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Bylock ist der Schlüssel zum Putschversuch in der Türkei

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Bylock ist der Schlüssel zum Putschversuch in der Türkei

11. November 2016 - 16:44
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Die türkische Justiz lässt Tausende Menschen verhaften, weil sie eine bestimmte App auf ihrem Smartphone haben. Laut türkischen Medien hatte der Nachrichtendienst MIT seit längerem die Smartphone-App und Nutzer im Visier, mit deren Wissen die Justiz seit dem Putschversuch vorgeht. Die Oppositionspartei CHP hält die rasche Verbreitung einer Smartphone-App ausserhalb der gewohnten Umgebung von Google Play oder Iphone Store für unwahrscheinlich und erkennt darin einen Hinweis, weshalb die App unter FETÖ/PDY-Verdächtigen weit verbreitet anzutreffen ist.

WhatsApp - Bylock ist der Schlüssel zum Putschversuch in der Türkei

Istanbul / TP - Eine Smartphone-App namens Bylock und Bylock++, mit der man verschlüsselte Nachrichten senden und empfangen kann, wird seit dem gescheiterten Putschversuch vielen in der Türkei zum Verhängnis. Die türkische Justiz verfolgt insbesondere diese Smartphone-Anwender und lässt massenhaft Handys beschlagnahmen, bevor die Suspendierung oder gar Inhaftierung beantragt wird. Die ermittelnden Behörden sind oft überlastet, da die Auswertung der Handy-Inhalte abertausender Nutzer in Staats- und öffentlichem Dienst, sehr viel Zeit in Anspruch nimmt. 

Dabei stützt sich die Justiz vor allem auf die Ermittlungsergebnisse des türkischen Nachrichtendienstes MIT, die seit geraumer Zeit und schon vor dem gescheiterten Putschversuch am 15. Juli die Smartphone-Anwendung im Visier hatte, die Verschlüsselungsalgorithmen knackte und die ausgetauschten Nachrichten unter den Nutzern mitlesen konnte. Laut Medien wurde so eine Liste von rund einfünftel aller Nutzer erstellt, mit der eine Verbindung zum Parallelstaat (PDY) und zur Fethullahistischen Terrororganisation (FETÖ) nachgewiesen werden soll.

Die Smartphone-App Bylock ist ein Instant-Messaging-Dienst, der seit Anfang 2014 im Umlauf ist und Benutzern ermöglicht, Textnachrichten, Bild-, Video- und Ton- und Dokumentendateien auszutauschen. Anders als der Instant-Messaging-Dienst WhatsApp war zu diesem Zeitpunkt Bylock in der Lage, sämtliche Nachrichten und Inhalte verschlüsselt abzusenden und zu empfangen und nach einer bestimmten Zeit auch automatisiert zu löschen. WhatsApp führte die Verschlüsselung von Nachrichten erst ab November 2014 ein und das betraf vorerst auch nur Textnachrichten selbst. Dateien wurden zu diesem Zeitpunkt von WhatsApp noch nicht verschlüsselt versendet. 

Bylock wurde, wie ein Hürriyet Journalist Ende Oktober nach einem Treffen mit dem App-Programmierer in New York mitteilte, von David Keynes programmiert. Keynes soll türkischstämmiger US-Bürger sein, der die App Anfang 2014 in Iphone Store und Google Play zur Verfügung stellte, jedoch wegen der großen Nachfrage von weit über 1 Millionen Nutzern innerhalb weniger Monate, Ende 2014 wieder aus den Stores entfernte. Kurze Zeit später stellte Keynes nach eigenen Angaben eine neue Version namens Bylock++ vor, die über VPN den Dienst verrichten sollte. Diese neue Version wurde aber nicht in den Stores von Google oder Iphone zur Verfügung gestellt.

Die türkische Oppositionspartei CHP hatte zu diesem Thema eine Kommission gegründet, die den Instant-Messaging-Dienst Bylock näher unter die Lupe nehmen sollte. Laut einem veröffentlichten Bericht der CHP, soll Bylock innerhalb weniger Monate von über eine Millionen Nutzern herungeladen worden sein. Die Kommissionsmitglieder gehen daher der Annahme, dass die App nicht allein durch die Verbreitungsformen des Programmierers soviel Zuspruch erhielt, in anbetracht der Tatsache, dass die App bislang keine kommerzielle Ziele verfolgt habe. Denn entgegen der üblichen Vorgehensweise bei erfolgreichen Apps, soll Bylock absichtlich klein gehalten, wäre die normalerweise übliche Expansionspolitik nicht weiter verfolgt worden.

