DITIB Niedersachsen und Bremen - "Ratten verlassen das sinkende Schiff"

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DITIB Niedersachsen und Bremen - "Ratten verlassen das sinkende Schiff"

25. November 2018 - 21:59
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Rätselraten um die Erklärung über einen überraschenden Rücktritt des gesamten Landesvorstands der DITIB für Niedersachen und Bremen. Laut diversen Medienberichten erklärte am Sonntag nicht nur der Vorsitzende, Yilmaz Kilic, seinen Rückzug, sondern mit ihm die gesamte Führungsspitze, auch die des Frauen- und Jugendverbands. Kurze Zeit später meldet die DITIB über soziale Netzwerke jedoch, dass am 25. November ein neuer Vorstand gewählt wurde.

Der DITIB Landesverband Niedersachsen und Bremen hat am 25.11.2018 einen neuen Vorstand gewählt.

Hannover / TP - Rätselraten um die Erklärung über einen überraschenden Rücktritt des gesamten Landesvorstands der DITIB für Niedersachen und Bremen. Laut diversen Medienberichten erklärte am Sonntag nicht nur der Vorsitzende, Yilmaz Kilic, seinen Rückzug, sondern mit ihm die gesamte Führungsspitze, auch die des Frauen- und Jugendverbands. Kurze Zeit später meldet die DITIB über soziale Netzwerke jedoch, dass am 25. November ein neuer Vorstand gewählt wurde. Kilic habe sich für eine Wiederwahl nicht zur Verfügung gestellt. 

Die Delegierten wählten demnach den ehemaligen Landesvorsitzenden Dr. Ali Ihsan Ünlü zum Vorsitzenden der Islamischen Religionsgemeinschaft Niedersachsen und Bremen e.V.. Dem Vorstand gehören weiterhin Fatih Kurutlu, Ahmet Irmak, Hüsnü Kortak, Ertan Ünlü, Mehmet Zengin, Nurettin Polat und Harun Sapmaz an. Auch die Geschäftsführung werde wie gewohnt von Emine Oguz geleitet. Erkenntnisse darüber, dass die Führung des Frauen- und Jugendverbands ebenfalls zurückgetreten sei, liegen nicht vor.

Laut Medienberichten hätte Yilmaz Kilic seinen Schritt mit der Abschottung der DITIB begründet. Er sagte der NDR Sendung "Hallo Niedersachsen", dass "in den letzten Jahren da nicht viel passiert ist. Im Gegenteil, man schottet sich ab." Das Vertrauen zum Bundesverband in Köln sei nachhaltig gestört, weil türkische Botschaftsvertreter versucht hätten, direkten Einfluss auf die Vorstandsarbeit in Niedersachsen zu nehmen. "Ich sehe hier keinen Weg, weiter zu kämpfen. Wenn Sie dann noch zu hören bekommen: 'Sie können ja zurücktreten', dann tun wir das auch."

Der Schritt von Kilic hat in der türkischen Community für Wirbel gesorgt. Während viele ratlos darüber sind, was im Landesverband derzeit vorgeht, erklärten andere, dass die DITIB ausgeschlachtet werde. Manch einer spricht sogar von Persönlichkeiten, die um ihre Pfründe besorgt sind und diesen Schritt wagen. Andere sprechen gar davon, dass die "Ratten das sinkende Schiff verlassen und dass der ausgehandelte und unterschriftsreife Staatsvertrag eine Totgeburt ist. " Das Chaos ist damit perfekt. 

Es ist nicht das erste Mal, dass die DITIB in Zusammenhang mit plötzlichen Rücktritten in die Schlagzeilen geriet. Manche Beobachter sehen darin den Versuch, die DITIB aufgrund der negativen Berichterstattung und der distanzierten Haltung der Bundesländer zu verlassen, da die Öffentlichkeitsarbeit an sich kaum noch möglich ist. Man stehe als DITIB-Funktionär offensichtlich unter einem schlechten Licht, dass die weitere Karriere negativ beeinflusse. Andere heben hervor, dass die Zentrale in Köln die Landesverbände noch näher an sich binde und damit auch die Arbeit innerhalb der Landesorganisationen in ihrer üblichen Art zurückdränge. 

