Cem Özdemir erzwingt Parlamentsdebatte - Hat das noch einen moralischen Wert?

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Cem Özdemir erzwingt Parlamentsdebatte - Hat das noch einen moralischen Wert?

24. Februar 2016 - 22:27
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In zwei Monaten jährt sich laut armenischer Lesart der "Völkermord" an den Armeniern im Osmanischen Reich. Grünenchef Cem Özdemir will noch einmal alles versuchen, um bis dahin den gemeinsamen Antrag im Parlament durchzuboxen.

Stuttgart / TP - In zwei Monaten, also am 24. April jährt sich laut armenischer Lesart der "Völkermord" an den Armeniern im Osmanischen Reich zum 100´ten male. Für Armenier ein denkbar großer Jahrestag. Jedoch, laut türkischer Lesart befand sich das Osmanische Reich mitten im Ersten Weltkrieg, als sie eine überwiegende Mehrheit der Armenier im Reich in Richtung Syrien verschickte, andere von sich aus flohen und dritte, die in den Reihen der Allierten kämpften. 

Das dabei Menschen durch Krankheit, Erschöpfung, Hunger und sicher auch in den wirren des Ersten Weltkrieges innerhalb der Bevölkerungsteile in Ungnade fielen, verfolgt, ermordet oder einfach nur beraubt wurden, steht ausser Frage und wird auch von keinem türkischen Historiker abgestritten. Was die Türkei bislang immer gestört hat, ist der Versuch, wie es die Formulierung im Koalitionsvertrag der CDU, SPD und Grünen deutlich macht, es als ersten Völkermord, als beispielhaft für die Geschichte der Massenvernichtungen der ethnischen Säuberungen und Vetreibungen, ja sogar als Völkermord schlechthin aufzuoktroyieren. Es ist nicht die Zahl der Opfer, die je nach Lesart zwischen 350.000 bis 2.500.000 schwankt, auch nicht die neuerlichen Versuche der Griechen oder Aramäer, die sich in die Liste der Gevölkermordeten verewigen wollen. Es geht schlicht und einfach um den "Völkermord".

Nicht nur, dass diese Formulierung der deutschen Koalitionsregierung den Holocaust verharmlost. Es ist schon beinahe bemitleidenswert, wie das Parlament sich windet und herumeiert - vor ihrer eigenen Geschichte, vor der eigenen Verantwortung? Das Ereignis, dass wenn man das Konstrukt der Koalition heranzieht - die eigene Geschichtsära zwischen 1904 bis 1908 - dann wie die Faust aufs Auge passt. Nach unterschiedlichen Schätzungen starben innerhalb von 4 Jahren etwa 90.000 Herero und Nama durch Verfolgung, Ermordung, Hunger, Durst und Erschöpfung. Es ist bis heute von der Bundesregierung offiziell nicht anerkannt, wie es das Volk der Herero und Nama gern hätten. Hereros und Namas wurden während der Kolonialzeit im heutigen Namibia von deutschen Truppen zwischen 1904 bis 1908 verfolgt und ermordet. Es gilt nach manch einem weltweit anerkannten Historiker als der erste Völkermord des Jahrhunderts. Sprich, genau 11 Jahre vor dem Ereignis im Osmanischen Reich.

Da stellt sich doch die Frage, wieso die Koalitionspartner insbesondere auf das Schicksal der Armenier bezugnehmend, daraus eine beispielhafte Geschichte der Massenvernichtungen konstruieren können, wenn doch nur 11 Jahre zuvor eine ähnliche Situation längst einen festen historischen Platz eingenommen hat? Dabei ist das aber beileibe nicht die einzige moralische Verwerfung der Bundesregierung bzw. des Parlaments, die man ihr vorwerfen kann! Es muss doch die Armenier in Europa oder Armenien doch zutiefst verletzt haben, wenn sie zusehen müssen, wie die ganze leidvolle Geschichte opportun und politisch angepackt wird. Erst verweigert man den Armenien bis ins Jahr 2015 hinein die Anerkennung, um sodann eine Formulierung aufzusetzen, die nicht nur die osmanische Geschichte beim Namen nennt, sondern ihr auch noch den evolutionären Anfang andichtet. Das dabei die eigene völlig ausgeblendet wird, ist doch schon bemerkenswert, oder nicht? Dann, als es schon beinahe Spruchreif ist, landet dieser aus politischem Kalkül heraus in der Schublade, einfach so  - Man will ja den ehemaligen Waffenbruder nicht verärgern. Als Armenier müsste man knallrot anlaufen und auf jede Anerkennung dieser Art pfeifen. 

Wobei, die Armenier ja in europäischen Ländern längst ein Pfeifkonzert hätten geben können, bei der Cognac-Gläser in Massen zu Bruch gehen würden. Das selbe politische Kalkül zwang die Franzosen, die Briten, die Schweden und einige andere Werteordnungen, entweder juristisch oder politisch den Schw... einzuziehen, um sie sodann wieder auszupacken. Dabei hätte man es auch leichter haben können. Argentinien, Uruguay, Paraguay, Papua Neuguinea haben es anerkannt, die Türkei ist nicht einmarschiert. Der vatikanische Papst nannte es so und wurde dafür nicht geteert, gehängt und gevierteilt. Die Schweden rafften sich wieder und nannten es ebenfalls so und wurden nicht hinter türkischen Gardinen gesteckt. Als die Österreicher am 21. April 2015 den Begriff im Parlament anerkennend nannten, da stand auch Erdogan nicht vor den Toren Wiens. Hat es in der Haltung der Türkei, innerhalb der Türken danach etwas bewegt oder erregt? Sind sie einsichtig geworden und sprechen alle der Lesart nach, wie man es gern haben würde? Man kann vielleicht Worte und Schriften zensieren, Menschen einkerkern oder auch schon mal dafür verurteilen, wie es Dogu Perincek in der Schweiz erging, aber die Gedanken bleiben frei.

Cem Özdemir, der diese Politik aus dem Effeff kennt, hatte seit Ende April 2015, also nach dem 99´ten male, kein Wort mehr für die Interessen der Armenier übrig. Erst jetzt, wo wieder der mutmaßliche Jahrestag näherrückt, scheint das politische Interesse wieder anzuwachsen. Vielmehr wird wohl das Interesse Özdemirs dem Staatspräsidenten gelten, was ja seine offenen Ansichten über Erdogan belegen. Kein Wort über die Bevölkerung, keine Gedanken die über sie verschwendet werden, sondern eine reine Selbstdarstellung mit Bezug zu Erdogan. Für solch ein Interesse, wäre man ein Armenier, müsste man nicht nur darauf pfeifen, sondern darauf spucken. Aber das ist den Armeniern überlassen, die damit Leben müssen, nicht das Problem der Türken. Wenn es nach den Türken gehen würde, gebe es eine dicke Umarmung und gut ist. Aber darauf wird man noch lange warten, wie es Opportunisten gibt, die daraus ihr Kapital schlagen können. Es ist ohnehin müßig, darüber zu diskutieren, ob sich die Haltung der Türken zum "Völkermord" danach ändern wird. Entweder ist man einsichtig oder man hat weiterhin seine eigenen Überzeugungen. Woher, wie und warum, ist dabei nebensächlich und kann von keinem in Abrede gestellt werden. Erinnerungskultur? Die haben die Türken auch!

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