Die Hype um Deniz Yücel

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Die Hype um Deniz Yücel

18. Februar 2018 - 00:02
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Am Tag der Freilassung von Deniz Yücel, verurteilte ein Gericht in Istanbul drei der bekanntesten Journalisten des Landes zu lebenslanger Haft. Ihnen wurde vorgeworfen, sich am Putschversuch 2016 beteiligt zu haben. Türkische Medien, links wie rechts halten das Strafmaß für gerechtfertigt. Wegen viel schwerwiegenderen Vorwürfen kam der WELT-Journalist Deniz Yücel am Freitag frei.

Die Hype um Deniz Yücel

Kommentar - Rückblick: Das Strafrecht gilt für alle Menschen gleichermaßen, egal ob Bürger, Politiker oder Journalist. Deniz Yücel kam erstmals sehr in Bedrängnis, als er in der WELT am 7. Oktober 2016 quasi das Briefgeheimnis eines Ministers verletzte und möglicherweise auch Staatsgeheimnisse preisgab, die mutmaßlich über die linksextremistische Hackergruppe RedHack am 29. September 2016 in Umlauf gebracht wurden. 

Was Personen angeht, die Staatsgeheimnisse betrifft, so hat die westliche Demokratie solche Enthüllungen noch nie gemocht. Der Prozess wegen Luxleaks, der noch immer bestehende Haftbefehl gegen Assange oder Snowden, der in Deutschland nicht vorsprechen durfte. Aus Deutschland ist bislang noch kein Whistleblower geboren, dafür aber in allen anderen Nationen. Umsomehr freut man sich über sie, die unter großem Druck Staatsgeheimnisse ausplaudern oder gegen geltende Gesetze verstoßen sowie den Staat vorführen - wie Deniz Yücel.

Yücel ist auch ein Prachtexemplar eines Investigativjournalisten, der nur wenige Tage nach dem Hack des Email-Kontos einen Artikel veröffentlicht, der nur so von eigenen Deutungen protzt. Zieht man jedoch Resümee über die rund 60.000 Emails, stellt man nüchtern fest, dass ausser herkömmlichen Meinungsaustausch zwischen den Email-Schreibern nichts zu Tage gefördert wurde, was den Anschein erwecken könnte, Regierungsmitglieder würden jene unter Druck setzen oder Gefälligkeiten annehmen, die weit darüber hinausgehen, was rechtlich möglich ist.

Yücel genießt aber seit der Verhaftung einen hervorragenden Ruf, bis in die Wikipedia hinein. Es stellt sich aber schnell heraus, dass auch hier der Werdegang der ganzen Berat-Albayrak-Leak-Geschichte bis hin zu seiner Verhaftung entweder nicht korrekt wiedergegeben oder völlig ausgeblendet wird. Noch einmal: am 29. September 2016 gibt RedHack die Emails frei und am 7. Oktober, also nur 8 Tage später hat Deniz Yücel bereits einen ellenlangen gut ausgedachten Text veröffentlicht, der zudem zeitgleich in der türkischen DIKEN, DIHA und anderen türkischsprachigen links- bis linksextremistischen Online-Nachrichtenseiten veröffentlicht wird. Inhaltlich geben sie das gleiche wieder.

Am 25. Dezember 2016 meldet die SABAH, dass Haftbefehl gegen Deniz Yücel und andere Journalisten erlassen wurden, eben von DIKEN, DIHA und BIRGÜN. In Wikipedia heißt es, dass zu der Zeit sich Yücel nicht in der Türkei aufhält. Das mag rein sprachlich betrachtet richtig sein, wenn man davon ausgeht, dass das Grundstück auf dem das deutsche Generalkonsulat in Istanbul und deren Nebengebäude, auf deutschen Territorium in der Türkei stehen. Deniz Yücel befand sich möglicherweise sogar zum Zeitpunkt der Verhaftung seiner "Komplizen" auf "deutschen Boden" in der Türkei und ließ sich auch fast einen Monat nicht blicken. Er stellte das Twittern ein, veröffentlichte auch keine Beiträge auf der WELT oder in Facebook, bis zum 14. Januar 2017. Dann erst, folgte er der Ladung der Polizei, die bereits einige Wochen vorlag und wurde prompt weggesperrt. In Wikipedia liest sich das so, als wäre Yücel von auswärts in die Türkei freiwillig wieder eingereist, hätte sich dann in Istanbul der Polizei gestellt. Dem war mitnichten so - er befand sich seit der Verhaftung der sechs weiteren Journalisten, denen das gleiche vorgeworfen wurde, bereits in Istanbul und überlegte sich wohl, wie er aus dem Schlamassel heil rauskommt. Was da im Hintergrund bis dahin diplomatisch ausgefochten wurde, bis Yücel freiwillig "türkischen Boden" betrat, um sich zu stellen, dass werden wir wohl nie erfahren.