Wie auch immer man zu den Meldungen der Medien über die derzeitige Rücktrittswelle bzw. der Erklärung des Landesverbandes Niedersachsen und Bremen steht; die medienwirksame Ersterklärung durch Yilmaz Kilic wirft Fragen auf. Noch bevor überhaupt eine Presseerklärung des Landesverbandes gab, kritisierte Kilic die DITIB-Zentrale in Köln, wie auch die türkischen Generalkonsulate bzw. die Botschaft in Berlin öffentlich und scharf.

Die ungewöhnliche Vorgehensweise irritiert daher vor allem die türkischen Muslime, die sich nicht einig sind, weshalb Kilic diesen Schritt gewagt hat. Bislang vertrat Kilic den Landesverband Niedersachsen und Bremen nicht nur in Zusammenhang mit dem Staatsvertrag, sondern verteidigte auch die Arbeit der DITIB insgesamt. Noch vor kurzem betonte Kilic, dass die DITIB ein "deutscher Verein nach deutschem Vereinsrecht." ist und die Politik ein starkes Signal aussenden muss, damit die türkischen Muslime sich mit Deutschland identifizieren können. Kilic trat bislang die Auffassung, dass dies nicht ausreichend geschehe, hierzulande Populismus vorherrsche und die türkische Politik aufgrund dessen konsequenterweise weiteren Einfluss gewinne. Die politische Lage habe sich in der Zwischenzeit mit den Flüchtlingen und den Entwicklungen in der Türkei verändert. Er wünsche sich, dass die Politik in Niedersachsen dennoch die Kraft findet, auch in schwierigen Zeiten zu dieser Entscheidung zu stehen. Die DITIB sei finanziell nicht abhängig von der türkischen Regierung und bekomme auch keine Anweisungen aus Ankara.

Zuletzt trat dann Kilic als Vermittler zwischen der niedersächsischen Landesregierung und der DITIB ins Rampenlicht, als es um die Einsetzung eines mutmaßlich umstrittenen Imams aus der Türkei ging. Seine eigene Position erklärte er damit, dass die bisherige vertrauensvolle Zusammenarbeit mit der Landesregierung er nicht gefährden wolle.

Ist Kilic eventuell doch nur ein Opfer zwischen den Querelen den niedersächsischen und bremischen Landesregierungen und der DITIB-Zentrale in Köln? Schon lange herrscht Eiszeit zwischen den Bundes- sowie Landesregierungen und der DITIB. Bereits Anfang 2017 ließ das Land Niedersachen den seit Jahren ausgehandelten Staatsvertrag mit Muslimen bzw. der Schura, in der auch der Landesverband der DITIB vertreten ist, platzen. Nach der Landtagswahl 2018 wollte das Land die Verhandlungen erneut aufnehmen - bislang ist es jedoch ausgeblieben. Knackpunkt vor einem Neustart der Verhandlungen war wie vorauszusehen die Frage, ob die DITIB von der Türkei unabhängig ist. Im Ergebnis liegen etliche Projekte der Bundes- und Landesregierungen mit der DITIB wie auch den Landesverbänden auf Eis oder werden nicht mehr fortgesetzt. Für die Vorstände der DITIB-Zentrale wie auch der Landesverbände bedeutet das aber auch, dass die Verbandsarbeit brach liegt. Ein Zustand der bei vielen DITIB-Vorsitzenden Unbehagen hervorruft.

Ist das der Grund, weshalb immer mehr DITIB-Funktionäre das Handtuch werfen? Es sind vermutlich viele Gründe, die den einen oder anderen zu einem drastischen Schritt verleiten, sofern die Medienmeldungen stimmen. Denn, kursierenden Gerüchten zufolge, hatte Kilic im Landesverband entgegen der Mehrheitsstimme im Verband wie auch in den Moscheegemeinden eine neue Satzung verabschiedet. Wer sich dagegen gewehrt habe, dem soll die Tür aufgezeigt worden sein. Wollte Kilic etwa den Verband in Alleinherrschaft führen und mit welchem Ziel? Diese Fragen bleiben weiterhin offen.

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