Ögedei Khan, Ziegenficker und Frau Hitler

Lesezeit
7 Minuten
Gelesen zu

Ögedei Khan, Ziegenficker und Frau Hitler

19. April 2017 - 11:58
Kategorie:
0 Kommentare

Was Dagmar Schatz jetzt mit Entsetzen erfüllt, ist die auch in den sozialen Netzwerken in Gang gesetzte Eskalationsschraube, an der Deutsche und Türk*innen gemeinsam drehen - und wie im Kindergarten darauf beharren, daß "der Andere" angefangen hat. Das ist kein Diskurs mehr, das ist totalitär. Daß die zum Teil unsäglichen Äusserungen im Wesentlichen auf die jeweilige Fankurve zielen, ist dabei unerheblich, denn die Äusserungen sind in der Welt. Ich werde das ausführen.

Bildnachweis Statuette von Ögedei Khan, St. Petersburg Collection

Kommentar Dagmar Schatz / TP - Der Pulverdampf in der Türkei legt sich. Erdogan hat gewonnen. Erwartungsgemäß hat er besonders gute, vielleicht sogar die entscheidenden Ergebnisse bei den Auslandstürk*innen eingefahren. EIN entscheidendes Ergebnis ist aus meiner Sicht das für lange Zeit vergiftete Klima.

Von der Presse in Deutschland, den Niederlanden und der Türkei angeheizt, legen auch die Filterblasen in den sozialen Netzwerken nach und erklimmen immer neue Höhen der Hassgesänge und gegenseitigen Verächtlichmachung.

Was mich bei dieser Krise bewegt, habe ich hier bereits erläutert.

Was mich jetzt mit Entsetzen erfüllt, ist die auch in den sozialen Netzwerken in Gang gesetzte Eskalationsschraube, an der Deutsche und Türk*innen gemeinsam drehen - und wie im Kindergarten darauf beharren, daß "der Andere" angefangen hat. Das ist kein Diskurs mehr, das ist totalitär. Daß die zum Teil unsäglichen Äusserungen im Wesentlichen auf die jeweilige Fankurve zielen, ist dabei unerheblich, denn die Äusserungen sind in der Welt. Ich werde das ausführen.

Was mich bei dieser Krise bewegt, habe ich hier bereits erläutert.

 Die Geschichte von Ögedei Khan, Tamerlan und dem gestohlenen Lämmchen

1996, also fünf Jahre nach der Implosion der Sowjetunion konnte ich an einem zu Ehren des Usbeken-Stammvaters abgehaltenen Orientalistenkongresses in Samarqand teilnehmen. Vereinbart waren Simultanübersetzungen aus dem Russischen. Peinlich berührt waren die Veranstalter, daß die usbekischen Teilnehmer plötzlich alle in Usbekisch sprachen - dafür waren keine Dolmetscher vorhanden. Wir verstanden die Botschaft zwar - das russische Herrenvolk hatte zwar verlangt, daß Usbeken, die was werden wollten, alle Russisch zu lernen hatten, aber kaum ein Russe hatte sich bemüht, Usbekisch zu lernen. Das zogen sie dann fast eine Stunde lang durch, und wir konnten das nur zur Kenntnis nehmen.

Die weiteren Vorträge beschäftigten sich mit der Spannung zwischen fortuna und virtus, also zwischen Glück und Können. Eine Orientalistin hatte am Beispiel des Mongolenkhans Ögedei, des Sohnes und Nachfolgers von Dschingis Khan,  dessen Leben nicht nur in Asien zur Legende wurde, über Ögedeis Leben promoviert; 1241 starb er, was dazu führte, daß Batu Khan, ein Enkel Dschingis Khans, der schon im schlesischen Liegnitz stand, seinen Eroberungsfeldzug abbrach und in die Hauptstadt Karakorum zurückkehrte.