Wie das Szenario in Deutschland bei einem türkischen "Journalisten" geendet hätte und was die beiden Länder denn da noch unterscheidet, darauf hat noch keiner eine Antwort parat, oder doch? Ähnliche Fälle gab es bereits. Muhammed Taha Gergerlioğlu, selbst ein "Blogger" bzw. "Journalist" wurde am 17. Dezember 2014 zusammen mit zwei weiteren Türkischstämmigen in Frankfurt am Main verhaftet, Ende Dezember 2015, elf Monate später kam er gegen eine Geldzahlung frei. Ihm und den anderen hatte die Staatsanwaltschaft Spionage vorgeworfen. Der türkischstämmige Journalist Mehmet Fatih S., der am 15. Dezember 2016 in Hamburg verhaftet wurde, bekam die Anklage am 12. Juni 2017 in Untersuchungshaft gereicht, konnte am 10. Oktober 2017 das Gericht verlassen, weil er zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt wurde.

Es sollte bei diesen "Urteilen" wohl der Eindruck erweckt werden, dass die "Angeklagten" etwas ausgefressen hatten. Sie kamen wohl glimpflich davon, eben mit einer Geldstrafe, wodurch die Klage fallen gelassen wurde, oder der Bewährungsstrafe, womit dem Angeklagten deutlich gemacht wurde, lieber stillschweigend das Urteil anzunehmen und sich nicht mehr auffällig zu verhalten, sprich, seine journalistische Tätigkeit gegen einen PKK-nahen Funktionär einzustellen.

Weshalb die Hype um Deniz Yücel langsam aber sicher zu einer Farce wird, dass erklärt ein Austrotürke so:

Facebook-Beitrag von Ruşen Timur Aksak: 

Man kann die Arbeit von Deniz Yücel schätzen oder nicht, ich für meinen Teil halte diese absurden Vorwürfe, er habe die Deutschen selbst in einem Artikel beleidigt oder Sarrazin aufgrund seiner Behinderung amoralisch angegangen, für kein gutes Argument, um ihn zu ächten. Es geht aber gar nicht, eine Terrororganisation zu beschönigen, in Deutschland die Verbotsverfügung zu kritisieren oder ihre Bewaffnung zu fordern. Es geht überhaupt nicht, das Briefgeheimnis zu verletzen, zumal es gesetzlich verankert ist, mit welchem Strafmaß das geahndet werden kann.

Aber sein Werdegang als Journalist selbst, ist bereits verkorkst und verrät, welche Ambitionen ihn zu welchen Schritten bewogen haben könnten.

Yücel schrieb lange Zeit für das anti-deutsche Kampfblatt "Jungle World", dann kam er zur "taz" und dann ins Flaggschiff des linksliberalen Journalismus "Die Welt" (Vorsicht, Ironie). Spätestens mit dieser Karriereentscheidung, also der Front-Kanake des rechtsrechten deutschen Boulevards zu werden, nahm ich ihn nicht mehr ernst.

Seine Freilassung hat er einzig und allein dem diplomatischen Ringen zwischen Ankara und Berlin zu verdanken. Er ist Teil eines Deals, ob man sich das nun eingestehen will oder nicht. Es waren also nicht die Tweets, auch nicht diese (rassistisch inspirierten) Auto-Korsos oder tendenziösen Artikel, die ihn freibekommen haben, sondern die gute, alte Diplomatie.

Ich fürchte allerdings, dass die deutschsprachige Öffentlichkeit eben jenen Denkfehler machen wird, zu glauben, es sei ein Sieg des Drucks und des Hindreschens auf Ankara und nicht etwa ein "quid pro quo" des diplomatischen Parketts. Denn genau dieses Hindreschen macht nicht nur den Journalismus madig, sondern bestärkt auch destruktive Stimmen in Ankara.

Aber eine so emotionalisierte, ja im Grunde hysterische Herangehensweise (wie im Fall der deutschsprachigen Öffentlichkeit) wird eher dazu führen, dass man die falschen Lehren zieht und den Journalismus weiter in Richtung dümmlichen Aktivismus abgleiten lässt.

Ein gutes Beispiel dafür: Im frenetischen Siegestaumel haben diese Kreise kaum mitbekommen, dass andere türkische Journalisten heute zu lebenslanger Haft verurteilt worden sind.

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