Der Wissenschaftsminister Faruk Özlü erklärte Ende September 2016, dass die App vermutlich sogar von Mitarbeitern der TÜBITAK, der türkischen Anstalt für Wissenschaftliche und Technologische Forschung programmiert und verbreitet wurde. Es gebe starke Indizien dafür, dass die annähernd 215.000 türkischen Nutzer von eben diesen Mitarbeitern mit der App versorgt wurden, sagte Özlü der Nachrichtenagentur AA.

Die CHP schlussfolgerte in diesem Zusammenhang, dass die App trotz ihrer fortschrittlichen, richtungsweisenden Entwicklung des Instant-Messaging-Dienstes, bislang in keiner Publikation Erwähnung fand, weder Online, noch in einer Druckauflage, was die Frage aufwerfe, ob das beabsichtigt gewesen sei, so im Kommissionsbericht.

Im Wallstreet Journal befasste man sich am 29. Juli mit der App und den nachrichtendienstlichen Erkenntnissen der türkischen MIT. Demnach hatte die MIT bereits Monate vor dem Putschversuch Bylock entschlüsselt und fing die ausgetauschten Nachrichten der Nutzer ab. Laut dem Artikel hatten weder MIT noch US-Nachrichtendienste etwaige Verdachtsmomente über einen bevorstehenden Putschversuch in den abgefangenen Nachrichten wahrgenommen, stellten aber fest, dass die Gülen-Bewegung seit 2014 die App selbst verwendete. Ende 2015 soll die MIT auf die Spur von Bylock gestoßen sein, bis Mitte des Jahres 2016 über 40.000 türkische Personen idendifiziert und davon über 600 hochrangige Offiziere ermittelt haben, die mit der FETÖ in Zusammenhang stehen sollen. Anfang 2016 soll die FETÖ jedoch geahnt haben, dass die Nachrichtendienste die Verschlüsselung der App geknackt, Nachrichten mitverfolgen. Diese Erkenntnisse seien der Wallstreet Journal zufolge an die Regierung sowie weitere weiteren Nachrichtendiensten, darunter der Polizei, dem Militär und Gendarmerie mitgeteilt worden.

Dem Milliyet Journalisten Tolga Sardan zufolge, wird der 24. Dezember 2014 als ausschlaggebendes Unterscheidungsmerkmal zwischen Verdächtigen und Nichtverdächtigen FETÖ/PDY-Mitgliedern angesehen. Während Handys mit der App die vor dem besagten Datum verwendet wurden, als "nicht verdächtig" eingestuft werden, werden Personen die diese App nach dem 24. Dezember 2014 heruntergeladen haben und verwendeten, als hochkarätige Verdächtige gehandelt. Ein Grund sei, dass die App nach diesem Datum nicht mehr frei heruntergeladen werden konnte und die App-Oberfläche ins türkische übersetzt wurde.

Die Nachrichtenagentur AA berichtete, dass die Ermittlerkreise in Zusammenhang mit der FETÖ/PDY in Izmir einen Aussage eines Verdächtigen hätten, der bezeuge, dass die Gülen-Bewegung vor allem nach dem Korruptionsskandal ab dem 17. Dezember 2013, die Ansicht vertreten habe, ihre Telefone werden abgehört. Daraufhin sollen "Sicherheitskurse" von hochkarätigen Gülen-Anhängern innerhalb der Bewegung gegeben worden sein, um sie darüber zu sensibilisieren.

In der Zeugenaussage heißt es u.a.: "Nach dem 17. Dezember 2013 haben wir aufgrund der gemeinsam vertretenen Meinung, Telefone und Handys könnten durch technische Maßnahmen abgehört werden, die Bewegung angehalten, die Instant-Messaging-Dienste wie LINE, WhatsApp, Viber, Hi, Kakoa Tal oder CoverMe zu verwenden. Danach kam man zu der Schlussfolgerung, dass auch diese Dienste nicht 100-prozentige Sicherheit bieten und haben den hochrangigen Anwendern vorgeschlagen, Bylock zu verwenden."