Aber das wollte ich jetzt nicht vertiefen. Es geht um eine Geschichte, die über ihn erzählt wurde, und deren zentrale Aussage war, daß man den echten Führer schon als Kind erkennt: er sei mit anderen Jungs durch die Landschaft gestreift. Als er dann als erwachsener Mann nach der Macht - dem Erbe Dschingis Khans - gegriffen habe, habe er sich auf die Freunde aus Kindertagen verlassen können.

Tamerlan (Timur lenk, der lahme Timur), heute als Stammvater der Usbeken verehrt, 1336-1405, war der Begründer des Timuridischen Imperiums mit der Hauptstadt Samarkand. Wer mehr wissen will, hier lang.

Und über ihn wird eine vergleichbare Geschichte erzählt: er sei in Kindertagen mit Spielkameraden umhergestreift, eine Krone auf dem Kopf, einen Teppich aus Moosen als Königsmantel. (Helmut Kohl wurde ein Kaffeewärmer als Krone und eine Wehrmachtsdecke als Königsmantel ... - aber ich will mich hier ja nicht verplaudern.)
Klein-Timur streifte mit seinen Kinderkumpels umher. sie verspeisten. was die Umwelt hergab, und gelegentlich gelang es ihnen, auch mal aus einer Herde ein Lä,mmchen zu mopsen, das sie dann am Spieß brieten. Die Referentin erläuterte, daß gerade an der Person Tamerlans das Spannungsfeld von virtus und fortuna auch in späteren Epochen noch diskutiert wurde und wies z.B. auf die Oper "Tamerlano" von Georg Friedrich Händel hin, die ebenfalls dieser Spannung gewidmet sei und im Rahmen des Tamerlan-Gedenkens ebenfalls in Samarqand aufgeführt wurde. Die Rednerliste wurde eröffnet, ca. 20 usbekische Wissenschaftler meldeten sich.

Bildnachweis: die forensische Rekonstruktion von Timurs Gesicht, nachdem der sowjetische Archäologe M.M. Gerassimow, der Vater eben jener Rekostruktionsmethodee, am 22. Juni 1941 frühmorgens Timurs Grab geöffnet habe. Auf dem Grabstein habe die Warnung gestanden, daß derjenige, der es wage, das Grab zu öffnen, von einem Eroberer überfallen werde, der viel schrecklicher sei, als er selber. Und das Grab sei exakt zur gleichen Zeit geöffnet worden, zu der die deutsche Wehrmacht die Grenze zur Sowjetunion überschritten habe...

Der erste Usbeke ergriff das Wort: "Also, ich weise die Unterstellung zurück, daß der große Amir Timur Lämmchen gestohlen haben soll. Eine solche Behauptung ist inakzeptabel!"

Der nächste: "Also, das ist unerhört! Amir Timur stammt aus einer vornehmen Familie. Er hatte alles und überhaupt nicht nötig, Lämmchen zu stehlen!"

Was der Dritte dann ergänzte: "Amir Timur hat höchstens Lämmchen an die Armen verschenkt." 

Und so ging es weiter. 15-20 Redner ereiferten sich über die Vorstellung des gestohlenen Lämmchens und gingen damit vollkommen am Thema - dem Verhältnis vorn virtus und fortuna, Können und Glück, vorbei.

Totalitäre Diskursketten

Damals (1996) dachte ich noch, klar, die Sowjetunion ist noch nicht so lange Vergangenheit. Das, was ich "totalitäre Diskursketten" nennen möchte, "Diskurse" in denen man sich nur gegenseitig bestätigt, anstatt daß Austausch stattfände, kannte ich z. B. aus sowjetischen Schauprozessen oder maoistischen Versammlungen. 

Dann fielen mir solche Ketten zuerst bei den Islamophoben-Blogs auf, hier ein aktuelles Beispiel aus dem größten, schönsten, wichtigsten und islamophobsten Blog Deutschlands, PI.  (Auf das "Erdolf" werde ich noch eingehen).

In sämtlichen Blogs dieser Provenienz findet man keinen Austausch von Argumenten, keine Diskussionen mit Position/Gegenpostition ... Und das liegt nicht daran, daß der Kommentarbereich keine längeren Textpassagen zuliesse.

