Türkei und Türken über NSU-Urteil unzufrieden

Lesezeit
1 Minute
Gelesen zu

Türkei und Türken über NSU-Urteil unzufrieden

11. Juli 2018 - 22:28
Kategorie:
0 Kommentare
Aufrufe

Die türkische Regierung, die Nebenklagebank, Teile der Gesellschaft sind über das Urteil im NSU-Prozess nicht zufrieden. Die Hauptangeklagte Beate Zschäpe wurde am Mittwoch zu lebenslanger Haftstrafe verurteilt. Mitangeklagte erhielten zum Teil lange Haftstrafen. Viele Fragen bleiben offen, Akten stehen unter Verschluß, was sehr viele veranlasst, andere mögliche Erklärungen zu finden. Die kursierenden Theorien sind jedoch für einen Rechtsstaat niederschmetternd.

Türkei und Türken über NSU-Urteil unzufrieden

München / TP - Im NSU-Prozess ist die Hauptangeklagte Beate Zschäpe wegen zehnfachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Das Oberlandesgericht München stellte die besondere Schwere der Schuld fest, womit eine vorzeitige Haftentlassung nach 15 Jahren rechtlich zwar möglich, in der Praxis aber so gut wie ausgeschlossen wird. Vier weitere Mitangeklagte erhielten zudem langjährige Haftstrafen. 

Über das Urteil in Deutschland zeigte sich die türkische Regierung unzufrieden. Viele Fragen würden unbeantwortet im Raum stehen, so der türkische Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu, der unter anderem die Rolle der Verfassungsschützer und der Geheimdienste in den NSU-Verbrechen aufwarf. Die Türkei werde genau beobachten und verfolgen, so Mevlüt Çavuşoğlu, um die wahren Drahtzieher zur Verantwortung zu ziehen.

Offenbar hält die türkische Regierung den Prozessverlauf bis zur Urteilsbegründung für Makulatur. Vielmehr geht man davon aus, dass die "wahren Schuldigen" noch immer frei sind. Das Urteil vom Oberlandesgericht in München wird in der türkischen Community ebenso grundlegend angezweifelt. Geht es nach ihnen, hat der Staat nicht nur bei der Strafverfolgung versagt, sondern auch die Verbrechen begünstigt und die wahren Täter und Mitwisser gedeckt. Schlimmer noch: sie soll auch für den Tod von weiteren Menschen verantwortlich sein. Im Gespräch sind vor allem die "Zeugen" des NSU-Prozesses und der NSU-Untersuchungsausschüsse in den Ländern. Mehrere Zeugen fanden auf "unerklärliche Weise" den Tod, bevor sie noch eine Aussage treffen konnten. 

Viele in der türkischen Community wenden dabei das Prinzip des Ockhams Rasiermessers an, die besagt, dass von mehreren möglichen Erklärungen für ein und denselben Sachverhalt, die einfachste Theorie allen anderen vorzuziehen ist. Ihnen ist nicht entgangen, dass die Verfassungsschützer Aktenberge zerschreddert haben, andere für mehrere Jahrzehnte unter Verschluss stehen und V-Leute nicht reden wollen oder können. Ihnen ist auch nicht entgangen, wie mehrere Zeugen unter dubiosen Umständen ums Leben kamen, ein Vorsitzender eines Untersuchungsausschusses plötzlich mit Kinderpornographie sein Amt niederlegen musste. Alles zusammengenommen erhärtet bei vielen den Verdacht, dass der Staat hier nicht nur massiv versagt hat, sondern auch indirekt oder direkt involviert war. Alles in allem kein zufriedenstellender Abschluss, um neun Morde an Migranten, ein Polizistenmord, zwei Sprengstoffanschläge und 15 Raubüberfälle ad acta zu legen.

weitere Informationen zum Artikel
Bewertung: 
Bewertung: 3.7 (3 Stimmen)