Der "Pate" von Millionen von Muslimen - Fethullah Gülen

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Der "Pate" von Millionen von Muslimen - Fethullah Gülen

14. September 2016 - 00:15
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Porentief rein zeichnen Soziologen, Wissenschaftler, Journalisten weltweit die Biografie des islamischen Predigers Fethullah Gülen. Nur wenige kritische Stimmen beleuchten das Gülen-Netzwerk und die Verherrlichung von Fethullah Gülen durch seine Anhänger.

Nabi Yücel / TP - Der 15/7 ist ein Wendepunkt der Türkei. Was zunächst ansatzweise zu erkennen war, ein Machtkampf zwischen dem Netzwerk des islamischen Predigers Fethullah Gülen, der aus dem Exil heraus die Fäden der Hizmet-Bewegung zieht und der amtierenden türkischen Regierung AKP, endete am 16. Juli so spektakulär, wie sie am Vortag begonnen hatte. 

Mehrere hochrangige Offiziere hatten zusammen mit Geistlichen des Heeres und der Luftwaffe, ehemaligen hochrangigen Polizeibeamten, Personen aus der Wirtschaft und Gesellschaft am 15. Juli 2016 nach 22 Uhr die Türkei in Atem gehalten. Nur kurz wehrte die schlimmste Nacht in der jüngeren Republiksgeschichte. Am nächsten Tag waren die meisten Aufrührer, die "Verräter" wie sie schon bald verschrien waren, gefasst. Der Anführer dieses Putschversuches war dann auch schnell ausgemacht: Fethullah Gülen, der Prediger der weltweit agierenden Hizmet-Bewegung, die sich selbst "Cemaat" nennen. 

Seither fordert die Türkei die USA auf, den im Exil lebenden Prediger auszuliefern. Die US-Administration erklärt hingegen, alles müsse seine Ordnung haben, die Türkei müsste die erdrückenden Beweise gegen Fethullah Gülen einem US-Gericht vorlegen, dessen Entscheidung dann abzuwarten sei. Ein Affront in den Augen der türkischen Regierung, zumal die USA bei selbigen Forderungen schnell befriedigt würden; ohne Gerichte oder politischen Entscheidungen abzuwarten.

Wie konnte es aber soweit kommen? In den USA ist Fethullah Gülen nicht unumstritten. Das Netzwerk der Hizmet-Bewegung umfasst hierbei Moscheen, Koranschulen, Unternehmen, Medien und Stiftungen und verfügt hierbei über ein Vermögen von geschätzten 50 Milliarden Euro, wovon auch der Wahlkampf in den USA profitiert. Allerdings gibt es keine offizielle Organisation oder Struktur. Alles läuft dennoch durch die Hände Gülens und seiner engsten Vertrauten, die an treueste Anhänger Anweisungen erteilen - jüngst in türkischen TV-Kanälen veröffentlichte Video-Aufnahmen und Schilderungen von Aussteigern aus dem engsten Umfeld belegen, dass die gesammten Entscheidungen, angefangen wo und welche Einrichtung wann gebaut und eingerichtet werden soll, bis hin zu Transaktionen von hohen Geldsummen, vom Prediger alleine getroffen werden. Entscheidungen können von Untergegebenen nicht selbst getroffen werden, Widerspruch wird erst recht nicht geduldet, beschreibt ein bekannter Aussteiger in einer Talkshow in CNN-Türk, der bereits vor Jahren von sich Reden machte, danach mit Drohungen und Verleumdungen zurecht kommen musste, zumindest bis zum Stichtag 15/7.

Der Stichtag führte dazu, dass die Türkei im gesamten genauer auf all die Kritiker, Aussteiger und Opfer zuhörte. Kaum ein Tag vergeht, in der nicht eine Talkshow über die Zustände in der Hizmet-Bewegung, in der türkischen Gesellschaft, in Armee und Justiz, in Bildungseinrichtungen und in der Wirtschaft diskutieren, erörtern, offenbaren, welche Intrigen im Spiel waren. Fast alle haben den gleichen Werdegang, nach dem sie gegenüber der Bewegung kritisch auffielen. Entweder wurden sie bedroht, verleumdet und verklagt oder gänzlich von ihren Posten als Journalist, Polizeipräsident oder der Polizeiakademie gedrängt. Nur wenige fanden danach den Anschluss ans gewohnte Leben oder konnten noch Kritik üben. Das hatte wohl auch einen trifftigen Grund. 

Das spürte jüngst auch Zübeyir Kındıra, Journalist und ehemaliger Polizeibeamter, als er Ende vergangenen August von einem Schlägertrupp zusammengeschlagen wurde, nach dem er bei einer Talkshow bekannt gegeben hatte, eine neue Ausgabe seines Buches "Fethullah'ın Copları" zu veröffentlichen, in der das gesamte Ausmaß der Durchdringung der Polizei und Geheimdienste durch die Hizmet-Bewegung aufgezeigt wird. Zübeyir Kındıra hatte bereits Ende der 90er Jahre vor der Infiltrierung der Polizei durch die Hizmet-Bewegung gewarnt und sein Buch darüber kurzfristig veröffentlicht, nach dem er zuvor mehrmals bedroht und gewarnt wurde. Als dann das Buch erstmals 2001 erschien, lebte der Journalist Kındıra eine sehr lange Zeit auf einem Segelboot, um so der Bedrohungssituation aus dem Weg zu gehen. Wie es scheint, holte ihn die Vergangenheit jedoch auf dem Segelboot wieder ein.

