Die Türkei - Ein Jahr nach dem gescheiterten Putsch

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Die Türkei - Ein Jahr nach dem gescheiterten Putsch

16. Juli 2017 - 14:04
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Am Jahrestag des gescheiterten Putschversuches zeichnet ein türkischstämmiger Österreicher zwei emotionale Zustände aus einer dritten Perspektive heraus auf.

Die Türkei - Ein Jahr nach dem gescheiterten Putsch

Kommentar von / TP - Am Jahrestag des Putsches sehe ich zwei Perspektiven, deren Dissonanz der Grund für all das Türkei- und Muslime-Bashing ist. Zunächst die türkische Perspektive:

Wir Türken sahen Menschen die für ihre Demokratie gerade standen. Sie erfüllten uns mit Hoffnung und Liebe. Das gab uns Hoffnung und Kraft gegen Mörder.

Wir Österreicher hingegen sahen ein Erdogan-Heer mitten in Wien, dass auf Knopfdruck gegen Sicherheitskräfte und die militärische Gewalt mobilisiert werden konnte. Wir feindeten die Organisatoren als konspirative Kräfte an.

Wir Türken sahen Moscheen von deren Minaretten der Muezzin entschlossen die Gesellschaft gegen den grausamen Putsch mobilisierte.

Wir Österreicher sahen wie Moscheen dazu genutzt werden konnten um die muslimische Community gegen eine militärische Autorität zu mobilisieren. Wir feindeten die Moscheeverbände an.

Wir Türken sahen, dass uns keiner Ketten anlegen konnte und wir für unsere Freiheit kollektiv mit unserem Leben einstehen würden.

Wir Österreicher sahen hingegen indoktrinierte fanatische Menschen in unseren Städten die man im Ernstfall nicht einmal mit Waffen und Gewalt aufhalten konnte. Wir feindeten die "islamischen" Kindergärten an.

Wir Türken sahen uns als Menschen die gegen die Ungerechtigkeit einstanden und verstanden nicht, weshalb man uns so viel Hass entgegenbrachte. Warum war man uns gegenüber so böse?

Wir Österreicher versuchten aus unserem Standpunkt diesen "Erdogan-Mob" zu zerschlagen, koste es was es wolle. Wir sahen uns in unserer Sicherheit gefährdet. Hetz-Gehilfen die diese Gelegenheiten nicht ausließen um persönlichen Profit zu schlagen, halfen uns bei weiteren Anfeindungen auf die wir alleine nicht gekommen wären.

Wir Türken verstanden nicht, dass die österreichische Gesellschaft durch die populistische Angstpolitik uns als Gefahr wahrnehmen und beschwerten uns über die Eingrenzung unserer Grundrechte.

Wir Österreicher empfanden dies als gespielte Opferrolle und als Verschleierung der gefährlichen Realitäten. Wir feindeten die politischen und gesellschaftlichen Vertreter der Muslime an.

Die Liste ließe sich noch sehr lange fortführen aber ich möchte hier aufhören und hiermit folgendes festhalten:

Wir Türken, liebes Österreich, haben in keinem Schritt gegen Österreich gehandelt. Niemals würden wir dem Land schaden in dem wir leben. Nichts und niemand könnte uns jemals auch nur einen halben Schritt dazu bewegen, der österreichischen Gesellschaft auch nur den geringsten Schaden bewusst zuzufügen. Unsere Demos, unser Protest, unser Aktivismus, unsere Organisationen, unsere NGO´s, unsere Vereine, unsere Menschen mögen manchmal zwar zu sehr geistig in der Türkei verhaftet sein, allerdings ist Loyalität für uns selbstverständlich. 

Wir sind vielleicht emotional und aufbrausend aber weder haben wir in den 50 Jahren der Gesellschaft geschadet, noch würden wir das um keinen Preis in der Zukunft tun. Ganz im Gegenteil, wir haben den Beschützerinstinkt dermaßen im Blut, dass auch wenn die letzten autochthonen Populisten und xenophoben Rassisten verschwinden, wir genauso für unsere Wahlheimat Österreich einstehen würden.

Ich denke, das hatten wir euch vergessen zu sagen.

Das Türken- und Muslime-Bashing, die Scheindebatten und Symbolpolitik sind keine Lösung. Lassen wir allesamt die türkische Politik in der Türkei, stoppen wir die Populisten und nutzen wir unsere Kräfte um Österreich zu einem der wunderbarsten Länder weltweit zu gestalten. So unterschiedlich wir auch sind, sind wir eben genau aus diesem Grund gemeinsam unschlagbar.

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