mördern lebendig begraben wurde. Der Fall schien bis zuletzt niemanden sonderlich zu interessieren, hätte der zu lebenslänglich verurteilte Mörder von Koca sich nicht bei der Generalstaatsanwaltschaft gemeldet, um eine Aussage zu machen. Darin wirft er dem ehemaligen Gendarmerie-Brigadegeneral Sadık Köroğlu, der wegen mutmaßlicher Mitgliedschaft in der FETÖ seit dem gescheiterten Putschversuch in Untersuchungshaft sitzt, vor, den Mord an Koca angeordnet zu haben. Brisant dabei: zuvor soll Köroğlu ihn aufgefordert haben, zwei Ingenieure des Rüstungskonzerns ASELSAN zu töten. 

Der Rüstungskonzern geriet zwischen 2006 und 2015 immer wieder mit Selbstmordfällen unter angestellten Ingenieuren in die Schlagzeilen. Im besagten Zeitraum starben 11 Ingenieure unter bislang nicht gänzlich aufgeklärten Umständen. Die türkische Justiz setzte Ende 2017 eine Sonderermittlergruppe ein, um zunächst sechs mysteriöse Tode von jungen Ingenieuren des staatlichen Rüstungsunternehmens ASELSAN (zuletzt der Mess- und Kalibrierungsingenieur Erdem Ugur (28)) neu aufzurollen und zu untersuchen. Den Anfangsverdacht hatte die türkische Justiz bereits Anfang 2016 geäussert, jedoch die Ermittlungsergebnisse zum Parallelstaat innerhalb der Justiz abgewartet. Laut türkischen Medien wurde bereits damals nicht mehr ausgeschlossen, dass der Parallelstaat (PDY) die mysteriösen Todesfälle als Selbstmorde deklariert und ad acta legten. Seit dem gescheiterten Putschversuch werden die Vorwürfe auch auf die FETÖ ausgeweitet.

Die Untersuchung der Selbstmorde unter Ingenieuren der ASELSAN nimmt mit der Aussage des Mörders von Hafız Koca eine neue Wendung. Laut der Aussage des Mörders, hatte der ehemalige Brigadegeneral der Gendarmerie-Akademie in Ankara-Beytepe, Sadık Köroğlu, der während des Putschversuchs auf der Akıncı-Airbase in Ankara verhaftet wurde, den Mord an Hafız Koca angeordnet. Der Mörder der für die Gendarmerie als Informant gearbeitet haben will, soll zuvor vom Brigadegeneral auch mit den Morden an den Ingenieuren Hüseyin Başbilen und Halim Ünsem Ünal beauftragt worden sein, jedoch diese Morde selbst nicht begangen haben. Die Detailangaben des Mörders belasten dabei nicht nur Köroğlu, sondern weitere Untergebene vom ehemaligen Brigadegeneral. So soll er den Auftrag erhalten haben, vor dem Haus des damaligen stellvertretenden Ministerpräsidenten Bülent Arınç das Feuer zu eröffnen, jedoch wegen persönlicher Sicherheitsbedenken den Auftrag nicht angenommen haben.

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