Auch in Deutschland gibt es kritische Stimme, u.a. den Spiegel-Journalisten Maximilian Popp, der in der "Der Spiegel" Ausgabe 32/2012 davor warnte, die Bewegung aus den Augen zu verlieren. Darin zitiert Popp u.a. nahmhafte Experten wie den niederländischen Soziologen Martin van Bruinessen, der paralelen zum katholischen Geheimbund Opus Dei sieht oder dem amerikanischen Nahost-Experten Michael Rubin, der einen Vergleich mit dem iranischen Revolutionsführer Ajatollah Chomeini zieht. Auch US-Diplomaten halten die Hizmet-Bewegung für einen der mächtigsten islamischen Bewegungen weltweit - das geht auch aus den Wikileaks 2010 hervor, in der US-Botschaftsdepeschen veröffentlicht wurden.

Dennoch überwiegt gerade in Deutschland die unkritisch reflektierte Meinung, die Hizmet-Bewegung strebe den Dialog mit den Christen, Juden und anderen Religionen an, investiere in die Bildung, fördere gemeinnützige Projekte. Gefördert wird diese Meinung vor allem durch Journalisten und durch etliche deutschsprachige Bücher, die die Bewegung aufzeichnen, zumindest vorgeben aufzuzeichnen. Unreflektiert, unkritisch und zumeist selbst durch die Hizmet-Bewegung dem Markt vorgestellt, mit Preisen ausgezeichnet, finden diese Bücher den Weg zu den Lesern.

2012 erschien so die von der amerikanischen Professorin für Religionssoziologie und Weltreligionen Helen Rose Ebaught verfasste empirische Studie "Die Gülen-Bewegung“. Gefördert wurde die Buchvorstellung in Deutschland von nicht geringeren als der Hizmet-Bewegung selbst, die auch in Deutschland mehrere Forums unterhält, u.a. der Geselschaft für Dialog, die in einigen Bundesländern fungiert. Als empirische Studie dargelegt, finden Kritiker lediglich auf den letzten Blättern Erwähnung, die obendrein als unbewiesene Behauptungen dargelegt werden. Letztlich liefert das Buch eine weitgehend unkritische Darstellung der Hizmet-Bewegung, wobei die Aussagen in weiten Teilen inhaltlich deckungsgleich sind, mit den zahlreichen und umfänglichen Selbstdarstellungen, die von der Bewegung seit Jahren in mehreren Sprachen publiziert werden. Die wesentliche Erkenntnis besteht darin, dass die Mitglieder der Gülen-Bewegung von einer nahezu grenzenlosen Begeisterung und einem hohen - auch finanziellen Engagement – getragen werden. So ergeht es aber nicht nur diesen, sondern anderen Werken.

Die Aktivitäten der Hizmet-Bewegung sind unter den Türken in Deutschland nicht unumstritten. Seit sich in Deutschland immer mehr muslimische Zentren, Schulen und Dialogvereine gründen, wachsen Zweifel und Verunsicherung bei vielen. Dennoch zeichnen die unabhängigen Wissenschaftler in Deutschland ein positives Bild über die Bewegung. Besonders der Islamwissenschaftler der Goethe-Universität Bekim Agai hat sich mit Fethullah Gülen und seinen Anhängern beschäftigt. Er kommt zu dem Schluss, dass Gülen vor allem eine große Bildungsbewegung der Muslime in aller Welt inspiriert. Michael Blume vergleicht die Bewegung mit dem frühen Pietismus und bezeichnet sie trotz einiger Einwände sogar als Glücksfall. Der langjährige Türkei-Korrespondent Rainer Herrmann stellt den türkischen Kontext der Gülen-Bewegung dar, der er Verdienste für die Modernisierung und Demokratisierung zuschreibt. "Wortgewaltige Prediger erreichen mehr Zuhörer als Intellektuelle Leser." schreibt er hierzu. 

Diesen ausgestellten Persilschein benutzen auch die Bundesländer, wenn sie die jüngste Aufforderung der Türkei, die Hizmet-Bewegung wenigstens durch den Verfassungsschutz beobachten zu lassen, kategorisch und strikt zurückweisen. In anbetracht der Tatsache, dass die Bewegung auch in Deutschland bei politischen Entscheidungsfindungen beteiligt werden will, was aus den politischen Verstrickungen weltweit ersichtlich ist - Gülens gezielte Lobbyarbeit in Brüssel, Berlin, Washington und New York, stellt sich nun mehr die Frage, inwieweit die Bundesregierung all diese Warnungen und kritischen Stimmen wahrnimmt, die die türkische Regierung lange Zeit nicht wahrnehmen wollte.

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