Oppositionsblatt Cumhuriyet erneut auf Kurs

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Oppositionsblatt Cumhuriyet erneut auf Kurs

18. September 2018 - 21:03
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Die regierungskritische Tageszeitung Cumhuriyet, die durch eine Stiftung kontrolliert wird, kehrt nach einem 5-jährigen Prozessmarathon zu ihrer Linie zurück. In ihrer ersten Verlautbarung nach der Wahl des Vorstands, erklärte die Cumhuriyet-Stiftung, wieder der Linie von Nadir Nadi, İlhan Selçuk und Uğur Mumcu zu Folgen, die Zeitung von Atatürk zu sein, zu den idealen der Aufklärung und den Reformen Atatürks zurückgefunden zu haben.

Leserzirkel der Cumhuriyet (CUMOK), dem größten Zusammenschluss von Zeitungslesern innerhalb der Cumhuriyet-Leserschaft

Ankara / TP - Die regierungskritische Tageszeitung Cumhuriyet, die durch eine Stiftung kontrolliert wird, kehrt nach einem 5-jährigen Prozessmarathon zu ihrer Linie zurück. In ihrer ersten Verlautbarung nach der Wahl des Vorstands, erklärte die Cumhuriyet-Stiftung, wieder der Linie von Nadir Nadi, İlhan Selçuk und Uğur Mumcu zu Folgen, die Zeitung von Atatürk zu sein, zu den idealen der Aufklärung und den Reformen Atatürks zurückgefunden zu haben.

An der Wahl der elf Vorstandsmitglieder, die am 7. September abgehalten wurde, nahmen auch die ehemaligen Mitglieder teil. Laut dem neuen Vorstandsvorsitzenden Alev Coşkun fand die Neuwahl in freundschaftlicher Atmosphäre statt. Nicht so freundlich empfanden es hingegen die ehemaligen Vorstandsmitglieder, Redakteure und Journalisten die Vorstandswahl am 2. April 2013, deren Folgen bis heute nachwirken.

Die damals aus dem Vorstand hinausbeförderten Mitglieder Alev Coşkun, Şevket Tokuş und Mustafa Pamukoğlu, sowie der Kolumnist Mustafa Balbay, dem nach der Verhaftung während der Ergenekon-Prozesse gekündigt wurde, legten Beschwerde vor dem Verwaltungsgericht ein. Ihrer Ansicht nach habe die Wahl ohne die Anwesenheit mehrerer Vorstands-Mitglieder stattgefunden, manche fehlenden Stimmen wären mit Vollmachten dennoch gezählt worden. Ende Oktober 2013 entschied daraufhin die 1.Kammer des Istanbuler Verwaltungsgerichts, dass die Wahl des Vorstands aufgrund der Stiftungssatzung ungültig ist, woraufhin die Cumhuriyet-Stiftung in Berufung ging.

Erst am 28. Februar 2018 befasste sich dann das Berufungsgericht mit dem Fall und entschied, dass das Urteil rechtmäßig und im Einklang mit dem Verwaltungsrecht stehe. Die Stiftung legte daraufhin Beschwerde beim Kassationshof ein, die am 3. September 2018 verworfen wurde. Mit dem letztinstanzlichen Urteil war somit der Weg für eine Neuwahl der Vorstandsmitglieder frei.

Bei der Neuwahl der neuen Vorstandsmitglieder am 7. September wurden Alev Coşkun (Vorsitzender), Ali Sirmen (stell. Vorsitzender), Kemal Işık Kansu (Generalsekretär), İrfan Hüseyin Yıldız (Schatzmeister), İnan Kıraç (Vorstandsmitglied), Şevket Tokuş (Vorstandsmitglied), Şükran Soner (Vorstandsmitglied), Mustafa Ali Balbay (Vorstandsmitglied), İbrahim Yıldız (Vorstandsmitglied), Av. Turan Karakaş (Vorstandsmitglied) und Prof. Dr. Tayfun Akgüner (Vorstandsmitglied) gewählt, während im Aufsichtsrat Alev Coşkun (Vorsitzender), Ali Sirmen (stell. Vorsitzender), Aykut Küçükkaya, Prof. Dr. Emre Kongar, Şükran Soner, Kemal Işık Kansu, Orhan Bursalı, Mine Kırıkkanat und Miyase İlknur als Kontrollorgan der Tageszeitung das Sagen haben.

