• Am vergangenem Mittwoch wurde der türkische Generalstaatsanwalt Mustafa Alper bei einem Verkehrsunfall getötet
  • Am Freitag wurde der Online-Chef Güven verhaftet

Türkei: Online-Chef der Cumhuriyet in Haft

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Türkei: Online-Chef der Cumhuriyet in Haft

15. Mai 2017 - 23:51
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Der seit Freitag in Polizeigewahrsam befindliche Online-Redaktionschef Oguz Güven wurde am Montag in Haft genommen. Unterdessen ist ein Streit unter Journalisten in der Türkei ausgebrochen. Nedim Sener wirft bestimmten Kreisen vor, die Situation bewusst zu instrumentallisieren und für ihre politischen Zwecke auszubeuten.

Türkei: Online-Chef der Cumhuriyet in Haft

Istanbul / TP - Nach einem Tweet wurde der Online-Redaktionschef der türkischen Tageszeitung "Cumhuriyet", Oguz Güven, am Freitag in Polizeigewahrsam genommen. Die türkische Staatsanwaltschaft wirft dem Online-Chef vor, den Unfalltod des türkischen Generalstaatsanwalts Mustafa Alper verunglimpft und Terrorpropaganda betrieben zu haben.

Güven wies die Vorwürfe inzwischen zurück. Im Polizeiprotokoll gab Güven an, dass der harte Konkurrenzdruck und der immense zeitliche Druck zu unvermeidlichen fehlern im Online-Geschäft führe. Keineswegs habe die Online-Redaktion den Eindruck erwecken wollen, mit der Schlagzeile "Der erste Staatsanwalt der die FETÖ-Anklageschrift erhob, wurde von LKW niedergemäht" im sozialen Netzwerk Twitter den Tod des türkischen Beamten zu verunglimpfen. Ausserdem habe die Online-Redaktion den Fehler auch bemerkt und die Titelschlagzeile korrigiert. Güven erklärte des Weiteren, dass er sich seit dem Putschversuch von der FETÖ mehrfach distanziert und sich nicht instrumentallisieren lassen habe.

Die Istanbuler Staatsanwaltschaft wirft dem Online-Chef jedoch vor, absichtlich den FETÖ-Bezug des Generalstaatsanwalts in der Titelschlagzeile hervorgehoben und mit dem Zusatz "niedergemäht" verunglimpft zu haben. Der Bezug zur FETÖ im Titel solle anderen Staatsanwälten als Warnung gedient haben, lautet daher der Vorwurf.

Im sozialen Netzwerk entfachte die Titelschlagzeile der Cumhuriyet einen Shitstorm - aber nicht zunächst gegen die Cumhuriyet, vielmehr von Gülen-Anhängern in Richtung des Unfallopfers. Der ehemalige Taraf-Journalist und mutmaßliche FETÖ-Anhänger, der seit 2015 in den USA im Exil lebt, twitterte über den Tod des Staatsanwalts, dass der Tod alle "Unterdrücker" gottgewollt ereile und weiterhin ereilen werde.

Im selben Ton twitterte ein weiterer Gülen-Anhänger aus den USA, Tuncay Opçin, im sozialen Netzwerk Twitter. Der türkische Investigativjournalist Nedim Sener, der wegen der Ergenekon-Prozesse mehrere Monate in Haft saß und den Umstand auf die FETÖ zurückführt, konterte und forderte den Inhaber und Stiftungsvorsitzenden der Tageszeitung Cumhuriyet, Orhan Erinç, auf, Konsequenzen aus der Titelschlagzeile zu ziehen. Sener warf Güven ausserdem vor, sich nach dem Vorfall nicht distanziert zu haben, um so der Situation vorzugreifen.

Nedim Sener wurde aufgrund seiner Tweets jedoch Ziel eines Shitstorm in Teilen der türkischen linksliberalen und linksgerichteten Online-Nachrichtenportale, in dessen Verlauf sich auch der Journalist des Online-Nachrichtenportals OdaTV, Nihat Genç, einmischte. Nihat Genç nahm in seinem gestrigen Artikel seinen Berufskollegen Sener in Schutz. Der Shitstorm gegen Sener sei losgetreten worden, als er der Cumhuriyet nahegelegt habe, Konsequenzen zu ziehen und Uslu und Opçin gemaßregelt habe. Die Kritik von Genç richtete sich dabei vor allem gegenüber den Diken-Journalisten Levent Gültekin, Hayko Bağdat sowie weiteren Journalisten aus der Szene, die Nedim Sener vorwarfen, die Ermittlungen gegen Güven selbst angestoßen zu haben, ja sogar die Opposition diskreditiere, obwohl er selbst in Haft gewesen sei und die Umstände kenne. Sener wies die Vorwürfe zurück und schrieb in einem Artikel, dass die Tweets von ihm erst einen Tag nach dem Polizeigewahrsam Güvens von ihm eingestellt wurden und das er erst an diesem Tag durch einen anonymen Anruf harsch auf den Fall aufmerksam gemacht wurde. Ausserdem hätten jene die ihn jetzt kritisieren würden, in den Ergenekon- und Balyoz-Prozessen beinahe Beihilfe geleistet und würden sich jetzt zu Moralisten erheben.

Am vergangenem Mittwoch kam der türkische Generalstaatsanwalt Mustafa Alper bei einem Verkehrsunfall in Denizli zu tode. Ein Lastwagen hatte aus bislang unbekannten Gründen die Vorfahrt des Fahrzeugs trotz Verkehrsaufkommen missachtet und seitlich gerammt. Dabei kamen der Fahrer sowie der Generalstaatsanwalt ums Leben. Ein Personenschützer wurde leicht verletzt.

Kurz nach dem Unfall wurden der LKW-Fahrer wegen Fahrens ohne Führerschein sowie der Halter wegen fehlender Betriebserlaubnis verhaftet. Pikant auch: der türkische Generalstaatsanwalt Alper war auch der erste, der nach dem gescheiterten Putschversuch in der Türkei, den ersten brisanten Fall gegen die Fethullahistische Terrororganisation (FETÖ) eröffnet hatte und maßgeblich dazu beigetragen hat, dass die Ermittlungen landesweit ausgeweitet wurden.

Noch am vergangenem Donnerstag hatte die Polizei in Izmir eine Rechtsanwältin verhaftet, die sich über den Tod des türkischen Generalstaatsanwalts Alper im sozialen Netzwerk abfällig geäussert hatte. Sie soll laut dem Nachrichtenportal Birgün eine ehemalige AKP-Kandidatin in der Provinz Denizli gewesen sein. Das Portal berichtet, dass die Anwältin bei ihren Äusserungen zum Unfalltod, eine Gerechtigkeit gegenüber den unzähligen FETÖ-Verhaftungen erkennen lassen habe.

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