Einer anderen Aussage eines mutmaßlichen FETÖ/PDY-Mitglieds zufolge, gab es die Order, dass die Unterhaltungen nur noch über Bylock abgewickelt werden, jeder der dieser Anweisung nicht folge, eine schändliche Tat gegenüber der Bewegung vollziehe. Die App Bylock habe innerhalb der Bewegung eine Schlüsselrolle eingenommen, nach dem die Benutzeroberfläche auch in türkischer Sprache erweitert wurde, heißt es in der Aussage weiter.

Einer weiteren Aussage zufolge, wurden die Anwender angewiesen, Benutzernamen mit der entsprechenden email Adresse nicht über Hotmail, Gmail oder Yahoo, sondern über andere Webdienste herzustellen, die nur mit Kurzkennzeichen und Nummern versehenen Benutzernamen mit mindestens 8-stelligen Kennwörtern auszustatten. Des Weiteren habe es Anweisungen gegeben, wie man den Instant-Messaging-Dienst verwendet, welche Entsperrmuster man zu verwenden habe, um auf die Oberfläche der App-Anwendung zu gelangen. So sollen die Anwender auch darauf hingewiesen worden sein, sich nur über ausländische Server zu verbinden, dass die ausgetauschten Nachrichten spätestens 24 Stunden später gelöscht werden.

Der Oppositionsführer der MHP, Devlet Bahceli erklärte am 22. September, dass die App von mehr als 215.000 türkischen Nutzern angewendet wurde, die Sicherheitskreise aber nur die Namen von rund 50.000 Personen idendifiziert hätten. Um die Operationen gegen die FETÖ/PDY effektiver zu gestalten, müsse man auch die One-Dollar Banknoten in die Ermittlungen miteinbeziehen, die Personen aus diesem Kreise mit sich führen würden, so Bahceli weiter. Bahceli nimmt dem Artikel nach an, dass die Dollar-Note auch ein Sicherheitsmerkmal ist, mit der die App-Oberfläche entsperrt wird.

Aufgrund dieser Tatsachen ist festzustellen, dass die App Bylock eine Schlüsselrolle in der Verfolgung der mutmaßlichen Täter zum gescheiterten Putschversuch eingenommen hat. Der seit September 2016 ausgerufene Ausnahmezustand führte bislang zu sehr vielen Suspendierungen, Entlassung, Verhaftungen und Inhaftierungen von Beamten und Soldaten, vor allem immer mit dem Hintergrund, dass die App dabei auf den Handys gefunden wurde. Zwar haben mittlerweile sehr viele Betroffene ausgesagt, man habe nicht gewusst, dass die App für missbräuchliche Zwecke konzipiert und von bestimmten Kreisen verwendet wurde oder dass die App von einem Bekannten vorgeschlagen bzw. heruntergeladen wurde, doch die Sicherheitskräfte sind anscheinend angehalten, jeden zu verdächtigen, der in dieser besagten Liste vorkommt oder in irgend einer Art damit in Verbindung gebracht wird.

Aber allein dass die App auf einem Handy installiert ist, reicht bei weitem nicht aus, jemanden wegen der mutmaßlichen Mitgliedschaft in einer Terrororganisation in Untersuchungshaft zu nehmen oder gar den Prozess zu machen. Oktober 2016 sah das unter anderem die 2. Strafkammer in Hatay das so und sprach den Verdächtigen aufgrunddessen frei. In ihrem Urteil erklärte das Gericht, dass die App alleine noch kein Indiz sei, um einen Verdachtsmoment und somit eine Untersuchungshaft zu rechtfertigen. 

Experten sehen das genauso und machen gleichzeitig auf etwas anderes aufmerksam. So stellten Ermittler mittlerweile fest, dass die Putschisten wohl auf den Instant-Messaging-Dienst WhatsApp umgestiegen sind, die seit dem 5. April 2016 ein umfassendes Verschlüsselungssystem eingeführt hat. Die Nachrichtenagentur AA hatte in einem der Berichte über den Putschversuch am 16. Juni 2016 die Nachricht verbreitet, in der bei einem der Putschisten auf dem Handy die WhatsApp-Anwendung zu erkennen ist, über die die Anweisungen zum Putsch verbreitet wurden.

 

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