Geht es um Türken, werden dann gleich sämtliche Klischees bemüht -  absoluter Favorit dabei: die Armenier, wobei es dann nicht darum geht, denen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, sondern es geht um schlichtes Türkei-Bashing. Auf Platz 2: natürlich die beiden Versuche, Wien einzunehmen, dann hätten wir noch Christen, Antisemitismus und Islamismus im Angebot, wobei ich den Antisemitismusvorwurf als besonders übel empfinde. Sowohl nach der Reconquista als auch während des Dritten Reiches. Ach, ja, und dann "Faschismus". Wobei ich schon mehrfach geäussert habe, daß ich diesen Vorwurf von Erdogan gegen die Niederländer und das "Frau Hitler" gegen Angela Merkel genauso unerträglich finde.

Mache Politiker*innen haben es mittlerweile zu einer wahren Meisterschaft im Anzetteln solcher Diskursketten gebracht. So sind z.B. die tweets von Beatrix v. Storch mittlerweile legendär (ob man sie als "Politikerin" bezeichnen kann, lasse ich mal dahingestellt).

Am Abend des Referendums lief sie dann wieder zur Hochform auf, wobei "Türken mit dt. Pass" wieder mal priceless ist - oder mausgerutscht, je nachdem.

Was nach 23 Stunden bereits 1.400 likes, 672 retweets und 358 Kommentare generierte. ca 16 Stunden später setzte sie bei twitter und facebook noch einen drauf:

An alle Türken mit deutschem Pass, die für die islamische Diktatur gestimmt haben:

Kehren Sie doch bitte in die Türkei zurück.
Ihr verachtet offenbar unsere Werte von Demokratie und Freiheit.
Ihr wollt islamische Diktatur.
Ihr habt ein Ermächtigungsgesetz dafür unterzeichnet.

Das ist alles mit unseren Werten nicht zu vereinbaren.

Der Islam gehört nicht zu Deutschland. Viele Muslime schon- aber Ihr nicht.

Doch solche Kommentarketten bleiben, entgegen landläufiger Annahme nicht auf die sozialen Medien beschränkt, sondern häufen sich auch in den Internetangeboten renommierter Medien.

Die deutschen Lieblings-Meme

Daß das "Ziegenficker"-Mem ein antisemitisches Grundmotiv ist, hatte ich hier schon ausführlich erläutert. "Türkisiert" wurde der Sodomievorwurf meines Wissens das erste Mal von Necla Kelek im "Forum am Freitag" im Juli 2010 vom rechtsrelevanten Begriff "Hasspredigerin" distanziere ich mich allerdings ausdrücklich):

In den Sozialen Medien meinen viele, auch solche, denen man eigentlich Besseres zugetraut hätte, anscheinend, nicht ohne den "Ziegenficker" auskommen zu können und selbst der anerkannte Karikaturist Marian Kamensky und die heute-show mochten auf zumindest Andeutungen nicht verzichten.

Dann hätten wir noch den "Erdolf" und den "Erdowahn" wobei letzteres ja eine Schöpfung der ansonsten sehr guten Satiresendung Extra3 war, jetzt allerdings in den Sozialen Medien viral ist. No Jokes with Names - die Verballhornung von Namen ist infolge der Auseinandersetzung zwischen Joseph Goebbels und dem stellvertretenden Polizeipräsidenten von Berlin, dem jüdischen Sozialdemokraten Bernhard Weiß, die das deutsche Presserecht maßgeblich beeinflusst hat, eigentlich obsolet. Auch Goebbels mochte Jokes with Names und sein "Joke" mit Weiß ist ein negativer Klassiker:

"Kommt da so ein Jude aus Galizien mit Namen Wacholder Trompetenschleim, und nach einem Jahr hat er seinen Vornamen vertauscht und heißt 'Isidor'. Nach einem weiteren Jahr hat er auch seinen Zunamen vertauscht und heißt 'Weiß'. Nach noch weiter einigen Jahren sitzt dieser Mann im Polizeipräsidium und behauptet, er heiße 'Bernhard' mit Vornamen."