Mit der Neuwahl am 7. September wurden 8 Journalisten und Kolumnisten aus dem Aufsichtsrat entlassen, darunter Bülent Özdoğan (derzeit Vorsitzender der DISK-Verlage, Druck und Papier), Faruk Eren (derzeit Vorsitzender der DISK-Verlage, Druck und Papier), Güray Öz, Musa Kart, Önder Çelik, Bülent Utku und Ayşe Yıldırım Başlangıç. Der seit 2013 anhaltende Streit will aber auch jetzt nicht enden und wird vermutlich weiterhin schmutzig.

Gerüchten zufolge soll der ehemalige Vorstand ungewöhnliche Transaktionen vorgenommen haben, Gehälter und Provisionen seien kurz vor dem erwarteten Urteil des Kassationshofs erhöht, sprich, die Kassen der Tageszeitung seien geleert worden. Dagegen wehren sich die ehemaligen Mitglieder jetzt vehement über soziale Medien. Der ehemalige Vorstandsmitglied Orhan Erinç warf der neuen Führung über Twitter eine Schmutzkampagne vor. Sie würden damit von den Anzeigen gegen die ehemalige Stiftungsführung sowie ausstehenden Provisionen und Abfindungen ablenken. Die bis zu den Verlags- und Druckereibetrieben der Cumhuriyet durchgesickerten Gerüchte sorgen nicht nur für Unmut, es veranlasste laut dem linksgerichteten Internetportal solHaber die Mitarbeiter dazu, eine Streitschrift zu verfassen, in der sie ihre eigene Lage unabhängig des Streites - ob rigidere Arbeitszeitregelungen, massive Urlaubsabstriche oder Mobbing - seit 2013 schildern. Sie erwarten augenscheinlich eine Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen.

Wie auch immer man die Linie der traditionell-oppositionellen regierungskritischen Tageszeitung betrachtet, scheint es auch der Cumhuriyet nicht anders zu ergehen, wie allen Medien in der Welt: Wirtschaftsinteressen. So schreibt die solHaber, dass die Zeitung bis 2015 im Minusgeschäft gewesen wäre, jedoch nach der Veröffentlichung der MIT-LKW-Affäre beständig wieder schwarze Zahlen geschrieben habe, was auf den damaligen Chefredakteur Can Dündar zurückzuführen sei. Während desselben Zeitraums bis in die Gegenwart hinein habe die Zeitung danach aber beständig an Auflagenstärke eingebüßt. Einst mit rund 40.000 Druck-Auflagen (2015), verkauft sich das Blatt heute weniger als 36.000 mal.

Es scheint weniger die Linie der Zeitung ein Streitthema zu sein, sondern vielmehr wie das Blatt erhalten bleibt. In den Augen der neuen Stiftungsführung will man wieder zu Nadir Nadi, İlhan Selçuk und Uğur Mumcu zurückfinden, deren Arbeit bis zum Tod bzw. Ermordung nicht darin lag, mit Sensationsberichten schwarze Zahlen zu schreiben, sondern mit sauberen Recherchen, Berichte und Kolumnen zu verfassen und die Leserschaft zu informieren. Das scheint zumindest beim Leserzirkel der Cumhuriyet (CUMOK), dem größten Zusammenschluss von Zeitungslesern innerhalb der Cumhuriyet-Leserschaft, gut anzukommen. Sie erklärte jüngst, dass der Wechsel in der Führung längst überfällig gewesen sei.

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