Kartoffel-Extrem-Schimpfing

Wobei sich in den Sozialen Medien auch einige Türk*innen meinten, austoben zu müssen, was von der - regierungsnahen - Boulevardzeitung "Günes" so erfolgreich anbuchstabiert wurde, daß es in kürzester Zeit 277.000 Google-Einträge gab.

Und da wollten doch viele Türk*innen nicht nachstehen und verwandelten die Sozialen Medien mit ihren Posts, wie ihre deutschen Pendants, ebenfalls ihrerseits in eine Klo-Wand, Motto: da habe ich mal ganz doll mit den Kartoffeln geschimpft und sie Nazis genannt.

Wobei der Hitler-Nazi-Faschisten-Mem natürlich, besonders nach den Ausfällen von Erdogan, ganz oben auf der Hitliste stand.

Sowohl bei den deutschen als auch bei den türkischen Postern waren das keine Sachbeiträge, sondern Ögedei-Beiträge: und er hat das Lämmchen doch geklaut!

Nun ja, da blieben natürlich persönliche Angriffe nicht aus. "scharmuta" ist arabisch und bedeutet: "Nutte" oder "V***e".

Bedenklicher finde ich da allerdings die Abgrenzung wischen "Wir" und "Ihr", bzw. Nicht-Wir in den Postings vieler türkischer User. Die Unterscheidung in "Wir" und "Nicht-Wir" liest sich für mich bereits wie Carl Schmitt, "Hitlers Kronjurist":

"Politik, so Schmitt, müsse als Kampf verstanden werden, resultierend aus dem Gegensatz zwischen „Freund“ und „Feind“, vergleichbar dem Antagonismus von Gut und Böse sowie Schön und Häßlich in der moralischen beziehungsweise ästhetischen Dimension, und unabhängig von diesen doch als selbständiger Gegensatz. Freund und Feind sind stets im Kampf miteinander begriffen.

Sicher ist vieles davon Gequatsche für die eigene Filterblase, aber nicht alles und das ist - jedenfalls für mich - nicht immer unterscheidbar..

Der obige "Vorschlag", die, die beim Referendum mit "ja" gestimmt hätten, dazu zu bringen, auszureisen...

... wurde mittlerweile auch von deutschen Spitzenpolitiker*innen weiter ausbuchstabiert - was Cem Özdemir heute zum Besten gegeben hat, ist für mich erschreckend - nichts weniger, als die Unterstellung, daß die "Ja"-Sager nicht, bzw. nur mit den Zehenspitzen auf dem Boden des Grundgesetzes stünden. Sie hätten gestimmt für:

"Todesstrafe, Folter, Korruption, Unterdrückung von Minderheiten, Kinderehen (sic!)..."

So, wie er es vorträgt, hört sich das an, als hätte das Ja-lager mit Absicht genau für das alles gestimmt.

Auch Julia Klöckner prescht bereits vor und postuliert ein "Tür zu" für die EU-Beitrittsverhandlungen, wo ihre Kanzlerin noch "Besonnenheit und weitere Dialogbereitschaft" fordert. Sie befindet sich damit auf einer Linie mit Beatrix von Storch

und, bis hin zur "Tür zu"-Metapher, mit Alexander Gauland.

Mal mit dem RLF- AfD- Landesvorsitzenden sprechen, vielleicht geht da ja was ... (Ironiemodus off).

Die üblichen Verdächtigen der pro-Putin-Assad-Querfront, mag ich hier jetzt nicht mehr aufführen.

Ich sehe Scharfmacher auf beiden Seiten, die daran arbeiten, den jetzt schon bestehenden Graben weiter zu vertiefen, oft nur durch besinnungsloses Gequatsche in der eigenen Filterblase oder das Errichten totalitärer Diskursketten ebenda, manchmal jedoch sicherlich auch Scharfmacherei - und das nicht nur an den Rändern. Laßt uns um Himmelswillen den Graben nicht noch weiter vertiefen!

weitere Informationen zum Artikel
Noch nicht bewertet